Thomas Deichmann / 11.05.2008 / 01:01 / 0 / Seite ausdrucken

Wanderpredigertreffen in den Bonner Rheinauen

Am Pfingstwochenende 2008 versammelt sich die internationale Korona der Apokalypsenprofis – dieses Mal in Bonn. Zum Auftakt der neunten Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt hat man für Pfingstmontag zu einer Demonstration aufgerufen. Anschließend steigt das „Pfingstfestival der Vielfalt“ in den Rheinauen und die Konferenz mit dem hippen Titel „Planet Diversity“. Die Organisatoren wollen Lieder für eine „Genfreie Welt“ singen und gegen die „industrielle Monokulturen“, „Agrar-Sprit“ und „Billigfleisch-Subventionen“, gegen „Gentechnikkonzerne“ und „Spekulationen an den Weltagrar-Börsen“ protestieren – und was einem durchschnittlichen Öko-Misanthropen sonst noch so einfällt. Das Thema Agrarspekulation wurde kurzfristig auf Zuruf der EU-Bürokratie ins Programm aufgenommen. Als diese nämlich kürzlich erkennen musste, dass ihre Biosprit- und Gentechnikpolitik Menschenleben nicht schützt, sondern massiv gefährdet, setzte sie flugs das Ammenmärchen in den Raum, schuld am aktuellen Anstieg der Agrarpreise seien die geldgierigen Banker. Auch deutsche Minister stürzten sich begierig auf den Brüsseler Strohhalm…

