
„Aber Kasper Rorsted ist mit adidas doch so erfolgreich” - Es reicht offensichtlich nicht, das Geld nur anzulegen. Man muss auch mit allen Mitteln (z.B. Nachrichten) helfen, dass die Sache gedeiht. Unter dem Gesichtspunkt erscheinen viele Nachrichten unter einen völlig neuen Gesichtspunkt.
Lieber junger Kollege Gökalp, in einer Gesellschaft, in der man sich Titel kaufen, dünne Dissertationen vorlegen, plagiiert haben kann, neuerdings ohne Rücktrittsfolgen, ist das, mit Verlaub, keine Geschichte von Relevanz. Aber soweit sind Sie ja inzwischen selber. Was ich honoriere, ist Ihr Ansatz zur Ehrlichkeit. Wahrhaftigkeit muß man im Journalismus behalten, sonst landet man dort, wo Mainstream schon lange ist.
Solche Lügen sind doch noch das Ehrlichste in diesen Standardlebensläufen. Von den falschen Haaren auf den Fotos ganz zu schweigen.
Ich hoffe, dass Ihr Wind die neuen Segel blähen kann und nicht nur als Gedankenblähung verpufft. Ein Vorstandsvorsitzender kann dumm wie Holz sein und tausend Abschlüsse besitzen, die noch nicht einmal mit seinem Fachgebiet etwas zu tun haben. Ist er für seine Tätigkeit erfahren genug, ausreichend vernetzt, hat das Unternehmen Erfolg am Markt und sind seine Mitarbeiter und Aktionäre zufrieden, wird ihm das keiner zur Last legen. Ihr Beitrag legt ein altes Dilemma von Berufsanfängern offen, die schnell zu Erfolg kommen wollen, gleich, wo sie arbeiten. Sie übersehen wesentliche Punkte, die das Ergebnis der Arbeit wertvoll machen. Ein atemberaubender Entwurf für den höchsten Wolkenkratzer der Welt in bester Lage ist nichts wert, wenn der Architekt sich keinerlei Gedanken über den Baugrund gemacht hat, der genau an dieser Stelle, an der er das Gebäude plante, noch nicht einmal eine Holzbaracke sicher trägt.
Apropos, was gibt es eigentlich neues von Johannes “Hass macht hässlich” Kahrs? Wurde das erste Staatsexamen schon aus den Tiefen des Justizprüfungsamtes nach oben gespült?
Naja, das sind zwei Dinge: 1. Wie gehen deutsche Medien mit Informationen und Recherche um - sie nutzen leider nicht ihre Macht, um zu informieren, sondern zu desinformieren. Traurig, dass es sich in Ihrem Thema mal wieder bestätigt. 2. Ihr “Fund” - ich weiß nicht, ob das investigativer Journalismus ist. Hätte er sich mit dem vermeintlichen Abschluss Geld vom Staat für ein Stipendium “erschlichen” oder die Karriere wäre nur wegen dieses Abschlusses so verlaufen, wäre es was anderes, aber so ... wer sich auf Schulabschlüsse verlässt und nicht auf die tatsächliche Qualitäten ... Unsere Corona-Abiturienten werden hoffentlich wenigstens Lesen, Schreiben und Rechnen können ;-) Anders die Lage eines Roland Bergers, der seine Vita schönte, um damit Karriere zu machen ... das hatte das Handelsblatt öffentlich gemacht, aber seither Funkstille (s. Punkt 1)
