Roger Letsch / 13.07.2016 / 17:00 / Foto: Anne-Sophie Ofrim / 20 / Seite ausdrucken

Vor Gericht und der ARD sollen Opfer Verständnis für Täter haben

Die Silvesternacht in Köln, Hamburg und Stuttgart ist über ein halbes Jahr her, die Empörung abgeebbt. Nach und nach erhalten wir Kenntnis von Festnahmen Verdächtiger, staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, Gerichtsurteilen und den Schwierigkeiten, die Täter der hundertfachen sexuellen Übergriffe zu ermitteln. Mangel an Beweisen hier, zweifelhafte Zeugenaussagen und Ermittlungspannen dort, Gutachten von schlauen Kulturkreisexperten…und das alles tröpfelt zwischen die News über aktuelle Probleme, Brexit und Fußball-Europameisterschaft. Wir erfahren aber von den daraus resultierenden Freisprüchen. Aber kein Grund zur Beunruhigung, auch wenn niemand zur Verantwortung gezogen werden kann, so lautet die Sub-Botschaft.

Das stecken wir weg, so funktioniert eben der Rechtsstaat, wenn er mit einem Phänomen konfrontiert wird, für das der Onkel „Ich-hab-an-alles-gedacht“-Staat leider so gar nichts geplant hat. „Damit können wir gut leben“, sagt der Staatsanwalt in Hamburg in der ARD. Die Opfer werden „damit“ nicht gut leben können, generell werden Frauen in Deutschland in Zukunft durch Kleidung, Pfefferspray, Security und „Armlänge“ zunehmend anders leben, ohne dass sie dazu vorher jemand nach ihrer Meinung gefragt hätte.

Böses neues Jahr" so heißt die Doku der ARD, die sich mit der Ermittlung der Vorfälle der Silvesternacht und den anschließenden Gerichtsverfahren befasst, speziell mit den Fakten in Hamburg in diesem Fall. Elf mutmaßliche Täter hat die Polizei in Hamburg ermittelt, nicht zuletzt mit Hilfe eines Partyfotografen, der die Szenerie unmittelbar vor den „Übergriffen“ von oben in hochauflösenden Bildern aufgenommen hat. Hunderte Anzeigen von sexuell belästigten Frauen gab es allein an diesem Ort in Hamburg. Allein es nützte nichts. Zwar ist jedem an der Ermittlung Beteiligten nach Auswertung der Bilder klar, dass die Bilder ohne Zweifel sowohl die Opfer als auch die Täter zeigen – aber eben nicht exakt zum Zeitpunkt der Tat. Deshalb sind die Bilder nur Indizien, keine Beweise. Pech gehabt!

Ein Kamerateam im tunesischen Heimatdorf der Beschuldigten

Und wie verpackt die ARD das Totalversagen mit Ansage der Justiz in diesem speziellen Fall? Sehr seltsam, wie ich finde. Taktvoll erscheint zunächst, dass die betroffenen Frauen als Zeichnungen dargestellt wurden, besonders deshalb, weil sie sämtlich am Ende der ARD-Doku als komplette Deppen und Verliererinnen dastehen werden. Die Helden und wirklichen „Opfer“ der peinlichen ARD-Zusammenschnippelung sind nämlich die mutmaßlichen Täter. Das wird im Verlauf der Sendung von Minute zu Minute klarer. Die Anstrengungen, die unternommen werden, um sich in die Rolle der vermeintlichen Sexualstraftäter hinein zu versetzen, sind einfach widerlich!

Wenn etwa ein Kamerateam in das tunesische Heimatdorf der Beschuldigten geschickt wird, um herauszufinden, ob „Frauenbelästigung in Gruppen“ dort eine Art normale Freizeitbeschäftigung sei (als würde das eine Rolle spielen) und das Kamerateam zufrieden mit der Antwort abzieht, „Belästigungen gibt es hier, aber nicht in Gruppen“ – alles innerhalb geschmackwahrenden Grenzen also – wird das die betroffenen Frauen sicher weder in Tunesien noch in Hamburg beruhigen. Fernsehleute, die sich als Ermittler versuchen, sind manchmal einfach nur sehr peinlich. Wenn etwa die Mama eines der Verdächtigen sein Bild in die Kamera hält, um zu beweisen, das ihr Sohn doch so ein lieber Junge sei, der in Deutschland eine Familie gründen wolle.

Der ARD-Bericht stellt dem Zuschauer voller Empathie die Tatbeschuldigten vor und zeigt uns ihre Familien, besonders die Kinder. Menschen wie Behzad S. zum Beispiel, der zwar zur Tatzeit anwesend war und auch von einer der überfallenen Frauen identifiziert und beschuldigt wurde, aber jede Tatbeteiligung abstreitet. Niemand, weder im Gerichtsverfahren noch im ARD-Film, kam auf die Idee ihn zu fragen, wie es wohl kommt, dass er an Silvester allein auf der Reeperbahn feiern geht, seine Frau und seine Kinder aber in der Flüchtlingsunterkunft allein zurückblieben. Das hatte offenbar keinen Einfluss auf die Tatabsicht. Aus welchen Quellen deutsche Gerichte und Fernsehanstalten ihre Weisheiten schöpfen, weiß wohl nicht mal Allah.

