Als AWM (alter weißer Mann) habe ich das Privileg, mich mit nostalgischer Freude an eine Kindheit zu erinnern, die dem grünen Zeitgeist eigentlich als paradiesisch erscheinen sollte. Wieso? Hier sind ein paar Erinnerungsstücke.
Ich erinnere mich, wie wir mitten auf der Hektorstraße Völkerball gespielt haben. Alle zehn Minuten kam mal ein Opel Blitz über das Kopfsteinpflaster heran getuckert. Dann gingen wir gemütlich zur Seite und setzten nach der kurzen Unterbrechung unser Spiel wieder fort. Der Opel Blitz war zwar nicht blitzsauber, aber er war so selten, dass unsere Hektorstraße jeden Ökotest mit Bravour bestanden hätte. (Heute würden wir aus Gründen der politischen Korrektheit wohl nicht mehr kriegerisches Völkerball mit dem Ball als Wurfgeschoss spielen. Allenfalls Völkerverständigungsball. Sieger ist, wer mit dem Ball die wenigsten Spieler trifft.)
Auch nebenan in der Rüttenscheider Straße, die eine Durchgangsstraße war, schauten wir nur routinemäßig nach links und rechts, ehe wir auf die andere Straßenseite wechselten. Selbst hier hatten DKW und Borgward Seltenheitswert. Es war eine autoarme Welt, der grüne Traum schlechthin.
Meine Oma konnte mit ihren 60 Jahren zwischen den kaum vorhandenen Autos gefahrlos den weiten Weg in die Innenstadt radeln. Einen Radweg brauchte sie nicht. Nur auf die Straßenbahnschienen musste sie achten. Die Straßenbahn, die damals noch nicht den schönen Namen ÖPNV trug, war neben dem Radl die Herrscherin der Straße. Frauen mit schweren Einkaufstaschen fuhren geduldig mit der Bahn nach Hause. Oder sie schleppten sich und ihre Taschen zu Fuß heim. Traumhaft.
Ach, wie grün waren jene Tage. Kaum Autos, fast nur Radler und Straßenbahn.
Das ökologisch wertvolle Radeln müsste natürlich an die heutige Zeit angepasst werden. Mir schwebt ein Bild vor Augen wie im China der Mao-Jahre: Millionen Radler beherrschten das Stadtbild Pekings. Das war zwar nicht ökologisch gemeint, aber eben doch ein wunderbarer Beitrag zur Rettung des Klimas, das damals allerdings noch nicht auf der Rettungsliste stand.
Ökologisch wertvoller Bananenverzicht
Sollte uns die Radl-Pekingisierung unserer Städte gelingen, so versteht es sich von selbst, dass wir als lebendige Demokratie den Restautofahrern links und rechts der Fahrbahn Autowege einrichten. Das sollte kein Problem sein. Man müsste die jetzigen Radwege ja nur ein bisschen verbreitern.
In der nach Hause geschleppten Einkaufstasche herrschte pure Ökologie. Fast nur Produkte aus der näheren Umgebung. Keine Bananen, die mit umweltfeindlichen Flugzeugen zu uns gebracht wurden. In der DDR hat man lange am ökologisch wertvollen Bananenverzicht festgehalten. Der rücksichtslose Kapitalismus hingegen hat bei den einfliegenden Bananen nicht halt gemacht. Längst verpesten reisende Ananas, Lichys, Kumquats und Kokosnüsse unser aller Himmel.
Das war damals doch ganz anders. Wir aßen Äpfel, Birnen, Erdbeeren und Schwarzwurzeln aus der näheren Heimat. Keine langen, umweltschädlichen Transportwege, über die uns heute Lamm aus Neuseeland und Rindersteak aus Argentinien erreichen. Unser heimischer Schweinebraten konnte alle zwei Wochen mit gutem Gewissen verspeist werden. Mit gutem Gewissen auch deshalb, weil das leckere Schwein unter freiem Himmel ein kurzes, aber fröhlich grunzendes Leben genießen konnte. Das trug damals noch nicht den Namen „ökologisch“, sondern war es einfach nur so.
