Quentin Quencher / 26.08.2019 / 16:00 / Foto: Pixabay / 17 / Seite ausdrucken

Warum die Mauer fiel? Meine Erinnerung – nicht geeignet für Sonntagsreden

1982/83, während meines Ausreiseantrages, sind mir manche meiner Nachbarn in der DDR aus dem Weg gegangen, wollten nicht mit mir in Verbindung gebracht werden, doch genau dieselben Leute gingen 1989 zu den Montagsdemos auf die Straße. Als mir später meine Nachbarn, die ich noch als Systemmitläufer und Opportunisten kannte, stolz erzählten, was auf ihren Montags-Demos erleben, war ich über den Sinneswandel schon erstaunt. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Das geht nicht, ohne sich die Leute anzuschauen, die auf diesen Demos mitmarschierten, die in ihrer Masse das System ins Wanken brachten. Es waren nämlich nicht, jedenfalls nicht hauptsächlich, Oppositionelle im klassischem Sinn – also Menschen die in ihren Kreisen theoretische Alternativen zum Bestehenden entwickeln – sondern mehrheitlich Menschen wie meine Nachbarn. Bis Mitte 1980er Jahre wären sie als angepasst und nicht auffällig zu beschreiben gewesen.

Freilich waren sie keine Anhänger des Systems DDR oder des Sozialismus, hatten immer einen vergleichenden Blick in den Westen, dies allerdings nur in ihren privaten geschützten Räumen und in ihren Kreisen, niemals in der Öffentlichkeit oder Fremden gegenüber sich offenbarend. Man hatte sich eingerichtet im Haus DDR, was blieb einem auch anderes übrig. Einen zu offensichtlichen Kontakt, gar freundschaftliche Beziehungen, zu Menschen wie mir – einem der offen gegen das System seit Jugendtagen opponierte, den Wehrdienst verweigerte, Volkskammer- und andere Farce-Wahlen boykottierte, einen Ausreiseantrag stellte – wollten sie nicht riskieren.

Ich habe mir oft über dieses Verhalten Gedanken gemacht, es waren ja Leute, die ich kannte, keine abstrakten theoretischen Gebilde. Warum hatten sie zwei Gesichter, ein öffentlich angepasstes und ein privat kritisches? Es wird keine allgemeingültige Antwort darauf geben und auch nicht vollständig mit Opportunismus und Mitläufertum beschrieben werden können. Eher mit dem Bedürfnis, des sich Einrichtens im Gegebenen, einem Haus, in welches man hinein geboren ist und in dem man nun nach den Bedingungen, die da herrschen, lebt. Warum man dort lebt, wo man lebt, das ist eben Schicksal oder Vorsehung.

Ich konnte kaum glauben, was ich hörte

Nun erzählten sie mir kurz nach der Wende, als ich meine alte Heimat besuchte, was sie auf ihren Demos erleben, großer Stolz im Klang der Stimme und ich konnte kaum glauben, was ich hörte. Waren es wirklich die gleichen Leute, die ich mal glaubte zu kennen? Wie konnte es geschehen, dass aus ihnen, innerhalb weniger Jahre, scheinbar Oppositionelle geworden waren. Denn als solche sahen sie sich nun, der Erlebnis der Befreiung vom Sozialismus veränderte offensichtlich auch ihren Blick zurück in eigene Vergangenheit. 

Irgendwas musste also geschehen sein, zwischen 1983, als ich die DDR verließ, und 1989, als die Mauer fiel. Ich hatte von dieser Veränderung nicht viel mit bekommen und kaum noch Kontakt zu Menschen in meiner alten Heimat, von den Eltern mal abgesehen. Alle Kumpels aus unserer Oppositionsclique waren teils schon im Westen oder kamen kurz danach. In dem Moment, als ich die mir verhasste Ostzone verlassen hatte, schaute ich nicht mehr zurück, ich hatte sie besiegt, war nun im Westen, die Welt stand mir offen, also kümmerte mich nicht weiter darum, was dort vorging.

Heute hört man nun vielerorts, dass es die Oppositionellen in der DDR waren, die Dissidenten, die für ihre Überzeugungen kämpfen, dafür teils ins Gefängnis gingen, teils ausgebürgert worden, dass diese maßgeblich für den Fall der Mauer gesorgt haben. Ich möchte deren Leistungen, ihren Mut, ihre Selbstlosigkeit überhaupt nicht klein reden, doch solche Personen hat es die ganze Zeit gegeben und die haben letztlich nie was bewegt. Klar können sie wie Massenkristalle wirken und, wenn die Umstände entsprechend sind, auch Bewegungen auslösen, doch hauptsächlich nur in ihren Kreisen. So richtige Massenbewegungen auszulösen, das schaffen sie nicht.

