Eine kleine Vorrede: Ich finde jede Beschönigung der SED-Diktatur unerträglich. Dass viele Ältere, die entscheidende Lebensjahre in der DDR verbrachten, selbstverständlich viele schöne Erinnerungen an diese Zeit haben, ist nicht dem Regime zuzurechnen. Die meisten DDR-Bewohner übten sich in der Kunst, das alltägliche Leben trotz aller Zumutungen der Diktatur, trotz kleinlicher Gängelung, staatlicher Bevormundung, Mangelwirtschaft und Freiheitsentzug erträglich bis glücklich zu gestalten. Die guten Erinnerungen an das Leben in der DDR gibt es bei genauerem Hinsehen nicht wegen des SED-Regimes, sondern trotz des SED-Regimes.
Dennoch findet schon seit geraumer Zeit eine Art Zonen-Nostalgie immer wieder Zuspruch. Grundsätzlich ist das kein Wunder: Auch die zum DDR-Ende ganz Jungen sind inzwischen in den Reihen der Grauhaarigen angekommen, die nicht selten einen etwas verklärten Blick auf die eigene Jugend pflegen.
Der politische Einsatz nostalgischer DDR-Folklore blieb lange Zeit erwartungsgemäß der mehrfach umbenannten SED vorbehalten. Die Genossen verteidigen das alte Regime bis heute entschieden gegen die Feststellung, dass es sich bei dem von ihren politischen Erblassern beherrschten Gemeinwesen um einen Unrechtsstaat gehandelt hat. Dabei lässt sich das schon mit einem Blick in den „besonderen Teil“ des DDR-Strafgesetzbuchs erkennen. Wer anschließend die Augen nicht davor verschließt, wie die Anwendung des politischen Strafrechts in der Praxis aussah, dürfte kaum verstehen können, wie jemand den Unrechtsstaats-Charakter der DDR in Zweifel ziehen kann.
Wie dem auch sei: Lange Zeit konnte man die Verklärer der zweiten deutschen Diktatur sicher im linken Teil des politischen Spektrums verorten. Folgt man den aufgeregten Medienberichten der letzten Tage, kommt die DDR nun aber plötzlich auch von rechts.
Reaktionen auf den Hymnengesang
Bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Dessau, zu dem die Partei den Kabarettisten Uwe Steimle als Entertainer engagierte, wurde bekanntlich zum Schluss auf der Bühne die DDR-Nationalhymne gesungen. Bei Steimle hätte man darauf vielleicht gefasst sein können, schließlich gehört DDR-Nostalgie schon seit Jahrzehnten zu seinem Repertoire.
Als Steimle nun die DDR-Hymne anstimmte, waren der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla und der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sichtlich überrumpelt. Wer will, kann sich das hier am Ende anschauen.
Weil auch Teile des Publikums mitsangen, stimmten sie auch mit ein. Hinterher konnte man schließlich darauf verweisen, dass die SED-Führung seit Anfang der siebziger Jahre nicht mehr wollte, dass der Text gesungen wird, weil das darin vorkommende „Deutschland einig Vaterland“ der Parteilinie inzwischen zuwiderlief. In diesem Moment dachte auf der Bühne wahrscheinlich keiner daran, dass sich Parteigrößen aus CDU und CSU dazu öffentlich äußern würden. Doch am Mittwoch berichtete u.a. der Deutschlandfunk:
„Das Singen der DDR-Nationalhymne auf einer AfD-Veranstaltung in Sachsen-Anhalt stößt auf Kritik. Kanzleramtschef Frei nannte das ‚extrem befremdlich‘. Der CDU-Politiker kritisierte vor allem, dass auch Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Siegmund und Bundesparteichef Chrupalla eingestimmt hätten. CSU-Generalsekretär Huber warf der AfD vor, extremistisch und geschichtsvergessen zu sein.“
Also ich finde das Singen der DDR-Hymne im Wahlkampf durchaus auch befremdlich, aber die Empörung dieser Herren aus CDU und CSU deutlich befremdlicher. Wer diesen Gesang als „geschichtsvergessen“ geißelt, sollte die gleichen Maßstäbe an sich selbst und seine politischen Partner anlegen.
