Uwe Knop, Gastautor / 26.08.2019 / 16:30 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 4 / Seite ausdrucken

Vorkauer? Nein danke! (1): Hören Sie auf Ihren Körpernavigator!

Von Uwe Knop.

Ende 2018 titelte die FAZ: „Die Ernährung sagt heute oft so viel über die Persönlichkeit aus wie die Kleidung, das Auto oder die Einrichtung. Was dabei verlorengeht, ist das Gefühl für den eigenen Körper.“ Das wäre sehr bedauerlich, denn haben Sie sich schon mal gefragt: „Wer, außer meinem Körper, kann wissen, welches Essen für mich gut und gesund ist?“ Die Antwort für gesunde Menschen ist einfach: Niemand. Denn jeder Mensch is(s)t anders. Darum ist das Vertrauen in den eigenen Körper die bessere Wahl als Essen nach Regeln, die der Fantasie findiger Forscher entsprungen sind. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man einen guten Draht zu seinem Innersten hat, zu den Gefühlen Hunger, Lust, Sattheit und Verträglichkeit.

Dieses Gefühlsquartett bildet Ihren ganz persönlichen intuitiven Körpernavigator. Wer diese essenziellen Emotionen zur Lebenserhaltung gut kennt, der kann beim Essen auf sein einzigartiges Körperwissen über den Wert von Nahrung vertrauen, das mit jedem Essen lebenslang wächst. Diese „kulinarische Körperintelligenz“ Ihres Köpernavigators ist sozusagen das somatische Nahrungsgedächtnis und wird gespeist aus allen Mahlzeiten, die ein Mensch in seinem Leben zu sich nimmt. Für die Speicherung der zahlreichen Informationen in dieser „Nährstoffdatenbank“ hat unser Körper zwei eng verschaltete Gehirne zur Verfügung, die ständig miteinander kommunizieren:

Das Bauchhirn („enterisches Nervensystem“ [ENS], das mit seinen 100 Millionen Nervenzellen mit vier- bis fünfmal mehr Neuronen als das Rückenmark arbeitet!) und unser Kopfhirn. Das ENS ist übrigens ein hochkomplexes „Organ“, an dem viele Wissenschaftler weltweit intensiv forschen. So haben beispielsweise US-Forscher der Duke-Universität in Durham/North Carolina auf Zellen der Darmschleimhaut Verknüpfungsstellen zwischen Nervenzellen („Synapsen“) entdeckt, die ohne Umwege eine direkte Verbindung zum Gehirn herstellen. Die im wissenschaftlichen Topjournal Science vorgestellten Erkenntnisse „machen den Darm gewissermaßen zum größten Sinnesorgan des menschlichen Körpers“, prophezeite das Deutsche Ärzteblatt im September 2018. Studien allein über das ENS könnten Bücher füllen ...

Sex und Essen lassen sich nicht standardisieren

Jedoch gilt weiterhin unabhängig von all diesen Erkenntnissen: Wie fast alles in der Ernährungswissenschaft lässt sich auch die kulinarische Körperintelligenz, übrigens ein frei erfundener Begriff, nicht nachweisen. Von ihrer Existenz weiß man nur aus eigener, gelebter Erfahrung. Ein paar Beispiele: Warum ...

  • ... schmeckt dem einen Rosenkohl und Schwarzwurzel, dem anderen jedoch wird davon speiübel?
     
  • ... essen manche Menschen gern und viel Vollkornbrot, andere hingegen bekommen davon böse Blähungen?
     
  • ... gibt es passionierte Frühstücker genauso wie Menschen, die morgens keinen Bissen runterkriegen?
     
  • ... mögen manche Fisch und Gambas, andere können damit überhaupt nichts anfangen respektive vertragen „Meereskost“ nicht?
     
  • ... essen Chocoholics unheimlich gern und viel Schokolade, die „Süßaversiven“ aber reizen Süßigkeiten nicht die (Kakao-)Bohne?
     
  • ... gibt es wahre Chili-Liebhaber, die „ohne scharf nicht leben können“, oder Knoblauch-Aficionados und diejenigen, die scharf überhaupt nicht abkönnen und beim Geruch von Knoblauch am liebsten aus dem Fenster springen?
     
  • ... haben Menschen Lieblingsessen, deren wahren Genuss nur sie selbst erleben können?