Auftritt der Eiskönigin – wenn das Lächeln gefriert

Alle Verfahren gegen die Tatverdächtigen ruhen oder wurden eingestellt, niemand musste den Heimweg nach Marokko antreten, die Staatsanwaltschaft jedenfalls „kann damit leben“, dass sie zwar definitiv jeden der Sexualstraftäter auf den Fotos hat, aber eben leider nicht „in flagranti“ überführen konnte. Es ließen sich dummerweise auch keine Afghanen finden, welche von den Marokkanern als Täter beschuldigt wurden, weil denen ja sowas zuzutrauen sei. (Burka dort, Mädchenfleisch hier, sie verstehen). Schon wieder Pech gehabt!

Wer aber vor Gericht nicht nur ein Urteil, sondern auch eine schallende Ohrfeige haben will, braucht dazu einen passenden Richter. Oder eine passende Richterin. Eine Richterin wie Kathrin Sachse, die wirklich und wahrhaftig folgendes in die Kamera sprach: „Wer nicht zufrieden ist [mit den Freisprüchen] …dem würde ich raten, sich in die Situation des Angeklagten zu versetzen – und dann nochmal nachzudenken“. (im Video ab 17:40)

So viel Kaltschnäuzigkeit hätte ich nicht einmal von der deutschen Justiz erwartet, ehrlich. Ich habe schon viel gehört, was mir den Atem stocken ließ, aber dieser Satz ist bislang der unangefochtene Spitzenkandidat für den Ice-Queen-Award.  Wie wäre es gewesen, eure Eisheiligkeit, wenigstens bei der Gelegenheit des ARD-Interviews ein wenig Empathie mit den Opfern zu zeigen, denen Sie in Ihrem Gerichtssaal leider nicht zu Gerechtigkeit verhelfen konnten? Nicht wenigstens mal ausnahmsweise? Das der Rechtsstaat bei der Aufklärung der Verbrechen vom Silvesterabend 2015 versagte, ist schon schlimm genug. Dass aber der moralische Kompass einer Richterin solche Pirouetten dreht, ist ein Skandal!

Versetzen Sie sich doch mal in die Rolle der Opfer und denken dann nochmal darüber nach, was Sie wann in welche Kamera sprechen, Frau Richterin! Kleidung als Ausdruck persönlichen Befindens und Geschmacks, als Ausdruck von Auflehnung, Provokation und was auch immer ist uns vertraut und in Europa ein alltägliches Mittel der Kommunikation. Es gibt zweckmäßige Kleidung, provokante Kleidung, religiöse Kleidung, nachlässige und lässige Kleidung, formelle und forsche Kleidung, introvertierte Goth- und extrovertierte Punk-Kleidung, wir haben Karneval und Cosplay, Kleidung als Ersatz für Persönlichkeit oder zu deren Unterstreichung. Wir kennen Party-, Bade- und Balzkleidung, Kleidung für Beerdigungen und für Taufen und wir haben Uniformen.

Deutschland schottet sich ab

Was wir nicht haben ist Tu-Mit-Mir-Was-Du-Willst-Kleidung. Dachten wir. Nun denken wir anders und werden uns anpassen. Und wir werden kaum wahrnehmen, dass wir einen Teil unserer ganz persönlichen Freiheiten aufgegeben haben. Nicht freiwillig, klar. Aber wir werden diese Freiheiten von stärkeren Sicherheitsversprechen abhängig machen, wir werden genauer auf unser Umfeld achten, wir werden uns segregieren, um uns zu schützen. Segregation, ein böses Wort! Abgrenzung bedeutet es. Gern wird es auch mit Apartheid übersetzt. Deutschland schafft sich nicht ab, Herr Sarrazin, das Deutschland, das wir kennen, wird sich mehr und mehr abschotten. Nicht an den Außengrenzen, die sind längst nur noch Verhandlungsmasse mit Tageskurs-Wert für unsere Regierung. Aber im Kleinen, im Privaten, in Firmen, Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen.

Ich warte auf den ersten Journalisten oder Politiker, der am 31.12.2016 voller Empörung feststellt, dass die Biodeutschen sich bei ihren Silvesterfeiern von ihren „Gästen“ fern halten und somit Apartheid in Reinform praktizieren. Böses Deutschland, Apartheidsdeutschland! Ich möchte nicht, dass dies die Zukunft dieses Landes ist. Ich bin, was die Errungenschaften von Humanismus und Feminismus angeht, auf der Seite der Bewahrer, also ein Konservativer durch und durch. Ich fände es fürchterlich, wenn wir eines Tages aufwachen und feststellen müssen: freier, freizügiger und liberaler als in den 90er Jahren wird es nie werden und das „Sommermärchen 2006“ mit feiernden, friedlichen Menschenmassen sich so nie wiederholen lassen.