Tim Gökalp ist mit seinen Erfahrungen in der medialen Landschaft ganz und gar nicht alleine. Auch in Österreich ist das nicht anders. Ein Rechtsanwalt und Aufsichtsrat einer Bank legte sowohl in einem Zivil- als auch Strafprozess dummdreist gefälschte Dokumente bei Gericht vor. Belügt Lieschen Müller die Polizei darüber, wer denn nun - sie oder der besoffene Gatte - das Verkehrsschild niedergemäht hat, kriegt sie seine saftige Vorstrafe. Bei diesem Rechtsanwalt war es ganz anders. Als Staatsanwaltschaft und Gerichte auf diesen Umstand aufmerksam gemacht wurden, weigerten sie sich nicht nur die Sache überhaupt zu untersuchen, sondern waren sogar bei der Vertuschung behilflich. Ich habe die Geschichte bis ins letzte Detail recherchiert, dokumentiert, das Faktum der Fälschung mit gleichzeitiger behördlicher Vertuschung ist offensichtlich und nicht widerlegbar. Journalistisch gesehen, ein aufgelegter Elfer, da alles vorhanden war und es sich zudem noch um dasselbe Gericht handelte, wo Jahre zuvor ein riesiger Testamentsfälschungsskandal, in den sogar die Vizepräsidentin des Gerichtshof involviert war, aufgedeckt worden war. Insgesamt 12 Tages- oder Wochenzeitungen, darunter auch solche die sich lauthals immer wieder mit investigativem Journalismus brüsten, habe ich die Geschichte mit sämtlichen Unterlagen geschickt. Die meisten haben nicht einmal reagiert, aber Absagen, wie “zu kompliziert”, “nicht nach dem Lesergeschmack” oder “nicht unser Metier”, liessen mich dann doch an der geistigen Verfassung mancher Redakteure stark zweifeln. Die Generation mit dem Berufswunsch “Irgendwas mit Medien” scheint die Redaktionsstuben der gängigen Medien voll im Griff zu haben. Was soll’s, ich muss “grace à dieu” nicht vom Journalismus - und schon gar nicht vom investigativen - leben. Gratis zwar, aber nicht umsonst, hab ich die Geschichte grafisch schön aufgepeppt und ins Internet gestellt. Wen’s interessiert, der findet sie hier: www.bmpillegal.org
Die besten Geschichten werden nie gedruckt. Ich mache das seit 40 Jahren und hatte auch schon ein paar Storys, die wohl einfach zu gut waren. Ich gebe Ihnen recht @ Herr Gökalp, die Begründungen, warum man die Geschichte nicht bringt, sind abenteuerlich und desillusionierend, was unseren Berufsstand angeht. Bei mir waren die meisten ungedruckten spektakulären Fälle, während der guten alten analogen Zeit, als Journalisten noch ganz einfach ihre Gatekeeper-Rolle ausüben konnten. Eine damals sehr bekannte Münchener Agentur kauft gar teuer Geschichten auf, um sie zum Verschwinden zu bringen. Zweimal sprangen die Informanten, die mich erst auf die Geschichte gebracht haben, mit “lass mich da raus” plötzlich ab. Themen klein halten, ist heute durch das Internet nicht mehr so einfach, deswegen heute Diffamierung als Verschwörungstheorien, Fake-News… und natürlich “Regulierung” des Internets, damit die Zahnpasta wieder in die Tube kommt. Agenturen, die Themen groß oder ganz klein machen, gibt es auch heute noch. Ich denke, in Ihrem Fall waren die auch aktiv. PS.: Kurze Ansage während meines Volontariats. “Vergiss diesen Investigativ-Kram. Wir machen hier ein Produkt, um damit Geld zu verdienen. Wichtige Anzeigenkunden zu verprellen, ist nicht unser Job.” “Nicht hilfreich” würde man wohl heute sagen. PS.: Bei dem ein oder anderen “großen Coup” hatte ich schon Dollarzeichen in den Augen und träumte von Journalistenpreisen. Doch gerade diese Investigativ-Geschichten waren in der Hinsicht große Flops. PPS.: Bei einer Geschichte, die nicht erschien, kam sogar die Staatsanwaltschaft auf mich zu und faselte was von Verleumdung. Ein “Kollege”, dem ich die Geschichte angeboten hatte, muss sie informiert haben.
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