Attentäter sehen sich gerne als Handelnde im Dienste der reinen Wahrheit. Gegen manipulierende Scheinwelten und gebaute Phantasmagorien gehen sie vor, so ihre Rechtfertigungsrhetorik. Tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall: Sie denken in Bilderkategorien, erzeugen selber Bilder – vor allem von sich selbst im Dienste einer vermeintlich höheren Sache. Sie handeln letztlich, so seltsam dies klingen mag, auch an ästhetischen Kriterien orientiert. 9/11 war die Erzeugung von Bildern, wie sie Hollywood schockierender, aber eben auch wirksamer nicht hätte erschaffen können. Und die Art, wie Hamas-Kämpfer sich Fernsehkameras darbieten, ist definitiv hollywoodgeschult. Darauf, wie sich Bildzerstörung und Bilderschaffung im Terroristen vereinen, wies der Bochumer Kulturwissenschaftler Manfred Schneider gerade auf einer Tagung hin (hier ein Tagungsbericht).
Auch die mediale Präsentation von Opfern wirkt oft inszeniert. Natürlich gibt es auf beiden Seiten des Konfliktes fürchterliches Leid. Im Lichte der Fernsehkameras sucht sich dieses aber immer auch eingängige visuelle Formen. Der TV-Redakteur reagiert eben in gelernten Automatismen auf rollende Panzer, weinende Frauen, brennende Häuser. Das Tendenzhafte, das diesen Bildern immer innewohnt (das böse Israel, das die bemitleidenswerten Zivilisten atackiert), leitet sich nicht nur aus politischer Einseitigkeit der Redakteure ab, sondern aus ihrer ästhetischen Polung auf bestimmte Bilder und deren Bedeutung.
Auf Seiten der Medienrezipienten setzt sich die Logik der Bilder fort. Die aufgeregte Israelkritik speziell in Deutschland folgt dem übersteigerten Sinn, den die deutsche Öffentlichkeit für die Inszenierung des “Schwachen” oder als schwach Empfundenen hat. In einem der früheren Blogs wurde hier auf die Selbstinszenierung eines weinenden Pfarrers hingewiesen. Das Bild des Trauernden ist selber ein als Bild Gelerntes, Inszeniertes. Es bezieht seine gefühlte moralische Überlegenheit auch daraus, dass es als Bild funktioniert. Und die Selbstgerechtigkeit israelkritischer Demonstrationen speist sich aus meiner Sicht auch aus dem Wissen, auf ein bestehendes Repertoire an Demonstrationsästhetiken zurückgreifen zu können.