Aber ich möchte zum Abschluss Bilel A. das Wort überlassen. Er ist einer der Beschuldigten, die sich nun entspannt zurücklehnen können, wenn es auch mit den Asylanträgen vielleicht etwas schwierig werden könnte. Er sah, was da passiert ist in der Silvesternacht, hatte aber Bedenken zu helfen. Im ARD-Bericht sagt er dazu: „…man soll sich eine solche Sache besser von weitem anschauen. Ein Arabisches Sprichwort sagt, man soll sich vom Bösen fern halten und singen. …[die Täter] waren Afghanen. Die sehen, wie die Mädchen hier rumlaufen und da können die gar nicht anders und müssen die anfassen.“ Bilel wollte singen, während die Frauen schrien.

Ich denke, Bilel hatte beim Zuschauen mehr Spaß als die Frauen, die Silvester 2015 Opfer wurden und sich nach der juristischen Aufklärung und der ARD-Dokumentation erneut als Opfer fühlen dürfen. Sehr viel weniger Spaß hatten auch die Zuschauer der ARD am 11.7.2016 angesichts der unerträglichen Täterverliebtheit im deutschen Staatsfernsehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt hier.

Foto: Anne-Sophie Ofrim GFDL via Wikimedia

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Leserpost (20)
JF Lupus / 14.07.2016

Solche Urteile haben u.a. dafür gesorgt, dass ich mit Politik und Justiz in diesem Land abgeschlossen habe. Und ich bin sicher nicht der Einzige, dessen Vertrauen unterhalb in ebendiese völlig verschwunden ist. Ich sage es ganz offen: wir haben jetzt das Recht, uns auf Art 20.4 GG zu berufen und aktiv zu werden. Eigentlich haben wir sogar die Pflicht, wenn wir unseren Kindern ein lebenswertes Deutschland (und damit auch Europa) hinterlassen wollen.

R. Blechschmidt / 14.07.2016

Sie sprechen mir aus der Seele. Ich habe diese “Doku” gesehen. Sie war unerträglich und ein Faustschlag ins Gesicht der Opfer. Bei dem erstmaligen Versuch einer Aufarbeitung des Geschehenen den Focus auf die Gruppe der nicht zu überführenden Täter zu legen und dabei den Zuschauer emotional erpressen zu wollen, ist einfach nur geschmacklos und widerlich. Der Höhepunkt war neben der eiskalten Richterin das Gespräch mit der Familie einer der in Verdacht geratenen Männer. Der kleine Sohn weinte bitterlich, weil sein Papa in Untersuchungshaft gesessen hatte. Auch seiner Mama ging es ach so schlecht. Welches Leid er doch durch unseren bösen Anspruch, einen Schuldigen finden zu wollen, erfahren musste. Wie schlecht es einem kleinen Jungen gehen kann. Und das alles “nur”, weil wir die Sache nicht auf sich beruhen lassen können? Ja, wir bösen Menschen wir. Wozu wir doch fähig sind. Das schlechte Gewissen wurde subtil und passiv aggressiv zwischen den Zeilen kommuniziert. Ich habe mich gefragt, wie es wohl den Opfern und ihren Angehörigen in diesem Moment des Beitrags ging. Mir drehte sich der Magen um. Ja, unerträglich war es!

Günter H. Probst / 14.07.2016

Ich sehe mir solche Sendungen schon lange nicht mehr an, weil der denkende Mensch weiß, was in den Staatsmedien kommt. Aber das die Stadt hier “Speed Dating Refugees” in städtischen Gebäuden anbietet, hat mich nach Köln und Hamburg und… vom Hocker gehauen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

bennibenedikt / 14.07.2016

Hallo Herr Letsch, Sie haben ja sooooooo recht! Leider wird sich weder durch Ihre noch durch ähnliche Beiträge die Islamisierung Deutschlands verhindern lassen. Wenn ich sehe, lese, höre, auf wievielen Feldern wir eifrig dabei sind mühsam errungene Freiheiten aufzugeben und dem Islam zum Fraß vorzuwerfen, dann kocht in mir jedesmal die Wut hoch, obwohl ich nicht unmittelbar betroffen bin, denn ich habe meiner Heimat Deutschland bereits den Rücken gekehrt und bin ausgewandert.

Murke / 14.07.2016

“Ach gut”, daß es Euch, die klugen, ruhig sachlichen Autoren gibt. Leider kann ich euch nicht finanziell unterstützen, da meine Rente knapp bemessen ist. Ich möchte aber nicht nur dem Autor R. Letch für diesen Beitrag danken, sondern ebenso den vielen anderen Schreibern für ihre Beiträge auf dieser Plattform. Es gibt mir noch Hoffnung, daß es wenigstens ganz vereinzelte Interessengruppen und herausragende Individuen in diesem Land gibt, deren Denken ich teilen und mich in ihren Äußerungen wiederfinden kann. You make my day, every day!

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