Von Saeid Golkar.
Seit 2007 hat die Islamische Republik ein weitverzweigtes Repressionsnetzwerk aufgebaut, das alle gesellschaftlichen Ebenen durchdringt – ein Aspekt, den sowohl ausländische Beobachter als auch die iranische Opposition bisher kaum beachtet haben.
Der Krieg zwischen Israel und der Islamischen Republik Iran im vergangenen Monat hat – entgegen manchen Erwartungen – keine Anzeichen für einen Regimewechsel in Teheran hervorgebracht. Zwar hatte Israel von Beginn an betont, dass es keinen Umsturz zum Ziel habe. Gleichzeitig hofften viele, insbesondere oppositionelle Iraner im Ausland, dass Israels militärische Schläge die Voraussetzungen für einen Volksaufstand im Iran schaffen könnten. Schließlich hatte Israel die Kontrolle über den iranischen Luftraum erlangt und einen Großteil der hochrangigen militärischen Führung und der Infrastruktur des Regimes ausgeschaltet.
Doch nun, da sich der Rauch des Konflikts langsam verzieht, fragen sich politische Entscheidungsträger, Militärs sowie viele iranische Dissidenten und Oppositionsgruppen, warum die iranische Bevölkerung diesen scheinbar historischen Moment nicht genutzt hat, um sich zu erheben. Die Propagandamaschine des Regimes hat diese Situation für sich genutzt und erklärt, die Iraner seien nicht auf die Straße gegangen, weil sie die Islamische Republik unterstützen.
Doch das entspricht nicht der Realität. Der eigentliche Grund für das Ausbleiben eines Aufstands liegt in einem kaum bekannten Sicherheitsapparat, den das Regime bereits in dem Moment aktivierte, als Israels Angriffe begannen. Seit 2007 hat die Islamische Republik ein weitverzweigtes Repressionsnetzwerk aufgebaut, das alle gesellschaftlichen Ebenen durchdringt – ein Aspekt, den sowohl ausländische Beobachter als auch die iranische Opposition bisher kaum beachtet haben.
Während über den Nachrichtendienst des Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) und das Ministerium für Nachrichtendienst und Sicherheit (MOIS) Informationen und Analysen vorliegen, wurde das wichtigste operative Organ für die Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen auf den iranischen Straßen in Zeiten der Unruhen völlig übersehen: die operativen Sicherheitshauptquartiere des IRGC. Seit 2007 wurde ein dichtes Kontrollnetz über jede iranische Provinz, Stadt, Gemeinde, jedes Viertel und sogar einzelne Nachbarschaften gespannt.
Elf Sicherheitshauptquartiere
Unter dem Dach der IRGC-Bodentruppen – einer der wichtigsten Abteilungen der Organisation – gibt es elf operative militärische Sicherheitshauptquartiere in ganz Iran. Diese Quartiere sind für die Aufrechterhaltung der Sicherheit und der politischen Ordnung des Regimes in den 31 Provinzen des Irans verantwortlich. Jedes Quartier hat in der Regel etwa drei iranische Provinzen unter seiner Aufsicht und Kontrolle. Jede Provinz verfügt außerdem über eine eigene Provinzgarde der IRGC, die unter dem Kommando des jeweiligen militärischen Sicherheitshauptquartiers steht.
Gegründet wurden diese Provinz-Sicherheitshauptquartiere 2007 von Generalmajor Mohammad Ali Jafari, dem damaligen Oberbefehlshaber der Revolutionsgarde, um die Zusammenarbeit zwischen militärischen und sicherheitsrelevanten Einheiten auf Provinzebene zu verbessern. Der Hintergrund: die Lehren aus dem schnellen Zusammenbruch des Saddam-Regimes im Irak nach dem US-Einmarsch 2003. Die Idee: Jede Provinz müsse im Krisenfall eigenständig operieren können – auch dann, wenn der Kontakt zur zentralen Führung in Teheran abreißt. Die Provinzhauptquartiere übernehmen daher eine Art militärischer Führung in ihrer Region und koordinieren sowohl IRGC- als auch Basij-Stützpunkte. Ihnen unterstehen zwei operative Einheiten: eine Infanterieeinheit für äußere Bedrohungen und eine Spezialeinheit zur Bekämpfung innerer Unruhen. In Zeiten innerstaatlicher Krisen, wie z.B. ausgedehnten Unruhen, werden die Infanterieeinheiten jedoch in den Sicherheitsapparat integriert, wie dies während der regimefeindlichen Proteste in Iran sowohl 2019 als auch 2022 der Fall war.
