Manfred Haferburg / 27.06.2017 / 06:15 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 22 / Seite ausdrucken

Wahl in Deutschland (1): Der Als-ob-Wettbewerb

Von Frankreich aus beobachte ich den deutschen Wahlkampf oder das, was sich da als Wahlkampf ausgibt. Mit der Sicht von außen kommt der deutsche Wahlkampf im Jahre 2017 daher wie eine Wrestling-Show. Eine perfekte Illusion: mit so tun als ob man dem Andern eine auf die 12 gibt, mit so tun, als ob das weh täte. Und die Medien tun so, als würden die Akteure und die Zuschauer oder sonst irgendwer diesen Scheinkampf ernst nehmen.

Der Kakamaschu (Kanzlerkandidat Martin Schulz) tut so, als ob er Merkel angreifen würde, traut sich aber nicht, ihre wirklichen Schwächen anzusprechen. Er hat ja genau dieselben. Merkel tut so, als würde sie - im Gegensatz zu Schulz - die Steuern senken wollen. Die Einhaltung dieses Versprechens hat leider schon bei allen ihren vorherigen Wahlsiegen nicht geklappt, eher im Gegenteil.

Die grüne Bundestags-Kabaretttruppe dekarbonisiert sich gerade und geht damit auf Stimmenfang, dem Deutschen liebstes Kind ab 2030 den Sprithahn abzudrehen. Ist das eine Neuversion des Veggi-Days? Aus Fehlern lernen – das muss nicht sein. Die FDP empfindet gerade das Thema der Firmengründungen und den Datenschutz als unter den Nägeln brennend und will den Soli abschaffen, wohl wissend, dass das sowieso nichts wird. Vom Elend der Linken mag ich gar nicht reden.

In Deutschland wählt man demokratisch. Doch das Ergebnis steht, ähnlich wie beim Wrestling, von vornherein fest. Egal, wen man wählt, man bekommt die Raute. Das liegt weitgehend daran, dass es keine Opposition gibt. Alle wollen dasselbe, nur in unterschiedlichen Dosen. Und bei allen Dosierungsdifferenzen: Natürlich muss die Verteilung der Pfründe stimmen. Die einzige Möchtegern-Oppositionspartei wurde durch jahrelanges Propaganda-Trommelfeuer und eigener tatkräftige Mithilfe politisch und medial so unmöglich gemacht, dass nicht mal ihre eingefleischten Wähler sich trauen, ihre Stimmabgabe für sie zuzugeben.

Was auf den Nägeln brennt, darf auf keinen Fall thematisiert werden

So kringelt sich der Wahlkampf um die niedlichsten Themen: Gerechtigkeit, Digitalisierung, Ehe für alle. Dagegen gibt es nichts zu sagen. Aber was wirklich auf den Nägeln brennt, darf auf keinen Fall thematisiert werden. Weil sich da alle Kontrahenten alternativlos einig sind, einig gegen die Wähler. Und daher vernebeln Politik und Medien die gefürchteten Tabuthemen derart, dass sie nahezu unsichtbar geworden sind. Eine ganze Elefantenherde trampelt im Wahlkampf umher und alle Akteure tun so, als ob sie nicht da wären.

Seehofer scheint seine Obergrenze völlig entfallen zu sein - weil sie womöglich schon überschritten wurde? Die echten Zahlen der Migranten kennt ohnehin nicht einmal mehr das BAMF. Hat jemand in jüngerer Zeit etwas davon gehört, was daraus geworden ist, dass die Kanzlerin die „Rückführung abgelehnter Asylbewerber“ zur nationalen Aufgabe erklärt hatte?

Was ist eigentlich aus dem Versprechen des Obersparfinanzministers geworden, ohne die Mittäterschaft des Internationalen Währungsfonds kein Geld mehr in die Ägäis zu versenken? Er meint sicher: „Man darf sich doch wohl mal versprechen.“

Weiß noch irgendwer, wie erfolgreich die Vorreiterschaft bei der Energiewende ist und wieviel Prozent Kohlendioxid-Einsparung die vielen Milliarden der Stromkunden und Steuerzahler eingebracht haben? Was macht eigentlich der Altmaier? Hat sich der Obervorreiter womöglich vergaloppiert und ist dabei außer Sicht geraten?

Man könnte im Wahlkampf auch noch die kleinen Elefantenbabys thematisieren. Zum Beispiel die immer besser werdende innere Sicherheit. Wo ist eigentlich der deutsche Bundeswehr-Syrer? Oder den deutschen Beinahe-Sieg bei der Steuerweltmeisterschaft. Oder die großen Errungenschaften bei den Notreparaturen an der Infrastruktur. Von den Erfolgen der deutschen Außenpolitik und ihrer Diplomaten gar nicht zu reden, die dazu geführt haben, dass Deutschland förmlich von Feinden umzingelt ist. Viel Feind, viel Ehr?

Ein echter Unbeliebtheitswettbewerb

Koalitionsaussagen werden gemieden, wie der Teufel das Weihwasser. Weil wohl allen Kandidaten klar ist, dass die Konkurrenten der anderen Parteien noch unbeliebter sind,als sie selber. Wer möchte sich denn mit solchen Unsympathen vor der Wahl kontaminieren?

Die Zuschauer beim Wrestling haben‘s gut, sie wissen wenigstens um die Verarsche und haben trotzdem ihr Vergnügen. Weil Zuschauer beim Wrestling eben nicht sehr wählerisch sind. Aber offensichtlich sind die Leute genauso wenig wählerisch, wenn es ans echte Wählen geht, zumindest wenn man den Umfragen noch irgendwie glaubt.

