Rainer Bonhorst / 07.11.2018 / 16:00 / 16 / Seite ausdrucken

Vor dem Bittsteller-Ausschuss

Es ist schon eine Weile her, aber mir will das Verhör der beiden Achse-Autoren Vera Lengsfeld und Henryk Broder vor dem Petitionsausschuss einfach nicht aus dem Kopf gehen. Wie ein nervtötender Ohrwurm meldet sich das Geschehen immer wieder und verlangt nach einer sorgfältigen Analyse. Nach einer Analyse von Grund auf. Kurz und gut: Nach einer Analyse im Bömmelschen Sinne. Bömmel? Na klar: Feuerzangenbowle. 

Also: Stelle mer uns janz dumm: Wat is ene Petitionsausschuss? Oder stelle mer uns noch dümmer: Wat is ene Petition? Ganz einfach: Eine Petition ist auf deutsch eine Bittstellung. Einer, der sich an den Petitionsausschuss wendet, ist also ein Bittsteller.  Einer, der „bitte, bitte“ sagt, in der Hoffnung, gnädiges Gehör zu finden. Man sollte im Dienste der Allgemeinverständlichkeit also von einem Bittsteller-Ausschuss sprechen.

Und was sind Petitionsausschuss-Mitglieder? Sie sind Personen, die dem Bittsteller eine Anhörung, also eine Audienz gewähren. Diese Paarung aus Bittsteller und Audienzgewährer prägt selbstverständlich Art und Stil solcher Begegnungen von Repräsentanten beider Welten. Das Verhältnis zwischen Audienzgewährer und Bittsteller wird auch innenarchitektonisch sichtbar gemacht. Die Gewährer sitzen deutlich abgehoben und in gebührender Entfernung vom Bittsteller, der damit in eine Position vom Typ „armer Sünder“ gelangt.

Aus dieser Konstellation ergibt sich auch, was als angemessenes Verhalten eines Bittsteller zu betrachten ist. Es empfiehlt sich, um das Wohlwollen der Audienzgeber sicherzustellen, dass der Bittsteller im Sitzen eine leicht gebeugte Körperhaltung als Ausdruck des notwendigen Respekts einnimmt. Überhaupt sollte der Bittsteller durch sparsame Mimik und schlichte Sprache signalisieren, dass er die Höhenverhältnisse nicht in Frage stellt.

Ein Bittsteller, der selbstbewusst auftritt, ist eine Zumutung

Und die sind so: Politiker, die eine führende Rolle innehaben, zum Beispiel im Petitionsausschuss, dienen zwar dem Wohle des Volkes, der eine oder die andere tut dies aber gerne von oben herab. Dienen sie von oben herab, so sind sie sozusagen Oberdiener. Beim Militär würde man sagen: Diener mit Portepee. Und jeder weiß, dass ein Portepee-Träger empfindlich darauf reagiert, wenn man ihn, wie der Volksmund sagt, am Portepee packt.

So ist es ein fataler bittstellerischer Fehler, die Bittstellungs-Prüfer erkennen zu lassen, dass der Bittsteller den Portepee-Trägern intellektuell gewachsen, ja – ungeheuerlich – sogar überlegen sein könnte. Dies ist dann ein klassischer Fall von am-Portepee-packen. Er führt bei den am-Portepee-Gepackten zu erhöhtem Blutdruck und kann den Vorwurf zur Folge haben, der Bittsteller trete selbstbewusst auf. Dies ist im Falle Broder ja auch geschehen. Ein Bittsteller, der selbstbewusst auftritt, ist in den Augen eines oder einer von oben herab Dienenden natürlich eine Zumutung. Ein Widerspruch in sich. 

Soweit meine Beschreibung des Petitions- oder Bittsteller-Ausschusses und meine Empfehlungen zum korrekt-gebeugten Verhalten in einer petitiven, also bittenden Situation. Sie könnte dem einen oder anderen Leser ein wenig vordemokratisch erscheinen. Das liegt daran, dass Amtsträger, die von oben herab dienen, im Stil nur schwer von vordemokratischen Würdenträgern zu unterscheiden sind. Der Bittsteller-Ausschuss ist die ideale Bühne, um so ein neuzeitlich-spätfeudales Prinzip sichtbar zu machen.

Nun könnten wir uns noch dümmer stellen und fragen: Wat is ene Ausschuss? Im Gabler Wirtschaftslexikon lese ich: Ausschuss sind Erzeugnisse oder Erzeugnisteile, die für den vorgesehenen Zweck endgültig nicht mehr verwendet werden können.

