“…Die gegenwärtigen Erzählungen über eine wunderbare wie auch furchtbare Zukunft weisen dabei ein spezifisches Motiv auf, das den klassischen Utopien noch fremd war: die zerbrechliche, verletzbare Natur. Bei den großen utopischen Entwürfen der Neuzeit – man nennt hier oftmals die drei Autoren Morus, Campanella und Bacon – spielt Natur nur insofern eine Rolle, als sie gezähmt, beackert und abgeerntet werden muss. Natur ist weniger etwas, um das man Angst hat, sondern – wenn überhaupt – vor dem man Angst hat. In der Konsequenz gilt es, die natürlichen Kräfte zu bändigen und zu bekämpfen. Eindrücklich zeigt sich dieser Gedanke auch noch in der sowjetischen Utopieliteratur, etwa bei Alexander Alexandrowitsch Bogdanow, der in seinem utopischen Roman Der rote Planet (1908) über seine ideale Gesellschaft berichten lässt: „Bei uns herrscht Frieden unter den Menschen, das ist wahr, aber kein Frieden mit der elementaren Natur. Den kann es nicht geben. Die Natur ist unser Feind, der immer wieder von neuem besiegt werden muß.“ Der Zungenschlag einer solchen Rede wirkt auf gegenwärtige Ohren unheimlich fremd, sind wir doch daran gewohnt, Natur als etwas Bedrohtes wahrzunehmen. In den Zukunftsentwürfen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt sich denn auch eine zunehmende Sorge um die verletzbare Natur. In den Utopien dieser Jahrzehnte steht die Idee einer ökologischen Aussöhnung im Zentrum…”
Der Philosoph Christian Dürnberger in NOVOArgumente über die Sprache der Apokalyptik.