Fabian Nicolay / 11.06.2022 / 06:10 / Foto: Imago/Collage Achgut.com / 46 / Seite ausdrucken

Von China lernen

Von China lernen? Manchmal hatte auch Frau Merkel recht. Wie das geht, will ich hier darlegen.

Der Aufstieg Europas zur technologisch führenden Region im 15. und 16. Jahrhundert wurde von wenigen Großfaktoren begünstigt. Die inner-europäische Konkurrenz der Nationen, der Expansionismus als Kampf um Handelsrouten und Ressourcen, aber auch das Kultur, Forschung und Technik fördernde Mäzenatentum der Fürstenhäuser oder die Prunksucht der Kirche waren entscheidende Treiber und Ideengeber. China spielte auch eine Rolle.

Auch der spätere Aufstieg des unternehmerisch begabten Bürgertums im merkantilen Umfeld des Absolutismus, wo erstmalig vorindustriell gefertigte Massenwaren und eine rigide Zollpolitik zu Garanten positiver Außenhandelsbilanzen und Staatsgebiete schließlich zu „echten“ Volkswirtschaften geformt wurden, erzeugte eine derart mächtige Innovations-Dynamik, dass der kleine Kontinent zum global führenden aufstieg. Militärischer und ziviler Erfindungsreichtum wurden zur Basis eines breiten Wohlstands, der durch verheerende Kriege zwar starken Einschnitten unterworfen war, aber durch die anhaltend aufstrebende Innovationskurve einzelner Konkurrenten mittelfristig immer wieder aufblühen konnte bis in die Gegenwart.

Nicht jede Innovation, die in Europa „erfunden“ worden ist, war tatsächlich neu und aus eigenen Quellen geschöpft. Oft genug betrieb man Nachahmung von Techniken, die im fernen Osten schon lange existierten. China war dem „Westen“ vor 1430 technologisch weit voraus und hätte neben den vielen produkthaften Ideen, die europäische Manufakturen nun nachahmten, sicher auch handelsstrategisch und militärisch eine frühe Hegemonie übernommen, wäre es nicht zu einem entscheidenden Bruch gekommen, der das Großreich in einen 200-jährigen Dämmerzustand aus Abstieg und Abschottung manövrierte.

Abschied Chinas als Handelsmacht

Dieser Punkt wird heute in zweierlei Hinsicht unterschlagen. Ohne den selbstbetriebenen Ausstieg Chinas aus dem entstehenden Welthandel wäre Europa im 15. Jahrhundert der wirtschaftliche Durchmarsch und die weltweite Hegemonie nicht so einfach gelungen. Der Abschied Chinas als Handelsmacht mit Verbindungen bis nach Afrika ist aber auch eine Parabel dafür, dass Erfolgsgeschichten durch machpolitische Interventionen und entsprechende Politikfehler zu katastrophalen Rückschritten führen können, die sich jahrhundertelang negativ auswirken.

Die Chinesen besaßen um das Jahr 1400 – auf dem Höhepunkt ihrer hochseetüchtigen Schifffahrt – mit der sogenannten „Schatzflotte“ von etwa 3.500 Schiffen die größte Seemacht der Welt. Ihre Schiffe waren im Gegensatz zu denen, die zur gleichen Zeit in Europa gebaut wurden, wahre Giganten mit bis zu 1.500 Mann Besatzung. Die größten Schiffe maßen 120 Meter und hatten damit die fünffache Länge der in Europa üblichen Größe. Europa war im Gegensatz zu China noch technisches Entwicklungsland und konnte doch seinen Vorteil nutzen, der in der freien Entfaltungsmöglichkeit des handeltreibenden Bürgertums bestand und – gemessen am Kaiserreich China – in dezentralen, untereinander konkurrierenden Herrschaftsstrukturen.

Nach heutigen Maßstäben sah das so aus: Der Weltmarktführer und technologische Primus zieht sich zurück, gibt seine Einflusszonen und sicheren Einnahmequellen preis, weil die herrschende Elite glaubt, dass der freie Handel ein Machtvakuum erzeugt und moral-politische Probleme aufwirft. Alles muss unter Kontrolle und systemregulatorisch planbar sein. Die Innovationskraft wird der Abschottung geopfert, in deren Folge das Know-how, die unternehmerische Verve und die (Handels-)Freiheit verloren gehen. Diese Prinzipien werden auf alle Bereiche der selbstbestimmten Ökonomie angewandt. Der frei drehende Wohlstand geht, die moralisch unbestechliche Armut kommt und bleibt.

