Gunter Weißgerber / 19.08.2017 / 06:12 / Foto: Lowdown / 36 / Seite ausdrucken

Wählen aus Mitleid?

Wählen aus Mitleid? Mitleid mit wem? Mit einer Partei? Mit der Bundesrepublik? Mit der EU? Oder gar aus Selbstmitleid? Kann Mitleid überhaupt ein Grund sein, das Wahlrecht wahrzunehmen, auch wenn einfach nicht klar ist, wem das Land und seine Bevölkerung anzuvertrauen ist?

Diese Fragen mögen absonderlich klingen, zumal, wenn sie jemand aufschreibt, der vor fast drei Jahrzehnten erstmals frei wählen konnte und dem diese freien Wahlen noch immer heilig sind. Ganz klar ist nur, Links- und Rechtsaußen und deren Varianten sind no-go-areas.  Für diese Truppen sind weder meine Freunde noch ich 1989 auf die Straße gegangen. Aber damit bin ich überhaupt noch nicht schlauer, was meine eigene Wahl am 24. September 2017 angeht.

Die Partei meiner Sehnsucht war die SPD schon, als ich DDR-Insasse war. Für sie durfte ich sogar 19 Jahre im Bundestag sein. Das macht es mir unheimlich schwer, sie nicht zu wählen. Doch warum denke ich überhaupt darüber nach, „meine“ Partei nicht zu wählen? Den Spitzenkandidaten mag ich. Ich mag auch sehr viele Mitglieder, darunter viele frühere Kollegen. Doch was soll ich mit „meiner“ SPD anfangen, wenn diese so tut als wäre diese Bundesrepublik nicht auch durch ihre Schuld vor zwei Jahren mitsamt der EU beinahe den Bach runtergegangen. Der Bundestag schickte die fahrlässige Kanzlerin nicht in die Wüste, er stellte die Frau ja nicht einmal zur Rede!

Der böse Ungar Viktor Orbán, die Österreicher und die Balkanstaaten haben ihr und unser Fell vorerst gerettet. Sie werden dafür – was unter Freunden eine besonders perfide Niedertracht ist – ständig öffentlich angeprangert und zwar nur sie. Die ebenso bockigen Westeuropäer werden stattdessen geschont.

Göttlichkeit menschlicher Grenzwerte?

Wer Millionen Angehörige einer grundsätzlich anders strukturierten Gesellschaft auf einen Schlag in den eigenen Kulturkreis einlädt, der verändert diesen selbstverständlich. Wer den Orient reinholt, der bekommt ihn auch mit all seinen Schattenseiten. Das scheint auch nicht mehr reparabel. Wer sollte das tun, wenn alle, die im Wahlkampf um Mandate werben, am schwierigsten Problem überhaupt konsequent vorbei reden. Wie feige sind die staatstragenden Parteien eigentlich geworden?

Sozialer Ausgleich, wirtschaftlicher Fortschritt, Forschung und Bildung, das sind alles wichtige Themen. Die Parteien, auch gerade die SPD, bieten ihre Wege und Prioritäten hierzu an. Doch für viele Wähler stellen sich die Fragen ganz anders. In welchem Rahmen wird sich diese Politik bewegen? Ein Europa ohne sichere Außengrenzen wird weder die innereuropäischen noch die außereuropäischen Probleme lösen können. Ein ungesichertes Europa, dass wegen eintretender Überforderung den Sozialstaatsgedanken aufgeben muss, ein kollabierendes Europa wird überhaupt niemandem mehr auf der Welt helfen können.

Auch dass die deutsche Automobilindustrie nun zum Feindbild aller politischen Verantwortungsträger zu werden scheint, macht mich ratlos und wütend. Der zelebrierte Glaube an die Göttlichkeit der von Menschen festgelegten Grenzwerte, die ohne Rücksicht auf physikalische Gesetze par ordre di mufti  festgesetzt wurden, ist irrwitzig.

