Boris T. Kaiser, Gastautor / 29.07.2016 / 11:54 / Foto: Tomaschoff / 13 / Seite ausdrucken

Warum bin ich eigentlich kein Terrorist geworden?

Von Boris T. Kaiser.

In letzter Zeit stell ich mir immer häufiger die Frage: Warum bin ich eigentlich kein Terrorist geworden? Nicht, dass ich größere Gewaltfantasien hätte, außer vielleicht manchmal an der Supermarktkasse oder wenn Post vom Finanzamt kommt. Ich habe auch keinerlei Bewunderung für Terroristen, nicht einmal, wenn diese Che Guevara heißen, die Zeiten sind vorbei. Dennoch bringe ich im Grunde alle Voraussetzungen mit, um den in letzter Zeit immer beliebter werdenden Job des Terroristen, oder - wie es in politisch korrektem Neudeutsch heißt - „Amokläufer“, auszuüben. Um ehrlich zu sein, bin ich sogar fast schon überqualifiziert.

Wenige Wochen vor meinem 35. Geburtstag, am 24.7. diesen Jahres, bekam ich, im Rahmen einer psychologischen Studie, die Diagnose ADHS gestellt. Wer sich ein wenig mit der Krankheit auskennt, der weiß, dass die Symptome dieser Krankheit weit über die allgemein bekannte Hibbeligkeit und Unaufmerksamkeit hinausgehen. ADHS-Kranke sind unter anderem chronisch unorganisiert, vergesslich, impulsiv, schnell erschöpft, lustlos und leiden unter Bindungsängsten sowie in vielen Fällen unter Borderline.

Sie können sich also denken, dass die Erkrankung bzw. die Nichterkennung dieser bis zu meinem 35. Lebensjahr durchaus unschöne Auswirkungen auf mein Privat- und Berufsleben hatte.

Vor allem, weil bei mir auch noch eine Lese/Rechtschreib-schwäche als Nebenerkrankung hinzu kam, was für den von mir eingeschlagenen Beruf des Satire-Autors, wie Sie sich vorstellen können, alles andere als förderlich war.

Tiefe narzisstische Kränkung

Einige weitere Symptome und Nebenerkrankungen von ADHS sind, dass man nahezu jegliche Kritik und Zurückweisung als tiefe narzisstische Kränkung empfindet - wie gemacht für eine Karriere als Dönermessermörder oder lebender Sprengsatz.

Zudem hatte ich, wie bereits erwähnt, auch noch das Pech, dass mein ADHS in Kinder- und Jugendjahren nicht erkannt wurde, so dass mir eine Zwangsneurose (in vielen Fällen ebenfalls eine Nebenerkrankung von ADHS) mehrere relativ unfruchtbare Aufenthalte in der Jugendpsychiatrie einbrachte.

All diese Dinge haben mein Leben geprägt und oft natürlich nicht gerade zum Guten. Würde ich also morgen auf die Idee kommen, mich inmitten einer größeren Menschenmenge in die Luft zu sprengen, das Verständnis und die Solidarität der gesamten Linken wären mir sicher. Hätte ich zudem noch einen Migrationshinter-grund, würde Renate Künast sich zwischen die Polizei und mich stellen und Jakob Augstein meinen Nachruf schreiben.

Nun, mit einem Migrationshintergrund kann ich nicht dienen, auch wenn meine Oma einst von einer weit zurückliegenden Abstammung von irgendeinem mysteriösen ungarischenAdelsgeschlecht zu berichten wusste. Ich kann sie leider nicht mehr nach weiteren Einzelheiten fragen, da sie mittlerweile verstorben ist.  

Aber auch ohne Migrationshintergrund kann ich mit zahlreichen weiteren Lebensumständen in meiner Biografie dienen, die mich nach allgemeiner „Lehrmeinung“ locker zum Terroristen hätten machen können:

Mehr auf dem Kerbholz als Joschka Fischer

Ich habe in meinen 20er Jahren jede Menge Mist gebaut und wohl mehr Jugendsünden auf dem Kerbholz als Joschka Fischer. Ich habe geklaut, mitunter randaliert und mich ab und an geschlagen, dabei übrigens zu meiner großen narzisstischen Kränkung meistens auf die Schnauze bekommen. Abgesehen von Heroin habe ich so ziemlich alles an Drogen ausprobiert, was der Straßenmarkt und die Diskothekenverkäufer damals so hergaben. Ich bin in einem Umfeld groß geworden, in dem nur die wenigsten eine Karriere bei der Polizei oder bei der Stadtsparkasse gemacht haben, geschweige denn, wie ich, in der Medienbranche. Ich habe nur einen unterdurchschnittlichen Hauptschulabschluss gemacht und im Gegensatz zu nahezu all meinen späteren Kollegen kein abgebrochenes Studium.