Diese Fragenliste ließe sich endlos fortsetzen, aber die Botschaft bleibt stets die gleiche: Jeder Mensch hat sein ganz persönliches Essverhalten mit individuellen Vorlieben und Abneigungen. Allein schon deshalb sind allgemeine Ernährungsregeln völliger Nonsens (ganz zu schweigen von fehlenden Beweisen). Genauso gut könnte die fiktive „Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsverkehr e.V.“ allgemeine Sexregeln einführen – idealer Partner, ideale Stellung, beste Dauer, gesundes Umfeld und so weiter. Auch das wäre hanebüchener Blödsinn, denn Sex und Essen sind die beiden elementaren Urtriebe, die sich nicht standardisieren lassen.

Kombiniert mit dem Wissen der fehlenden Beweise aller Ernährungsregeln hat die These der „kulinarischen Körperintelligenz“ ein Ziel: über das eigene Essverhalten nachzudenken, zu reflektieren, um anschließend als mündiger Essbürger mit eigener Meinung zu entscheiden: Glaube ich weiterhin an nicht bewiesene Ernährungsregeln, oder vertraue ich beim Essen besser auf meinen eigenen, einzigartigen Körpernavigator? Um es an dieser Stelle deutlich zu sagen: Es geht hier nicht darum, statt der regelkonformen Ernährungsweisheit eine andere, nur eben köpervertraute Ernährungsweisheit aufzutischen. Diese elementare Entscheidung sollte jeder für sich selbst treffen. Denn die „Ess-Wahrheit“ liegt nur in jedem Körper selbst. Es gibt keine gesunde Ernährung für alle.

Lesen Sie morgen: Ampeln, Steuern, Bevormundung

Auszug aus dem Buch „Dein Körpernavigator. Zum besten Essen aller Zeiten“ von Uwe Knop, 2019, Heidelberg: Polarise-Verlag, hier bestellbar.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Michael Andreas Schmidt / 26.08.2019

Diäten und Ernährungsempfehlungen in Büchern und Zeitschriften motivieren Menschen, ihren Körper ernährungstechnisch zu optimieren, auch um der heute gängigen Religion der Selbstoptimierung gerecht zu werden. Wer eine Diät macht, versucht, zu allerlei “Tricks” zu greifen, Frauenzeitschriften empfehlen: “iss eine Möhre anstelle von Schokolade”, oder “mehr Gemüse und weniger hochkalorisches Essen”. Das führt aber dazu, dass wenn der Körper nach Fett und Zucker (Schokolade) verlangt, er dann nur Gemüse ohne Kalorien (Möhren, Kohlrabi) bekommt. Der Körper und sein Ernährungsgedächtnis fühlen sich vereimert, glauben, sich in einer Hungerkrise zu befinden, reduzieren den Kalorienverbrauch und verlangen um so deutlicher nach Schokolade und hochkalorischer Nahrung, (In Zeiten von Hungerkrisen war dies ein sinnvoller Mechanismus, der das Überleben der Menschen beförderte.) Die Folge in Zeiten des Überflusses sind Fressattacken, insbesondere nach der erfolgreichen Diät. Denn die Diät macht den körpereigenen Hunger-Sättigungsmechanismus kaputt und deshalb fressen sich die meisten erfolgreichen Abnehmer nach der Diät mehr Gewicht an, als sie vorher hatten. Außerdem reduzieren Diäten den Kalorienbedarf des Körpers, vermutlich werden dann weniger körpereigene “Reparaturen” ausgeführt und man wird bei normaler Ernährung fett und altert schneller. Siehe dazu auch die Videos von Udo Pollmer. Diätempfehlungen sind versteckte Körperverletzungen mit lebenslangen Folgen.

Gerhard Hotz / 26.08.2019

Wenn mein Körper weiss, welches Essen gut und gesund für mich ist, warum verlangt er dann ständig nach Süssigkeiten??

Andreas Rochow / 26.08.2019

Das optimierte egalitäre Leben für alle haben sich Linksgrüne auf die Fahnen geschrieben. Der Staat nutzt diese Kampagne zur rasanten Entpolitisierung sprich: Verstaatlichung unserer Lebensweise. Im Windschatten dieser Hypes verläuft das Verlassen des demokratischen Sektors unbemerkt. Die Medien sind dabei die willigen Helfer. Schön, dass aus wissenschaftlicher Sicht jetzt daran erinnert wird, dass das enterische Nervensystem komplexer und intelligenter ist als sich jemand, der unentwegt von “künstlicher Intelligenz” schwadroniert, vorstellen kann. Verlassen wir uns auf unsere kulinarischen Eingebungen und unser Bauchgefühl. Der “gesunde” verstaatlichte Einheitsmensch wird verlernen, was Genuss ist.

Klaus Beck / 26.08.2019

So ein Mist! Solche Insider-Informationen erfahre ich natürlich erst wieder, nachdem ich gestern fünf Doppelzentner Chiasamen aus Mexiko bestellt habe ...

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