Vera Lengsfeld / 08.09.2012 / 11:06 / 0 / Seite ausdrucken

Von der Unmöglichkeit, ein System zu lieben

„Ab jetzt ist Ruhe“ von Marion Brasch ist ein leises Buch, obwohl es Ereignisse beschreibt, die Schlagzeilen gemacht und Skandale ausgelöst haben. Die kleine Schwester dreier begabter, bekannter, berühmter , gar legendärer Brüder beschreibt den Zerfall ihrer Familie und des Systems, dem sich alle Familienmitglieder verschrieben haben. Das System, genannt Arbeiter-, und Bauernstaat, bestimmt das Familienleben in einem Maße, dass die Liebe, die es zwischen Eltern und Geschwistern durchaus gab, immer wieder in den Hintergrund gedrängt wird. Die Liebe zum System ist eine Ersatzhandlung, geboren aus der Wurzellosigkeit der Eltern, die auf die Kinder übertragen wird. Der Vater ist ein deutscher Jude, der in der Pubertät nach England geschickt wird, um dem Zugriff der Nazis zu entgehen. Die Mutter ist eine Wiener Jüdin, die es aus dem gleichen Grund nach England verschlagen hat. Der Vater wird, nachdem er den Wunsch aufgegeben hat, katholischer Priester zu werden, Kommunist und beschließt nach dem Krieg nach Deutschland zurück zu kehren. Die Mutter bleibt ein Jahr mit dem Erstgeborenen zurück, bevor sie ihrem Mann in ein Land folgt, in dem sie nie leben wollte und nie heimisch geworden ist.

Den Schwebezustand, in dem sich die Mutter ein Leben lang befunden haben muss, hat sie auf die Tochter übertragen. Marion Brasch erzählt dicht und eindrücklich , doch mit einer Distanz, als wäre sie nie wirklich in Berührung mit den Ereignissen gekommen.

Die drei Brüder werden nicht namentlich genannt. Sie sind der Älteste, Mittlere oder Jüngste, als hätten sie nie Namen gehabt. Auch aus Mutter und Vater bleiben schemenhaft,  sie wirken auch dann abwesend,  wenn sie handeln.
Marion ist 7 Jahre alt, als ein ungeliebter Mitschüler ihr auf dem Schulweg mitteilt, dass ihr ältester Bruder im Gefängnis sitzt. Ihre Eltern hatten ihr das verschwiegen.

Nur am Rande wird die dramatische Geschichte abgehandelt, dass der Älteste vor der drohenden Verhaftung bei seinem Vater Schutz gesucht hatte, von ihm aber an die Staatsicherheit ausgeliefert wurde. Diese Tat wurde kaum honoriert: als Strafe für den rebellischen Sohn wird der Vater nach Karl-Marx-Stadt versetzt. Die Familie musste mit. Für Marion der zweite große Schock ihres Lebens. Es folgt der frühe Krebstod der Mutter, die Ausreise des Ältesten in den Westen, der zum endgültigen Bruch zwischen Vater und Sohn führt. „Vor den Vätern sterben die Söhne“, lautet der Titel des ersten Erfolgsbuchs des Ältesten im Westen. Der Mittlere, ein begabter Schauspieler, der seiner Liebe zu einer amerikanischen Tänzerin nicht folgen durfte, weil das System ihm die Ausreise verweigerte, trinkt sich tot, nachdem er gerade begonnen hatte, Anerkennung für seine Schauspielkünste zu gewinnen. Der Älteste will sich am Grab seines Bruders bei seinem Vater für seinen Buchtitel entschuldigen. Der Vater gibt vor, nicht zu wissen, wovon die Rede ist und wendet sich ab.

Trotz seiner Erfolge, wird der Älteste im Westen nicht heimisch und entwickelt geradezu eine Obsession für das System, das ihn zurückgewiesen hat. Anlässlich der Verleihung des Bayrischen Filmpreises bedankt er sich bei der Filmhochschule Babelsberg, die ihn nach einem knappen Jahr rausgeschmissen hat, für seine Ausbildung.

Diese grotesk- tragische Fixierung auf das System nahm bei ihm alsbald zerstörerische Züge an.

Dem Jüngsten, Schriftsteller wie sein Bruder,  wurde zum Verhängnis, dass er immer im Schatten des Ältesten stand. Er kämpfte weniger um die Anerkennung des Vaters, sondern um die des Bruders, die ihm aber ebenso wenig gewährt wurde, wie seinem Bruder die Anerkennung des Vaters.

Marions Überlebensstrategie in dieser sich als tödlich erweisenden Konstellation war, sich herauszuhalten und ein unauffälliges, angepasstes Leben zu führen. Das gelingt nur oberflächlich. Sie steht immer zwischen ihren Brüdern, dem Vater und dem System. Sie lügt, sie klaut, sie bekommt Bulimie, sie kann keine wirkliche Beziehung zu anderen Menschen aufbauen.

Der Vater stirbt, kurz bevor die DDR zusammenbricht. Die Söhne bleiben ihren Obsessionen ausgeliefert. Marion kann sich dem verhängnisvollen circulus vitiosus entziehen, als sie schwanger wird und sich für das Kind entscheidet.
Sie muss innerhalb eines Jahres beide Brüder beerdigen und kann sich nur damit trösten, dass sie nichts mehr verlieren kann, weil sie bereits alles verloren hat.

„Ab jetzt ist Ruhe“ ist ein Buch über die Zerstörung von Menschen, die ein System mehr lieben, als sich selbst.

Man kann Marion Brasch nur wünschen, dass es ihr gelingen möge, ihr beträchtliches Schreibtalent mit anderen Themen zu entfalten.

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