Warum Beziehungen scheitern

Ich las kürzlich eine Studie des Paar-Forschers John Gottman über die Stabilität in Beziehungen. Er richtete eine Art kleiner Pension als Labor ein. Dort brachte er Paare für ein Wochenende unter, verkabelte sie für die Gewinnung physiologischer Messdaten und beobachtete ihre Reaktionen aufeinander. Mit 94-prozentiger Sicherheit kann er vorhersagen, ob Paare sich scheiden lassen werden. Eine eindrucksvolle Quote. 

Gottman identifizierte zwei Phänomene, die hochinteressant sind. Das erste: Paare, die sich in Zukunft scheiden lassen werden, kommen in die Pension und sprechen ganz ruhig miteinander. Aber es ist eine angespannte Ruhe, wie ein Gehen auf Eierschalen. Obwohl sie ruhig miteinander reden, zeigen die physiologischen Messdaten, dass sie sehr erregt sind, so stark, als stünden sie einem Raubtier gegenüber.

In einer unglücklichen Beziehung betrachten sich die Partner sozusagen gegenseitig als Raubtiere. Ihre Worte dienen nicht der Kommunikation, sondern sollen vielmehr Angriffe verhindern und die Oberfläche ruhig halten. Was aber liegt unter der Oberfläche? Nach Freuds Auffassung liegt das Unbewusste darunter. Man kann auch sagen, dass das Kaputte und Verworrene darunter liegt, das, was sich nicht in eine vernünftige Form bringen ließ. Niemand will die Tür dorthin öffnen. Manche aber tun es – und zwar in Form einer Freud’schen Fehlleistung.

Und damit sind wir beim zweiten von Gottman beobachteten Phänomen. Angenommen, die Frau geht zum Fenster und sagt: „Oh, schau, da draußen ist ein Roter Kardinal!“ (also die seltene Vogelart mit dem ungewöhnlichen Aussehen). Das ist zunächst etwas Triviales. Aber es ist auch eine positive Bemerkung – zwanzig solche Bemerkungen davon täglich wären eine gute Dosis für die Beziehung. Der Mann hat nun zweimal zwei Möglichkeiten, zu reagieren. 

Die erste: „Wer interessiert sich schon für deinen blöden Vogel!“ 

Die zweite: Genervtes, verächtliches Stöhnen – und dann geht er hin und schaut sich den Vogel an. 

Die dritte: Er verzichtet zwar auf das verächtliche Stöhnen, verhält sich aber entsprechend. 

Und die vierte: Er verhält sich wie ein zivilisierter Mensch, der mit jemandem interagiert, den er wirklich mag, schaut sich den verdammten Vogel an und freut sich darüber. Und das mit dem Maximum an Aufrichtigkeit, die er aufbringen kann. 

Wahres Monster aus Kaputtem und Ungelöstem

Variante zwei, das genervte, verächtliche Stöhnen, ist eine Freud’sche Fehlleistung. Denn unter der Oberfläche der Beziehung liegt ein wahres Monster aus Kaputtem und Ungelöstem. Das Stöhnen könnte sagen: „Wir schikanieren uns nun schon seit 10 Jahren wegen der unterschiedlichsten Dinge. Nichts davon wurde je gelöst. Ich bin nicht glücklich über dich, aus derart vielen Gründen, dass ich mich nicht einmal an alle erinnern kann. Es würde ewig dauern, wenn ich sie jetzt aufzählen würde, und es würde wahrscheinlich nur zu einem großen Streit führen. Daher komme ich jetzt einfach nicht zu dir ans Fenster und mache dir wegen des blöden Vogels eine Freude. Ich zeige dir meinen Unmut auf äußerst subtile Weise. Und du kannst mich nicht als Hurensohn beschimpfen, nur weil ich gestöhnt habe, denn stöhnen ist normal, und genau das werde ich sagen, wenn du mein Stöhnen zum Thema machst.“

Das ist die Botschaft, mit der das Aufstöhnen beladen ist. Was passiert mit der Frau, die klug genug ist, die Signale ihres Partners zu verstehen? Nun, ihr Puls geht durch die Decke, als würde sie angegriffen. Der Grund dafür ist: Sie wird es tatsächlich.

Menschen in „guten“ Beziehungen, also denjenigen, die lange halten, antworten hingegen normal und entspannt auf die verbalen „Angebote“ ihres Partners. Wenn der eine Partner eine alltägliche positive Nebensächlichkeit mit dem anderen teilen will, ist Letzterer in der Lage, positiv zu reagieren, weil er keine Riesenladung Groll mit sich herumträgt. Auf diese Weise bleiben die Interaktionen des Paares positiv. Diese Paare haben ihre Konflikte aufgearbeitet. Das lässt sich sogar an den physiologischen Messdaten feststellen.

