Tobias Kaufmann (Archiv) / 30.05.2007 / 14:43 / 0 / Seite ausdrucken

Vorbilder? Leider Nein. Die 68er aus Sicht eines heute 31-Jährigen

Puddingpädagogen. Luschen in Latschen und Jeans ohne Gürtel - das waren die ersten typischen 68er, die ich kennen lernte. Sie waren damals längst müde. Viele meiner Lehrer waren so: borniert, ausgebrannt. Unterricht gaben sie lustlos, Engagement zeigten sie, wenn überhaupt, nur außerhalb des Klassenraums. Wir demonstrierten für die GEW und gegen den Golfkrieg, weil das ihre Steckenpferde waren - nicht unsere. Und als ihnen das Land Niedersachsen mehr Arbeit aufzwang, reagierten sie mit einer Maßnahme, die unseren damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder nicht juckte, aber dafür uns Schüler traf: Sie strichen die Kurs- und Klassenfahrten.

Ich war damals durch und durch politisiert und links und hätte ein paar Vorbilder aus der goldenen Revoluzzer-Generation gut gebrauchen können. Aber sie gaben kein Vorbild her, von ihren Idealen waren nur Ressentiments geblieben.

Dennoch elektrisiert diese Jahreszahl irgendwie: Acht-und-sechzig. Medien, Kunst und Politik arbeiten die Studentenbewegung auf - oder sich selber an ihr ab, und zwar in einem Umfang, der für einen 30-Jährigen manchmal geradezu putzig wirkt. Putzig, weil eine Menge persönliche Rückschau dabei ist - viele etablierten Meinungsmacher und “Talking Heads” von heute waren damals jung. Und wer erinnert sich nicht gerne an die Zeit, als er noch volles Haar hatte und die Welt verändern wollte? Spannend an den 68ern aber ist, dass sie mehr beeinflusst haben als nur die eigene Generation. Selbst wir 30-Jährigen können - nicht zuletzt in Ermangelung irgendwelcher Umstürzlererfahrungen - bei der großen 68er-Reflexion mitmachen: Die einen rechnen mit ihnen ab, die anderen verteidigen sie. Schließlich sind wir Kinder der 68er, wir sind ihre Opfer - und ihre Profiteure.

Als mein Opa begann, regelmäßig vom Krieg zu erzählen, war ich ein Kind. Mir hat er von der goldenen Nahkampfnadel berichtet, vom “Iwan”, von der Zeit im Kriegsgefangenenlager. Ehrlich war er bestimmt nicht. Aber in den Jahrzehnten nach dem Krieg haben sie geschwiegen, die Mitläufer und Weggucker, die Täter und diejenigen, die einfach nur zu jung waren, um zu kapieren, in wessen Auftrag sie das Vaterland “verteidigten”. Von der NS-belasteten Elterngeneration Selbsterkenntnis, Selbstkritik und den Rückzug von der Deutungsmacht über Geschichte, Politik und Alltagskultur - und nicht zuletzt aus Posten und Ämtern - zu fordern, diese spezielle Dimension des deutschen Ablegers der Studentenbewegung imponiert mir an den 68ern. Sie haben eine Menge Türen aufgestoßen, die meine Generation ganz selbstverständlich durchschreitet. Sie haben dafür gesorgt, dass ich in einer Atmosphäre groß werden konnte, die frei war von Biedermeier, Butter, brauner Soße.

Von mir hat niemand verlangt, dass ich zur Bundeswehr gehe, dass ich mir die Haare schneide, dass ich nur heimlich knutsche. Meine Eltern haben mich nie geschlagen. Jedes Kind, dem das zu Hause passierte, war etwas negativ Besonderes. Wenn die Debatten um die Sünden der antiautoritären Erziehung toben, wird zu oft vergessen, welche Leistung es war, Kindererziehung in Deutschland von all dem zu befreien, was wirklich Sünden waren. Wenn die Studentenbewegung der 60er und 70er zu dieser segensreichen Entwicklung etwas beigetragen hat - umso besser. Auch wer ihr einen angeblichen Werteverfall anlastet, vergisst etwas Entscheidendes: Als die 68er geboren wurden, lag der größte Werteverfall der Geschichte hinter ihnen, nicht vor ihnen.

Trotzdem kenne ich kaum jemanden in meinem Alter, der die 68er als nachahmenswert ansieht. Das hat, zugegeben, auch ein bisschen mit der Karikatur des typischen Hippies zu tun, die uns hier und da begegnet ist. Allerdings unterscheidet sich die Kritik, die wir Kinder der 68er haben, entscheidend von der Kritik jener konservativen Zeitgenossen, die damals auf der anderen Seite standen. Wir müssen nicht rückwirkend beweisen, dass wir “damals” im Recht waren. Uns langweilen deshalb all die politischen Wiedervorlage-Streits auf dem geistigen Niveau der 70er Jahre. Mir ist es zum Beispiel völlig wurscht, ob diese oder jene Ideologie am Niedergang des deutschen Schulsystems schuld ist. Tatsache ist, dass unsere Schulen besser werden müssen. Das fängt bei besseren Lehrern an.