Doch das Sicherheitsnetz endet nicht auf Provinzebene. Es reicht bis in Städte, Gemeinden, Bezirke und einzelne Nachbarschaften – dort oft mit speziellen Frauen- und Männertruppen, da Frauen eine zunehmend aktive Rolle in den Protestbewegungen übernehmen.
Versammlungen bereits im Keim erstickt
Als Israels Militärschläge Mitte Juni begannen, wurde dieses gesamte Unterdrückungssystem sofort in Gang gesetzt. Der Nationale Sicherheitsrat im Innenministerium – bekannt als SHAK – gab der IRGC den Befehl, potenzielle Versammlungen bereits im Keim zu ersticken. Daraufhin aktivierten die elf Provinz-Sicherheitshauptquartiere der Revolutionsgarde ihr gesamtes Netz – insbesondere in Großstädten wie Teheran.
Dies führte zur sofortigen Einrichtung von Sicherheitskontrollpunkten in allen regionalen Zonen, Bezirken und Stadtvierteln – auch in ländlichen Gebieten – in allen iranischen Provinzen, einschließlich der Städte Teheran, Shiraz und Isfahan. Diese Kontrollpunkte dienten dazu, iranische Fußgänger und Fahrzeuge anzuhalten und zu durchsuchen. Smartphones wurden beschlagnahmt und nach regimekritischen Inhalten oder pro-israelischen Botschaften durchsucht. Fahrzeuge wurden auch nach „sensiblen“ Gütern mit doppelten Verwendungsmöglichkeiten durchsucht, die den Sicherheitsapparat untergraben könnten, wie Drohnen und Kommunikationsausrüstung.
Zusätzlich errichteten Basij-Milizen Straßensperren in städtischen Zentren und wichtigen Verkehrsknotenpunkten. Patrouillen mit Schlagstöcken durchzogen die Städte. Als Berichte auftauchten, dass Menschen von ihren Dächern aus regimekritische Parolen wie „Tod dem Diktator“ riefen, entsandten die Nachbarschaftseinheiten gezielt männliche und weibliche Truppen, um diese Wohnungen ausfindig zu machen.
Neben den physischen Operationen ergriffen die elf operativen militärischen Sicherheitszentralen der IRGC auch umfangreiche Maßnahmen, die auf die Kommunikationsmöglichkeiten der iranischen Bevölkerung abzielten. Als die israelischen Angriffe begannen, gaben die nationalen Sicherheitsorgane des Irans die Anweisung, das Internet zunächst erheblich einzuschränken und verhängten später für mehr als drei Tage einen vollständigen Blackout. Die Internet-Geschwindigkeit im Land ist nach wie vor stark reduziert und eingeschränkt, obwohl der Konflikt beendet ist.
Verhaftungen und Hinrichtungen
Die Ziele dieses repressiven Systems sind klar: Erstens, eine Atmosphäre der Angst schaffen. Zweitens, der Bevölkerung demonstrieren, dass das Regime weiterhin das Gewaltmonopol besitzt. Und drittens – und das ist entscheidend – jede entstehende „Keimzelle“ eines möglichen Protests bereits im Ansatz zu verhindern.
Diese Maßnahmen zahlten sich für die Islamische Republik aus. In nur 12 Tagen wurden fast 1.000 Zivilisten unter dem vagen Vorwurf der „Unterstützung“ Israels willkürlich festgenommen. Dazu gehören auch diejenigen, die an Kontrollpunkten angehalten und durchsucht wurden, weil sie Inhalte auf ihren Handys hatten, die als „Unterstützung israelischer Angriffe“ oder als Verhöhnung der Islamischen Republik angesehen wurden. Das Regime hat sogar bereits eine unklare Anzahl von Gefangenen unter erfundenen Anschuldigungen hingerichtet.
Noch wichtiger: Die totale Überwachung, gepaart mit den israelischen Angriffen, sorgte dafür, dass die Menschen sich eher in ihre Häuser zurückzogen, anstatt auf die Straßen zu gehen. Erst gegen Ende des Krieges begann Israel, gezielt die sicherheits-militärischen Hauptquartiere der IRGC ins Visier zu nehmen. So wurde das Karbala-Hauptquartier angegriffen, das für die Provinzen Khuzestan, Kohgiluyeh und Lorestan zuständig ist. Auch das Imam-Hassan-Mojtaba-Korps, zuständig für die Provinz Alborz, wurde getroffen.
Die israelischen Angriffe haben zwar einen Großteil der militärischen und nuklearen Infrastruktur der IRGC zerschlagen, aber in Bezug auf den umfangreichen Unterdrückungsapparat nur die Spitze des Eisbergs berührt. Die Hauptschlagader, die die innere Sicherheit des Regimes aufrechterhält, wurde relativ unbeschädigt gelassen. Mit anderen Worten: Obwohl Israel den Luftraum kontrollierte, beherrschten die Sicherheitskräfte des Regimes weiterhin die Straßen und ließen der iranischen Bevölkerung keinen Raum für Proteste.