Auch mit den in ferner Sklaven- und Kinderarbeit hergestellten Jeans mussten wir uns damals nicht herumschlagen. Unsere Lederhose war nicht nur optisch heimatverbunden. Sie umgab ohne aufwändige Logistik, die damals auch noch nicht so hieß, unseren Unterleib. Die Lederhose erfüllte zwar nicht die strengen Auflagen veganer Textilien von heute, aber sie hielt ewig, was sie umweltstrategisch besonders wertvoll machte.
Auch die Milch konnte grüner nicht sein. Wenn ich mit leerer Kanne zum Milchmann ging, schüttete er mir die gewünschten eineinhalb Liter aus einem größeren Gefäß ein und basta. Keine Chemie, kein gar nichts. Die Milch ließ sich sogar zu Buttermilch schlagen, so unverdorben war sie. Sie kam sozusagen kuhwarm auf den Tisch. Grüner geht ja wohl nicht. Auch das Sauerkraut kam unverpackt in den mitgebrachten Behälter, duftete auf dem Heimweg mehr oder weniger verlockend und ahnte – wie die unverhüllte Milch – nichts von der heraufziehenden Verpackungsmüll-Katastrophe.
Man holte schließlich alles bei Tante Emma. Kein Supermarkt mit einlullender Fahrstuhlmusik und massenhaft Waren aus den fernsten Winkeln der Welt. Stattdessen eine grantige Verkäuferin hinter der Theke, die die Bestellung ignorierte, mit den Worten: „Darf's auch ein bisschen mehr sein?“ Und im Hosengeschäft wurde noch ordentlich der Innenschritt gemessen, ein Privileg, das sich heute nur noch die Wohlhabenden beim Maßschneider leisten können.
Wer etwas wissen wollte, schlug im Brockhaus nach
Soll ich den bedenklichen Energieverbrauch durch Smartphones, Computer und Fernseher (und, o Himmel, E-Autos) noch erwähnen? Warum nicht. Gab's alles nicht. Wer etwas wissen wollte, schlug im Brockhaus nach. Wer jemanden treffen wollte, verabredete und fand sich ohne ständige Zwischen-Infos, an welcher Straßenecke wer sich gerade befand. Es war eine fantastisch grüne Energie-Einsparung, von der man allerdings nicht wusste, dass es eine war.
Das gleiche gilt für die nicht vorhandene Flugreise-Flut nach Thailand und Domrep. Es reichten die Verlockungen der Adria, die damals noch kein italienischer Ballermann war, aber mit glutäugigen Südländern diente, dass den Damen aus dem Norden das Herz höher schlug. Die transalpine Reise war auch noch nicht der Menschen-Tsunami von heute. Die österreichischen Landstraßen mussten nicht gesperrt werden. Den meisten Leuten genügten Bayern, Schwarzwald, Nord- und Ostsee. Selbst Balkonien war ein anerkanntes Urlaubsziel. Es herrschte idealgrüne Bescheidenheit bei den Wählern. Man nahm hin, dass nur die großen Tiere die weite Welt erreichten – auch das ein unausgesprochener grüner Traum. Adenauer zog es ganz schön frech, aber doch noch maßvoll zum Bocciaspielen nach Cadenabbia am Lago di Como.
Als Tierfreund möchte ich abschließend noch darauf hinweisen, dass die Straßen auch für wandernde Kröten fast bombensicher waren. Hätte einer damals Kröten „händisch“ über die nahezu autofreien Straßen getragen, er wäre unter psychiatrische Beobachtung gekommen. So grün war damals noch das Krötenleben.
Kurz und gut: Mir scheint, meine nostalgischen Kindheitserinnerungen haben eine erstaunlich große Schnittfläche mit dem grünen Zeitgeist von heute. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es geht vorwärts in die Vergangenheit. Ein Traum. Ein kindischer vielleicht, aber ein verlockender. Da ergreift so manchen, der mit seinem 280-PS-SUV zum Wahllokal brettert, eine Sehnsucht, die „back to the fifties“ heißt.