Die Grenzwert-Willkür trifft natürlich nicht nur Autos. Ein aktuelles Beispiel Meissener Porzellan. Bis auf den Leipziger SPD-Bundestagskandidaten Jens Katzek höre ich keine politischen Stimmen, die sich öffentlich gegen die drohende Gefahr für diese weltberühmte sächsische Porzellanmanufaktur stellen. Die EU will der Firma an den Kragen. Weil Meissener Porzellan Farben verwendet, die in größeren Mengen der Gesundheit abträglich sein sollen. Wohlgemerkt Meissener Porzellan, welches in aller Regel als wertvolles Schmuckstück in den Vitrinen steht. Wo sind die Wahlkämpfer, die sich hier wehren? Darf das Dandy-Europa des Herrn Juncker wirklich alles oder bestimmen die gewählten Regierungen, wer und was Europa ausmacht?

Ich weiß, mit einer Stimme bei der Wahl werde ich den Wahnsinn nicht stoppen. Es scheint egal zu sein, ob die grünangezogene CDU-Tante die Wahl gewinnt oder der von mir geschätzte Martin Schulz. Die wollen alle weiterhin denselben Unfug mit uns machen.

Zahlen für eine grüne Oberschicht?

War die FDP vor kurzem noch für viele meiner Freunde das kleinste Übel unter allen Herausforderungen, so hat Herr Lindner seine Partei mit seinem Krim-Schlag von vielen kleinen Sympathien befreit. Anderer Leute Land verschenken, ist das frei und liberal? Soll ich nun aus Mitleid wählen? So tun, als würde es mich beeindrucken, dass die Union so tut, als ob sie was aus 2015 gelernt hätte, und die SPD so tut, als ob sie aus 2015 nichts zu lernen hätte?

Aus der staatsozialististischen Energiewende lernen beide nichts, obwohl beide wissen, den Unfug zahlen die Klein- und Normalverdiener dieser Republik zugunsten der neuen grünen Oberschicht. Gegen „Deutschland ins vorindustrielle Zeitalter zurück“ stehen beide Parteien nicht auf und präsentieren statt dessen sozialistische Wirtschaftspolitik mit politisch geplanten Quoten.

Ich werde am 24. September wählen gehen. Damit die Ränder rechts wie links keine Chance bekommen können. Hoffe ich jedenfalls. Ob ich SPD wählen werde, das steht heute noch in den Sternen. Noch hat Martin Schulz Zeit, nicht nur mir, sondern sehr vielen Sozis in- und außerhalb der SPD zu zeigen, dass er etwas verstanden hat. Das ist nämlich überhaupt noch nicht klar.

Warum fällt er beispielsweise Frau Özuguz nicht ins Wort, wenn sie Heimaturlaub von „Flüchtlingen“ befürwortet? Wie verschoben sind eigentlich die diesbezüglichen Maßstäbe in der Bundesrepublik? Merken wir noch, wie lächerlich wir uns innerdeutsch und weltöffentlich machen?

Warum schreibe ich das hier alles öffentlich auf? Weil es viele Mitbürger der gesellschaftlichen Mitte gibt, denen es sehr ähnlich geht und die aus welchen Gründen auch immer, sich nicht zu Wort melden. Ich für meinen Teil halte es für meine staatsbürgerliche Pflicht, mich so zu äußern, wie ich es tue. Unsere Fesseln sprengten wir 1989 nicht, damit andere sie uns wieder anlegen.

Gunter Weißgerber ist ehemaliger Bundestagsabgeordneter der SPD (1990 - 2009) und gehörte in der DDR zu den Leipziger Gründungsmitgliedern der Partei.

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Jean Pirard / 19.08.2017

Sie vermissen die politische Mitte, Herr Weißgerber! Durch den allgemeinen unguten Linksrutsch der Parteien der Mitte müssen Sie ihn Richtung rechtem Rand suchen. Was glauben Sie, wem Sie dort alles begegnen werden!

Stefan Lanz / 19.08.2017

Tja, dann machen Sie halt weiter wie bisher und wählen irgendwas, das nicht Blau ist… Aber bitte, dann beschweren Sie sich nicht mehr.

