Es gibt Sätze, die altern schneller als Milch in der Sommersonne. „Free Iran“ gehört inzwischen dazu. Noch vor kurzer Zeit konnte man in westlichen Medien beinahe täglich lesen, das iranische Volk stehe kurz davor, das Mullah-Regime hinwegzufegen. Die Bilder waren eindrucksvoll: junge Frauen ohne Kopftuch, mutige Demonstranten auf den Straßen, Sprechchöre gegen die Herrschenden. Wer die Berichterstattung verfolgte, musste den Eindruck gewinnen, die Uhr der Islamischen Republik ticke bereits rückwärts.
Doch Bilder sind keine Revolutionen. Wer einmal erlebt hat, wie autoritäre Systeme funktionieren, weiß, dass Protest allein selten genügt. Ich habe Ähnliches in der Türkei beobachtet. Es reicht nicht, wenn Zehntausende auf die Straße gehen. Es reicht nicht einmal, wenn Hunderttausende demonstrieren. Entscheidend ist, ob Polizei, Militär, Geheimdienste und Verwaltungsapparat den Machthabern die Gefolgschaft verweigern. Solange sie das nicht tun, verpuffen selbst die beeindruckendsten Proteste häufig wie ein Strohfeuer.
Im Iran war es nicht anders. Die Demonstrationen waren mutig, teilweise beeindruckend, aber letztlich punktuell. Das Regime wurde erschüttert, nicht gestürzt. Dann kam die nächste Hoffnung.
Der jahrzehntelange Schattenkrieg zwischen Israel und dem Iran trat aus dem Halbdunkel heraus. Nach den gegenseitigen Angriffen und der Eskalation der Jahre 2024 und 2025 glaubten viele, nun sei die Stunde gekommen. Israel traf hochrangige Funktionäre und Militärs. Die Vereinigten Staaten griffen ein. Donald Trump kündigte praktisch im Wochentakt das baldige Ende der Mullahs an. Seine Worte waren wie immer groß, selbstbewusst und mit der Gewissheit vorgetragen, als läge die Zukunft bereits auf seinem Schreibtisch.
Viele Iraner im Ausland jubelten. Auch im Iran selbst hofften zahlreiche Menschen auf einen Umbruch. Wenn Israel die Führungsschicht ausschaltet und die USA militärischen Druck ausüben – was sollte da noch schiefgehen? Ich gebe offen zu: Auch ich ließ mich zeitweise von dieser Stimmung anstecken. Selbst der Sohn des letzten Schahs schien sich bereits gedanklich auf eine Rückkehr vorzubereiten. Die Erwartungen wurden immer größer. Manche verhielten sich bereits so, als müsse man nur noch auf den letzten Dominostein warten.
Nationale Reflexe überlagerten politische Gegensätze
Doch irgendwann musste ich mich innerlich schütteln. Denn die Islamische Republik ist nicht irgendeine Diktatur. Sie ist nicht vergleichbar mit den vielen Autokratien dieser Welt, deren Herrscher in den Privatjet steigen und das Land verlassen, sobald die Lage unangenehm wird. Der Kern des iranischen Systems ist religiös. Der oberste Führer ist nicht nur Staatschef, sondern zugleich religiöse Autorität. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied. Ein gewöhnlicher Diktator kann fliehen. Ein religiöser Führer, der seine Legitimation aus göttlichem Auftrag ableitet, verliert mit der Flucht seine gesamte Grundlage. Für viele der führenden Köpfe des Regimes gilt deshalb offenbar: lieber sterben als weichen. Das verändert alles.
Hinzu kommt, dass die militärischen Fähigkeiten des Iran von vielen Beobachtern unterschätzt wurden. Trotz jahrelanger Sanktionen schien das Land Raketen in Mengen zu produzieren, die Außenstehende überraschten. Unterirdische Anlagen, kilometerlange Tunnelkomplexe und militärische Infrastruktur erwiesen sich als deutlich robuster, als viele Experten angenommen hatten.
Noch wichtiger war jedoch etwas anderes. In dem Moment, in dem aus dem Konflikt zwischen Regime und Bevölkerung ein Konflikt zwischen dem Iran und äußeren Feinden wurde, verschoben sich die Loyalitäten. Viele Menschen, die das Regime ablehnen, wollten dennoch nicht erleben, wie ihr Land von außen angegriffen wird. Das ist ein Phänomen, das man in vielen Staaten beobachten kann. Man kann gegen die eigene Regierung sein und sich trotzdem hinter die eigene Nation stellen, wenn Bomben fallen. Die Proteste verschwanden deshalb nicht vollständig, aber sie verloren an Dynamik. Nationale Reflexe überlagerten politische Gegensätze.
