Von Wolfram Ackner.
Eine Antwort an Susanne Gaschke auf ihre Kolumne in DIE WELT „Diese zwei Fragen muss man jedem Wutbürger stellen“.
"In welchem anderen Land der Welt würden Sie lieber leben als in Deutschland?", fragen Sie. Ich würde lieber in Australien leben. Das wäre zwar nicht ganz so einfach, weil man Qualifikationen und ein gewisses Startkapital vorweisen muss. Dieses Handicap ist allerdings in meinen Augen gleichzeitig der erste große Pluspunkt. Leute, die Lebenschancen suchen, die der Gesellschaft etwas zurückgeben können und ins Land passen, kriegen eine faire Chance.
Aber kein australischer Premier käme auf den Gedanken, "per ordre de Mufti" (beziehungsweise de Mutti) so viele Menschen aus den ärmsten, gewalttätigsten und rückständigsten Regionen der Welt ins Land zu holen und mit Milliardensummen zu alimentieren – und das der eigenen Bevölkerung als gigantisches Konjunkturprogramm und Quell künftigen Wohlstands zu verkaufen.
Der zweite Pluspunkt ist, dass der Lebensstandard Australiens vergleichbar mit dem Westdeutschlands ist, ohne dass ich dafür unsere abstoßende "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen"-Mentalität ertragen muss, mit der wir das Kunststück fertig bringen, Nachbarländer mit unserem moralischen Dünkel unter Druck zu setzen und uns gleichzeitig einzubilden, man würde uns dafür lieben.
Australischer Wohlstand ohne moralische Belehrungsmanie
Keine australische Regierung, kein australisches Parlament würde sich anmaßen, den Retter des Weltklimas zu spielen und dafür den Bürgern Billionensummen für eine idiotische Energiewende abzupressen. Na gut, das ist nur die halbe Wahrheit. Ursprünglich folgte Australien tatsächlich dem deutschen Vorbild, erkannte dies allerdings als technische Unmöglichkeit und kehrte zurück zu Kohle und Atom.
Der nächste Pluspunkt: Das Land ist offensichtlich in der Lage, Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Obwohl man fairerweise hinzufügen muss, dass Australien nicht die deutschen Möglichkeiten hatte, technische Unzulänglichkeiten der Energiewende zu kaschieren.
Das Land kann nicht einfach so seinen überschüssigen Grünstrom in den Pazifik kippen, während Deutschland seine Nachbarländer dafür bezahlt, unseren Strom in deren Stromnetzen verklappen zu dürfen, wenn mal wieder besonders heftig der Wind bläst und die Sonne scheint. Dass man ein teuer erzeugtes Produkt nicht nur verschenkt, sondern viel Geld dafür bezahlt, es verschenken zu dürfen, wird auch noch als "Steigerung der Ökostromexporte" bejubelt.
Sicher werden auch in Deutschland von verantwortlichen Personen Fehler erkannt. Da man aber offensichtlich den Gesichtsverlust und/oder die zu erwartende Reaktion beim Wähler fürchtet, werden in Deutschland Fehler nicht korrigiert, sondern man marschiert mit aller Entschlossenheit weiter in die eingeschlagene Richtung, damit es planvoll und entschlossen wirkt und die einzigen im Land, deren Meinung offenbar zählt (Medien, Ökoindustrie, Sozialindustrie, Aktivisten und NGOs), darauf verzichten, Zeter und Mordio zu schreien.
Zur zweiten Frage: "Zu welcher Zeit in der Vergangenheit hätten Sie gern in Deutschland gelebt?"
Verdammt, erwischt, Frau Dr. Gaschke. Jetzt haben Sie mich tatsächlich dort, wo Sie mich haben wollten. Ja, ich weiß, Ewiggestrige sind megaout, aber ich schätze, ich wäre tatsächlich gerne Ende der Vierzigerjahre geboren worden.
Zum Glück gab es Trümmerfrauen statt Netzfrauen
Sicher war es damals hart, ganz Deutschland in Scherben, aber zum Glück gab es damals Trümmerfrauen statt "Netzfrauen", sonst hätte es keinen Wiederaufbau gegeben, sondern wir würden in Ruinen darüber diskutieren, wie man "einen gerechten Wiederaufbau" bewerkstelligen kann.