Ich war, man glaubt es kaum, sogar das ein oder mal unglücklich verliebt und hatte bei Frauen, in die ich nicht so sehr verliebt war, die Angst, sie könnten ein Kind von mir bekommen. Ich kenne Geldsorgen, Enttäuschung und alles, was das Leben sonst so an Widrigkeiten mit sich bringt.

Warum bin ich dennoch bis heute kein Terrorist, sondern ein  nicht ganz erfolgloser Autor in der Medienbranche geworden?

Nun, vielleicht weil ich immer an mich geglaubt habe. Auch dann noch, als ich mich in der linken Szene bewegte, wo man davon überzeugt war, dass der Kapitalismus einem wie mir nie ein gutes Leben ermöglichen könnte. Vielleicht bin ich aber auch deshalb kein Terrorist geworden, weil ich irgendwann erkannt habe, dass Eigenverantwortung für das eigene Handeln einen im Leben weiter bringt, als ständiges Gejammere und die Schuldsuche bei anderen.

Vielleicht, aber nur vielleicht, bin ich auch deshalb kein Terrorist geworden, weil ich in meiner Kindheit und Jugend nie mit einem Buch in Berührung gekommen bin, das einen Mann als Vorbild feierte, der sich als Juden-, Frauenhasser und Menschenschlächter einen Namen gemacht hatte.

Aber all das sind nur Spekulationen, die Wasser auf die Mühlen rechter Populisten gießen können. 

Foto: Tomaschoff

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Helmut Driesel / 30.07.2016

Warum wird der eine Terrorist oder läuft Amok, der andere nicht? Ob das mit Büchern zu tun hat? Hat A. B. Breivik viel gelesen oder Andreas Baader? Ich tippe mal, die hatten vom Koran so wenig Ahnung wie Sie und ich. Dass man zuviel lesen kann als Kind, eventuell sogar zuviel in der Bibel, das glaube ich schon. Man kann als Kind oder Jugendlicher ungeheure Gebilde von Erwartungen an das spätere Leben aufbauen. Man kann Wissenschaftler werden wollen und Weltreisender, berühmt und gebildet, geachtet und wohlhabend genug, um frei zu sein in seinem Tun und seinen Gedanken. Von den Frauen mal nicht zu reden. Da war es durchaus möglich, dass ein Buch über die Humbolds für ein Kind in der DDR im Nachhinein betrachtet ein falsches Buch war, das man hätte meiden müssen, um kein Terrorist zu werden. Ich glaube noch nicht einmal, das die falschen Bücher im Westen Deutschlands zwingend andere gewesen sein müssen. Auch die Eltern können eine unheilvolle Rolle spielen, insbesondere auch Pfarrer. Es gibt Eltern, die in ihren Kindern keinerlei andere Erwartungen wecken, als dass diese später mal nicht so werden wollen, wie ihre Eltern waren. Auch einfachste Verhältnisse, ärmliche Zustände oder sogar Not können Kinder sensibel für kleine Erfolge machen und entsprechend hart im Nehmen bei Frustrationen. Das ist dann ein riesengroßer Vorteil, wenn man alles, was man geschafft hat, als Gewinn empfinden kann, etwas, das man sich verdient hat. Und nicht als winzigen Teil dessen, was möglich erschien. Man muss sich dann nicht auf die ständige Suche machen nach Schuldigen, vergeudet damit viel Gedankenarbeit, Widerstandskraft und Zeit. Je mehr man erwartet vom Leben, um so leichter gerät man in die Falle, wo man glaubt, betrogen worden zu sein, am Anfang ist es vielleicht “nur” das Abitur, ein Studium, dann vielleicht eine ordentliche Familie, eine eigene Wohnung, Freundschaft und Sexualität, dann die Gesundheit, zuletzt die geistige Gesundheit, das ganze lange Leben, Neid, Haß, Wut. Es gibt Leute, die können jeden Frust direkt emotional ableiten wie in einen Blitzableiter. Danach ist die Luft wieder klar und rein. Andere verirren sich ins Intellektualisieren, versuchen jeden Misserfolg endlos zu bearbeiten und auszuwerten. In dem Irrtum, man könnte sein Versagen wie eine falsch gelöste Rechenaufgabe logisch immer neu überdenken, bis man die richtige Lösung hat. Das führt unweigerlich in den Wahn. Die gefühlte Schuld der anderen oder des Staates im Besonderen kann so groß werden, dass man eigentlich alle Atomwaffen dieser Welt bräuchte, um sich nur ein wenig besser zu fühlen. Und die Psychiater, diese gut bezahlten Agenten des Irrationalen, sind leider allzuoft ebenso machtlos und befangen wie ihre Patienten. Die normalen, chronisch überbezahlten Ärzte dagegen sind oft selber gestandene Idioten, die regelmäßig mehr Schaden anrichten als sie nützen könnten. Bedauerlicherweise. Das hat etwas mit der geltenden Staatsdokrin zu tun, die guten Selbstdarstellern Privilegien einräumt.