Diejenigen Paare in der Gottman-Studie, deren physiologische Daten auffällig waren, kommunizierten zwar relativ normal, aber unter der Oberfläche brodelte es. Wir Psychologen versuchen herausfinden, was genau unter der Oberfläche lauert, welche Struktur das Unbewusste hat. Es ist entweder gut strukturiert, funktional, beruht auf gegenseitigen Einverständnis und ist klar und eindeutig – oder es ist wie ein permanenter Zusammenstoß. 

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Maps of Meaning 5: Narrative, Neuropsychology & Mythology III“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem YouTube-Kanal von Jordan B. Peterson.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (4)
Gabriele Klein / 09.08.2018

... Das ist viel zu kompliziert, man braucht keine Verkabelung um die Dinge beim Namen zu nennen. Die Menschen wissen was Sache ist und wenn die Scheidung in der Luft hängt, Eine Verkabelung scheint mir hierzu überflüssig. Das Szenario das Sie beschreiben lässt sich hervorragend auf die Beziehung zwischen Regierung und Bürger übertragen. Es brodelt und ich erlebe es als Hochstress in einem Meer kommunikativer Verlogenheit und AGITPROP zu schwimmen….. Man kann hier nur noch aufstehen wie es der amerikanische Bible Belt macht oder in sich gehen und die Arbeitsleistung einfach verweigern..

Werner Arning / 09.08.2018

Wer kennt : „If I ever lose my faith in you” von Sting? Stings Antwort im gleichen Lied heißt : „There‘d be nothing left for me to do“. Wenn einmal das Vertrauen, die Intimität verloren ist, dann ist sie unwiederbringlich verloren. Dann ist die Liebe gestorben. Dann bleibt nichts mehr zu tun. Dann ist es wohl besser, man geht getrennte Wege. Es nicht zu diesem Bruch kommen zu lassen, sich der Unwiederbringlichkeit einer verlorenen Liebe bewusst zu sein, macht vorsichtig, oder sollte vorsichtig machen. Und der Bruch kann langsam vonstatten gehen. Aber ab einem bestimmten Punkt gibt es kein Zurück, ab diesem Punkt steht gegenseitige Respektlosigkeit, ja bisweilen Zerstörung und Hass. Und wenn der erreicht ist, sollte man möglichst friedlich auseinandergehen, oder sich mit einem Leben ohne Liebe abfinden.

Esther Burke / 09.08.2018

(wieder möchte ich an das feine kleine Liedchen aus Österreich - das auch eine süße kleine Melodie hat - erinnern ) :  Fein sein, beinander bleibn mags reg´n oder wind´n oder aber schneib´n Gscheit sein, nit einitappn, es geht oft der Fuchs in der Zipflkappn Frisch sein, nit ummamockn,  (nörgeln) und geht a dein Häusl und die Liab in Brockn. Treu sein, nit aussigrasn, denn die Liab is so ZART wiar a Soafnblasn. In Ergänzung zu Heines “Sie saßen und tranken am Teetisch…” würde ich gerne anfügen :“Die Liebe, sie ist ein Geheimnis,  ein zartes, duftendes Spiel… und auch, wenn ich in dich hineinbiss - von dir krieg ich niemals zuviel.” Nach 40 wunderbaren Jahren - zuweilen verbunden mit viel “windn” und “schneibn” meinen wir, dass die gemeinsame Basis an “SHARED VALUES” (A. Mc Intyre   !  After Virtue ) uns getragen hat :  das ICH ist nicht der absolute Wert, ich+du ist das größere Gut.  ( the smallest community is 2 people : the foundation to everything . J. Burke) Geht es hier um etwas, das über die reine Vernunft hinausgeht - - Glauben ?

Willy Frahm / 09.08.2018

Es wird sich nichts ändern, solange es Menschen gibt, die sich alles gefallen lassen. Das fängt schon im kleinen Rahmen an. Es wird sich nicht gewehrt, obwohl das das gute Recht ist. Lieber die Füsse still halten und andere machen lassen und evtl. dann auf den fahrenden Zug aufspringen. Solange in D. jeder sein eigenes Süppchen kocht, ist D. in ein paar Jahren verloren - Leider. Es werden Gelder zum Fenster hinaus geworfen unglaublich. Wenn Rumänen Bulgaren und Israelis, Roma und Sinti in Duisburg Straßen vermüllen, würde ich sie des Landes verweisen, was wollen die hier, wenn sie nicht arbeiten gehen? Warum hat in unserer Regierung keiner die Courage hier endlich mal durchzugreifen? Aber was will man von SPD-regierten Bürgermeistern oder Landesregierungen erwarten. Es wird Zeit, dass die Leute endlich mal was tun und zwar alle und nicht nur wieder eine Randgruppe. Schließlich geht es um die Zukunft unserer Kinder und die sieht derzeit ganz mies aus.

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