Gemäß Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD), die am 9. April 2026 veröffentlicht wurden, hat Deutschland im vergangenen Jahr nach vorläufigen Berechnungen 29,09 Milliarden US-Dollar für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben. Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) bezifferte das Minus in Deutschland auf etwa fünf Milliarden Euro im Vergleich zu 2024 und sprach von „schmerzhaften Einsparungen“.
Das Handelsblatt und die TAZ kommentieren „Deutschland verfehlt UN-Ziel für Entwicklungshilfe“. Nicht überraschend gibt es drastische Kritik von VENRO (Dachverband von über 150 NGOs), der Welthungerhilfe oder Terre des Hommes.
Da werden die Kürzungen „dramatisch“ und als „Kahlschlag“ bezeichnet. Es werden enorme politische und finanzielle Folgekosten an die Wand gemalt, weil damit keine Fluchtursachen mehr bekämpft werden könnten. Es ist längst verbürgt, dass die Gleichung „Mehr Hilfe = weniger Flüchtlinge“ wissenschaftlich unzutreffend ist. Im Gegenteil, sie führt zu einer Steigerung der Mobilität.
Es wird immer wieder das sogenannte 0,7-Prozent-Ziel als Maßstab verwendet. Es handelt sich dabei um eine UN-Resolution aus dem Jahre 1970, in der von der UN-Generalversammlung die Empfehlung verabschiedet wurde, nach der Industrieländer 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens (BNE) für die öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) ausgeben sollen. Eine Absichtserklärung, mehr nicht. Deshalb sollte auch Entwicklungshilfe unter dem Vorbehalt der Haushaltslage in Deutschland stehen. Die öffentlichen Schulden sind auf fast 2,7 Billionen Euro angestiegen und allein für das Jahr 2026 ist eine Neuverschuldung von rund 174 Milliarden Euro geplant. Da sollte jeder verstehen, dass wir die schuldenfinanzierte Entwicklungshilfe nicht nur um fünf Milliarden zurückfahren, sondern umgehend jedes Vorhaben prüfen und, wenn nicht noch vertragliche Verpflichtungen bestehen, suspendieren sollten.
Nicht nur Deutschland hat einen Bildungsauftrag
Nur ein Beispiel: Mit dem Programm „1000 Schulen für unsere Welt“ unterstützt das BMZ den Bau und die Ausstattung von Schulen. Klassenzimmer, Sanitäranlagen, Möbel, PCs, Laptops, Tablets. Müssen wir zum Beispiel Schulen in Afrika (etwa in Kenia, Namibia, Nigeria) bauen und ausrüsten, wenn bei uns die meisten Schulgebäude bauliche Mängel wie Schimmel, defekte Toiletten und Heizungen sowie kaputte Fenster haben und es außerdem an digitaler Ausrüstung fehlt? Ich bin natürlich nicht gegen eine Unterstützung von Bildung in Afrika. Allerdings nur, wenn eigene Maßnahmen der Länder unterstützt werden und wir nicht meinen, wir müssten das in die Hand nehmen, weil Afrikaner dies nicht allein könnten. Nicht nur Deutschland hat einen Bildungsauftrag.
Meine afrikanischen Freunde wären froh über eine Kürzung deutscher „Hilfe“, denn nur das politische Showbusiness kann staatliche Entwicklungshilfe noch als Erfolg verkaufen. Zu den schärfsten Kritikern gehören und gehörten der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, der ugandische Journalist Andrew Mwenda, die Publizistin Akua Djanie aus Ghana, der nigerianische Schriftsteller Chika Onyeani sowie der verstorbene Wirtschaftswissenschaftler George Ayittey aus Ghana.
Sie wenden sich gegen eine abhängige Opfer- und Bittstellerrolle. Henry Lubega, ein Journalist in Ugandas Hauptstadt Kampala sagt: Die wahre Arroganz, der wahre Kolonialismus würde nicht von den Unternehmern, diesen vermeintlichen Ausbeutern, an den Tag gelegt, sondern von den Philanthropen. Sie sollten tun, worauf sie spezialisiert sind: Popmusik machen oder Parteipolitik. Afrika ginge es ohne ihre ständigen Nachstellungen jedenfalls besser. Wenn Entwicklungshilfe funktioniert, warum geht es dann den meisten afrikanischen Ländern heute schlechter als zum Ende der Kolonialzeit?
Eigeninitiative und auch staatliche Innovationsfreudigkeit verkümmern
Die seit Jahrzehnten betriebene Art der Entwicklungspolitik bringt die Länder nicht entscheidend voran, schafft kaum Arbeitsplätze vor Ort, mehrt dort das Wohlergehen einiger weniger, beseitigt aber nicht das breite Elend. Wir wissen dies, aber differenzierter ist der Diskurs mitnichten geworden. Entwicklungshilfe macht arm, weil sie Abhängigkeiten schafft.
