Eine Waffenruhe bedeutet im islamischen Verständnis nicht zwangsläufig Frieden, sondern oft nur eine taktische Unterbrechung. Der Begriff „Hudna“ beschreibt genau das: eine befristete Pause, bis der Kampf unter günstigeren Voraussetzungen weitergeführt werden kann. Gerade deshalb wäre es gefährlich, die aktuelle Waffenruhe mit dem Iran als Frieden oder gar als Lösung zu missverstehen. Vielmehr ist sie ein Zeichen dafür, dass das Regime unter massiven Druck geraten ist, nicht jedoch, dass die Bedrohung verschwunden wäre.
Donald Trumps Kurs wirkt wie so oft widersprüchlich. Einerseits stellte er Teheran Ultimaten, drohte mit massiver Eskalation und Vernichtung, sollte sich der Iran nicht beugen. Andererseits drängt er nun auf eine zweiwöchige Feuerpause, die an die Wiedereröffnung der Straße von Hormus und weitere Gespräche gekoppelt ist. Das Problem dabei ist offensichtlich: Trump behandelt eine ideologische und militärische Konfrontation von historischer Tragweite einmal mehr wie ein Geschäft, das mit maximalem Druck begonnen und dann mit einem überraschenden Deal eingefroren werden kann. Das mag nach Entschlossenheit aussehen. In Wahrheit birgt es jedoch die Gefahr, dass ein angeschlagenes Regime genau die Zeit erhält, die es für eine Neuordnung, Schadensbegrenzung und politische Rettung benötigt.
Benjamin Netanjahu verdient in einem wichtigen Punkt ausdrücklich Anerkennung. Laut Berichten aus Israel warnte er Trump davor, ausgerechnet jetzt einer Waffenruhe zuzustimmen. Wer das iranische Regime lange genug beobachtet hat, weiß, dass Pausen in Teheran selten als Schritt zur wirklichen Mäßigung verstanden werden. Sie werden eher genutzt, um Kräfte zu sammeln und die nächste Phase vorzubereiten. Netanjahu hat hier offenbar klarer gesehen als Trump.
Das iranische Volk bleibt in den Händen der Mullahs
Doch auch wenn Israel militärisch bemerkenswerte Erfolge erzielt hat, sind nicht alle Kriegsziele erreicht. In Israel gab es bereits Kritik, da der Iran das Uran im Land behält, das Regime intakt bleibt und zentrale Fragen ungelöst sind. Genau das wird für Netanjahu nun zum innenpolitischen Problem. Viele Israelis werden sich fragen, warum eine Pause akzeptiert wurde, obwohl die Bedrohung nicht beseitigt ist. Es reicht nicht aus, dass Teheran unter Druck geraten ist. Entscheidend wäre gewesen, ob das Mullah-Regime dauerhaft an seinen nuklearen Ambitionen, seiner Raketenfähigkeit und seiner regionalen Destabilisierung gehindert wird. Davon kann bisher keine Rede sein.
Hinzu kommt eine zweite, sehr unangenehme Wahrheit. Viele haben gehofft, dass der äußere militärische Druck endlich auch im Iran etwas auslösen würde. Diese Hoffnung hat sich bislang nicht erfüllt. Die Erwartungen an einen baldigen Zusammenbruch des Regimes sind deutlich gesunken. Die Aussicht auf einen Aufstand gegen die Mullahs wird als immer unwahrscheinlicher beschrieben. Das ist vielleicht der schmerzhafteste Punkt überhaupt. Viele Menschen verbanden mit einem Sturz des Regimes die Hoffnung, dass die Iraner sich selbst von einem islamistischen Unterdrückungssystem befreien könnten, das sie seit Jahrzehnten terrorisiert. Diese Hoffnung scheint vorerst nicht erfüllt zu werden. Das Regime ist zwar geschwächt, aber noch immer an der Macht. Und das iranische Volk bleibt weiterhin in den Händen jener, die die Freiheit, Würde und Zukunft des Landes seit Jahren zerstören.
Beschämend ist zudem das Versagen Europas und das schulmeisterliche Gehabe der Schweiz. Während sich Israel gegen ein Regime verteidigt, das offen seine Vernichtung anstrebt, beschränkt sich Europa auf Appelle, Mahnungen und Sonntagsreden. Besonders peinlich ist die erneute Einmischung der Schweiz in israelische Angelegenheiten. So lud das EDA (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten, „Schweizer Außenministerium“, Anm. d. Red.) den israelischen Botschafter wegen des Gesetzes zur Ausweitung der Todesstrafe für Terroristen zu einer diplomatischen Intervention ein. Gerade in einem Moment, in dem Israel unter massivem Druck durch den Iran und seine Terrororganisationen steht, zeigt sich die politische Selbstüberschätzung gewisser Kreise der Schweizer Politik und Verwaltung. Es ist leicht, Israel von außen zu belehren. Die Bedrohung, die Angst und die Konsequenzen tragen jedoch nicht Europa oder die Schweiz, sondern die Menschen in Israel.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Audiatur Online.