Und trotz aller anfänglichen Härte hätte ich spannende Zeiten gehabt. Ich hätte gesellschaftliche Debatten erlebt, polarisierende Vollblut-Politiker wie Herbert Wehner oder Franz Josef Strauss, Leidenschaft in der politischen Arena, klar unterscheidbare Parteien, klar unterscheidbare Zeitungen.
Ich hätte erlebt, dass sich die Menschen auf den technischen Fortschritt freuen, statt wie heute mit angstverzerrtem Gesicht vor einem amerikanischen Tiefkühlhähnchen zu stehen und "Chloralarm!" zu schreien, am Gemüsestand zu fragen, ob "da Gene drin sind" oder bei Kindergeburtstagsfeiern auf gluten- und laktosefreiem Kuchen zu bestehen.
Außerdem hätte ich elegante Großstädter mit guten Manieren erlebt. Jaja, ich kann ihn schon hören, den Einwand, dass diese altmodische Höflichkeit und Zuvorkommenheit bloß "oberflächlich" war. Na und? Mir ist eine aufgesetzte Höflichkeit trotzdem lieber als aufrichtige Patzigkeit.
Und last but not least hätte ich die Wirtschaftswunderzeit der Bundesrepublik erlebt, die goldenen Jahrzehnte, in denen es für hart schuftende Facharbeiter wie mich immer nur steil bergauf ging.
Und um meine "Früher-war-alles-besser"-Leier endlich zu einem Schluss zu bringen: Ich hätte im hier und jetzt keinerlei materielle Sorgen, eine höhere Rente als das, was viele Werktätige heutzutage als Lohn erhalten, und ein großes abbezahltes Haus (mit Riesensolaranlage, die ich mir von der Allgemeinheit bezahlen lasse). Und ich könnte es mir leisten, mich wie ein alterswilder Norbert Blüm über den "Materialismus" der heutigen "entpolitisierten" Zeit zu erregen, über den Mangel an Idealismus und gesellschaftlichem Engagement zu klagen und mich über die Angst vor der Islamisierung Europas lustig zu machen.
Antidiskriminierung? Nicht für Arbeiterklassetypen
Warum sollte ich auch etwas anderes sagen? Das bringt nur Ärger, und es ist schließlich nicht mehr mein Bier, wie Europa in 40 Jahren aussieht. Tja, aber Träume sind Schäume, ich lebe in fortschrittlichen #CheckYourPrivilege-Zeiten, wo es für alles und jeden einen Antidiskriminierungsbeamten gibt, außer für weiße 45-jährige Arbeiterklassetypen wie mich, die noch nicht geschnallt haben, dass "Meinungsfreiheit" nicht dasselbe bedeutet wie "Meinungsäußerungsfreiheit".
Soviel zu mir, jetzt hätte ich auch zwei Fragen an Sie. Erste Frage: Welche Relevanz haben diese beiden Fragen mit Ihrer Schlussfolgerung, dass nicht Presse und Politik an der Wut von Leuten wie mir schuld sind, sondern dass diese schlechte Laune durch Bindungsunfähigkeit und Einsamkeit verursacht wird?
Diese Bindungsunfähigkeit, diese absolute Vermeidung von Verbindlichkeit gibt es tatsächlich. Aber, zweite Frage, glauben Sie, dass Themen wie unverbindliche Poly-Amorösität und hektisches Party-Hopping tatsächlich für die schlechte Laune von uns Wutbürgern verantwortlich ist? Wie auch immer, Ihre These ist tatsächlich eine Überlegung wert. Zumindest würde es mir eine Erklärung für das Aggressionspotenzial von Grüner Jugend und Antifa liefern.
