Als fiele das Land aus allen Wolken, wird jetzt über das Versagen der Ermittlungsbehörden im Fall Anis Amri hergezogen. Schon im Frühsommer 2016, heißt es, hätte man den Attentäter moslemischen Glaubens festnehmen können, Monate bevor er mit einem gestohlenen Truck in die Besucher des Berliner Weihnachtsmarktes an der Gedächtniskirche raste, zwölf Menschen tötete und beinahe 100 teils so schwer verletzte, dass einige bis heute im Krankenhaus liegen, andere Pflegefälle für den Rest ihres Lebens bleiben werden.
Herausgefunden hat das der „Sonderermittler“ Bruno Jost, ein ehemaliger Bundesanwalt. Noch vor der Veröffentlichung seines Berichts stellte "Spiegel Online" „haarsträubende Versäumnisse“ beim LKA, bei der Berliner Polizei, bei der Justiz sowie bei den Beamten in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen fest. Ein „Durcheinander“, ohne das es nie zu dem schrecklichen Terroranschlag gekommen wäre, einerseits.
Andererseits braucht es nicht viel Phantasie, sich auszumalen, was geschehen wäre, wäre der Öffentlichkeit, nicht zuletzt "Spiegel Online", 2016 zu Ohren gekommen, dass die Beamten gehandelt hatten, wie sie es hätten tun müssen: den als islamistischen Gefährder enttarnten Amri in Haft genommen und abgeschoben. War der Tunesier doch ein „Flüchtling“, der bereits im April einen Asylantrag gestellt hatte und somit Anspruch auf Zahlungen nach dem „Asylbewerberleistungsgesetz“ erheben durfte.
Die Schlamperei war ein Teil der "Willkommenskultur"
Wäre das konsequente Vorgehen gegen den „Flüchtling“, die Aberkennung des Bleiberechts, auf Zustimmung, wenigstens Verständnis gestoßen? Oder war das offensichtliche Versagen der „Ermittler“ nicht eher ein politisch gewolltes? Wer sich jetzt - gewiss zu Recht - über die Versäumnisse von Polizei und Justiz aufregt, sollte nicht ganz vergessen, dass die nachträglich verurteilte Schlamperei Teil der „Willkommenskultur“ gewesen ist, eines politischen Taumels, der den Rechtsstaat ins Chaos der Flüchtlingskrise stürzte.
Erstens, weil die Behörden personell heillos überfordert waren, nachdem die Bundeskanzlerin die arabisch-moslemische Welt zur Umsiedlung nach Europa eingeladen hatte; und zweitens, weil es politisch opportun war, keine Zweifel an dieser Entscheidung durch die Aufdeckung von Gefahren aufkommen zu lassen. Den Behörden blieb nichts anderes übrig als zwischen den Fronten zu lavieren.
Anders als die Politiker, die sich im ideologischen Biotop ihrer Parteien räkeln, waren Polizisten, Richter und Sachbearbeiter von Anfang an die sprichwörtlich Letzten, die die Hunde beißen. Sie konnten sich ausrechnen, was auf sie zukommen würde, würden sie gegen illegal Eingereiste und potentielle Attentäter islamischer Überzeugung mit der „gesamten Härte des Rechtstaates“ vorgehen, wie es Thomas de Maiziere in anderen Fällen verlangte. Wegsehen und Vertuschen war das Gebot der Stunde, dem sich beugte, wer nicht anecken wollte.
Den edlen Kommissar gibt es nur im "Tatort"
Der edle, allein der Moral und dem Recht verpflichtete Kommissar ermittelt nur Sonntagabend im „Tatort“; in der Realität dagegen wurden ihm mit dem Anschwellen der Flüchtlingsströme Beine gemacht.