Und so kam es zu einer bemerkenswerten Wendung. Donald Trump, der zeitweise fast den Eindruck erweckte, den Zeitpunkt der Kapitulation bereits im Kalender markiert zu haben, sprach plötzlich wieder über Atomabkommen und Verhandlungen. Moment mal. War die Befreiung des iranischen Volkes nicht eben noch das große Ziel? Ging es nicht darum, die Mullahs loszuwerden? Wurde nicht tagelang suggeriert, das Regime stehe unmittelbar vor dem Zusammenbruch? Plötzlich war davon kaum noch die Rede.
Nun ging es wieder um Urananreicherung, Inspektionen und Verträge. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das Atomprogramm ist zweifellos ein wichtiges Thema. Aber es war nicht das Narrativ, das zuvor transportiert wurde. Die Befreiung des iranischen Volkes verschwand beinahe über Nacht aus den Schlagzeilen. Aus einem angeblichen Kampf gegen die Unterdrückung wurde wieder ein geopolitisches Verhandlungsspiel.
Die Geschichte des Landes folgt ihren eigenen Gesetzen
Die Mullahs sitzen noch immer in Teheran. Die Sicherheitsapparate funktionieren weiterhin. Die Revolutionsgarden wissen genau, was ihnen droht, falls das System fällt. Für viele von ihnen geht es längst nicht mehr um Ideologie, sondern um das eigene Überleben. Wer heute das Regime schützt, schützt oft auch sich selbst. Deshalb wird ein zukünftiger Aufstand vermutlich noch schwieriger werden als der letzte. Die Führung hat gelernt. Die Sicherheitskräfte haben gelernt. Die Bevölkerung hat ebenfalls gelernt.
Der Nahe Osten ist dadurch nicht hoffnungsloser geworden. Er ist lediglich auf eine andere Weise hoffnungslos geworden. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre dieser Episode: Wer den Iran verstehen will, muss aufhören, westliche Wunschvorstellungen mit iranischer Realität zu verwechseln.
Die Geschichte des Landes folgt ihren eigenen Gesetzen. Und sie fragt nicht danach, was wir uns von ihr wünschen. Sie macht einfach weiter. Oft langsamer, komplizierter und widersprüchlicher, als es die Schlagzeilen erlauben.

Europa brauchte letztlich Jahrhunderte, um die Religion als Herrschaftsform zu überwinden. Eine sehr lange Phase geistiger Entwicklung, Luther als entscheidender Reformator, später die Aufklärung als Motor des Säkularen. Wenn wir uns vorstellen, jemand hätte Europa im tiefsten Mittelalter mithilfe von Bomben versucht, in die Moderne zu transferieren, er wäre gleichermaßen gescheitert. Wie lange dauerte es, bis Nietzsche öffentlich den Tod Gottes erklärte? Die monotheistischen Religionen nutzen Angst als entscheidendes Mittel zur Machtausübung. Letztlich die Angst vor dem Unbekannten – wer weiß, was mit uns geschieht nach dem Tod? Und jene damit verknüpften Glaubensvorstellungen wie die Ängste werden formelhaft von Kindesbeinen an ins Gehirn geschrieben. Und danach braucht es enormen Mut, sich von deren religiöser Autorität als selbsternannte Stellvertreter Gottes zu distanzieren. Für eine Biographie ist eine solche Emanzipation schon recht anspruchsvoll, es braucht viele nacheinander, um diese Entwicklung zu ermöglichen. Jetzt sind die Menschen im Iran weit zurückgeworfen, so wie es zu erwarten war.
@sybille eden 17.06.2026: „Wenn hier Kommentatoren die Amerikaner ständig als “ AMIS „ bezeichnen, weiss ich schon
woher der Wind weht und lese nicht mehr weiter.“ Oh, das ist jetzt aber wirklich sehr klischeehaft gedacht. Ich bezeichne Amerikaner auch oft der Abkürzung halber als Amis, ohne antiamerikanisch zu sein, d.h. so Sachen wie Wokeness und Gendern, die aus Amerika kommen, jetzt mal ausgenommen. Aber es wird wahrscheinlich niemanden im Forum der Achse oder unter den Autoren der Achse geben, der von Gendern und Wokeness begeistert ist.
