Im Januar 2011 besuchte ich die sogenannte „Qatar Moto Show“, die erste internationale Messe dieser Art in dem Emirat, das im wesentlichen aus Wüste, Gas und Geld besteht. Für arabische Verhältnisse gilt die konstitutionelle Erbmonarchie als „liberal“, man bezeichnet sich als demokratisch, weil die Exekutiv Gewalt demokratisch ausschließlich beim Emir liegt. „Unsere Demokratie“ gehört in Katar der Familie Al Thani. Die Herrschaft wird innerhalb der Al Thanis unter den männlichen Nachkommen vererbt. Man legt auch Wert auf Forschung und Bildung mit einem eigenen „Science & Technologie-Park“ in der Hauptstadt Doha. Und man legt Wert darauf, sein Geld zukunftsfähig anzulegen, ein Attribut, das man eine zeitlang Volkswagen zubilligte.
Wenn der Emir rief, eilte selbst VW-Gottvater Ferdinand Piech beflissen nach Katar – mit großen Teilen des Vorstands und Aufsichtsrates im Schlepptau. Volkswagen legte auf der Autoshow eine ganz große Nummer hin und verhalf dem Ereignis mit einer Weltpremiere zum gewünschten Glanz. Piech präsentierte den VW XL1, das erste Einliterauto der Welt (das sie blöderweise nie gebaut haben), und – der örtlichen Geschmacklage angepasst – einen mit 24karätigem Gold veredelten VW-Tuareg. Die VW-Führungsschicht schwebte in Katar ein, um dem Ereignis die gebührende Ehre zu erweisen, denn die Kataris sind nach der Porsche Holding und dem Land Niedersachsen die größten Anteilseigner an VW (17 Prozent).
Zum abendlichen Bankett ließen Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani und seine Sheika Moza Bint die deutschen Industriegrößen erst einmal warten. Geschlagene eineinhalb Stunden rutschten die auf den weißen Stühlen umher. Erlesene Speisen und Feuerstellen waren für die Gäste im Freien arrangiert. Dies war das erste und letzte Mal, dass ich Ferdinand Piech warten sah. Hätte sich dies einer seiner Spitzenmanager herausgenommen, wäre der mit leiser, aber bestimmter Stimme zusammengefaltet worden wie ein VW-Golf nach dem versetzten Offset-Crash. Mir dämmerte, dass es um sehr, sehr viel Geld gehen musste.
Katar finanziert nicht nur Volkswagen, sondern auch die Hamas
Das Land Katar gilt als gut gutgemanagter Konzern, besser gemanagt übrigens als Volkswagen. Das hängt offenbar mit dem demokratischen Verständnis der Kataris zusammen, bei dem einer entscheidet und die anderen „beraten“ dürfen. So war es einst bei VW unter Heinrich Nordhof und bei Ford unter Henry dem Ersten, später bei Steve Jobs und heute bei Elon Musk. Im Volkswagen-Aufsichtsrat verhalten sich die Katar-Vertreter eher zurückhaltend, jedenfalls solange die Geschäfte gut gehen. Aber das tun sie seit längerem nicht mehr. Das heutige Oberhaupt von Katar heiß Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, der junge Hamad ist ein Sohn vom alten Hamad.
Seit Mai 2025 gehört Mohammed Saif Al-Sowaidi, der Vorstandsvorsitzende der Qatar Investment Authority und Vorsitzende von Qatar Holding, dem Volkswagen-Aufsichtsrat an. Er wurde von der Hauptversammlung mit 98,96 Prozent der abgegebenen Stimmen gewählt, ein Wahlergebnis nach dem Geschmack von Fidel Castro. Daneben gehört mit der ehemalige katarischen Ministerin Hessa Sultan Al Jaber eine weitere katarische Staatsangehörige dem Aufsichtsrat an.