Wir stehen vor den Trümmern einer gut gemeinten Politik, weil Hilfe nur dort erfolgreich sein kann, wo es eine Kultur der Selbsthilfe und Eigenverantwortung gibt. Wenn – auch mit viel demokratischem Zierrat versehene – Regierungen keinen Stolz zeigen und selbst Antworten auf die unzähligen Probleme des Landes finden wollen, dann wird auch die teuerste Hilfe nicht fruchten. Die Entwicklungspolitik erscheint mehr und mehr als Geldvernichtung. Wir sollten keine Ruhe geben, bis aufgeklärt wurde, was mit den versenkten Steuermilliarden, besonders in Afrika, geschehen ist. Schlimm ist das „Dezemberfiebergeld“. (Da müssen zum Beispiel von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – wie ich es erlebt habe – bis zu sechsstellige Summen rasch ausgegeben werden, damit sie nicht verfallen.) Es hilft nichts, ein gutes Herz zu haben, man muss Kosten und Nutzen abwägen. Dann wird man feststellen, dass der stetige Geldregen das Entstehen tragfähiger eigenständiger Wirtschaftssysteme verhindert.
Eigeninitiative und auch staatliche Innovationsfreudigkeit verkümmern. Die Länder müssen wegen der allgegenwärtigen Hilfsmaschinerie ihre Entwicklung nicht in ihre eigenen Hände nehmen. Dabei verschwinden die meisten Projekte, ohne nachhaltige Spuren ihrer Arbeit in den jeweiligen Gebieten zu hinterlassen. Dennoch neigen alle Entwicklungshilfeorganisationen dazu, einfach weiterzumachen. Wenn ein Entwicklungshelfer vorschlägt, ein Programm einzustellen, wird das sehr negativ gesehen – auch wenn es tatsächlich wegen mangelnder Entwicklungsorientierung der Verantwortlichen am sinnvollsten wäre. Würde es Wirksamkeitskontrollen von wirklich unabhängigen Stellen geben, müssten umgehend unzählige Durchführungsorganisationen ihre Arbeit sofort einstellen. Ich habe immer wieder erlebt, dass die Entwicklungsländer ihre Strategiepapiere nicht selbst erstellen. Da die Regierungen oft keine genauen Vorstellungen davon haben, wie ihre eigene Entwicklung aussehen soll, sitzen Berater der internationalen Entwicklungsindustrie in den Ministerien und schreiben Papiere, die dann den Gebern vorgelegt werden.
Redaktioneller Hinweis: Volker Seitz’ Bestseller „Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann“, dtv, 2025 (Nachdruck) ist eines der wichtigsten Bücher der Entwicklungshilfe-Debatte.
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„1000 Schulen für unsere Welt“ Soll wohl in Scholz’scher Lesart heissen, die Hoheit über die Kinderbetten der 3. Welt. Aber möglicherweise stehen die nicht auf Endsieg.
„Nur ein Beispiel: Mit dem Programm “1000 Schulen für unsere Welt„ unterstützt das BMZ den Bau und die Ausstattung von Schulen. Klassenzimmer, Sanitäranlagen, Möbel, PCs, Laptops, Tablets.“ Wenigstens Wertfrei ind bedingungslos oder nur, wenn auch „gender- und klimagedöns“ – ideologisch konform unterrichtet wird?
Hallo Herr Seitz, ich habe eine Anfrage für einen Freund. Er hat ein geoelektrisches Messystem für die Messung der Tiefe des Grundwasserspiegels nach Schlumberger entwickelt. Weitgehend mit Bauelementen aus China, weil es das in der EU nicht mehr zu vertretbaren Preisen gibt. Die Gesamt-Herstellungskosten betragen unter 120 Euro. Allerdings ohne Steuern und Abgaben, die reinen Materialkosten plus Arbeitszeit nach deutschem Mindestlohngesetz. Der Freund kann das System nicht innerhalb der EU verkaufen, weil er kein CE-Kennzeichen zertifizieren lässt. Der geringe Preis würde dadurch wenigstens verzehnfacht, und er müsste einen Kredit aufnehmen, um diese Kosten vorfinanzieren zu können. Aber das Gerät ist besonders für aride und beinahe-aride Böden geeignet durch ein spezielles elektronisches Verarbeitungsverfahren.
Nimmt man noch Transportkosten von 20 Euro pro Gerät an, wäre es in Afrika unter 150 Euro verfügbar und sicher für jeden Ort erschwinglich. Die Messkosten sind reine Personalkosten, die in Afrika nicht entscheidend ins Gewicht fallen würden.
Jetzt vermutet der Freund, wenn er diese Systeme global anbietet, z.B. per eBay, würde er sich strafbar machen, wenn er ein in der EU hergestelltes Gerät ohne Umsatzsteuer/Mehrwertsteuer verkauft.
