Tamara Wernli / 03.06.2016 / 10:00 / 3 / Seite ausdrucken

Wann ist man alt?

Die Frage habe ich mir neulich mit Nachdruck gestellt. Der Grund: Ich sagte eine Feier ab, weil ich an dem Abend lieber zuhause bleiben und mit meinem Mann unseren neuen Dyson-Staubsauger ausprobieren wollte.

Und das ist absolut schrecklich. Genau so schrecklich wie das weisse Haar, das ich unlängst zwischen meinen dunklen Augenbrauen entdeckt und in einem Anfall von Panik ausgerissen habe. Ein Vorfall, der mir durch Mark und Bein ging. Oder die Erkenntnis, dass zwischen dem, was ich bin und dem, was ich mir in jungen Jahren vorgenommen hatte, ein Graben klafft, so gross wie das Drama, das ich jetzt daraus mache. Oder als 'gestandene Frau' bezeichnet zu werden, das ist das Schlimmste überhaupt – gestandene Dinge gehören hinter eine Vitrine im Antikenmuseum.

Und plötzlich melden sich Fragen

Und plötzlich melden sich Fragen: Bin ich eigentlich die Person, die ich immer sein wollte? Habe ich genug gelesen? Genug gesehen? Mein Lebenspotential voll ausgeschöpft? Mein Gleichgewicht gefunden? Irgendwann werde ich das rückblickend in aller Ernsthaftigkeit beurteilen müssen, und es dauert nicht mehr so lange wie auch schon. Und ab wann sind kurze Röcke zu kurz?

Die neue Zeitrechnung gewisser Psychologen, wonach wir uns jünger fühlen, desto älter wir werden, halte ich für Blödsinn. In der "Süddeutschen Zeitung" habe ich mal gelesen, dass sich 55-Jährige heute wie Anfang vierzig fühlen. Wenn das stimmt, würde ich mich mit bald 44 Jahren ja wie Ende zwanzig fühlen. Dann würde ich wahrscheinlich meinen Körper auf Instagram promoten statt mir von Ende Zwanzigern erklären lassen, was Instagram ist. Ich würde mir Gedanken über Aufreisser machen und nicht über Besenreisser. Ich wüsste, dass man eine dumme Person 'Kevin' nennt, statt den Namen cool zu finden. Ich würde nachts um die Häuser ziehen, statt nach dem Verzehr von selbstgemachtem Hackbraten wie eine gesättigte Kuh vor der Glotze zu liegen und die Häuslichkeit als Teil meiner Selbstverwirklichung zu betrachten. Ich würde mein Smartphone in erster Linie für Whatsapp benützen, anstatt für Einträge in die Einkaufsliste. Ich würde morgens fünf Minuten zur Gesichts-Verschönerung aufwenden, anstatt es mit einer Puderdecke zu überziehen, solide genug, um eine Pistolenkugel abzufangen. Ich würde mir die Augenbrauen anmalen, statt sie (die weissen) auszuzupfen.

Ist man jung, denkt man doch, man könne alles machen. Man wird von der Welt empfangen, stürzt sich begeisterungstrunken in ihre Arme. Kann unüberwindbare Schranken überwinden. Das unausgesprochene Versprechen steht im Raum, irgendwann wird sich schon alles wunschgemäss fügen. Zwanzig Jahre später ist irgendwann, und das Gefühl der Überlegenheit zerbröckelt. Dinge klappten eben nicht so, wie man sie sich vorgenommen hatte. Einige klappten, aber das zählt in dem Moment nicht. Vielleicht zählt es morgen wieder.

Zwanzig Jahre später ist irgendwann

Ich möchte mit dem Gejammer jetzt nicht die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass ich ein Verfallsdatum habe. Ich habe ja eigentlich keins. Und gebe mir immer furchtbare Mühe, es auch so aussehen zu lassen. Mein Klagen ist vielleicht übertrieben. Nur gibt es eben Aspekte im Leben einer Frau, die man nicht mit dem Ehemann besprechen kann. Denn der hat gerade nur ein Thema: den neuen Dyson. Das beisst sich ein bisschen mit meinem Thema, der weissen Augenbraue. "Man braucht zehn Jahre, um sich an sein Alter zu gewöhnen." Zsa Zsa Gabor muss es wissen, die Gute ist jetzt 99.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Basler Zeitung.

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Leserpost

netiquette:

peter luetgendorf / 04.06.2016

Sehr geehrte Frau Wernli, oder auch an Fräulein Wernli, Sie haben es auf den Punkt gebracht. Ich bin 66 und ich trainiere und ich fühle mich kein Jahr jünger. Wie Loriot sagte, Alter ist eine Zumutung. Über 50 wird man nicht mehr wahrgenommen. Das gilt für Frauen und Männer. Ohne Übergewicht und mit einem ansprechenden Muskeltonus empfinde ich mich trotzdem als alt. Gruß Peter Lütgendorf

Werner Baumschlager / 04.06.2016

44? Vielleicht mal das Foto aktualisieren?

Frank Jankalert / 03.06.2016

Dazu passt eine Umfrage, die in GB erhoben wurde. Schulabgänger sollten ehrlich schätzen, wieviel Geld sie mit 30 verdienen werden. Die Schulabgänger erwarteten im Schnitt 100000 Pfund im Jahr.  Der aktuelle Durchschnittsverdienst liegt bei etwa 20000. Solch eine Naivität lässt einem wahrscheinlich viele Dinge durch eine rosarote Brille sehen. Wer schon älter und weiser ist, ist von sowas dagegen genervt und bleibt zu Hause, anstatt sich Abends noch mit jungen Leuten zu konfrontieren.

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