Und die scheinen nun ein Geschäft verhindern zu wollen, das der finanziell klamme Volkswagen-Konzern mit Israel machen möchte. Ein Vertrag über den Kauf des traditionsreichen Volkswagen-Werkes in Osnabrück durch den israelischen Rüstungskonzern und „Iron-Dome“-Produzenten Rafael galt als abgemachte Sache. Das israelische Unternehmen Rafael hat demnach vereinbart, das traditionsreiche Volkswagen-Werk in Osnabrück zu kaufen und es für die Produktion von Komponenten für das „Iron Dome“-Abfangsystem umzurüsten; der von der Bundesregierung Berlin unterstützte Deal sollte 2.300 Arbeitsplätze sichern und die deutsche Rüstungsindustrie stärken. Allerdings nur bis vor ein paar Tagen.
„Katar blockiert VW-Rüstungsdeal mit Israel – womöglich aus ideologischen Gründen“ vermeldet aktuell Die Welt. Weiter heißt es: „Nach Widerstand des VW-Aktionärs Katar will Israel Komponenten für das Raketenabwehrsystem Iron Dome nun offenbar in Indien bauen lassen und nicht im kriselnden VW-Werk in Osnabrück“. Großaktionär Katar ist offenbar nicht willens, eine Kooperation oder ein Joint Venture mit einem israelischen Unternehmen zu billigen. Das berichten aktuell „Bild“-Zeitung und „Handelsblatt“. „Selbst eine indirekte Beteiligung an einer Rüstungskooperation mit Israel wäre (...) für die katarische Regierung schwer zu rechtfertigen“, heißt es im „Handelsblatt“-Bericht weiter. Katar finanziert nämlich nicht nur Volkswagen sondern auch die Hamas, und man kann mit den Taliban fast so gut wie mit Ferdinand Piech.
Eine Spielwiese politischer Ambitionen von Anteilseignern, Gewerkschaften, Landesfürsten und Managern
Volkswagen, ohnehin Staatskonzern in spe, ist damit mitten drin im Gaza- und Nahost-Konflikt, zumal die Bundesregierung und vor allem die Niedersächsische Landesregierung ein großes Interesse an der Erhaltung des VW-Werkes in Osnabrück haben. Und so darf man jetzt zwischen zwei mittleren Katastrophen entscheiden: Die Israel-Connection aufkündigen oder die Katar-Connection? Beides ist teuer, der Verlust des Investors Katar aber vermutlich teurer. Die Antwort für ein nicht-politisches Unternehmen wäre somit relativ einfach. Nicht so für Volkswagen: Ein Verzicht auf das Geschäft mit Israel wäre ein weiterer Sargnagel für die deutsch-israelische Solidarität.
Und rüstungstechnisch sind die Deutschen mittlerweile durchaus auch von Israel abhängig. Das geringste Problem hat Israel, weil es sich die Partner aussuchen kann: Investoren in israelische Rüstungs-Kooperationen stehen Schlange – und so wird bereits ein indischer Standort ins Auge gefasst. Es wird interessant zu sehen sein, welch güldenen Worte der niedersächsische Ministerpräsident und Aufsichtsrat von VW, Olaf Lies (SPD), für das Geschäft oder das Nicht-Geschäft mit Israel finden wird.
Israel, Katar, China, USA, Ungarn – Volkswagen befindet sich nicht nur in einer wirtschaftlichen Schieflage, die zu einem großen Teil hausgemacht oder EU-ideologisch verursacht ist, sondern auch mitten im internationalen politischen Schlachtgetümmel. Das geht anderen Autoherstellern auch so, allerdings sind die nicht im gleichen Maße eine Spielwiese politischer Ambitionen von Anteilseignern, Gewerkschaften, Landesfürsten und von diesen installierten Managern, die es nicht lassen können, sich an der Spitze von Ethik und Weltrettung zu sehen. Rationale wirtschaftliche und technologische Entscheidungen lassen sich unter solchen Bedingungen nur schwer durchsetzen. Der Israel-Katar-Zwist ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie beinahe unmöglich es ist, in diesem Unternehmen überhaupt noch etwas zu bewegen.

Wenigstens steht dann Osnabrück nicht auf der Besuchsliste für die russischen Raketen…..