Und noch eines aus französischer Sicht: die Lichtgestalt Macron kommt recht attraktiv daher, besonders für Schwiegermütter. Aber der französische Schöne wird Geld brauchen, um weiter zu strahlen. Und er wird es bekommen, aus deutscher Urangst vor den Konservativen. Und weil natürlich der Elefant der Vergemeinschaftung der Schulden von den Pleitestaaten im Wahlkampf nicht sichtbar werden darf.

Macron will den französischen Sozialismus weiter aufbauen, mit deutschem Geld. Haben Sie schon mal etwas von „Cheque dejeuner“, „Cheque cinema“ oder gar „Cheque vacances“ gehört? Das gibt es alles in Deutschlands wunderbarem Nachbarland. Wenn eine französische Firma keine eigene Kantine hat, bekommt jeder Angestellte einen Cheque dejeuner täglich. Damit kann man fast umsonst in jeder Brasserie Mittag essen gehen. Oder ins Kino, oder Urlaub machen. Der deutsche Steuerzahler wird wohl den netten Süd-Lebemännern gern einen kleinen Schuldenerlass gewähren - nach der Wahl. Darauf einen Schampus Veuve Clicquot, natürlich bezahlt mit einem cheque dejeuner.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost

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Volker greve / 28.06.2017

In der Wahlkabine gibt es keine Überwachungskamera. Überwinde den Anpassungsdruck in Deinem Kopf und lass die oppositionelle Sau raus. Es wird Dir gut tun und Du wirst Dich ungeahnt frei fühlen.

Allan Foster / 27.06.2017

Was könnte man laut lachen, wenn das alles nicht so Traurig wäre.

Matthias Braun / 27.06.2017

Politik und Wrestling Gemeinsamkeiten: “Die Darsteller wirken aufgeblasen und der(Wahl) Kampf ist reine Show.”

Burkhart Berthold / 27.06.2017

Ganz Gallien ist besetzt. Ganz Gallien?

Klaus Wenzel / 27.06.2017

Guten Tag, unter den vielen Aspekten, welche Historiker dereinst zur Ära Merkel bemerken werden, ist die Entpolitisierung der Öffentlichkeit sicher ein fester Bestandteil. Allerdings scheinen Merkel und die anderen Parteien damit das Gefühl der Wähler, die Sehnsucht nach Bestand des Wohlstandes und der Wunsch nach Kontinuität des Alltags, trefflich zu bedienen. Selbstredend sind die eigentlichen drängenden Themen - Europäische Union, der Euro, wachsende Schulden, ungebremste Zuwanderung, Ausweitung des deutschen Sozialstaates auf nahezu jeden Erdenbewohner, wieviele und welche Zuwanderung des Land eigentlich benötigt oder verkraftet - tabuisiert. Die einstmals kritischen Intellektuellen sind entweder verstummt oder Teil der Arrivierten. Die Medien erfüllen ihre Rolle. Der Bürger ahnt’s, aber lässt es sich gefallen in der Hoffnung auf ein Weiter-So. Dies wird möglicherweise aber bereits mittelfristig nicht mehr möglich sein. Wie schnell der Wandel kommt, erleben wir seit 2015 nicht nur im Straßenbild deutscher Innenstädte, sondern auch in machtvollen Demonstrationen etwa türkischer Politiker in unserem Lande.  Leider findet sich keine moralische Instanz, die eine politische Debatte herbei zu führen in der Lage wäre.

Immo Sennewald / 27.06.2017

Das ist eine pointierte Zusammenfassung des status quo. Und der deutsche Wähler folgt dem Beispiel seiner Kanzlerin: Irgendwie würde er gern zwischen Pest und Cholera, an deren Ausbreitung er durch frühere Wahlentscheidungen nicht unbeteiligt ist, hindurchlavieren. Der alte DDR-Spruch “Privat geht vor Katastrophe” funktioniert ebenso wie die forschere Variante “Wenn jeder jeden bescheißt, kommt keinem was weg.” Auf Letztere vertrauen vor allem den Balkan oder das Mittelmeer Durchquerende ebenso wie ihre Schlepper, hilfreiche Organisationen mit moralischem Absolutheitsanspruch, Statistiker und das BAMF sowie die Fürsorgeindustrie. Was dabei herauskommt? Große Zeiten.

gerrit Hünxe / 27.06.2017

Super Artikel ! Danke !

Karla Kuhn / 27.06.2017

“Was auf den Nägeln brennt, darf auf keinen Fall thematisiert werden”  Ist doch klar, nix, hören, nix sehen, nix reden, gibt es auch ein richtig passendes Bild davon. Das ist wie die Ruhe vor dem Sturm, unglaublich. Nur mit vielen Wählern rechnen die nicht. Denn viele informieren sich anderweitig. Und das ist gut so.

Werner Arning / 27.06.2017

Herr Haferburg, Sie beschreiben die Lage absolut zutreffend. Ein Problem, so groß wie ein Elefant steht mitten im Wohnzimmer und die Anwesenden diskutieren über die neuen Gardinen und das Muster der Tapete. Denn eigentlich scheint es ihnen nur darauf anzukommen, ein möglichst großes Stück vom Kuchen abzubekommen, welcher später serviert wird.

Erwin Gabriel / 27.06.2017

Und ewig grüßt das Murmeltier

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