Rainer Bonhorst / 14.06.2022 / 14:00 / Foto: Jacques-Louis David / 8 / Seite ausdrucken

Von Frankreich lernen – wir brauchen schmissige Parteinamen!

Das französische Parteien- und Bündniss-Angebot zeichnet sich durch Wandlungsfähigkeit und durch schmissige Namen aus. Die Deutschen sind im Vergleich dazu grottenlangweilig. Hier kommen ein paar Vorschläge das zu ändern.

Es wird Zeit, unser deutsches Parteiensystem mit dem unseres westlichen Nachbarn Frankreich auf den Grad seiner Langeweile hin zu vergleichen und zu untersuchen.

Gerade ist in Frankreich kaum einer zur ersten Etappe der Parlamentswahlen gegangen (unter 50 Prozent.) Das ist seltsam. Denn liest man die französische Parteienlandschaft, so glaubt man, sich in einem Abenteuerroman zu befinden. Bei uns gehen mehr Leute hin, obwohl sich unser Parteienangebot wie eine Ansammlung von Schlaftabletten liest: SPD, CDU, CSU, FDP. Ein müder Buchstabensalat. Da kommt man schnell ins Gähnen. Auch die griffigeren Mitspieler, die Grünen und die Linken, reißen das nicht raus. Hab ich was vergessen? Ach ja, die AfD. Die hält sich und andere immerhin mit einem Kasperletheater wach, indem sie sich gegenseitig verbal verprügelt. Ein Rezept, das zurzeit auch die Linke probiert.

Das ist alles nichts im Vergleich zum französischen Angebot. Das zeichnet sich durch Wandlungsfähigkeit und durch schmissige Namen aus. Die Zeiten, in denen sich die konservativen Gaullisten und die Sozialisten überschaubare Wettbewerbe lieferten, sind längst Geschichte. Heute geht es rund. Im Zweifel warten die Wettbewerber nicht nur mit schmissigen Namen auf, sondern auch mit Ausrufezeichen. Allen voran Emmanuel Macron. Als er von Bord des sinkenden Schiffs der Sozialisten sprang, bot er seinen Landsleuten als Kontrast ein verbales Schnellboot an: „La République en Marche!“. Daraus wurde, damit es noch flotter geht, kurz und bündig En Marche!“ Also: Vorwärts! Oder auch: Auf geht’s. Weil es aber mit En Marche! nicht mehr so richtig vorwärts geht, entwickelte Macron zusätzlich die Idee, seine Bewegung in eine etwas tiefer greifende „Renaissance“ ohne Ausrufezeichen umzubenennen.

Ausrufezeichen und Nippes

Aber da auch diese „Wiedergeburt“ es nicht alleine schafft, sind die Marschierer ein Bündnis eingegangen, das sich „Ensemble!“ nennt. Jetzt wieder mit Ausrufezeichen! Zu dieser Gemeinsamkeit gehören zum Beispiel die Gruppe Agir, also Handeln und Horizonte. Ein etwas konventionelles MoDem ist als Mouvement Démocrate auch dabei. Viel genützt hat es nicht. Die Leute sind trotz der aufregenden Namen nicht hingegangen. Und die linke Konkurrenz ist erstarkt. Sie nennt sich NUPES, was ein bisschen kölsch klingt, nach Nippes. Aber die Nupes protzen mit einem anspruchsvollen Inhalt, nämlich mit einer Nouvelle union populaire écologique et sociale, also einer „Neuen sozialen und ökologischen Volksunion“. Die Hauptrolle in dieser Volksunion spielt La France Insoumise, „Das unbeugsame Frankreich“. Die Unbeugsamen werden angeführt von Jean-Luc Mélenchon, der Galionsfigur der französischen Linken und der Gottseibeiuns des nur verhalten marschierenden Emmanuel Macron. Unter Mélenchon spielen die alten Sozialisten und die vielsagenden Europe Écologie – les Verts, also die europa-ökologischen Grünen, nur die zweite Geige. Aber gemeinsam hoffen sie darauf, dass Macrons Marschierer dank Nupes die Wahl vergeigen.

Und wo bleiben die Rechten? Die haben es nicht geschafft, sich zu einer Alternativ-Nupes zusammenzuraufen. Marine Le Pen kämpft alleine mit ihrem Rassemblement Nationale, das sie von ihrem Vater geerbt hat, als sich die Nationale Versammlung noch Front National nannte. Ohne Front schlägt sie sich wacker, aber sie muss sich auch mit ihrem rechteren Konkurrenten Éric Zemmour und seiner Reconquete herumschlagen. Und da sich dessen „Wiedereroberung“ und die nationale Versammlung gegenseitig aufs rechte Beinchen treten, werden sie den marschierenden Macron und den linken Nupes-Chef Mélenchon nicht erobern können.