Ideologische Luftspiegelung

Der britische Wirtschaftswissenschaftler Angus Deaton behauptet in seinem Buch „Der große Ausbruch – Von Armut und Wohlstand der Nationen“, die chinesischen Herrscher der Ming-Dynastie hätten im Jahr 1430 alle Hochsee-Schiffsexpeditionen verboten und die riesige Handelsflotte zerstören lassen, weil sie den kometenhaften Aufstieg und Einfluss einer reichen Kaufmannsschicht fürchteten. Diesbezüglich waren die absolutistischen Herrscher Europas im 17. Jahrhunderts cleverer.

Der aktuelle Bezug lässt sich noch in anderer Hinsicht leicht herstellen: Deutschlands Ausstieg aus der zivilen Atomtechnik, die Abschaltung der Kernkraftwerke, die ganze Energiewende und ihre Freiluftübungen sind nicht nur technologische Einschnitte, sondern auch irrwitzig zivilisatorische. Der „Fortschritt“ dieser politischen Entscheidungen ist eine ideologische Luftspiegelung, die nicht in Wirklichkeit aufgehen wird, weil sie von tagträumenden Politikern und nicht von sachlich kalkulierenden Technikern ersonnen worden ist. Gleichzeitig ist die Wissenschaft ein politischer Arm der sie finanzierenden Realpolitik geworden, so dass Entscheidungen und ihre wissenschaftlichen Rechtfertigungen immer auf Presspassung gefertigt sind. Die Produkte dieser Politik sind aber schon nach kurzer Zeit schrottreife Wirklichkeit.

Der neuste Coup in Sachen ideologischer Abschottung ist das Verkaufsverbot von Verbrenner-Motoren in der EU ab 2035, also übermorgen. In Europa werden bald Fabriken abgebaut und die Weiterentwicklung von Motorenkonzepten eingestellt. Es werden hunderttausende qualifizierte Arbeitsplätze verlorengehen. Das Know-how wird schneller sterben als die Menschen, die es besaßen. Unwiederbringlich. Dafür wird man in China noch lange Verbrenner-Motoren bauen, vielleicht sogar in Fabriken, die einst in Europa standen. In Verbindung mit dem politisch verfügten Mangel an Strom in Deutschland wird die Verkehrswende in erster Linie eine Verzichtswende sein: Das Volk wird gehen oder radeln, die Eliten werden wohl lieber Elektrokutschen oder schusssichere Sänften beanspruchen.

Die Prinzipien der Ökonomie auf den Kopf gestellt

Die Herrschenden haben seit Jahren nicht nur die Freiheit der Wirtschaft planvoll beendet – was ihnen nie hätte zugestanden werden dürfen. Sie haben die Prinzipien der Ökonomie auf den Kopf gestellt und sie antithetischen Kräften ausgesetzt: Kosten und Nutzen, Effizienz und Marge bestimmen nicht mehr über Sinn und Unsinn ökonomischer Entscheidungen, sondern moralischer Anspruch und erkenntnisbefreite Vision. Sie haben die Wirtschaft in Haft genommen, als sei die Zukunft eine Geisel des Unternehmertums und seine Produkte des Teufels. Das zumindest ist das kanonische Bekenntnis postmoderner politischer „Eliten“, die mit dem Bannstrahl agieren.

So wird die Wohlstandsschöpfung durch Außenhandel beendet, wie damals in China, als man sich plötzlich nicht mehr traute, geografische und unternehmerische Wagnisse einzugehen. Die Kaiser der Ming-Dynastie – so unnahbar und machtvollkommen – hatten Angst vor der Freiheit, die eine geopolitische Öffnung bedeutet hätte. Die grüne Agenda der Altparteien befindet sich ebenfalls in einer geistig-moralischen Ming-Dynastie, nach deren Maximen bürgerliche Freiheiten und ökonomische Rahmenbedingungen immer mehr zivilisatorischer Apathie werden weichen müssen.