Helmut Kogelberger / 19.08.2017

Ich bewundere den Spagat, einerseits die EU Regulierungswut (Meissen) anzuprangern, aber andererseits den EU Apparatschik Schulz zu “schaetzen”, einerseits die Probleme der Massenmigration zu erkennen und andererseits daraus keine Konsequenz zu ziehen, sondern langatmig und verschwurbelt zu erklaeren, im September ein “Weiter so” waehlen zu wollen. Wohl bekomm’s, Herr Weissgerber

Heinz Bannasch / 19.08.2017

Folgende Denkfehler lassen sich offenbar nicht ausmerzen: Sie haben am 24.09.2017 keinesfalls die Möglichkeit eine neue Regierung zu legitimieren, sondern Sie haben lediglich die Chance eine schlechte Regierung abzustrafen. Demokratie ist keine Volksherrschaft sondern ein Volksgericht. (Karl Popper)

Detlef Wilke / 19.08.2017

Lieber Herr Weißgerber, Ihre persönliche Wahlentscheidung ist dem Demokraten heilig. Daß man das überhaupt zum Ausdruck bringen muß, zeigt schon den ganzen Umfang des Verfalls. Auch eine gewisse Restsolidarität mit Ihrer Partei, der SPD, finde ich ganz normal, das ehrt Sie. Ich bin mir aber sicher, daß viele “Mitbürger der gesellschaftlichen Mitte” angesichts der Zustände, die Sie immer wieder zurecht anprangern, diesmal etwas großzügiger mit ihrer Einschätzung der Wählbarkeit von “Links- und Rechtsaußen und deren Varianten” sein werden. Und zwar mangels Alternativen. Die sehen Sie ja erklärtermaßen auch nicht. Die Varianten, die Sie als no-go-areas bezeichnen, nenne ich suboptimal und optimierungsbedürftig. Ich habe auch eine Idee, wie man ohne diese Varianten auskäme. Dazu müßte die verlassene Mitte von den Vertretern der etablierten Parteien zurückerobert werden. Dem steht aber Fraktionszwang, Besitzstandswahrung und - nennen wir es doch beim Namen - kollektive Feigheit entgegen. Deshalb sind die Varianten derzeit so “alternativlos”.

Thomas Rießinger / 19.08.2017

“Noch hat Martin Schulz Zeit, nicht nur mir, sondern sehr vielen Sozis in- und außerhalb der SPD zu zeigen, dass er etwas verstanden hat. Das ist nämlich überhaupt noch nicht klar.” Doch, das ist völlig klar. Martin Schulz hat nur verstanden, dass er einen neuen Posten braucht, und sonst gar nichts.

Stine Bading / 19.08.2017

Hallo Herr Weißgerber, geht mir absolut genauso! Allerdings habe ich mich, nachdem ich mir diverse Wahlprogramme angesehen habe, für die FDP entschieden. Ich hoffe, dass die so stark werden, dass sie entweder eine gute Oppositionsarbeit leisten, oder aber die CDU /CSU in ihren Allmachtverhalten ausbremsen können. Mit dem “Krim- Schlag” hat Herr Lindner nach meiner Einschätzung nur geäußert, was die amtierenden Politiker eh schon händeln. Freundliche Grüße

David Sohn / 19.08.2017

OmG, natürlich werden Sie wählen und zwar eine Merkel Support Partei. Das werden vermutlich 80% der Deutschen tun. Und damit wird mal wieder eine Chance vergeben etwas zu verändern. Es kommt DDR 2.0. Sollten Sie eigentlich besser spüren als wir Wessis.

S.Schleitzer / 19.08.2017

So ein langer Text, um am Ende zu sagen “Wenn Herr Schulz mir in den nächsten 4 Wochen noch ein wenig Honig ums Maul schmiert, dann wähle ich am 24. September SPD”? Das kann nicht Ihr Ernst sein, Herr Weißgerber? Schön, dass Sie sich Gedanken machen, aber wenn Sie zu so einem Ergebnis kommen, dann wählen Sie doch bitte gleich Frau Merkel direkt. Das ist dann wenigstens ehrlich und die neuen “Fesseln” sind einem dann nicht unbekannt.

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