Die ungeliebte Cohabitation

Soweit der erste Streich, der zweite folgt am Sonntag. Dann wird endgültig feststehen, wer mit seinem schmissigen Namen die Parlamentsmehrheit erobert hat. Die Auguren tippen auf Macron und sein marschierendes und wiedergeborenes Ensemble. Schafft er es nicht, droht dem erst vor kurzem wiedergewählten Präsidenten eine Kohabitation mit dem widerborstigen Linken Mélenchon. Da die spannenden Namen der französischen Parteien und Parteibündnisse offenbar nicht allzu viele Franzosen in Bewegung setzen können, erübrigt sich eigentlich die Frage, ob sich unsere deutschen Parteien auch einer kesseren Namens-Erneuerung unterziehen sollten.

Falls es die eine oder andere ins Schleudern geratene Drei-Buchstaben-Partei dennoch jucken sollte, sich einem Wortchirurgen anzuvertrauen, hier vorab und gratis ein paar Vorschläge: Für die CDU lautet der Vorschlag „Jetzt ohne Mutti“. Für die CSU „Mir san mir“. Die SPD könnte als „Sind wir wieder wer?“ firmieren und die FDP als „Lass laufen“. Die Grünen könnten als Kontrast zu den anderen ergrünten Parteien als „Die Grüneren“ antreten und die Linke als „Sahras Sorgenkind“. Hab ich was vergessen? Ach ja, die AfD. Die könnte sich „Harakiri für Deutschland“ (HfD) nennen. Würde passen, aber auch daraus wird wohl nichts.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Thomas Roth / 14.06.2022

Die Grünen, die Linke und die SPD könnten sich zur LED zusammenschliezßen, die Linke Einheitspartei Deutschlands. Wem da kein Licht aufgeht dem ist nicht zu helfen

Ralf Pöhling / 14.06.2022

Viel Unterschied machen schmissige Namen letztlich nicht. Der Frust beim Wähler ist in Frankreich ja noch eher höher, als er bei uns schon ist. Aber wenn wir schon mal bei schmissigen Parteinamen sind, wie wäre es mit “Der Letzte macht das Licht aus!” ? ;-)

W. Renner / 14.06.2022

Teil 3: „Nur Olaf führt dich ohne Umweg in die Armut“  „Mein Geschlecht gehört mir“  „Lustiges sanktioniertes Gas zapfen mit Gerd“ „Drei Windmühlen für alle“  „Frag nicht, mach einfach mit“  „Mer losse de Virus in Kölle“  „Gemeinsam schaffen wir euch“

Patrick Meiser / 14.06.2022

“Alle Welt nutzt KI, nur Deutschland setzt auf natürliche Blödheit” - eignet sich sowohl für GRÜNE als auch SPD, aber besonders für Erstgenannte; “Besser Murks mitregieren, als weiter unbeachtet zu bleiben” (FDP); “Auf geht’s mit Mutti’s Resterampe”  und “Team Speichellecker und Team Großschnauzen” (CDU/CSU).............würde aber unterm Strich auch nix nützen, denn mit dem Personal kann man sich nur blamieren.

W. Renner / 14.06.2022

Fortsetzung: „Allez les Blöds“  „Weniger Verstand wagen“  „Mehr Mut zur Armut“  „Ohne Mutti hören wir noch lange nicht auf“  „Auf zu neuen Geschlechtern“  „Armut mit alles“  „9 Euro müssen reichen“  „Ein Klima für alle“  „Gewaltfreies menstruieren muss wieder möglich sein“  „Wir lassen uns durch Wissen und Verstand am regieren nicht mehr behindern“ „Unsere Inkompetenz ist keine Bedrohung, sondern ein Versprechen“

Volker Kleinophorst / 14.06.2022

Das ja so was von unwitzig. Habe extra hoch gestrollt, wer diesen Unsinn verbrochen hat. War nicht so überraschend. Ich hätte auch nen Namen für Sie @ R. Bonhorst. Aber den kennen Sie sicher schon. Aber Harry Kirre find ich auch nicht schlecht. PS.: War nix zu Trump oder dem Brexit unterzubringen?