Die CDU vermag zwar noch nicht zu sagen, in welche Worte sie ihre Umgehung des eigenen Abgrenzungsbeschlusses zu den SED-Erben kleiden wird, doch sie wird ihn umgehen, weil sie anders die vom CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz fest zugesagte Abgrenzung zur AfD nicht durchhalten kann. Wenn es in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern überhaupt eine Mandatsmehrheit gegen die AfD geben wird, dann nur mit der Linken. Jeder weiß es, und jeder weiß, in welche Richtung eine Entscheidung nach den Wünschen der CDU-Führung gehen wird. Nur reden soll bitte niemand darüber.
Begeisterung für den Realsozialismus
Doch wer der AfD die DDR-Nähe beim Liedgut vorwirft, macht keine gute Figur, wenn er zugleich mit den SED-Erben kooperiert. Denn das tut die CDU bereits. Ohne Hilfe der Genossen von ganz links hat Mario Voigts Brombeer-Koalition in Thüringen keine Mehrheit. Ohne Hilfe der Linken hätte Friedrich Merz nicht sofort nach seinem gescheiterten ersten Kanzlerwahlgang zum zweiten Versuch antreten dürfen. War das auch geschichtsvergessen?
All jene, die eine Öffnung der CDU zu den Linken fordern, betonen an dieser Stelle, dass die heutige Linke nicht mehr die alte SED sei und man sie nicht wegen dieser Vergangenheit ausgrenzen dürfe. Dass es sich allen Umbenennungen zum Trotz bei der Linken um den Rechtsnachfolger der SED handelt, ist in dieser Sichtweise nicht mehr als ein Schönheitsfehler. Immerhin seien schon wegen des zeitlichen Abstands zur DDR die alten SED-Genossen längst nicht mehr prägend für die Partei.
Das mag sein, aber der Geist der Verharmlosung der SED-Diktatur, des Unrechtsstaats DDR, kommunistischer Herrschaft überhaupt, ist nach wie vor präsent und prägend in der Partei. Vor einigen Wochen konnte man lesen:
„Recherchen des Bayerischen Rundfunks zeigen, dass in der Linksjugend die DDR und Diktatoren wie Josef Stalin und Mao Zedong verherrlicht werden. Funktionäre aus Bundes- und Landesvorständen sowie Mitarbeiter von Linken-Bundestagsabgeordneten beteiligen sich daran.
[...]
BR Recherche hat mit mehr als einem Dutzend Linksjugend-Mitgliedern gesprochen. Sie berichten von einer wachsenden Begeisterung für den Realsozialismus. Fotos von Mitgliederversammlungen in Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen zeigen schwarz-rot-goldene DDR-Flaggen. Dabei hat die Linke als Nachfolgepartei der SED vor Jahrzehnten mit DDR und Stalinismus gebrochen.
Erik Uden, der auf dem Bundeskongress-Foto die Flagge mit DDR-Wappen hält, arbeitet für die Bundestagsabgeordnete Anne-Mieke Bremer. Laut BR-Recherchen stand er im Impressum des Linksjugend-Bundesarbeitskreises ‚Agitationspropaganda‘, kurz ‚BAK Agitprop‘. Auf der Linksjugend-Webseite stand bis vor Kurzem, der BAK wolle die Jugend ‚radikalisieren‘.
Der Arbeitskreis verbreitet auf Instagram Bilder von Stalin, Mao und DDR-Staatsratschef Erich Honecker. In einem Post verortet er sich in der ‚Tradition realsozialistischer Staaten wie der DDR‘. Ein Video zeigt Stalin in Uniform unter rotierenden gelben Sicheln. Im Arbeitskreis sind zu dem Zeitpunkt Funktionäre aus mehreren Landesvorständen.“
Wer den DDR-Hymnengesang auf einer AfD-Wahlveranstaltung empörend findet, dürfte eigentlich nicht ernsthaft darüber nachdenken, die Abgrenzung zu den SED-Erben aufzuweichen. Aber wer sich blind und taub gegenüber den inhaltlichen Botschaften stellt, die die Wahlbürger mit ihrem Wahlverhalten senden, dem fällt dieser Widerspruch wahrscheinlich nicht auf.