Solange das komplexe Sicherheitsnetzwerk der Revolutionsgarde nicht entscheidend geschwächt oder zerschlagen wird – ein Apparat, der alle Ebenen der iranischen Gesellschaft durchdringt – wird es kaum zu einem großflächigen Volksaufstand kommen, selbst wenn die Unzufriedenheit mit dem Regime groß ist. Dieses System ist seit 46 Jahren das wichtigste Bollwerk gegen jeden Wandel im Iran.
Veröffentlicht am 3. Juli 2025.
Der Text erschien zuvor im Middle East Forum.
Saeid Golkar ist außerordentlicher Professor für Politikwissenschaft an der University of Tennessee in Chattanooga und Senior Advisor bei United Against Nuclear Iran.
@Golkar … wir hatten erst gestern einen ähnlichen, mehr emotionalen Artikel über die Situation im Iran. Das es keine erneute Revolution gibt, hat nichts mit dem Sicherheitssystem des Mullah-Regimes zu tun. Der Geheimdienst des Schahs war auch brutal, die Armee größer als heute. Der Grund, daß es keine Revolution gibt, ist viel einfacher, als Sie schildern. Den Iranern geht es jetzt besser, als 1979. Sinken die Lebensumstände wieder auf das Niveau von 1979 herab, wird es wieder eine Revolution geben.
Und warum erhebt sich das deutsche Volk nicht? Hirngewaschene Mitläufer rund um den Planeten. @Marcel Seiler: So ist es. Um aufzuwachen, braucht’s wohl überall erst ordentlich auf die Mütze.
Hochinteressante Ausführungen. Da weiß jemand wie es geht. Jetzt muss man sich aber noch eine entscheidende Frage stellen. Und zwar nicht so sehr, warum der Iran nicht liberaler sei, sondern warum da überhaupt ein derart ausgefuchstes System installiert worden ist. Und in Teilen gibt der Artikel ja schon die Antwort: Resilienz gegenüber vom Ausland angestrebten „Regime Changes“ wie im Irak. Die Iraner haben keine gute Erfahrung mit den USA und ihrem Ölhunger gemacht. Stichwort: Sturz von Mossadegh und der Schah, der von vielen als Marionette der USA gesehen wurde. Und so lang sich an dieser potentiellen Bedrohungslage nichts ändert, wird sich auch im Iran nichts ändern. Mit Israel hat das viel weniger zu tun, als es nach außen ausschaut.
SURSUM CORDA
Da unser Frank – Walter – der Spalter, – diesem vorbildlichen islamischen Regime ja bekanntermaßen zu seinem 40. Geburtstag herzlich gratuliert hat, gehe
ich mal davon aus, daß er dieses Sicherheitssystem auch bewundert, und eventuell davon träumt, es auch für Schland kompatibel einzurichten.
Ich glaube das wäre so nach seinem Geschmäckle, – die absolute Kontrolle der Kritiker „ Seinerdemokratie“. Musst noch etwas Geduld haben Fränkie, bei
den technischen Voraussetzungen haperts noch etwas im Ländle.
Wer von Aufständen träumt, hat ein völlig naives Welt- und Gesellschaftsbild. Weder die Verrückten vom 6.1.2021 am Capitol oder die Zeugen Corona sowie die Volksaufstandsapologeten des 17.6.1953 haben nicht mehr als zwei qqProzent der jeweiligen Bevölkerung erreicht. Revolutionen, Aufstände, Systemwechsel sind ähnlich wie Kriege – nicht berechenbar und somit äußerst gefährlich für diejenigen selbst. An der Tastatur im nicht durchgelüfteten, heimischen Zimmer kann man locker schwadronieren und Anderen allerlei Ängste, Bequemlichkeiten und ähnliches andichten.
So ist das in Diktaturen. Vergleichbare Gründe wird man auch auf die Frage der Nachgeborenen finden, warum die Eltern und Großeltern nicht mehr gegen Hitler unternommen hätten. Vielleicht bräuchte auch der Iran die totale Kapitulation wie Deutschland 1945, bevor er sein Unterdrückungsregime los wird. Aber im Moment gibt es eben keine Alliierten, die zu einem solchen Krieg gegen den Iran bereit sind. Israel wäre es vielleicht; aber es kann das nicht allein. „Diplomatie“ hat gegen Hitler nicht geholfen, und „Diplomatie“ wird auch dieses Regime nicht abschaffen.