Gastautor / 09.02.2012 / 08:20 / 0 / Seite ausdrucken

Warum bloß ist der Film „Dame, König, As, Spion“ angeblich grandios?

Von Sissy Hewson

Drei Oscar-Nominierungen (bestes Drehbuch, bester Hauptdarsteller, beste Filmmusik)! Allseits begeisterte Kritiken, mit minutiöser Zerlegung jeder einzelnen Szene in ihre überlegten, symbolischen, stimmungsvollen Details. Die Brille von Gary Oldman, sein Schweigen, sein Blicken, seine „schildkrötenartigen Bewegungen“ (nicht mein Einfall, so steht es in einer der Ovationen) – so ausdruckslos innerlich zerwühlt war bisher offenbar noch kein Schauspieler. Und die Schnitte! Und die Flashbacks! Und das Braungrau! Und überhaupt, diese großartige Adaption eines Krimiklassikers, die best Buchübertragung seit langem! Drei Wochen der erfolgreichste Film in Großbritannien!

Wenn man solche Kritiken liest, außerdem ein Fan von Gary Oldman, John Hurt und Colin Firth ist, auch Cumberbatch ist einem schon wohltuend aufgefallen, und ganz gerne ein bisschen in Nostalgie und vor allem in London schwelgt, dann muss man natürlich sofort ins Kino.

Muss man nicht!

Was von zwei Stunden übrigblieb ist ein wildes Sammelsurium an ganz, gaaaanz langsamen Szenen, bei denen die Kamera immer wieder gerne auf etwas ruht, sei es eine Feuerzeugflamme, sei es ein Schreibtisch, sei es ein unbewegliches Gesicht (hinter dem sich natürlich ungeheuer viel abspielen muss, aber was bloß?). Und an kurzen Rückblenden, von denen ich zumindest viele nicht einordnen konnte. Dazwischen wird viel ausgelassen, denn man musste ja die Zeit für Stimmungsbilder nützen. Und so fragt man sich ständig: Wer ist denn diese Frau schon wieder? Wie heißt denn der wohl (Namen gäbe es ja viele zu merken, aber da bin ich offenbar überfordert), warum steht dieser oder jener in der Tür / hängt tot aus dem Bett / blickt bedeutungsschwer auf einen anderen Mann (aha, dämmert einem, wohl schwul, na und?) / fummelt mit Waffe (wessen?) herum / erschlägt eine Eule? Und wieso prescht ein Spion, der ja möglichst unauffällig sein sollte, mit seiner (auch noch mit einem wichtigen Kontaktmann verheirateten) Geliebten im blitzenden Sportwagen kreischend durch Moskau?

Dazwischen Gary Oldman mit Gräulichbrillen (er hätte sie aus hunderten ausgesucht – warum hat er sich nicht einfach die vom Kollegen Colin Firth, aus „A Single Man“ , ausgeborgt?), der dunkel durch sie hindurchstarrt. Jedoch: “You see a wilder person inside Gary’s eyes; he can probably be crueler, maybe even more melancholic. He’s a man presenting himself one way, yet internally there’s a great sadness…”, wie die Filmemacher nicht müde werden zu betonen. Außerdem hätte er viel Melassekuchen mit Vanillesauce gegessen, so erfährt man, um diesem ausdrucklosen Smiley ein Bäuchlein zu verpassen. Kein Opfer war zu groß.

Und ständig erzählt jemand, dass er weiß, wer der Verräter ist, erfahren hat, wer er ist, Beweise hat, die „Mutter aller Geheimnisse“ kennt, sagt es aber nicht. Und es fragt auch keiner weiter. O-Ton: „She had information vital to the safeguarding of the Circus.“ Fragt Gary Oldman da vielleicht nach, was? Nein, er pausiert, wie immer, lange, und dann: „Anything more?“

Dafür schreitet man lieber durch Materialaufzugstüren nach draußen, auf denen lange (ruhende Kamera!) das Schild zu lesen ist: Bitte Türe schließen, da sonst niemand den Aufzug rufen kann – und lässt sie natürlich offen.

Und so sieht man einen erschossen geglaubten Spion in einem Wohnwagen hausen, schließt aus den noch etwas schüttereren Haaren als zu Beginn des Filmes, dass er wohl überlebt haben muss, und in einer Schule unterrichten, wo ein kleiner dicklicher Bub seine Nähe sucht, von ihm um Glaskugeln geschickt wird (?) und ihn schließlich wegbrüllt (?). Zwischendurch eine Schulstunde, in der die Schüler über ihn kichern (?) und eine Eule durch die Klasse flattert, die er mit einem Baseballschläger niederknüppelt (?).

Ich kann mich an diese Szenenfolge so gut erinnern, weil ich jetzt das Buch zur Hand genommen habe, in dem schon zu Anfang diese Szene beschrieben wird und dort auch Sinn macht, inklusive Glaskugel. Und so werde ich vielleicht auch den Rest des Filmes verstehen, ihn mir dann noch einmal (im Fernsehen) anschauen und mich trotzdem immer wieder fragen, was ist so toll an diesem blödsinnig geschnittenen Braunepos?

Eines vielleicht: Als Smiley überraschend nach Hause kommt sitzt Bill Haydon (Firth) etwas atemlos im Zimmer und versucht, während er irgendetwas über Smileys Frau, die er nicht beim Schlafen stören wollte, plappert, unauffällig unter dem Tisch in die noch nicht angezogenen Schuhe zu schlüpfen – eine für mich wirklich grandiose Betrugs-Entdeckungs-Szene.

Ja, wie sagt Benedict Cumberbatch, der seine Rolle als Peter Guillam als ultimative Schauspielerfahrung beschreibt, so richtig: “I’ve always wanted to play a spy - you are NEVER what you seem.” Ich bin den ganzen Film hindurch nicht draufgekommen, wer warum was ist und macht. Auch nicht am Ende. Meine Hoffnung gilt dem Buch.

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