Ich bezeichne die Bundesrepublik übrigens auch schon mal als BRD. Auch das hat nix damit zu tun, dass ich eine Abkürzung „geschluckt“ habe, die in der DDR gängig war, sondern erfolgt rein der Abkürzung und Bequemlichkeit wegen.
Der Zauberspruch, der alles verändert hat war: Die USA wollen nur euer Öl.
Erst Venezuela, dann Iran. Das war die falsche Reihenfolge.
„Entscheidend ist, ob Polizei, Militär, Geheimdienste und Verwaltungsapparat den Machthabern die Gefolgschaft verweigern.“ Deswegen ist es auch lächerlich, Trump in Zusammenhang mit dem seltsamen „Sturm auf das Kapitol“ 2021 einen versuchten Staatsstreich zu unterstellen. Auch wenn er einen Umsturz im Iran für 2026 erwartet haben mag, nämlich Verweigern der Gefolgschaft zumindest von ausreichenden Teilen von Polizei, Militär, Geheimdienste und Verwaltungsapparat.
Khomeini jedoch hat den Iran verlassen. Vielleicht wäre er besser dort geblieben und untergegangen. Er ist zurückgekehrt, ohne seine religiöse Grundlage im verblendeten Frankreich verloren zu haben.
Wenn die Israelis wussten, dass es so kommen würde, haben sie bewusst Trump vorgeführt und vor seinen Anhängern entzaubert?
Ergänzend zur Eindämmung: Dazu gehört die Vertreibung der Iraner von der Straße von Hormus. Zum Besten der ganzen Welt bis auf den Iran, auch wenn der Mahdi in seiner Verborgenheit toben würde. Dazu muss nicht die Bevölkerung von Teheran und Isfahan vernichtet werden. Bei meiner KI-Anfrage hat sich die KI ziemlich geziert und wiederholt vorgeschoben, das sei mit dem Völkerrecht nicht vereinbar. Als ob der Iran völkerrechtskonform agieren würde. Dann kamen doch recht brauchbare Antworten, für die es in menschlicher Intelligenz erstellte Grundlagen und Pläne geben dürfte. Die Zivilbevölkerung könnte geschont werden, indem sie analog zu Gaza aufgefordert werden könnte, innerhalb eines Zeitraums X einen Sektor mit Radius Y um die Straße von Hormus zu verlassen.
Autoritäre Herrschaft braucht nicht zwingend die Unterstützung der Mehrheit.
„Trotz jahrelanger Sanktionen schien das Land Raketen in Mengen zu produzieren, .. “
Könnte es auch heißen: wegen der internationalen Drohungen und jahrelanger Sanktionen hat der Iran Raketen in Mengen produziert? Drängt der Westen den Iran nicht in die Radikalisierung hinein?
Da ist ja auch noch der Konflikt mit den wahabitischen Sauds; da gilt das Gesetz der Scharia als Grundelage des Rechts. Hände abhacken und auspeitschen ist o.k., weil das unsere demokratiekompatiblen Freunde sind.
Schöder hat sich im Schatten des Irakkriegs von Israel losgesagt und mit den Sauds angebandelt. Er ließ sie Moscheen in Deutschland finanzieren und die brachten ihre wahabitischen Hassprediger mit. („Hassprediger“ war ein Begriff des ÖRR – so ändern sich die Zeiten)
Die Perser sind Schiiten, die Saudis Sunniten. Beide haben eine andere Auffassung über die Nachfolger des Propheten und erkennen sich gegenseitig nicht an. Der Druck ging allerdings bisher von den Saudis aus.
Solche morbiden Konflikte hat das Christentum nicht.
Allerdings ist der Iran auch von „Feinden“ umzingelt. Peter Scholl-Latour sagte mal sinngemäß, wenn einer Grund hat, sich Atomwaffen anzuschaffen, dann ist das der Iran.
Unser Problem ist eher, daß wir die Konflikte importieren und darüber die „Umma“ vergessen.
Erdogan hat Attatürks Erbe begraben und verbindet seit Jahren gezielt Islam und Politik. Er benutzt religiöse Identität und konservative islamische Werte, um breite Wählergruppen anzusprechen und seine Machtbasis zu stärken. Dei Signale hat man auch in Deutschland gehört.
Der Islam ist ein Schläfer, und wenn wir nicht bald handeln, dann gehen in Europa die Lichter aus.