Das Gefühl, benachteiligt zu sein

Der andere Grund, der auch gern im Zusammenhang mit dem Fall der Mauer genannt wird, die veränderte geopolitische Lage durch Gorbatschow, die Unruhe durch Solidarność in Polen, also die Verfallserscheinungen im real existierenden Sozialismus, wiegt schon schwerer. Hoffnung auf Veränderung keimte auf. Doch selbst das hätte meine Nachbarn nicht auf die Straße gebracht, Antrieb sein können, ihre private Sicht öffentlich zu machen.

All dies war für die Menschen zumeist zu imaginär, zwar hörten sie davon, betraf aber kaum ihre Lebenswirklichkeit. Etwas anderes war geschehen. Ab etwa Mitte der 1980er Jahre schwoll die Ausreisebewegung so stark an, dass sie massenwirksam wurde und die DDR-Führung sah sich genötigt, diese Anträge etwas großzügiger zu behandeln. Nun kannte auf einmal fast jeder jemanden, der dem Land den Rücken kehren wollte oder schon weg war. Diese Ausgereisten, ihre Briefe und Postkarten aus Sehnsuchtsorten, waren allgemeines Gesprächsthema und verstärkte bei denen, die ihre Heimat nicht verlassen wollten oder konnten, das Gefühl, benachteiligt zu sein. Sie wollten auch erleben, sehen und haben, was der Kollege, der Cousin, der Nachbar nun im Westen hatte.

Auf einmal gab es eine realistische Alternative in der Lebensplanung, mit der Option in den Westen zu gehen. Freilich erforderte dies auch Mut, doch mit jedem Bürger, der das Land verlassen hatte, den man auch persönlich kannte, wurde dieser Mut größer, warum es nicht auch versuchen. Die Stimmung im Lande kippte, ausgelöst von der realistischen Option einer alternativen Lebensplanung und verstärkte, bei denen die nicht gehen wollten, das Gefühl der Benachteiligung. Wer blieb, hatte die Arschkarte gezogen und die verunglimpfende Bezeichnung für die DDR „Der Dämliche Rest“, wurde gefühlte Wirklichkeit. So war denn auch auf den Montagsdemos der Spruch: „Wir bleiben hier!“, geradezu ein Aufschrei gegen die Benachteiligung.

Aus diesem Gefühl wurde schließlich ein Zorn auf das System, die Eliten, die Ideologie und trieb die Menschen, die ihren Zorn nicht mehr unter Kontrolle hatten, auf die Straße. Irgendwelche Utopien, wie sie die Dissidenten oder die intellektuelle Opposition entwickelten, die braucht man nicht, der Zorn allein, von den Philosophen auch Thymos genannt, genügte.

Im Nachhinein edlere Begründungen

Wenige Menschen nur gestehen sich ein, dass der Zorn sie zum Handeln zwang, sie versuchen dann im Nachhinein andere edlere Begründungen für ihr Streben zu nennen. Das taten meine Nachbarn auch, die dann von Freiheit sprachen. Auch ich selbst habe mir über viele Jahre eingeredet, mein Ausreiseantrag, ja mein ganzes Verhalten in der DDR, wäre vom Wunsch nach Freiheit genährt worden. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, ohne den empfundenen Zorn gegen die Unterdrücker hätte ich nie den Mut und die Kraft gefunden, das zu tun, was ich tat.

Nun erlebten wir zum Jahrestag des Mauerfalls die üblichen Sonntagsreden, wie üblich verwässernd, idealisierend und nach schönen Erklärungen suchend. Doch alle diese Leute haben nicht die Mauer gestürzt, bestenfalls etwas dazu beigetragen, immerhin, doch der Hauptgrund waren die zornigen Menschen, die genug von der Benachteiligung hatten, die Freiheit erleben, FREIHEIT LEBEN wollten, ganz ohne theoretischen Überbau, sie hatten einfach nur genug von der Bevormundung, der Benachteiligung, der Lüge. Ohne die Ausreisewelle, die den Menschen eine realistische Option zeigte, dieses Unrecht überwinden zu können, wäre der Wunsch nach Freiheit ein süßer Traum geblieben, der niemals Zorn geworden wäre. Und ohne Zorn wären meine Nachbarn auf dem Sofa geblieben. Der Zorn brach die Mauer, nicht die Utopie. Und es ist auch heute der Zorn, der die Menschen auf die Straße treibt. Vergesst die Sonntagsreden, sie erklären nichts, sie suchen nur Rechtfertigungen.

