Wolfram Weimer / 24.02.2018 / 06:10 / Foto: Rama / 22 / Seite ausdrucken

Vorsicht Verbraucher-Schützer!

Verbraucherschützer sind die Gouvernanten unserer Zeit. Mit selbstgefälliger Bemutterungs-Geste fallen sie über uns her, die selbst ernannten Beschützer von uns dummen Verbrauchern. Sie umstellen uns mit Vorschriften und Verboten, sie warnen und mahnen, sie mischen sich in Dinge ein, um die sie niemand gebeten hat. Sie haben keine demokratische Legitimation, spielen sich aber als große Kümmerer der Nation auf. Sie basteln am planwirtschaftlichen Reglementierungsstaat und entdecken immer neue Alltagsfreiheiten, die sich aus Sorge um uns dumme Verbraucher einschränken wollen.

Warum tun die das? Weil sie damit Geld verdienen. Weil sie Lobbyisten einer Gewissheitsindustrie sind, die ihr Geschäft mit der kollektiven Infantilisierung so verfolgen, dass sie ihre Nachfrage immer selbst erzeugen. Ihre Absicht, das Land in einen gigantischen Kindergarten zu verwandeln, folgt einer ganz eigenen Logik, denn dann haben sie als Kindergärtner des höheren Gemeinwohls ihr Auskommen.

Am liebsten kommen die Verbraucherschützer im Gewand der Fairness-, Gesundheits- oder Unfallbewahrern daher. Ihr öko-sozialer Vorschriften, Abgabe- und Kontrolldschungel wuchert wie Unkraut. Was wir fahren und wie wir heizen, wie wir uns bewegen und was wir kaufen, mieten oder buchen – wir dürfen es nicht mehr frei entscheiden. Selbst das Essen und Trinken wird bald eingehegt vom fürsorgenden Supernanny-Staat, der uns Gesundheitspunkte aufs Essen drückt und unseren Kleinsten die Butterbrote für den Kindergarten schmiert.

Super-Nanny reicht ein Löffelchen

Wie Hohepriester des Gutmenschentums umstellen sie uns mit ihren Geboten: Du sollst nicht rauchen. Du sollst nicht Glücksspielen, du sollst keinen Zucker essen, keine Aktien kaufen und einen Kamin anzünden. Du sollst aufpassen vor der arglistigen Bauernschaft, vor brutalen Nahrungsmittel-, Genussmittel, Auto- und Finanzindustrie. Mit Quoten und Verboten kommen sie daher, die Verbraucher- und Familienschützer, die Gleichstellungsbeauftragten, Präventionsräte und Integrationsberater. Super-Nanny reicht ein Löffelchen hier, ein Löffelchen da, denn ihren Steuer- und Vorschriftenbrei rühren sie sich immer dicker herbei.

Der Gouvernantenstaat wird uns irgendwann verbieten, Süßigkeiten zu naschen oder Ski zu fahren – zu gefährlich für uns, zu teuer für das Kollektiv, zu schädlich für die Natur. Er wird uns Wein und Bier so madig machen wie Nikotin und beim Essen genau erklären, was gesund ist und was nicht.

Besonders erfolgreich sind die Gouvernanten derzeit in unseren Bankgeschäften unterwegs, um uns vor vermeintlichen Kredithaien zu schützen. Sie haben eine 7.000 Seiten starke Verordnung namens MIFID (Markets in Financial Instruments Directive) durchgesetzt, die angeblich Bankkunden vor der Übergriffigkeit der Finanzindustrie schützen soll. In Wahrheit werden damit normale Geschäfte in der örtlichen Sparkasse zu einem kafkaesken Prozedere von Fragen, Zwangsberatungen, Offenlegungen und vielseitigen Aufklärungsprotokollen machen, die man permanent auch noch unterschreiben muss, obwohl man doch ein Konto eröffnen wollte.

Der Bäcker übergibt eine 90-seitige Broschüre „Basiswissen über Brötchen“

Und das funktioniert – man denke sich einmal die Parallele von Banken zu Backstuben – so: Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerne ein Brötchen kaufen und gehen zum Bäcker. Sind sind sich noch unsicher, ob es ein Weizen-, Roggen- oder Vollkornbrötchen sein soll. Der Bäcker fragt Sie erst einmal, welchen Beruf oder welche Ausbildung Sie haben, ob Sie überhaupt schon einmal Brötchen gekauft haben und wenn ja, welcher Art. Dann wird er wissen wollen, wieviel Sie im Monat verdienen, welche sonstigen Einkünfte Sie haben, wie hoch Ihre monatlichen Ausgaben und Verpflichtungen sind, um abschätzen zu können, ob er Ihnen den Kauf eines Brötchen überhaupt empfehlen darf.

Und wenn Sie sich weigern diese Angaben zu machen, darf Ihnen der Bäcker leider keine Brötchen empfehlen. Haben Sie Ihrem Bäcker die notwendigen Antworten aber geliefert, muss der Bäcker Ihnen erläutern, aus welchen Zutaten das Brötchen besteht und in welchen Verhältnissen es gemacht wurde. Er wird außerdem auf die steuerlichen Auswirkungen eines Brötchenkaufs eingehen. Der Bäcker wird sich Zeit nehmen, Ihnen mögliche Risiken erläutern, die nach einem Brötchenkauf entstehen könnten und Ihnen gezielt Rückfragen stellen, um herauszufinden, ob Sie die Inhalte seiner Erläuterungen verstanden haben.

Dann übergibt Ihnen der Bäcker eine 90-seitige Broschüre „Basiswissen über Brötchen“. Sie bestätigen mit Ihrer Unterschrift, die Broschüre erhalten zu haben. Ihr Bäcker erzählt Ihnen, welche Einkaufspreise er für die Zutaten zahlt und wie viel er an jedem Brötchen verdient. Dann weist er Sie noch darauf hin, dass das von Ihnen gewünschte Brötchen zur Zeit in Flensburg 5 Cent günstiger zu haben ist. Er dokumentiert dieses Gespräch, lässt das Protokoll am Ende unterschreiben und packt Ihnen das Brötchen ein.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.

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Leserpost (22)
Heiko Stadler / 24.02.2018

Schön, dass die Achse auch über die grotesk ausufernde Bürokratie schreibt. Ein Thema, dessen Brisanz oft unterschätzt wird. Zur Zeit bin ich gezwungen, zwei Verträge vom Bund, die demnächst durch EU-Verträge ersetzt werden, zu unterschreiben, weil ich andernfalls mein Unternehmen entsorgen darf. Verträge, die vorgeben, einer guten Sache, nämlich dem Verbraucherschutz zu dienen, aber nicht umsetzbere bürokratische Monster sind, noch dazu in sich widersprüchlich und trotzdem lückenhaft. Natürlich unterschreibt man und hofft, dass alles gut geht. Es wird auch gut gehen, wenn man sich schön anpasst. Unternehmer, die sich kritisch äußern oder sonst irgendwie auffallen, erhalten existensbedrohenden Besuch von der Gewerbeaufsicht, vom Zoll, vom Steuerprüfer oder von einem Datenschutzkontrolleur.

Leo Lepin / 24.02.2018

Na und? Ich lese mir den ganzen Kram nicht durch. Ich esse gerne Süßigkeiten und Chips und trinke seit Jahrzehnten soviel Kaffee, wie ich will. Noch kann es mir niemand verbieten.

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