Beitragsbild: Deutsche Fotothek CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons

Ja, das war auch meine Kindheit. Milch aus der Kanne, Sauerkraut und Gurken lose aus dem Holzfass, Erdbeeren im Strohkorb, direkt vom Feld und die Brötchen vom Bäcker gleich lose in's mitgebrachte Einkaufsnetz geschüttet. Dann gab es noch kostenlos ein paar Kuchenrandstücke (Kuchenräder) dazu. Im "Bonbonladen" drehte die nette Verkäuferin eine Papiertüte und hinein kamen lose Bonbons, Gummischlangen/Bärchen, oder Nuss-Schokoladen-Bruch. Im Kurzwaren-Laden gab es Stricknadeln noch einzeln und Meterware an Gummibändern. Wenn der an der Unterhose mal ausgeleiert war wurde ein neuer Gummi eingezogen. Im Fernsehen gab es noch das Testbild mit Dauerton, Mittagspause und Sendeschluss. Wenig Autoverkehr auf den Straßen, keine Laubbläser und sonstige "Radaumacher" und viel mehr Ruhe als heute. Die Zeit war sehr entschleunigt. Nur der Strom, der kam damals auch schon aus der Steckdose, obwohl es noch keine Grünen gab. Wurde der etwa heimlich im Netz gespeichert? Sehr verdächtig!
Wegen unsäglicher Hygiene-Vorschriften ging das Milch-Holen beim Bauern kaputt, wegen Versicherungsvorschriften das Spielen auf der Straße/Umgebung erkunden und überhaupt alles, was Kindern in den Sinn kam. In meiner Erinnerung änderte sich alles so ab den 80er Jahren, als die Grünen auftauchten und meinten, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gegessen. Ab dann hatte das Leben nach grüner Vorschrift zu verlaufen. Ist überspitzt formuliert, aber so kommt es mir vor. Damals begann man nach den Umweltsündern zu suchen und wurde hauptsächlich fündig beim 08/15-Bürger, der sein Kaugummipapierchen am Wegesrand fallen ließ, aber die industriellen Gewässerverschmutzer wurden geschont.
Ja, die Unfähigheit, wahrhaft Wünschenswertes von modischem Müll und Pseudofortschritt zu scheiden, ist unser Problem. Wir bequemen uns zu ( Geistes-) Tode.
War das nicht die Zeit, als alte weiße Mönner noch was zu sagen hatten?
Damals zog der Landesherr mit einem Tross von Ochsenkarren fast das ganze Jahr von Pfalz zu Pfalz, um seinen Schäfchen die Aufwartung zu machen und rekrutierte Gläubige, die im gelobten, heiligen Land das Christentum gegen Ungläubige verteidigten. Mein Bart ist nicht lang genug, all die Vorzüge von damals aufzuzählen.
P.S. Ach so, ich vergaß. Bevor es diese Plastiktüten für Milch gab, mußte Mutter Flaschen für drei Kinder über mehrere Stockwerke schleppen - sehr ökologisch.
Das Beste an Ihrer heilen Welt war die kurze Lebensdauer des Ökoschweins namens Mensch. Damals waren wir quantitativ wie qualitativ näher am Endziel des ökologisch korrekten Frühablebens. Man hatte gerade Zeit, ein halbes Dutzend Kinder in die Welt zu werfen, dann wurde die Frau vom Kindbettfieber oder der Mann vom Tetanus hingerafft. – Aber, Herr Bonhorst, Fortschritt ist ja nicht nur schlecht. Für das Lithium unserer Elektroautos werden weltweit Wüsten trockengelegt, für das Coltan unserer Smartphones haben die Kinder im Kongo endlich Arbeit, und auch die Rendite unserer Sozialindustrie steht und fällt mit den Nachschubkapazitäten im Mediterranen Dreieckshandel. Ende Sarkasmus.