Aus unserem Haus im Osten Kubas sollte jetzt eigentlich laute Reggeton-Musik ertönen. Davor Frauen kreisend ihre Hintern bewegen, Männer, die Rumflaschen am Mund, in den Himmel schauen, der Berg an Bierdosen anwachsen und alle darauf warten, dass das an einem langen Drehspieß über den Feuer brutzelnde Schwein endlich in die hungrigen Mägen wandert. Aber nichts davon ist passiert. Die Musikanlage ist aus, weil der Kompressor kein Benzin hat. Ohne Musik tanzen die Frauen nicht. Die Männer sind böse, weil sie nichts zu trinken haben, denn Dosen und Flaschen lagern hinter der gesicherten Tür des Abstellraums. Und das Schwein? Es lebt.
Dafür sind alle sauer auf meine Frau. Denn unsere ganze, über mehrere Städte und Dörfer verteilte Familie wollte mit ihr feiern. Alle hatten sich gefreut. Und als sich herumsprach, dass sie nicht kommen würde, erschien das Tanten, Onkeln, Neffen, Cousinnen ersten, zweiten, dritten Grades nicht so schlimm. Sie sollte sich keine Gedanken machen, sie würden auf ihr und auch mein Wohl trinken. Grund genug für meine Frau ihrerseits sauer zu sein. Denn sie hatte sich gefreut, endlich wieder einmal ihre Heimat zu sehen.
Aber am Vorabend des Fluges teilte das Reisebüro per Mail mit, Cubana habe wegen "höherer Gewalt" den Direktflug von Frankfurt am Main nach Holguin/Havanna storniert. Andere Fluggesellschaften wie Air France, Air China oder Iberia fliegen weiterhin. Sie legen eben Tankstopps ein. Unser Zeitfenster waren aber die deutschen Winterferien. Und über Dallas und Miami nach Havanna, was möglich gewesen wäre, da alle US-Visen in den Pässen besitzen, wollte meine Frau sich nicht mit zwei kleinen Kindern und 120 Kilo Geschenken zumuten.
Ich habe nachgeschlagen, ob das Kerosin, was den Passagiermaschinen fehlt, für Raúl Castros rund 250 Migs einsetzbar ist – ist es. Ich habe auf der staatlichen Plattform cubadebate.cu nicht von den prognostizierten Stromausfällen und den kaputten Generatoren gelesen, sondern zwischen den Zeilen auch vom Schlendrian und der Gleichgütligkeit. Und Meldungen von einem Präsidenten, der den Reicheren rät, sich Solaranlagen aus dem Ausland schicken zu lassen, den Ärmeren, mit Holzkohle zu kochen und den Bauern, Ochsen als Zugtiere einzusetzen. Als ob die das nicht schon längst tun.
„Erhaltung aller Aspekte der Vitalität der Bevölkerung und der Soldaten“
Und derselbe Miguel Diaz-Canel spielte als Kommunistenchef mit seinen Generälen im „Bewaffneten Verteidigungsgebiet Armada“ in Havanna-Cero Szenarien eines möglichem Bürgerkriegs. Es klang ein wenig nach schwarz-roter Koalition und deutschen Zivilverteidungsstrategien oder den Kampfgruppen der Arbeiterklasse. Die kubanischen Generäle warnten vor einer „möglichen systematischen Zermürbung und feindlicher Invasion im Rahmen unkonventioneller Kriegsführung“. Nur dass sich das nicht wie bei uns auf Russland bezog, sondern auf die USA.
Es gab sogar eine Ausstellung über im Kriegsfall lebenswichtige Güter und dann Kampfübungen, an denen alte und junge Arbeiter, Frauen wie Männer, teilnahmen. Produktions- und Verteidigungsbrigaden, die die wirtschaftlichen Ziele, die Aufrechterhaltung der Produktion in Kriegszeiten und die „Erhaltung aller Aspekte der Vitalität der Bevölkerung und der Soldaten“ zu verteidigen haben.
Seit Jahrzehnten werden Generationen von Kubanern immer aufs Neue aufgefordert, die Gürtel enger zu schnallen. Längst lebt die Insel parasitär von den Geschenken des Auslands. Aber seit Trump den Ölhahn zugedreht hat, ist alles anders. Ohne Öl keine Warenverteilung, kein Strom, keine Wasserversorgung, Kühlung, Kommunikation, Dientleistungen. Spätenstens Ende des Monats dürften die letzten zivilen Reserven aufgebraucht sein. Und von den weltweiten Solidaritätsbekundungen kann auch kein Kubaner nicht leben.