Beitragsbild: Montage Achgut.com, Bundesarchiv, Bild 183-R0518-182 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

Steile hat doch die richtige Nationalhymne gesungen. Die Altparteien sind doch schon längst dabei, unser Land in die DDR 2.0 zu verwandeln. Dazu passt diese Hymne genau!!
Zum Gesang der DDR-Hymne am 24.08.1990 in der frei gewählten Volkskammer zitiere ich den Deutschlandfunk „Auferstanden zu Einigkeit, Recht und Freiheit“ vom 06.07.2015:
„Als die Nationalhymne der DDR zum letzten Mal in der Volkskammer erklang, so erinnert sich Lothar de Maiziere, geschah es nicht organisiert. “Das zu singen? Nee, so etwas geschieht spontan. So wie die Bundestags-Abgeordneten am 9. November, als die Mauer gefallen war, plötzlich nachts anfingen, das Deutschlandlied zu singen.„ Der Gesang in der Volkskammer hatte einen eigenen Anklang. Lothar de Maiziere: “Aber es war, ich will nicht sagen, dass es ein geordneter Gesang war, aber die Mehrheit steuerte beim Gesang eben auf ‚Deutschland, einig Vaterland‘ zu. Das war der Hintergrund. Also nicht mehr ‚der eigenen Kraft vertrauend’.„ – Hanns Eisler machte bei der Erstellung der DDR-Hymne nicht von ungefähr die Taktung angleichend an das Lied von Joseph Haydn und das Versmaß von Brecht ist so gestaltet, dass es auch auf die Haydn-Melodie passt. So ist es kein Problem z.B. die Texte beider Hymnen auf die jeweils andere Hymnenmelodie zu singen oder zum Quodlibet zu machen: ♪ ♫ “Auferstanden aus Ruinen für das deutsche Vaterland„ bzw. “Einigkeit und Recht und Freiheit und der Zukunft zugewandt„ ♪ ♫. Sicher ist, dass das Singen der DDR-Hymne von Satiriker Uwe Steimle den Sonnenschein über Deutschland nicht beeinträchtigen wird.
@Dr. med. Jesko Matthes: In einem Punkte muss ich Ihnen doch widersprechen. Die Becher-Hymne war zwar nicht verboten – konnte man auch schlecht machen, wenn sie noch gespielt wurde – aber im Sommer 1989 berichtete Werner Kalinka in der WELT unter der Überschrift „13. August 1989: Wer die DDR-Hymne zitiert, macht sich schon strafbar“ u.a. von einem ausreisewilligen Leipziger, der aus seinem Fenster ein schwarzrotgolden angemaltes Bettlaken ohne Hammer und Sichel, dafür aber mit der Aufschrift „Laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland“ hängte. Der Mann wurde für das Zitat aus der nicht verbotenen Hymne mit 15 Monaten ohne Bewährung verurteilt. Es wurden in dem Artikel weitere, vergleichbare Beispiele aufgelistet, wofür Deutsche in der „DDR“ drastisch bestraft wurden, so zum Beispiel auch ein Ingenieur, der in Spiegelschrift auf die Heckscheibe seines Trabbis „Realität und Wirklichkeit“ sowie auf dem Kofferraumdeckel „40 Jahre UNO-Menschenrechte“ geschrieben hatte. Dafür wurde er zu 16 Monaten Haft verurteilt, sein Auto wurde entschädigungslos eingezogen, seine Tochter durfte die Oberschule nicht mehr besuchen. Das ist mehr als nur Ärger, den sich unsere Landsleute für ihre unter freiheitlichen Bedingungen harmlose Bemerkungen eingehandelt hatten. Aber eine Diktatur versteht keinen Spaß.