T.Johannson / 14.06.2022

Ach Herr Bonhorst, wahrscheinlich alle Liebesmüh vergebens. Die hiesige Parteienlandschaft ist m.E. nur noch mit einem kräftigen Kehraus zu bändigen. Ich glaube nicht mehr an die Reformierbarkeit dieser Landschaft und damit einhergehend Rückkehr zu Maß und Mitte. Ich plädiere fürs auslosen statt wählen. Die Parteien kanns ja weiterhin geben, haben dann allerdings keinen überragenden Einfluss mehr. Und diese sogenannten parteinahen Stiftungen als teure Entsorgungsstätten für nicht mehr benötigte Politkasper brauchts dann auch nicht mehr. Das Parlament würde dann auch nur noch einen Abgeordneten pro Wahlkreis haben, also 300 Köpfe und die sind dann hoffentlich mit den Alltagsproblemen genügend beschäftigt um sich nicht zusätzlich noch diverser illusinärer Einbildungen zu widmen. Ja, das wärs wohl.

W. Renner / 14.06.2022

Da gibt es noch viele Analogien, welche die deutsche Parteienlandschaft treffend und schmissig bezeichnen würden: „Die Bewegung der Geldverschwender“ „Die Sonnenanbeter“ „Die mit der Windmühle tanzen“ „Die Jobkiller“ „Die verhinderten Bodenturner“ „Die auf dem Holzweg marschieren“ „Kraft durch Unfähigkeit“ „Aktionsbündnis Virenvertreibung durch Mummenschanz“ „Bündnis für den kollektiven ökonomischen Suizid“ „Gemeinsam voran in den Irrsinn“ „Bewegung Hosenanzüge für alle“ „Bündnis Armut besser gemeinsam erleben“ „Arbeitsgemeinschaft hinterm Regenbogen gehts weiter - bergab“ ……..

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Rainer Bonhorst / 05.08.2022 / 15:00 / 18

Lob des deutschen Flickenteppichs

Der Föderalismus ist eine der Stärken Deutschlands, obwohl viel auf unserem Flickenteppich herumtrampelt wird. Das halbwegs selbstständige Leben der unterschiedlichen Bundesstaaten ist ein Erfolgsmodell.  Gerade…/ mehr

Rainer Bonhorst / 01.08.2022 / 14:00 / 34

Der Sieg der Löwinnen

Für manche GenderInnen muss die Europameisterschaft der Fußballerinnen schwer verdaulich gewesen sein. Weil die deutschen Frauen das Endspiel nicht gewonnen haben? Nein. Weil ständig von…/ mehr

Rainer Bonhorst / 27.07.2022 / 16:00 / 21

Hasta la vista, Boris!

Beim Blick auf die beiden Nachfolgekandidaten Johnsons beschleicht viele britische Konservative das unbehagliche Gefühl, dass mit denen keine Wahl zu gewinnen ist. Sie wirken im…/ mehr

Rainer Bonhorst / 08.07.2022 / 11:00 / 23

Boris: Ein Kämpfer wird von Bord gegangen

Boris Johnson geht, wie er gekommen ist – als Kämpfer. Er hat sich in das Amt des Premierministers hineingekämpft, indem er seine glücklose Vorgängerin Theresa…/ mehr

Rainer Bonhorst / 05.07.2022 / 16:00 / 40

Hat Trump einen Staatsstreich versucht?

Ein Ausschuss des US-Kongresses untersucht derzeit die Rolle des damaligen Präsidenten Donald Trump bei der Erstürmung des Capitols am 6. Januar 2021. Die Neun – sieben Demokraten…/ mehr

Rainer Bonhorst / 27.06.2022 / 10:00 / 82

Abbrechen oder nicht abbrechen?

Aus aktuellem Anlass hier ein paar Worte zum Thema Abtreibung. Der aktuelle Anlass zeigt, dass der Ozean, der Amerika und Europa trennt und verbindet, immer…/ mehr

Rainer Bonhorst / 24.06.2022 / 16:00 / 13

Die drei Antisemitismen

Ach, wie konnte es nur zum Antisemitismus-Skandal auf der Documenta kommen? Den auf der Achse bereits veröffentlichten aufschlussreichen Analysen möchte ich meinen einfachen Antisemitismus-Dreisatz hinzufügen.…/ mehr

Rainer Bonhorst / 18.06.2022 / 10:00 / 15

Goodbye England! Hello Ruanda!

Großbritanniens indischstämmige Innenministerin will Zuwanderer nach Ruanda ausfliegen lassen – doch das hat nun der noch immer zuständige Europäische Gerichtshof für Menschenrechte vorerst gestoppt. Wenn Mirusia, geigend begleitet von…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com