Offenbar versuchen einige grüne NGOs mit dem Elend, das sie selbst mit verursachen, wieder einmal ihr Süppchen zu kochen. Erst 2002 mussten Tausende Afrikaner verhungern, weil sich einige Regierungen im Süden des Kontinents während der letzten schlimmen Hungerkatastrophe dazu überreden ließen, auf US-Hilfslieferungen zu verzichten, weil sich darin auch zugelassene transgene Maispartien befanden, die von Millionen von Amerikanern anstandslos verzehrt werden. Solche NGOs sind wahrlich nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems auch in der aktuellen Nahrungskrise. Ihre Positionen tragen nicht zur Ertragssteigerung und erst recht nicht zur Ernährungssicherheit bei.
Doch die erwähnte Kommunikationspartnerschaft zwischen EU-Politik und Angstindustrie ist nicht Neues. Das EU-Umweltkommissariat hat allein von 2003 bis 2006 grünen Protestgruppen Fördersummen in Höhe von 26,4 Millionen Euro in den Rachen geschoben. Auch die deutschen Minister Gabriel und Seehofer profitierten von deren Lobbyarbeit gegen Gen- und Atomtechnik und Klimawandel, um sich noch besser als „Verbraucherschützer“ profilieren zu können.
Angesichts solcher Rückendeckung wundert es auch nicht, dass die Rednerliste am Pfingstwochenende in Bonn beachtlich lang ist: Sie reicht von esoterisch angehauchten Anhängern der Steinerschen Anthroposophie über den französischen Starprotestler José Bové und die indische Besserwisserin Vandana Shiva bis hin zum vom Obersten Gerichtshof Kanadas wegen Patentverletzung verurteilten Landwirt Percy Schmeiser, der übrigens erst im Januar durch Deutschland tourte. Schmeiser wird sich in Bonn gewiss wieder als Sieger im Kampf gegen den US-Agrarkonzern Monsanto feiern lassen, zumal er vor wenigen Wochen in einem unbedeutenden Nebenverfahren mit Monsanto eine Einigung erzielen konnte. Es ging um die Übernahme von geringfügigen Kosten für die Entfernung der patentrechtlich geschützten Pflanzen von seinem Acker. Dass Schmeiser aktuell auch mit einem Nachbarn einen Rechtsstreit auszufechten hat, wird in Bonn gewiss ebenfalls nicht der Rede wert sein. Der Nachbar hat Schmeiser angeklagt, mit dem Bau eigentümlicher Wassergräben für Überschwemmungen gesorgt zu haben. Die lokalen Wasserbehören haben den kreativen Landwirt mittlerweile aufgefordert, diese Gräben wieder zu füllen.
Die Bonner Pfingstzusammenkunft von obskuren Wanderpredigern des Weltuntergangs wäre eigentlich nicht der Rede wert, müsste man nicht davon ausgehen, dass ihr Geraune wieder reichlich Gesprächsstoff liefert, weil die offizielle Politik brav ihr Stelldichein gibt und eigene Nachhaltigkeitsfloskeln über das vermeintliche Wohlergehen künftiger Generationen dazugibt. So steht das SPD-Bundestagsmitglied Ulrich Kelber auf der Kundgebungsrednerliste, und der FDP-Bürgermeister der Stadt Bonn Ulrich Hauschild begrüßt die versammelte Mannschaft zum Festivalbeginn.
Die letzten Wochen waren typisch für diese schleichende Verwesung unseres Kulturraumes: Die Paranoia gegen die modernen Pflanzenwissenschaften hat dazu geführt, dass Besetzungen und Zerstörungen von Versuchsfeldern der Grünen Gentechnik dieses Jahr wieder Rekordmaße annehmen – eine „Feldbefreierin in der Genbank Gatersleben” wird auf der Kundgebung davon Heroisches zu berichten wissen. Etliche Landwirte sind von ihrem Vorhaben, modernes Saatgut auszubringen, wieder abgebracht worden. An der Fachhochschule Nürtingen ist zum ersten Mal ein Forschungsprojekt auf Geheiß der Hochschulleitung untersagt worden, weil ein paar jugendliche Feldbesetzer das gerne so wollten. In Hessen hat der Umweltausschuss einem Antrag der Grünen zugestimmt, den Anbau transgener Pflanzen im Land komplett zu verhindern – zuvor waren bereits an drei Standorten Testanbauten abgeblasen worden. Der Freistaat Bayern gab indes bekannt, die diesjährigen Landessortenversuche für die Zulassung von Mais mit einer gentechnisch erzeugten Schädlingsresistenz gänzlich aufzugeben. Der bayerische Landwirtschaftsminister Miller will auf wundersame Weise herausgefunden haben, „dass Bt-Mais keine Vorteile gegenüber konventionellen Sorten“ habe – was in etwa dem gleichkommt, Millionen von Landwirten, die seit Jahren die Bt-Technologie nutzen, die geistige Zurechnungsfähigkeit abzusprechen. Dass das Bundessortenamt mit seiner originären staatlichen Aufgabe der Sortenzulassung neuer Pflanzen derlei Treiben unkommentiert geschehen lässt, ist womöglich auch den Maulkörben zuzuschreiben, die solchen Bundesinstitutionen von höherer Stelle verordnet werden.
In Gatersleben, von dem in den Rheinauen zu hören sein wird, ist kürzlich übrigens zum x-ten Male auf dem Gelände des Leibniz-Instituts für Kulturpflanzenforschung ein Versuch mit transgenem Weizen zerstört worden. Nur wenige Tage zuvor hatte ein dort angesiedeltes Biotech-Unternehmen Insolvenz angemeldet. Die BASF Plant Sciences wartet indes seit Jahren auf die Zulassung ihrer transgenen Kartoffel zur industriellen Stärkegewinnung. Abwechselnd wird das Projekt von deutschen und europäischen Behörden und von der Angstindustrie madig gemacht. Greenpeace will nun gemeinsam mit Imkern gerichtlich den Verkauf einer zum kommerziellen Anbau zugelassenen transgenen Maissorte verbieten lassen. Die Karawane der Fortschrittsmuffel zieht immer weiter.

Thomas Deichmann ist Chefredakteur des Debattenmagazins „Novo – Argumente für den Fortschritt“ (http://www.novo-magazin.de). Die neue Ausgabe mit dem Schwerpunktthema „Freiheit in Zeiten der Terrorangst“ ist ab 14. Mai im Bahnhofsbuchhandel erhältlich.

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