Zu meinen Ausreiseantrag ist eine Serie hier bei AchGut erschienen und ist außerdem als Buch erhältlich. Dieser Beitrag erschien zuerst auf  Quentin Quenschers Blog „Glitzerwasser".

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Sybille Schrey / 26.08.2019

Damals schrieb ich dazu folgende Zeilen: Die Gleichen Ich kannte es nur vom Erzählen, das Wort von den „Fahnenwendern“, ich wußte nur aus Geschichten, daß Menschen plötzlich ihr Gesicht „verändern“. Jetzt hab` ich sie selbst gesehen - und man sagt, es seien die Gleichen, ich glaube es auch, sie sehen nicht aus, als ob sie sich selbst jemals weichen. Ich glaube jetzt, daß sie unsterblich sind, sie stehen für bestimmte Normen, man steckt sie wohl nur von Zeit zu Zeit in neue Jacketts oder Uniformen. Ich weiß nicht, ob ich sie hassen kann, ich glaube nicht, sie sind schäbig; ganz einfach schäbig und ungeniert, doch man bleibt unangenehm berührt. Ok, Pubertätslyrik, ist ja auch schon einige Jahre her. Dennoch, es sind die, die meinen alle anderen leiden unter Amnesie, ob nach 1945 oder 1989. Schon erstaunlich wie sehr es diesen Leuten an Selbstreflexion fehlt. Aber wie gesagt, es sind immer die Gleichen (erst Ortsbauernführer, danach Bürgermeister in der Zone und schließlich Ortsvorsteher, alles in einer Person oder in familiärer Reihenfolge). Und das ganze Gruselkabinett der heutigen Regierung ist voll von immer Gleichen…

Helge Grimme / 26.08.2019

Herr Ziegler, als der Autor Herr Quentscher seinen Ausreiseantrag stellte schrieben wir spätestens das Jahr 1983. Steht so im Text.. Sich damals aus dem verbrecherischen, menschenverachtend-heuchlerischem Stasisystem zu “verdrücken” erforderte Mut, denn es war ein hohes Risiko. Wie es weitergehen würde wusste damals kein Mensch. Bitte denken Sie das nächste Mal besser nach, bevor Sie unangemessene pseudomoralische Aussagen treffen. Danke.

Peter Michel / 26.08.2019

Sehr gut geschrieben Herr Quencher, ich ziehe meinen Hut. Ja die sogenannten Oppositionellen warn eine sehr kurze Zeit ein Katalysator, mehr auch nicht. Ich habe die Tage der Maueröffnung als Bausoldat verbracht, eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Habe genug in der Familie über Unterdrückung miterlebt, ein’ge mit Berufsverbot, Knast wegen angeblicher Verbrechen, Militärgefängnis, berufliche Schickanierung usw. Unseren „sogenannten Bürgerrechtlern“ stünde etwas Demut gut an.

Petra Wilhelmi / 26.08.2019

Ja, ich finde mich in ihren Überlegungen wieder. Es blieb niemanden verborgen, wie die Wirtschaft immer mehr bergab ging. Es gab den Witz, dass die DDR ein Sexshop wäre, überall nackte Regale. Dazu kamen die Lügen des Regimes, die doch sage und schreibe die Ostmarkt hochschrieben, dass sie stärker wäre als die DM mit Preislisten für allerlei Waren in Ost und West. Letztendlich hat mich zu den Montagsdemos der Umstand getrieben, dass sich das Neue Forum gründete und die Machthaber der SED das NF verbieten wollten. Das war für mich die zündende Idee. Wir skandierten auch FÜR das Neue Forum auf den Demos. Ich bin kein mutiger Mensch und ich hatte damals Angst, als die ganze Innenstadt von Leipzig vor Bereitschaftspolizei wimmelte, auf ihren Truppenwagen mit Hunden. Wir wurden durch den Stadtfunkt aufgefordert, die Innenstadt zu verlassen, wo ich damals arbeitete. Ein Bekannter von mir (Gerichtsmediziner) erzählte mir, dass alle Ärzte Bereitschaft hätten. Dann kam es anders und es wurde nicht geschossen. Der Montag drauf ging kein Mensch mehr in die Nikolaikirche hinein, so voll war die. Wir gingen dann zu einer anderen Kirche und danach zur Demo. Mir schien es, als ob ein riesiger Batzen Schwere von mir gefallen wären, als ob der Schritt leicht und federnd war. Es war einfach unbeschreiblich. Vor der Oper die riesige Menschenmenge. Man sah seine Bekannten und Arbeitskollegen dort wieder. Danach gab es eine fruchtbare Zeit, wo sich Direktoren von Betrieben vor die Belegschaft stellen mussten und Rechenschaft ablegten. Es gab so viele Diskussionsrunden, über Erziehung, Bildung, Kultur und vielen anderen. Diskussionsrunden wurden auch übertragen, z.B. auch aus einem Raum im Gewandhaus zu Leipzig. Das Gefühl von Freiheit - es war wirklich ein unbeschreibliches Gefühl - lasse ich mir nie wieder nehmen. Das habe ich mir in meinem Herzen eingeschlossen und jetzt hasse ich diejenigen, die mir das alles wieder wegnehmen wollen, die mich wiederum in einen Käfig sperren wollen.