Ach Herr Grimm, wenn die DDR ein Unrechtsstaat war, dann muss ja ein Herr Gysi ein Unrechtspolitiker gewesen sein. Dabei ist er doch längst von Leuten wie Guttenberg, was ich ihm nie verzeihe, geadelt worden und in unserer Demokratie angekommen.
Sonst möchte ich nur noch ergänzend hinzufügen, dass doch die Medien in purer Angst vor einem Macht- bis hin zu einem Arbeitsplatzverlust nach jedem Strohhalm greifen, um die AfD zu diskreditieren.
Im September 2024 bestätigte der BGH ein Urteil wegen ‚Beihilfe zum Mord‘ in mehreren Tausend Fällen gegen die damals 99-jährige Deliquentin. Diese Frau hatte vor 80 Jahren, als damals 18 jähriges Mädchen, für insgesamt 22 Monate im KZ Stutthof ihren ‚Dienst‘ als Sekretärin | Schreibkraft getan.
Ob es solche Sekretärinnen und Schreibkräfte, Sanitäter und Wachleute wohl auch in Hoheneck gegeben hat? In Torgau (DDR Jugend-KZ), Bautzen, Cottbus, auf dem Chemnitzer Kaßberg, dem Schweriner Demmlerplatz, in Hohenschönhausen? Egal. Denn: In Hoheneck usw. hat es – wie in JEDEM deutschen KZ – auch einen Lager- bzw. Standort-Kommandanten gegeben! Es gab Schläger, Folter-Spezialisten, Henker und Mörder – und nebenbei Sadisten. Es hat sogenannte ‚Ärzte‘ gegeben, die unter Bruch ihres Eides mit der Geheimpolizei zusammenarbeiteten, rechtswidrig Informationen über ihre Patienten weitergaben, Frauen bzw. Häftlinge zu deren Schaden mit Psycho-Pharmaka behandelten.
Ein schöner „Friedens-Staat“!
Ich kann mich leider nicht mehr erinnern:
Wann fand eigentlich der „Hoheneck-Prozeß“ statt?
Der „Ärzte-Prozeß“?
Der Prozeß „wegen Planung eines völkerrechtswidrigen Angriffskriegs“ gegen diejenigen NVA-Generale, die im Herbst 1980 „einen Steifen hatten“ und es gar nicht abwarten konnten in Polen einzufallen!? Tausende ihrer Soldaten lagen wochenlang „gefechtsbereit“ und in voller Montur in den Wäldern am Stettiner Haff (Eggesin)!
Immerhin gab es einen Prozeß gegen den DDR-Sport-Föhrer Ewald (einen widerlichen Mädchen-Ablecker) und dessen rote Mengeles. Diese „Ärzte“ hatten mit Wissen und im Auftrag Ewalds systematisch Menschenversuche an jungen Sportlerinnen durchgeführt – 13, 14, 15 Jahre alt – und diese Mädchen illegal (mit Dopingmitteln) abgespritzt wie Mastvieh! Goldmedaillen erkauft durch das Leid von Frauen und Mädchen und der wissentlichen Zerstörung von deren Gesundheit! Auch DAS war der „Friedensstaat“ DDR!
Aber mit Wahrheiten wie diesen, gewinnt man offensichtlich keine Wahlen.
Steimle hat im Höchstfall die Begabung für einen sächsischen Mundart – Apologeten … überflüssig wie ein Kropf…keine Ahnung was daran komisch sein soll….
Ich bin an der Zonengrenze groß geworden, und stimme Ihrem Text zu. Möchte aber ergänzen, dass man sich erst Mal den Text anhören sollte, und dann etwas dazu sagen. Im Gegensatz zum Lied der Partei ist der Text kein Lob der Partei, sondern deutscher Werte.
Hört das Lied der Partei. Dann versteht ihr es.