Tobias Kaufmann (Archiv) / 24.11.2006 / 09:32 / 0 / Seite ausdrucken

Von Freunden umzingelt

Als Gott den Libanon erschuf, fingen die Engel an zu tuscheln. Glitzerndes Meer, traumhafte Strände, saftige Täler, sogar schneebedeckte Gipfel zum Skilaufen. „Findest du nicht, du bevorzugst die Libanesen zu sehr, Herr?“, fragten die Engel. Doch Gott antwortete: „Keine Sorge, wartet, bis ich ihnen ihre Nachbarn gegeben habe.“

Viele Libanesen werden diesen alten Witz in diesen Tagen gar nicht lustig finden. Der Zedernstaat steht nach dem Mord an Industrieminister Pierre Gemayel vor einem neuen Bürgerkrieg. Und Schuld daran haben nicht zuletzt die Nachbarn. Da wären die Israelis. „Wir kämpfen nur gegen die Hisbollah, die allein hat euch diesen Krieg eingebrockt“, hatte Israels Regierung während des Kriegs im Sommer stets beteuert. Dass es aber zur israelisch-libanesischen Freundschaft gehört, Infrastruktur zu zerstören, die alle Libanesen benötigen, haben verständlicherweise nicht alle Menschen in Beirut nachvollziehen können.

Existenzbedrohender ist aber ein anderer Nachbar: Syrien. Das Regime in Damaskus tut alles, um der prowestlichen libanesischen Regierung um Fouad Siniora das Leben schwer zu machen. Die islamistische Schiitenmiliz Hisbollah bekommt in Damaskus (und aus Teheran) alle Hilfe, die sie braucht. Dabei schien sich 2005 der neokonservative Traum von einem neuen Nahen Osten zu erfüllen: Libyen verwarf sein Atomprogramm, der Irak stand vor freien Wahlen, und in Beirut erhob sich eine prowestliche Jugend gegen die syrischen Besatzer. Der „Zedernrevolution“ war der Mord an dem antisyrischen Politiker Hariri vorausgegangen - hinter dem nach Ansicht des deutschen UN-Sonderermittlers Mehlis hochrangige Syrer stehen. Damals konnte, wer wollte, wahrnehmen, dass das Regime in Damaskus erste Risse bekam.

Heute zerreißt der Libanon. Obwohl eine starke UN-Truppe im Süden des Landes steht, treibt die Hisbollah Sinioras Kabinett vor sich her. Sie weiß, dass weder die Regierung noch die UN der Schiitenmiliz offen militärisch entgegentreten werden, um sie zu entwaffnen - wie in UN-Resolutionen gefordert. Und auch wenn die Beerdigung Gemayels zu einer beeindruckenden Demonstration für einen freien Libanon geriet - dieser wird nur Wirklichkeit werden, wenn ihm von außen geholfen wird.

Vor allem muss die Weltgemeinschaft Syrien und den fernen Nachbarn Iran davon abhalten, die Hisbollah weiter finanziell und militärisch aufzupäppeln. Dieser eindeutige Verstoß gegen UN-Beschlüsse, der schon zum Krieg mit Israel geführt hat, muss endlich Folgen haben. Zum Wohle des Libanon.

(Leitartikel im Kölner Stadt-Anzeiger, 24.11.06)

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