Was wir den 68ern vorwerfen, ist zunächst das, was jede junge Generation den Platzhirschen vorwirft: Dass sie, kaum hatten sie alte Krusten weggekratzt, neue gebildet haben. Sie haben eine Mauer aus Bedenkenträgertum, Kulturpessimismus und Phrasendrescherei hochgezogen. Die alten Kräfte der Erneuerung sind die neuen Kräfte der Beharrung.

Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn ich über die Geschichten nachdenke, die mir mein Vater über den Wohngemeinschaftsalltag erzählt. Da konnte einer zwar die Weltrevolution planen, aber wenn nicht punkt 13 Uhr ein Mittagessen mit Kartoffeln auf dem Tisch stand, war was los. Und die Hausarbeit blieb auch in der solidarischen Gemeinschaft an dem hängen, der sich am schlechtesten drücken konnte.

Meine Eltern waren zwar 68er, aber sie sind erstens Arbeiterkinder und zweitens religiös. Die Hoffnung, mit einer Mao-Bibel das Paradies auf Erden herbeireden oder - je nach Temperament - auch herbeiputschen zu können, hatten sie deshalb, wenn überhaupt, nur kurz. Dafür bin ich heute viel dankbarer, als ich es mir vor zehn Jahren hätte vorstellen können. Denn es erspart mir, meinen Eltern auch persönlich das vorwerfen zu müssen, was mich gegen die 68er einnimmt.

Da ist die ideologische Verblendung, die einen kubanischen Revoluzzer zur Ikone hochjazzte. Da ist jener antiwestliche Reflex, der die europäische 68er-Bewegung von ihrem amerikanischen Vorbild unterscheidet: Das grundsätzliche Unbehagen gegenüber Kapitalismus, Technologie und einer liberalen Sicht auf den Menschen. Es ist ein Unterschied, ob die amerikanische Jugend gegen ihre eigene Regierung und für ihre eigenen Bürgerrechte demonstriert oder ob die deutsche Jugend gegen die amerikanische Regierung auf die Straße geht - und dabei ausblendet, dass Ho Chi Minh und seine Genossen keinesfalls Waisenknaben sind. Bis zu einer halben Million Menschen haben diese Helden der westdeutschen Linken in Umerziehungslager gesteckt; viele von ihnen starben durch Unterernährung und Arbeit. Ob gewollt oder nicht - daran, dass ein rigider Antiamerikanismus in den deutschen Mainstream gesickert ist, haben nicht nur rechte Revisionisten ihren Anteil, sondern auch die “fortschrittlichen” Studenten.

Und da ist, drittens, so etwas unangenehm Deutsches, ein Schuldkomplex, der das Verhältnis der Linken zu Israel bis heute überschattet. Wie konnte es passieren, dass ausgerechnet jene, die ihren Vätern Auschwitz unter die Nase rieben, sich Palästinensertücher umhängten? Dass sie unter all den Befreiungsbewegungen auf der Welt ausgerechnet jene lieb gewannen, die Juden töteten? Man muss die mit einer Menge Kollektiv-Psychologie aufgeladene Polemik, dass die radikal linken Söhne das Denken der radikal rechten Väter entschuldeten, nicht unterschreiben, um festzustellen, dass der moralische Kompass der 68er mitunter fragwürdig gepolt ist.

Dass es heute schick ist, sie zu dämonisieren, haben die 68er dennoch nicht verdient. Vor allem, weil ihr Anteil an der Welt von heute viel kleiner ist, als es im Rückblick scheint. Denn wir vergessen meist jenen überwiegenden Teil der 68er-Generation, der, wie meine Schwiegereltern, schon längst arbeiten ging, während die urbane Avantgarde Sit-ins veranstaltete. Es wird viel über Hippie-Eltern gesprochen und geschrieben, wütend und liebevoll. Die meisten meiner Mitschüler hatten aber ganz andere Eltern. Ein Joint und ein One-Night-Stand im VW-Bus machen einen jungen Menschen ja noch nicht zum Teil einer politischen Bewegung. Insofern ist es logisch, dass seit 1968 eine Menge Weltbewegendes passiert ist, das mit der Studentenbewegung wenig zu tun hat.

Ich lebe heute weder im Paradies noch im Polizeistaat, weder im Atombunker noch in einer fünften Kolonne Moskaus. Die Intellektuellen haben die Welt weder gerettet, noch haben sie sie in den Untergang gestürzt. Sie ist - trotz und wegen der 68er - besser als vor 40 Jahren. Und ich hoffe, dass es nicht ausgerechnet der Optimismus ist, den unsere Kinder uns “98ern” einmal vorwerfen werden.

“Moderne Zeiten”, Wochenend-Magazin des Kölner Stadt-Anzeiger, 26./27. Mai 2007

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