@Ben Salomon, „So und Herr Autor: Der wirklich gut recherchierten Beitrag von R. Letsch von gestern hier gelesen und auch verstanden ? Also dann aber flott nachholen!“ –
Und trüge der Persische Golf nicht „Golf“ im Namen, kein Trump hätte sich je für ihn interessiert.
Verstanden?
@P. F. Hilker, „Plötzlich stellte die amerikanische Bevölkerung und vor allem Europa sich gegen Trump, der politische Druck nahm zu. Das ist nicht Trumps Schuld.“ –
Wo lebten Sie gestern? Trump hat am 7.4. um 08:06 (Ortszeit) gepostet, eine Zivilisation würde heute Nacht sterben, und rund zehn Stunden später um 18:32, dass alle militärischen Ziele erreicht und sogar übertroffen seien und der nachhaltige Frieden in Nahost zum Greifen nah sei. Zwischen diesen beiden Posts hat er 30 andere Posts (MAGA Wahlwerbung und pharmazeutische Werbung für TrumpRx) abgesetzt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er in der Zeit die Meinung der amerikanischen Bevölkerung oder Europas konsumiert hat.
„Gefahr, dass ein angeschlagenes Regime genau die Zeit erhält, die es für eine Neuordnung, Schadensbegrenzung und politische Rettung benötigt.“ Zugleich ließe sich diese Pause von den USA und Israel dazu nutzen, statt der großmäulig angekündigten völligen Zerstörung der iranischen Zivilisation, was zu Recht viel Ablehnung hervorgerufen hat, konkret die völlige Zerstörung des iranischen Zugriffs auf die Straße von Hormus vorzubereiten.
Ob Krieg hier eine Lösung ist? Ich bezweifle das mit 60 Jahren Nahost Erfahrung.
Ich verstehe den Artikel nicht. Ich verstand auch den Bericht der Redaktion heute Mittag nicht ganz. Der Golf-Anrainer-Krieg ist, wie der Ukraine-Krieg, ein Wirtschaftskrieg, der keine militärischen Lösungen sucht. Jeder Militär weiß, es ist nicht möglich Saudi-Arabien oder den Iran zu okkupieren. Und reine Kriege aus der Luft wurden noch nie militärisch gewonnen. Es geht also nur darum, militärische Einrichtungen & Infrastruktur, also Business zu zerstören. Heute ging es darum, daß 120 Techniker von Rosatom nachhause fliegen können. Es sind mutmaßlich ein paar tausend Russische Offiziere a. D. im Iran, die seit längerem die Dezentralisierung des Iranischen Militärs betreiben. Und keiner kann alle Bunker im Zagrosgebirge platt machen. Die USA, Israel & Rußland brauchen keinen Sprit vom Golf, Europa & China schon. Das Geschäftsmodel aller Golf-Anrainer wird platt gemacht. Das erhöht den Druck im Kessel ungemein. Das alte Mullah-Regime wurde einen Kopf kürzer gemacht & das neue Regime muß sich erst politisch kalibrieren. Wer weiß schon, wie das ausgeht? Nur, weil die Exil-Iraner nicht zum Zuge kommen? Pech gehabt, hätten sich halt nicht verpissen dürfen. Die USA haben sich nur insofern verkalkuliert, daß sie die Russen nicht in Betracht gezogen hatten. Jetzt revanchiert sich Rußland, in dem es dem Iran die Zielkoordinaten preisgibt. Hätten sich die Kuhtreiber eben im Ukraine-Krieg beherrschen müssen. Außerdem kristallisiert sich jetzt der industrie-politische Konflikt in den USA. Jahrzehnte zu wenige & zu teure Waffen in einer oligarchisch-sozialistischen Rüstungspolitik. Trump kann seiner Industrie vorhalten, daß sie versagt & die Rüstungsausgaben zukünftig an Thiel, Schmidt & Musk gehen. Ohne Munition ist die beste Superfregatte ohne Wert. Und man kann auf Dauer keine Schrottdrohnen mit Mio. teuren Abwehrwaffen bekämpfen. Das bedeutet die Niederlage im militärischen Wirtschaftskrieg.
Laut Marinefraffic geht in der Straße von Hormuz immer noch wenig bis gar nichts. Sehr seltsam, oder?
„Bernd Gottschalk / 08.04.2026
…das bitterste., dass die Bevölkerung weiter unter Mullahs leben muss ??….ich glaube eher absolut glücklich, dass die geplante Auslöschung aller Iraner durch die USA und Israelis vorerst verschoben ist..“ – Das könnte daran gelegen habe, daß Chinesen und Russen sehr deutlich gemacht haben, wessen Auslöschung dann die Nächste sein wird.