Gerade noch rechtzeitig haben wir dieser Tage unseren ziemlich neuen VW Polo verkauft, es gab sogar noch einen passablen Preis. VW war mal echt Spitzenklasse in seiner Klasse mit Golf und Polo, aber wenn die Politik das Sagen hat, geht es nur bergab.
Sperrminorität liegt m.W. bei 25% – alles andere ist vorauseilender gehorsam
Wäre ich nicht vollends pleite, ich würde jetzt eine Flasche Schampus köpfen. Auf diesen Artikel habe ich zwölf Jahre gewartet. Deutschland kann keine Geopolitk und seine Bündnisse langfristig strategisch anlegen. Katar ist was? Ein irrsinnig reiches, aber sehr kleines Land ohne eigene Verteidigungsstrukturen. Heißt: Die können nicht gegen die vorherrschenden Stimmung in der Umma des umliegenden islamischen Proletariats Deals mit Israel machen/tolerieren, ohne dass sich 1979 wiederholt. Nur dann in Katar und nicht in Persien. Vermutlich hat der Support Katars für die Hamas dort auch mit seinen Ursprung. Folglich blocken die jetzt den Deal mit Israel, weil Israel und Katar in einer wirtschaftlichen Zweckgemeinschaft vom radikalen islamischen Pöbel nicht akzeptiert wird. Das ist schon problematisch zwischen Saudi-Arabien und Israel, obwohl die USA quasi als Schutzmacht der Saudis auftreten und im Nahen Osten jeden sofort plattmachen, der beiden ins Business spuckt. Also was jetzt? Bäumchen wechsel dich! Wenn VW den Deal mit Israel wirklich will, das wäre in der Tat auch im nationalen Interesse Deutschlands, dann müsste sich Katar aus VW zurückziehen und jemand die Lücke füllen, der diese Anbindung an den Islam nicht hat und auch kein Problem mit Israel. Da fallen mir auf anhieb zwei Entitäten ein die passen und nebenbei die lädierte deutsch-amerikanische Freundschaft auf neue Beine stellen könnten. Der eine ist derart reich, dass der das aus privatem Portemonnaie locker stemmen könnte ohne es zu merken, die andere Entität ebenso. Bei der ersten gäbe es sogar Synergieeffekte wie schon ewig bei Opel und GM, bei der zweitgenannten müsste unser Kanzler mal in Deckung springen, damit das nicht nach Insiderhandel aussieht. Katar könnte dann irgendwo anders andocken, wo es weder verteidigungs- noch systemrelevant ist und mit Israel nichts zu tun hat. Der Deal Israel/Indien sollte davon unberührt bleiben, denn auf zwei Beinen steht man sicherer.
@ F. Hoffmann – „wollen Deutschland und andere europäische Staaten von Israel den Iron Dome.“ – Wofür? Wenn sie Israel unterstützen wollen, können sie das Geld ja spenden. Aber das System zeigt doch gerade, daß es selbst gegen Raketen und Drohnen der Hisbollah „gewisse Schwächen“ hat. Und bei der fortschreitenden Technik wird es „morgen“ eher noch weniger funktionieren. Und dafür sollen Milliarden deutschen Steuergeldes verballert werden? Gleiches gilt im übrigen umso mehr für die „US Patriots“.
Das Problem ist wohl eher, daß Vorstände und Aufsichtsräte sich nicht eingestehen wollen, den falschen Mann an die Spitze gehieft zu haben. Das schönste Beispiel war doch Bayers Baumann, der Mann mit dem Monsantotic. 2016 Vorstandsvorsitzender geworden und sogleich den unglaublichen Deal eingefädelt, 2019 dafür nicht entlastet, aber vom Aufsichtsrat im Amt gehalten, bevor er dann freiwillig 2023 ging. Nun ja, wenn unsere Großkonzerne nicht selbst korrigieren wollen, was bei ihnen faul ist, dann wird das der heilige Markt tun.
„V“ steht zwar für Volk, wird aber nicht gesagt, welches. Vielleicht wird auch das palästinensche Volk gemeint.