Wahlen, Brot und Spiele

Wer Wahlen gewinnen will, sollte sich in der Öffentlichkeit mit berühmten Unterstützern umgeben und es vermeiden, den Leuten mit der Wahrheit die gute Laune zu verderben. Diese Empfehlung stammt nicht etwa aus einem heutigen Strategiepapier, sondern von Quintus Cicero (102–43 v. Chr.), dem Wahlkampfmanager und Bruder des berühmten Marcus Tullius Cicero.

Wählbar waren nur Personen, die das 30. Altersjahr überschritten hatten, denn Jüngere hielt man aufgrund der fehlenden Lebenserfahrung und der altersbedingten Leichtsinnigkeit für nicht ganz zurechnungsfähig.

Der Eintrag in die amtlichen Bewerbungslisten kostete nach heutiger Kaufkraft ca. 15.000 Franken. Nur Reiche konnten ein Amt anstreben. Fortan mussten sie aber auch bei Hungersnöten mit ihrem Privatvermögen einspringen. Heute haftet keiner mehr persönlich, weder für fehlende Masken, zu späte Grenzschließungen, zu frühe Lockerung des Lockdowns noch für vorsätzliche Falschinformationen.

In der römischen Republik gab es kein politisches Parteiensystem, wie wir es heute kennen, es gab auch keine Wahlprogramme. Somit waren allein Charisma, Volksnähe und die Reputation der Unterstützer ausschlaggebend. Diese ließen den Namen des Kandidaten in roter oder schwarzer Tusche auf Wandverputze malen. Diese sogenannten Wahl-Dipinti säumten Einkaufsstraßen wie heute die Wahlplakate, die in der freien Natur später den Tatbestand des Litterings (Vermüllung) erfüllen.

Gekaufte Stimmen waren genauso üblich wie heute auf den Philippinen, wo der Major einer Barangay (Gemeindepräsident) auf seinem Moped von Haus zu Haus fährt und für umgerechnet circa vier Franken Stimmen einkauft.

Populär waren auch Brot und Spiele, wobei diese dem Kandidaten meistens rote Zahlen bescherten, was seine Wahl erschwerte, da man zu recht annahm, dass er sich nach einem Wahlsieg auf Staatskosten sanieren würde. Heute, wo die meisten Parteikassen leer sind, begnügt man sich mit bunten Werbegeschenken und anderen Wegwerfartikeln.

Wahlplakate haben die antiken Dipinti ersetzt. Oft werden sie beschädigt. Ironischerweise mobilisieren jene Vandalen, die kein Verständnis für Demokratie haben, die Nichtwähler der geschädigten Partei. Und auf die kommt es an.

 

Claude Cueni (64) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Soeben erschien im Verlag Nagel & Kimche sein Roman „Genesis – Pandemie aus dem Eis“. Diese Kolumne erschien zuerst im Schweizer BLICK.

Foto: Sebastian Magnani CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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S.Niemeyer / 05.09.2020

Loriot: Ich liebe Politiker auf Wahlplakaten. Sie sind tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.

Wolfgang Kaufmann / 05.09.2020

@Rainer Niersberger — Sie spielen an auf den Zyklus Demokratie → Ochlokratie → Monarchie → Tyrannis → Aristokratie → Oligarchie → Demokratie…. Aber ist es wirklich so, dass 90% der Lobotomierten gar keinen Verlust empfinden? Und ist dies tatsächlich das woke Lebensgefühls unserer Schneeflöckchen: „Ich brauchte nie mehr ins Büro, ich wäre dämlich aber froh“?

K. Schmidt / 05.09.2020

Gib mir Deine Stimme und ich schenkt Dir Abitur, Studium, Beamtenstatus und Frühpensionierung! Rom hat sein Brot-und-Spiele-System immerhin ein paar hundert Jahre durchgehalten. Aber die haben auch viel erobert und geplündert. Im heutigen Deutschland ist das andersrum, Brot-und-Spiele und sich auch noch gleichzeitig ausplündern lassen.

Wolfgang Kaufmann / 05.09.2020

Und da wir alle anständig unsere Brot-und-Spiele-Abgabe bezahlen, bekommen wir nun das Extra-Feature, den Blood Patch sozusagen. – Wer Angst haben will, darf sich in der ersten Reihe im seniorenfreundlichen Panikmodus gruseln. Wer auf mütterliche Angstbindung konditioniert wurde, bekommt in den Netzwerken den Extraschuss Horror. Betriebe werden zu Zombies. Wer im betreuten Rundum-Sorglos-Modus aufgewachsen ist, wird gerne bereit sein den bösen Kapitalismus downzulocken. – Hauptsache der Strom kommt aus der Steckdose, das Essen per Amazon und die Unterhaltung per Flatrate. Im postfaktischen Show Business ist für jeden etwas dabei. Schlafen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Waschen Sie die Hände, wir kümmern uns um das Hirn.

Rainer Niersberger / 05.09.2020

Die (zutreffende?) Quintessenz : Eine Demokratie ohne demokratietauglichen Demos wird zum Gott, der keiner ist und nie einer war. Da die Selektion der Wähler nach Tauglichkeit utopisch ist, bleibt nur die Hoffnung auf eine zumindest halbwegs demokratietauglichen Führung. Scheidet, wie hierzulande und in anderen Ländern, eine geeignete Führung mangels geeignetem Personals aus, passiert das, was bereits die alten Griechen sahen und wir heute leibhaftig erleben “duerfen” . Wobei diese Entwicklung nur fuer die wenigen Demokratieaffinen und Tauglichen ein Problem darstellt, also etwa 10 %. So what.

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