Also, ich weiß nicht. Da muss ich mich vertan haben. Es muss noch eine andere Ausschuss-Definition geben. Sonst würden doch nicht so viele Leute in einen Ausschuss drängen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in einen Ausschuss drängt, um dann endgültig nicht mehr verwendet zu werden.    

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Leserpost

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Olaf Jakob / 07.11.2018

Trotz der rasanten technischen Entwicklung wie Internet, Raumfahrt und einem nie gekannten Wohlstand, leben wir gesellschaftlich immer noch im Feudalismus und nach den Verhaltensgrundsätzen von Machiavelli.

Karla Kuhn / 07.11.2018

“So ist es ein fataler bittstellerischer Fehler, die Bittstellungs-Prüfer erkennen zu lassen, dass der Bittsteller den Portepee-Trägern intellektuell gewachsen, ja – ungeheuerlich – sogar überlegen sein könnte. Dies ist dann ein klassischer Fall von Am-Portepee-packen. Er führt bei den Am-Portepee-Gepackten zu erhöhtem Blutdruck und kann den Vorwurf zur Folge haben, der Bittsteller trete selbstbewusst auf. Dies ist im Falle Broder ja auch geschehen. Ein Bittsteller, der selbstbewusst auftritt, ist in den Augen eines oder einer von oben herab Dienenden natürlich eine Zumutung. Ein Widerspruch in sich. ”  Na immerhin, KNIEN mit senktem Kopf mußten Frau Lengsfeld und Herr Broder nicht mehr.  Ist doch auch schon ein Fortschritt. Die Frau Rottmann war ja völlig außer sich, daß beide “Bittsteller” gewagt haben, SELBSTBEWUßT aufzutreten. hatte sie sich etwa zurückbeamen lassen ins 18. Jahrhundert ??  Ihre - für mich unverschämte Reaktion, läßt gar keinen anderen Schluß zu. Oder braucht diese Frau Nachhilfe in Demokratie ?? ALLE Macht geht vom Volke aus, der SOUVERÄN sind WIR !!  Obwohl ich herzlich lachen mußte, auch weil sie offensichtlich gar nicht verstanden hatte, um was es überhaupt ging, habe ich die Art dieser Frau äußerst abstoßend empfunden.  Diese Frau hätte sich bei Frau Lengsfeld und Herrn Broder entschuldigen müssen und die EINE Minute Redezeit ist einen Frechheit. WAS bilden die sich eigentlich ein ?? Dann die ewigen Belehrungen von diesem Mann im Hintergrund, DAS hat mit DEMOKRATIE gar nichts mehr zu tun.  Allerdings sind beide trotzdem als Sieger aus diesem Ring gestiegen, weil die eine Frau der Linken und die Grüne Rottmann verschnupft reagiert haben.  Klasse. Der größte Erfolg ist doch, daß diese Anhörung vielen Menschen gezeigt hat, wie “Demokratie” NICHT gehen soll und sie hat sehr viele Menschen auf die Achse aufmerksam gemacht.

Wilfried Cremer / 07.11.2018

Es ist wie früher bei Behörden, wo man wegen niedrig angebrachter Sprechfenster an den Schaltern seine Anliegen bückend vorbringen musste.

Constanze Rüttger / 07.11.2018

Dieser Ausschuss war eher Ausschuss-Ware, sprich irgendwie mangelhaft. Ich erinnere mich da an eine Dame einer Partei, die sagte, die Gemeisame Erklärung sei gar keine Petition und ihre Partei würde sich an der Diskussion nicht beteiligen. Dann war da noch eine andere Dame, die den Sinn der Petition einfach nicht verstehen wollte/konnte. Damit ist der Beweis erbracht, dass in diesem Ausschuss nur Ausschuss sitzt :-)

Bernd Ufen / 07.11.2018

Interessanter Beitrag, herrlich satirisch. Und er ist, um mal im Duktus gewisser Oberdiener zu sprechen, auch wirklich hilfreich. Ich habe den Vorgang auch verfolgt und die ganze Zeit überlegt, wie man die den Petenten geistig, Entschuldigung, intellektuell unterlegenen Mitglieder des Petitionsausschusses bezeichnen könnte. Ganz einfach, liegt doch auf der Hand, eben Ausschuss.

Ilse Polifka / 07.11.2018

Mich hat dieses “Verhör” , wie sie es nennen, an Gerichtsverhandlungen in schlimmsten Zeiten in Deutschland erinnert. Ich bekam Angst.

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