Sicher war es ein Akt den Humanität, jenen Asyl zu gewähren, die in ihren Heimatländern um Leib und Leben fürchteten. Nur sind das eben nicht alle gewesen, wie wir unterdessen erfahren mussten. Ebenso unangebracht wie der Generalverdacht war die politisch befeuerte Ausblendung jeglicher Gefahr. Ihr verdanken wir, was in Köln und anderswo geschah, bis hin zu dem Attentat von Anis Amri. Auch sein Verbrechen geht wenigstens teilweise auf das Konto einer „Willkomenskultur", die jeden Zweifel an der Integrität der Zuwanderer ausschließen wollte. Nein, versicherte uns der Bundesinnenminister seinerzeit, eine erhöhte Terrorgefahr infolge des millionenfachen Zustroms aus der arabischen Welt bestehe keineswegs. Politisch kolportierte Fake News mit tödlichen Folgen.
Wer das nicht sieht oder nicht sehen will, wer glaubt, die „Ermittlungsbehörden“ im Nachhinein vors Loch schieben zu können, haut nur auf den Sack, ohne den Esel zu treffen, ihn in seinem Lauf aufzuhalten.
Beitragsbild: Kuebi CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Anis Amri kennt jeder, aber wie heißen die Opfer? Wie geht es ihnen? Schon gesammelt? Lichterkette vom Kanzlerinnenamt zur Charité? Nein? Alte weiße Männer und Frauen? Gar Deutsche? Nun war er halt da ...
Der Artikel bringt es sehr schön klar formuliert auf den Punkt. Allerdings hört es sich so an als sei es besser geworden. Das ist es wohl kaum. Die nachträglich verurteilte Schlamperei gehört auch heute noch genau so zur politischen Korrektheit wie vor der Amri-Tat. Auch weiterhin marschieren Hundertschaften Protestierender auf, wenn irgendwo mal eine Handvoll abgelehnter Asylbewerber abgeschoben werden sollen.
Sehr geehrter Herr Riezschel, Ich geb Ihnen wirklich auf der ganzen Linie recht. Was ich mich aber frage ist: Warum finden wir erst heute, nach den katastrophalen Wahlniederlagen der GROKO solch klare Statements. Ja, sie sind noch nicht in den Öffentlichen angekommen aber immerhin findet man nun solche Kommentare. Das ist mindestens schon mal ein Anfang. Von den Stellungnahmen der "Verantwortlichen PolitikerINNEN wird ja heute noch alles klein geredet und als "Fake" abgetan. Warum kann es möglich sein, das die regierende "Kaste" inkl . die Gerichte, einen solchen , nach aussen unsichtbaren Druck auf die Polizei und die Einsatzkräfte ausüben kann, dass diese sich nicht mehr trauen, die Arbeit nach Vorschrift zu erledigen? Hier ist für mich ganz klar, dass sich der Staat und die "Regierenden " einen viel zu grossen Einfluss herausgestohlen haben, der weit jenseits des eigentlichen Staatsauftrages steht. Das ist sehr gefährlich und es ist wohl nicht so schnell umzudrehen. Das hat leider längst nichts mehr mit Demokratie zu tun. Veränderungen wird es wohl erst geben, wenn die breite Masse der Bürger an allen Fronten selber erleben, wie "die Felle " davon schwimmen. Erst wenn das Leiden gross genug ist gibt es Bewegung. Fronten haben wir zur Zeit genug, sodass auch das plötzlich viel schneller geht als wir es denken. b.schaller
e vero aber der Zug fährt weiter in die falsche Richtung
Die rhetorisch gemeinte Titel - Frage ist nicht mit Ja zu beantworten. Aber das Versagen der Politik dürfte das Geschehen befördert haben. Selbstverständlich hat die künstlich politisch und medial hochgejauchzte Willkommenskultur Ermittler und Behörden verunsichert. Thomas Rietzschel liefert eine scharfe Analyse dieser Kausalitäten. Und sie wäre wohl noch schärfer ausgefallen, hätte er den seit gestern in den Medien herum geisternden V - Mann namens VP - 01 einbezogen. Ein Agent Provocateur , der angeblich u.a. auch den Weihnachtsmarkt - Attentäter Amri zu Anschlägen aufgefordert haben soll. Selbstverständlich ist es legitim - und besonders heikel ! - V - Männer in die islamische Terrorszene einzuschleusen. Kritisch wird es allerdings, wenn diese sich dann zur Tarnung besonders fanatisch gebärden müssen - oder sollen ? Das ist in diesem Fall womöglich die Crux. Wie werden diesen Leuten die Grenzen gezogen ? Wie sind sie zu kontrollieren ? Können sie überhaupt strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden, z.B. wegen Anstiftung zum Mord. Können oder müssen (?) die Dienste dies aus Geheimhaltungsinteressen verhindern ? Niemand kann mehr ernsthaft bezweifeln, dass sich seit den unkontrollierten Flüchtlingsströmen die Terrorgefahr erhöht hat. Den Schlamassel hat uns ursächlich die Politik eingebrockt. Ob Dienste und Behörden in diesem Fall außerdem eklatant versagt haben, werden wir kaum bis in alle Einzelheiten erfahren.