Ulrich Schellbach / 26.08.2019

Als ich 1987 der großen, sozialistischen DDR für immer den Rücken kehrte, waren meine Motivationen die dummdreiste und hemmungslose Agitprop der SED mit all ihrer Blockflöten, die “klassenbewussten” Medien, die Privilegien heischende evangelische “Kirche im Sozialismus”, die konzentrisch von Ost-Berlin in die Rest-Zone verlaufenden Kreise der niederträchtigen Maßstäbe, das hartnäckige Bestreben weiter Teile der marxistisch-leninistisch gestählten Intelligenzia, im weißen Kittel hinter dem Experimentiertisch des “großen, gesellschaftlichen Experimentes” stehen zu wollen und die Doppelzüngigkeit der blendend alimentierten Kulturschickeria. Wohin auch immer, nur raus, raus, raus. Raus aus dieser dermaßen miesen, kleinkarierten und so gefährlichen Lüge. Im politisch-rechtlichen Strafrahmen wurde liebend gerne mit großer Kelle eingeschenkt und wen interessierten schon die ver- und zerstörenden Jahre Lebenszeit außerhalb von Bautzen, Cottbus, Reichenhain? Eigentlich nur “Salz#”, das Bonner Ministerium für innerdeutsche Beziehungen, Wolfgang Vogel und Alexander Schalck-Golodkowski. Nur die immer stärker werdende Ausreisebewegung war der ideelle Überbau, der zur “materiellen Gewalt” wurde. Nicht die larmoyante Nabelschau der Küchenwiderständler vom Schlage einer Birthler, eines Thierse oder einer Göring-Eckardt. Die wollten eine “bessere” DDR und die haben sich nun endlich mit den westdeutschen Gegnern der deutschen Wiedervereinigung in bunter Vielfalt zusammengefunden. Wenn heutzutage auf einer merkeltragenden “Unteilbar”-Demo behauptet wird, die Wende in der DDR hätte sich “gegen den Nationalstaat” gerichtet, so ist das von einer irren Absurdität. Ein im Ost-Wahlkampf vorgelegter Elfmeter.  Die Bürgermassen der Wendezeit wollten ohne jegliche Zweifel den Nationalstaat - sie wollten Deutschland. “Deutschland einig Vaterland”, “Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!”. Schwarzrotgoldenes Fahnenmeer und Wir-sind-das-Volk! ...“Sela”...

Gert Köppe / 26.08.2019

Ein nüchterner, interessanter Artikel. Den nehme ich aber nur ab, weil ihn einer aus dem Osten, der persönlich betroffen war, geschrieben hat. Sicher gab es viele Menschen, die sich in der DDR “eingerichtet“ haben, viele zwangsläufig. Auch ich habe am Anfang noch keinen aktiven Widerstand geleistet. Allerdings fing der schon in der Schule langsam an. In den 70ern wurde ich bereits “auffällig“, weil ich dem Lehrern unangenehme Fragen stellte. 1981 dann das erste Stasi-Verhör, in “noch“ halbwegs freundlichen Ton (man hatte noch nichts “Kongretes“, als Druckmittel in der Hand). 1982 besuchte ich die, von Stasi-Spitzeln beobachtete, Umweltbibliothek in Berlin. Ab 1984 hatte ich dann meine zwei persönlichen IM’s als ständige Überwacher am Hals. Das kam ganz sicher nicht durch meine “Angepasstheit“ zustande. Trotzdem kann ich auch manche Leute verstehen, die sich nicht soviel zugetraut haben. Wichtig ist, das sie damals rechtzeitig aufgewacht sind.