Der Papst ruft zum Dialog auf, die Vereinten Nationen warnen vor einem humanitären Zusammenbruch, die US-Botschaft in Havanna und auch das Auswärtige Amt in Berlin veröffentlichen Sicherheitswarnungen. Und es gibt Gerüchte über informelle Gespräche zwischen jenen, die damals das Tauwetter während der Obama-Ära aushandelten. Aktuell will ein Bündnis von Hilfsorganisationen mit Booten die Blockade durchbrechen. Ich hoffe, sie kommen nicht durch. Diese Hilfen würde das Leid des kubanischen Volkes nicht lindern, sondern verlängern. Trump und mehr noch sein Außenminister Marco Rubio wissen, dass eine politische Transformation nur funktioniert, wenn sie von den Kubanern selbst getragen wird. Sie warten auf die Signale aus der Bevölkerung.
Kubaner bilden die drittgrößte Gruppe von Exilsuchenden weltweit
Trump sollte endlich auf die letzten Nägel einschlagen: die Aussetzung der Bundeslizenzen, die US-Exporteuren ermöglicht, Waren an den kleinen Privatsektor und Privatpersonen zu liefern, kommerzieller Flüge von den USA nach Kuba verbieten und die Geldüberweisungen. Kubaner bilden mittelerweile die drittgrößte Gruppe von Asylsuchenden weltweit, nach Veneuzela und Sudan. Mehr als 13 Prozent der kubanischen Bevölkerung hat das Land velassen. Und bei allen Diskrepanzen mit den Kommunisten: Monatlich führen die USA Abschiebeflüge nach Havanna durch.
Die auf der Insel Verbliebenen müssen endlich begreifen, dass sie ihres eigenen Glückes Schmied sind, dass die ganze Welt auf die Reaktionen des Volkes wartet. Dass sich die Menschen entweder auf die Seite der kommunistischen Regierung stellen oder gegen diese. Doch noch wird lieber gehungert und gelitten, als demonstriert. Das harte Durchgreifen des Staates nach den Protesten vom 11. Juli 2021 zeigt seine Wirkung, wie die Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 auf die DDR-Bürger. Die Hände sind geballt, bleiben aber in den Hosentaschen. Keiner will das letzte Opfer eines Regimes werden, das aus dem letzten Loch Revolutionsrhetorik und Durchhalteparolen pfeift.
Meine Frau war an diesem Tag sehr nachdenklich. Stundenlange Gespräche mit der Familie auf Kuba über Whatsapp fasste sie in wenigen Stichworten zusammen. Man sei enttäuscht, dass sie nicht gekommen sei oder wenigstens das Fest finanziert habe. Man erwarte Lebensmittelpakete und Geldüberweisungen. Und zwar schnell, denn die Lage sei sehr angespannt und unklar, wie lange Trump Geldtransfer noch zulasse.
Plötzlich stoppt sie ihren Redeschwall: „Ich werde keine Pakete mehr schicken, kein Geld mehr überweisen. Ich werde meiner Familie sagen, dass sie endlich ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen muss und sich nicht nur wie bisher auf die Hilfe der Verwandten in den USA, Italien, Portugal und Deutschland verlassen muss.“ Sie hat dabei Tränen in den Augen. Aber wir werden fürs erste Kuba sanktionieren. Wir werden auf den Funken warten, der die neue Revolution zündet, der zu einem wirklich freien Kuba führt. „Wie sagt ihr Deutschen?“, fragt mich meine Frau: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“
Peter Chemnitz ist seit bald 20 Jahren mit seiner kubanischen Frau verheiratet und hat die Bildbände „Cuba mi amor“ und „Als Yuma auf Cuba“ veröffentlicht. Er lebt in Dresden und Santiago de Cuba.
Beitragsbild: Creative Commons CC0 Pixabay
In seinem „Haus im Osten Kubas“ sollte der Autor sich selbst sanktionieren: nichts essen und nichts trinken und so „die neue Revolution zünden“. Hasta la vista, Gringo!