Hier finden Sie diesen Beitrag auch in DIE WELT
Wolfram Ackner (46) ist von Beruf Schweißer im Anlagen- und Behälterbau. Er lebt in Leipzig und schreibt neben seinem bürgerlichen Beruf Kurzgeschichten und andere Texte
Weitere Beiträge von Wolfram Ackner auf Achgut.com:
Wegen Stegner in die AfD, wegen Höcke wieder raus
Idomeni mit Starbesetzung im Kino: „THE MARVELOUS SCAVENGERS“
Beitragsbild: Neil Bryden OGL via Wikimedia Commons
Stimme im großen und ganzen zu. Als Endfünfziger habe ich die sechziger,siebziger und nachfolgenden Jahrzehnte erlebt und stelle fest: seit den späten Achtzigern (Ära Kohl) leben wir von der Substanz,ökonomisch,kulturell und gesellschaftlich. Kulturell scheint die Substanz eigentlich aufgebraucht,wenn man sich die Medien und kulturellen Institutionen anschaut. Ökonomisch werden Blasen und Schulden produziert, viel Werbung,wenig Innovation. Und gesellschaftlich sehe ich nicht,dass bei uns Bildung,Fortschritt oder Zukunftsvisionen eine Rolle spielen. Stattdessen hat sich eine seltsame Mischung aus grünem Juste-Milieu,sozialdemokratischem Staatsgedanken und Verteilungswillen an alle vermeintlich Elenden dieser Welt etabliert,vermengt mit moralischem Zeigefinger. Mal sehen,wie lange das noch funktioniert. P.S: ist Frau Gaschke nicht diese gescheiterte Kieler Oberbürgermeisterin?
Korrekt, in der Zeit zwischen 1960 und 2000 lebte es sich in der alten Bundesrepublik sehr gut, vorbildlicher Sozialstaat, eigenständige Währung. Goldene 40 Jahre, die nie wieder kommen werden. In der alten DDR durfte nicht sein was nicht sein darf. Fehlerdiskussion? Fehlanzeige! Ich bin nur noch wütend, weil de facto keine politische Gruppierung die Interessen des Volkes auch nur ansatzweise wahrnimmt. Es ist irrelevant welche Partei gewählt wird. Auch hier hat man die alternativlose Raute installiert. Übrigens, noch schöner ist es in New Zealand, selbst besucht.
Wolfram Ackner bringt es auf den Punkt. Ich hatte das Glück, fünf Jahre nach dem 2. Weltkrieg geboren zu sein und durfte bewusst erleben, wie es funktioniert, dass die Welt jeden Tag ein bisschen besser wurde. Lest sehr genau: damals WAR nicht alles besser, aber es WURDE immer besser. Wir haben ein unglaubliches Potential, dass auch heute immer alles besser werden könnte, aber inzwischen überwiegen Wille und Lust, alles zum Schlechteren hin zu verändern. Das ist genau das, was mich an unserer Welt verzweifeln lässt und so wütend macht. Aber vielleicht folgt das alles einem Naturgesetz. Die Not war eine kräftige Triebfeder und der Erfolg motiviert zu neuen Erfolgen. Irgendwann wird man müde und meint, es ginge auch ohne Anstrengung weiter. Ein Fahrzeug, dass gut in Schwung ist, rollt ja auch noch lange Zeit weiter, wenn der Motor schon aus ist. Das allein ist bedenklich genug, aber dann kommen auch noch die Spinner und Destruktiven ins Spiel. Inzwischen fliegt uns das ganze System (allgemeine Überregulierung, Finanzmarkt, Zuwanderung) um die Ohren, und die brüllen auch noch "wie geil ist das denn!" Diejenigen, die mit schlechten Nachrichten, Sozialarbeit usw. ihren Lebensunterhalt bestreiten, haben ja gerade deshalb mächtig Dampf im Kessel. Dass der Maschinist erschöpft ist und der Heizer bald keine Kohle mehr hat, kriegen sie in ihren Komfortabteilen nicht mit. Aber die, die draußen stehen, die erkennen die drohende Katastrophe. Sie versuchen, den Zug ins Nirgendwo zu stoppen und die da drin jammern, dass wir uns einmischen! Dann müssen wir sie eben in ihr selbstgewähltes Unglück fahren lassen. Ja, es ist schade und es ist unmenschlich. Wir, die wir klarer sehen, müssen loslassen und ein neues Werk beginnen. Doch, es funktioniert, auch wenn die Destruktiven in der Gesellschaft Teile unsere Arbeit wieder vernichten werden. Auch 1944 wurden zerstörte Häuser wieder aufgebaut und entziegelte Dächer repariert. Wir müssen jetzt den Auf- und Weiterbau beginnen, wie einst unsere "Trümmerfrauen" (übrigens meistens -männer).