Es gab schon einmal eklatantes Behördenversagen. Diesbezüglich wurden dann mehrere Untersuchungsausschüsse eingesetzt. Letztlich geändert hat sich nichts. Ich spreche hier vom veritablen NSU-Skandal der nur teilweise aufgearbeitet wurde, die Versäumnisse der Politik größtenteils unter den Teppich gekehrt wurden. Was läuft falsch? Wir haben in Deutschland 16 Länderpolizeien, eine Bundespolizei, 16 Landesverfassungsschutzämter, einen Bundesverfassungsschutz, dazu noch jeweils 16 Staatsschutzabteilungen der jeweiligen Länderpolizeien. Alle arbeiten für sich, die Zuständigkeiten sind abgegrenzt, teilweise haben die verschiedenen Behörden verschiedene Befugnisse, weil Landesrecht. Diese vielen Behörden arbeiten fast alle mit eigenständigen Softwareprogrammen die nur selten bis überhaupt nicht kompatibel sind. Der Austausch der jeweiligen Daten ist schwierig und wenn es klappt oftmals politisch nicht gewollt. Über persönliche und personelle Animositäten, ja auch das gibt es, muss man da noch nicht mal reden, denn die anderen Aspekte sind schon schwierig genug. Dass aufgrund dieser Zersplitterung, dass aufgrund dieses föderalen Chaos, dass überhaupt Daten ausgetauscht werden liegt vor allem am persönlichen Engagement der dort tätigen Mitarbeiter. Und wenn die Politik eine neue Sau durchs Dorf jagt, so wie mit der Migrationskrise, ist dieses hochsensible System, was schon im Normalbetrieb kurz vor dem Kollaps ist, nicht nur im Notfall- sondern im Chaosmodus. Sicher ist das ein wenig überspitzt, aber es trifft den Kern des Übels und kein Politiker in dieser Republik begreift dies, noch möchte er dies ändern, denn das würde möglicherweise Abgabe von Macht und Kompetenzen, Vereinheitlichung statt Kirchturmspolitik bedeuten. Und so wird weiter gewurstelt.....von oben verordnet
Hallo Herr Rietzschel, genau: "Ebenso unangebracht wie der Generalverdacht war die politisch befeuerte Ausblendung jeglicher Gefahr." Der Amri hätte mit dem was er auf dem Kerbholz hatte auf alle Fälle in die Abschiebehaft gehört und es wäre möglich gewesen, das hat selbst der Bundesinnenminister gesagt. Ja klar, es wäre sicher für die Polizisten, Richter und Sachbearbeiter schwierig gewesen das zu Verantworten, eben weil: "die Politiker sich im ideologischen Biotop ihrer Parteien räkeln". Für mich ein Skandal von Erstem Rang. Gruß Dietmar P.S.: wir sind, in unsrer Berliner Zeit, mit unserer Tochter oft auf diesem Weihnachtsmarkt gewesen. Genau an der Stelle.