Heinz Löffelhardt / 29.07.2016

Zum Einen braucht es keinen Grund um kein Amokläufer oder Terrorist zu werden. Zweitens ist es mE. ein sehr entscheidender Fehler beides als das selbe anzusehen. Nicht jeder Terrorist ist ein Amokläufer und umgekehrt. Mir ist auch nicht klar was die AD(H)S mit ihren Ausführungen, weshalb sie kein Terrorist geworden sind, zu tun hat. Ihre Vergangenheit ist nicht ungewöhnlich für einen Menschen mit ADS. Sie ist sogar meiner sehr ähnlich.

Wolfgang Richter / 29.07.2016

Sehr geehrter Herr Kaiser, falls Ihre Medienkarriere -was ich nicht hoffe, aber trotzdem- mal weniger erfolgreich verlaufen sollte, empfehle ich aufgrund Ihrer Biografie einen Wechsel in die Politik. Beispiele wie besagter Joschka, der von vielen immer noch als beliebtester Außenminister aller Zeiten gehandelt wird, Frau Roth -immerhin Bundestagsvizepräses*in-, eine gewisse Ska Keller (Europaparl. für die Grünen, die trotz oder gerade als Magister in Islamwissenschaften u.a. nur Unsinn absondert) und viele andere sind leuchtende Beispiele dafür, daß für eine dort lukrative Karriere weder ein guter Leumund, noch eine profunde Bildung / Ausbildung erforderlich sind. Und die Ex-SPD-Abgeordnete Hinz hat bewiesen, daß ein “aufgehübschter” Lebenslauf zumindest so lange hält, daß es zum Erlangen einer auskömmlichen Altersversorgung reicht. Und die Chancen stehen auch gerade günstig, da die SPD Bitburg für den dortigen Eifelkreis gerade per Zeitungsanzeige einen Bewerber als Bundestagskandidaten sucht, da man in eigenen Kreisen offenbar niemanden findet, der die Absicht hätte, nach Berlin zu reisen, einziger Haken an der Geschichte - Sie müßten im Falle des Falles der Partei des Siggi-Pop beitreten.

Silvia Schulz / 29.07.2016

Ich habe eine diagnostizierte BPS, vielleicht liegt eine Verwechslung mit ADHS vor. Beide Krankheitsbilder sind sich sehr ähnlich. Ich war Mobbing-Opfer und hatte es auch Zuhause schwer. Viele Frauen, die man dann so in Kliniken trifft, misshandeln-angeblich wegen Borderline-ihre Kinder. Auch hier haben die Linken volles Verständnis. Mir ist schlecht, wenn ich daran denke. Lieber Herr Kaiser, wir beide hatten es wirklich nicht leicht im Leben. Aber wir sind anständig geblieben. Ich bin eine Super-Mama und nicht gewalttätig, im Gegenteil, ich fische jede Fliege aus dem Pool. Gewalt gegen Schwächere hat etwas mit fehlender Moral und Gewissen zu tun. Ärzte nennen Menschen, die das nicht besitzen Soziopathen. Die Frage ist, ob bestimmte Ideologien oder einfach Verantwortungslosigkeit wie im heutigen Sozialstaat in manchen Kreisen inzwischen üblich, eine soziopathische Persönlichkeit hervorbringen. Aber eine solche Studie wäre sicher nicht pc.

Joachim Arndt / 29.07.2016

Vielen Dank für die Einblicke, die Sie uns in Ihre Vergangenheit gestatten, lieber Kaiser. Für Ihre behauptete Rechtschreibschwäche finde ich in Ihrem umfangreichen Text allerdings keinen Beleg und hoffe, dass wenigstens Ihre übrigen Ausführungen einer Überprüfung standhalten. Habe Ihren Beitrag sehr genossen und schließe mich insoweit meinen Vorrednern uneingeschränkt an.

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