Was war zuerst da? Der Kapitalismus oder der Kommunismus? Der Kapitalismus. Der Kommunismus ist die dysfunktionale Antwort darauf. Darum klappt das nie, wenn der Kapitalismus die Welt vom Kommunismus befreien will. Man wird als Kettenraucher seinen Lungenkrebs ja auch nicht los, indem man immer mehr raucht. Lasst die Kubaner einfach in Ruhe und das System wird an Altersschwäche von allein sterben. Im Iran ist das das selbe. Die dort jeweils installierten Systeme sind nicht Ursache, sondern Abwehrreaktion auf äußere Intervention. Manchmal ist die Kausalität direkt sichtbar, manchmal geht das über den Umweg quer über den Globus. Wenn man ein im Sterben liegendes System durch genau diese unerwünschte Intervention von außen immer wieder befeuert, muss man sich doch nicht wundern, dass das nie endet. Das schlimmste was einem passieren kann sind Menschen, die meinen es besser zu wissen und das allen anderen auf diesem Globus dann aufzwingen wollen. Ist bei Staaten genauso. Ohne den sklaventreiberischen Manchester Kapitalismus, der im übrigen nur sehr wenig mit echter freier Marktwirtschaft zu tun hat, hätte es Marx‚ Kommunismus nie gegeben. Und die beiden Weltkriege nebst Kalten Krieg auch nicht. Freie Marktwirtschaft heißt Freiwilligkeit. Leben und leben lassen. Also hört endlich auf mit den Regime Changes im Sinne einer alles und jeden ausplündernden angeblichen „Elite“, die die Gewinnmarge über jede Menschlichkeit stellt. Dann gibt es auch keine kommunistischen Abwehrreaktionen mehr.
@ R. Hoffmann – „Die Leute waren bereits für einen Wechsel ihr Leben zu opfern.“ -- gesteuert mittels eingeschmuggelter „Starlink-Sat-Internet-Empfänger“ und diverser Waffen, mit denen Sicherheitskräfte angegriffen / getötet wurden. Wenn so die vom Volk ausgehende Revolution / „Demonstration“ gegen das Regime aussieht, empfehle ich einen Blick auf Irak, Syrien, Libyen etc, wo der „Wertewesten“ seine arabischen „Frühlingsgefühle“ in die Tat umgesetzt hat. Und wer die daran Interessierten sucht, folge den Schmuggelrouten rückwärts. Das sind die selben, die aus den „erarbeiteten“ Ereignissen wieder mal einen moralisch vertretbaren Kriegsgrund suchen.
Ich verstehe die Geschichte nicht. Also Peter Chemnitz klingt deutsch. der lebt in Dresden und in Havanna. Wie heißt gleich die Gabe, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein. Und seine Frau ist in ihrer Heimat, kann aber nicht zurück, weil die Kubaner keinen Sprit haben. Und deshalb telefoniert sie und sagt „Machd doch eiorn Scheiß alleene“? Warum bleibt der Peter Chemnitz dann in Cuba? Aus Prinzip? Oder hat er die Krankenversicherung verjuxt?
„Wie sagt ihr Deutschen?“, Wir können uns diesen Sozialstaat nicht mehr leisten ???
Na sowas. Da läuft kaum der Marschallplan aus, und schon strecken wir überfordert alle Viere von uns. Da lob ich mir die Überlebenskünstler in der Karibik, auf gehts --- Libertad o Muerte ---
Also, meine leidgeprüften Kompatrioten. Gebt unserem Staat eure verdammten 3 Billionen € angespartes Sparvermögen, und dann wieder ran an die Maloche.
Kuba kennt keinen Winter, das ganze Jahr wächst und gedeiht es üppig im subtropischen Klima. Einfach den Lebensstil komplett auf 19. Jahrhundert umstellen , und der Sozialismus geht weiter. Fidel weiterleben, wie einst Fidel schon sagte:„Revolution oder Tod.“ Da fällt die Wahl leicht.
Ausserdem sind die Kubaner laut arte und 3-Sat- Sendungen nicht unglücklich, weil sie kein unnützer Kommerz versaut. Weniger ist mehr,
Kuba ist wie Berlin, arm , aber sexy, man darf es nicht mit der kapitalistischen Brille betrachten. Kuba ist bald frei, Autofrei ,davon träumt Berlin. Lastenfahrräder müssen rollen für den Sieg. Hoch die Faust!
Die Ecken der Karibik, die unter Einfluss der USA stehen, sind doch nicht besser dran als Kuba. Siehe Puerto Rico, was ja kulturell identisch ist mit Kuba. ( Tatsächlich waren beide Hauptinseln des spanischen Virreinato) .Die US Navy ist weg, damit klappte die Wirtschaft zusammen, die Bevölkerung wurde ausgetauscht, die die arbeiten konnten, gingen in die USA, was nachrückte waren Armutsflüchtlinge aus den Shitholes Südamerikas und Haitis. Der Rest der blieb sind Rentner. Die spanische Kultur wurde halt zerstört, bzw hat sich selbst zerstört. Die strahlende Zukunft Kubas nach dem Sozialismus wird es jedenfalls nicht geben.