Thomas Taterka / 26.08.2019

Von Zorn sehe ich heute noch nichts. Unbeschreibliche Schleimerei und geducktes Abwarten. Lauern auf Gelegenheiten des Profitierens und - richtige Angst vor dem Verlust des sozialen Status. Viel Getuschel. Keiner möchte zu den Opfern der Havarie gehören, die die meisten !  kommen sehen, - ahnen. Die ” Staatsratsvorsitzende des Westens ” ist noch gut für 2 Legislaturperioden und verschlagen genug und GEWOLLT VON OBEN. Wenn die heute Anfang -Dreißigjährigen drohen leer auszugehen, kommt der Zorn. Also , - Ende des nächsten Jahrzehnts. Bis dahin wird noch getrickst und rumintrigiert. P.S.:  Sagt meine Kristallkugel ! Muß also nicht stimmen.

Günter K. Schlamp / 26.08.2019

Ist es nicht so, dass der stete Tropfen den Stein höhlt? Bürgerrechtler waren schon lange unterwegs. Der Nachweis der Wahlfälschungen im Frühjahr ´89 war ein gelungener Coup. Die mutmachenden Treffen unter dem Dach der evangelischen Kirche waren der Vorlauf, die Gründung von Parteien, die Anmeldung von Demonstrationen. Meinetwegen brachten dann die Nichtausgereisten, im Neid auf die Ausgereisten das Fass zum Überlaufen. Es gab viele Faktoren, die die Friedliche Revolution auslösten. Inzwischen arbeiten ja auch die Kommunisten eifrig daran, ihren Anteil am Erfolg der Revolution zu reklamieren. Oder übersehe ich Gründe, die dazu führen, das Verdienst der Bürgerrechtler kleinzureden? Es ist ja nicht der erste Versuch.

R. Richter / 26.08.2019

Auch ich kenne den Zorn gut und nachdem dieser nach der Wende für viele Jahre aus mir verschwunden war, ist er nun im Wiederkommen - Zorn auf die sich wie Girsch ausbreitenden Apologeten der neuen links-grünen Ideologien. Und wie das bei Ideologen nun einmal so ist, ist denen ja auch nicht anders beizukommen, als mit heiligem Zorn. Ich wage zu behaupten, dass auch wir in naher Zukunft in Deutschland zornige Bewegungen erleben werden, welche das Land erschüttern.

Andreas Rühl / 26.08.2019

Sehe ich durchaus auch so, wenn ich mir die Bilder in Erinnerung rufe, natürlich nur aus dem Westfernsehen. Die Stürmung von Stasi-Büros, aber auch der Villen der SED-Bonzen, da war gewaltig Wut und Zorn im Spiel. Anderseits war es aber auch wichtig, dass die besonnenen Intellektuellen die Führung dieser Massen übernahmen und auch kanalisierten. Ich meine mich zu erinnern, dass die größte Sorge Gorbatschows war, dass die Bevölkerung über die russischen Soldaten herfällt - er war, was die Stimmung der SBZ-Bewohner anging, wohl durchaus gut informiert vom Geheimdienst. Die Gefahr war real - es hätte zu sehr unschönen Szenen für die UdSSR kommen können und zu vielen Toten. Kurzum, Herr Quencher, ich denke, ihr Erklärungsmuster deckt nur einen Teil der Geschichte ab. Dass die Ausreisenden (und es gingen ja nicht die Schlechtesten) der Wirtschaft der SBZ den Todesstoß versetzt haben, dürfte auch richtig sein und dass mit jedem, der über Ungarn oder die Tschechoslowakei ausreiste, das Regime mehr ins Wanken geriet, gerade weil die Wut und damit der Mut immer größer wurde bei denen, die blieben, ist sicherlich richtig. Und als immer klarer wurde, dass das Regime selbst nicht die Eier hatte, wie in Peking das “Problem zu lösen” und die Demonstranten nieder zu kartätschen und platt zu walzen, war die kritische Masse überschritten. Aber ohne diejenigen, die dann das Wort ergriffen und die “Bewegung” politisch manifestiert haben, wäre es nicht gegangen. Die Tschechen sehen das übrigens ganz entspannt, dort gilt das Volk auf dem Wenzelsplatz soviel wie Havel und seine Mitstreiter. Wir Deutsche denken wieder nur ans Absolute.

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