Können Sie gelegentlich dazu mal eine Übersicht liefern, für welche Länder eine Ausfuhr aus der EU ohne sinnlose Bürokratiekosten möglich wäre. Bitte so konkret wie möglich. Und wie müsste man dazu vorgehen. In welcher Währung kann man das anbieten und welche Kosten für Umtausch und Anti-Geldwäsche-Pillepalle muss man dazu noch berücksichtigen?
Lieber Herr Seitz, vielen Dank dass Sie unermuetlich ueber dieses Thema schreiben. Entwicklungshilfe neu denken – weniger Moral, mehr Wirkung
Der Beitrag „Vor den Trümmern der Entwicklungshilfe“ spricht ein unbequemes, aber notwendiges Thema an: Nach Jahrzehnten enormer finanzieller Anstrengungen fällt die Bilanz ernüchternd aus. Selbst ehemalige Insider räumen ein, dass die klassische Entwicklungshilfe „die Armut nicht beseitigt“ habe und oft an mangelnder Transparenz und Wirksamkeitskontrolle leide .
Dennoch greift es zu kurz, Entwicklungshilfe pauschal zu verwerfen. Unbestreitbar gibt es Projekte, die konkret geholfen haben – etwa beim Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung oder Infrastruktur. Aber genau hier liegt das Kernproblem: Es fehlt eine ehrliche, systematische Bestandsaufnahme. Zu selten wird überprüft, welche Maßnahmen tatsächlich nachhaltig wirken und welche lediglich gut gemeint sind.
In ihrer heutigen Form ist Entwicklungshilfe vielfach nicht mehr zeitgemäß. Zu oft folgt sie politischen oder ideologischen Leitbildern statt den realen Bedürfnissen vor Ort. Kritiker bemängeln zudem, dass Projekte häufig ohne ausreichende Erfolgskontrolle umgesetzt werden und langfristige Effekte ausbleiben . Gleichzeitig kann ein Übermaß an externer Unterstützung sogar Abhängigkeiten fördern und Eigeninitiative schwächen.
Ein pragmatischerer Ansatz erscheint daher sinnvoll. Länder wie China setzen stärker auf wirtschaftliche Kooperation, Infrastrukturprojekte und gegenseitigen Nutzen – sicher nicht frei von Eigeninteressen, aber oft ohne den moralischen Gestus, der westliche Programme begleitet. Diese Form der Zusammenarbeit wird von vielen Empfängerländern als weniger bevormundend wahrgenommen.
Was es jetzt braucht, ist ein grundlegendes Umdenken: weg von der Logik „mehr Geld ist gleich mehr Hilfe“, hin zu klaren Kriterien für Wirksamkeit. Projekte, die keinen nachweisbaren Nutzen bringen, sollten konsequent beendet werden. Stattdessen sollten Initiativen g
Ach ja, Herr Seitz, ich danke Ihnen für alle Ihre Beiträge. Ich bin nicht immer mit Ihnen einverstanden, aber ich schätze Ihre Kenntnisse und Ihre Empathie. Bitte machen Sie weiter so.
Ach ja, es wird gerne behauptet, Bildung wäre der Schlüssel. Ich habe da meine Zweifel. Hochausgebildete finden regelmäßig im Ausland bessere Chancen. Im Inland gibt es regelmäßig keine Arbeitsangebote. Klassische Lehren wären hilfreicher, aber auch nicht allein seelig machend. An alle, die mehr oder weniger, ich kann es nicht anders formulieren, rassistisch unterwegs sind. Ich kenne viele Afrikaner, die absolut leistungsbereit und arbeitswillig sind. Oft genug fehlt es an Kleinigkeiten, wie passendem Werkzeug, oder auch an Grundausbildung. Ach ja, die Kulturunterschiede sind oft heftig. Manchmal zum Haare ausraufen. manchmal kurios. Zumindest die Mosquitos feiern regelmäßig, wenn ich komme.
Was mich immer wieder verblüfft, sind diese „Entwicklungshelfer“ nicht in der Lage, eine kurze Analyse der lokalen Probleme zu machen und Gelder in die aussichtsreichsten Projekte zu investieren? Oft genug habe ich den Eindruck, daß Entwicklungshilfe das vorrangige Ziel hat, Millionärskinderchen einen Abenteuerurlaub zu verschaffen. Luisa-Neubauer-Syndrom. Infrastruktur, Infrastruktur, Infrastruktur. Verkehrswege, Wasser- und Stromversorgung mit allem, was dazu gehört, Zementfabriken, Kiesgruben, Beton- und Asphaltmischwerke. Dann ist auch die Basis für weiteres Bauen da. Nichts Hochtechnisiertes. Entwicklung der Agrarwirtschaft, um erstmal Importe zu verringern und zweitens exportfähig zu werden. Rohstoffgewinnung und -export ist im Regelfall kontraproduktiv. Fast wie Entwicklungshilfe.