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Florian Bode / 11.06.2022

2035 wird der Verbrennungsmotor die EU verbieten.

Belo Zibé / 11.06.2022

Immerhin hat man im besten Deutschland, das es jemals gegeben hat , keine Angst vor unbegrenzter Öffnung.

Daniel Kirchner / 11.06.2022

Die Chinesen verwenden als einzige große Kultur immer noch eine Symbolschrift. Sie verwenden auch immer noch Stäbchen zum Essen, obwohl es sehr schwer ist, damit sauber zu essen. Europäer “entdeckten” vor 300 Jahren den Nutzen der Gabel.  Marco Polo reiste nach China, aber kein Chinese kam nach Europa. Australien (liegt hinter China) wurde von Europäern entdeckt und die dort reichlich vorhandenen Rohstoffe genutzt. Was die Chinesen wohl mit ihren tollen Schiffen wohl so getrieben haben!? Demokratie und Menschenrechte werden dort vermutlich nicht ein Mal verstanden.

Alwin Bruno / 11.06.2022

Es sind nicht “grüne und Altparteien” die immer mehr zivilisatorische Apathie zeigen, sondern es sind Personen ohne Wählerauftrag (z.B. Quote im Bundesvorstand) die der Apathie frönen.

Bernd Büter / 11.06.2022

Während hier die grün-sozialistische Untergangssekte mit Wählerumterstützung wüten darf, hat sich die Industrie, echte Wissenschaft und KnowHow längst aus dieser EU Untergangsregion verabschiedet. Abstimmung mit den Füßen. Wie immer. Intelligenz und Selbstbewusstsein gehen, Dummheit bleibt. Brain draw . Zukunft findet weiterhin statt, nur halt nicht in der EU der versammelten Vollpfosten. Als China damals EU spielte profitierte Europa. Jetzt ist es umgekehrt.

Harald Unger / 11.06.2022

Mit revolutionärer Entschlossenheit geht Fabian Nicolay daran, die verlorene/vergessene Dimension der politischen Mechanik - jenseits von bodennaher Anekdote und deren psychologische Deutung - wieder zu entdecken und verfügbar zu machen. Noch im Allgemeinen gehalten, wagt aber die Grafik eine mutige Klarheit. Nun wird sich zeigen, ob das, mal wieder, nur eine Quartals Eintagsfliege war oder dauerhafte Bereicherung sein kann. Die womöglich ansteckend ist.

Patrick Meiser / 11.06.2022

Der Arikel über diese unsägliche Süßholz raspelnde Zonenwachtel (O-Ton U. Priol) interessiert mich nicht, aber die Fotocollage ist 1A. Gute Arbeit.

Ralf.Michael / 11.06.2022

Herr Nicolay, Herzlichen Dank für das geile Photo (s. Photomontage) ! Eine Berreicherung für mein Archiv !! Das Einzige, welches ich durch China und dem Bundes-Hosenanzug gelernt habe ist das man ” von Hinten denken ”  kann. Ich habe dies trotz höherem IQ und meinen analytischen Fähigkeiten bisher nicht geschafft :o((

Gunter Zimmermann / 11.06.2022

Das Beispiel ist schlagend, es ist bedrückend, dass Millionen Europäer diesem ideologischen Blindflug zustimmen.

Karl-Heinz Boehnke / 11.06.2022

Eine Gesellschaft selbst zu zerstören, können nur ihre Bürger in einer Demokratie. Ein Absolutist oder Diktator hemmt nur den Aufbau, weil er die unterliegende Freiheit fürchtet und im Griff behalten will. Auf den entstehenden Reichtum will er jedoch nicht verzichten. Es spricht viel dafür, daß das Römische Reich zwar durch Krisen belastet, aber letztlich durch eine riesige Naturkatastrophe zerstört worden ist. Das Mittelalter mußte fast bei Null anfangen. Möglich ist, daß auch China ein solches Schicksal erlitten hat. Es gibt in Australien Hinweise auf einen gewaltigen Tsunami, vermutlich ausgelöst durch einen Meteoriten. Die vielen großen Schiffe bedeuten, daß die Entwicklung und damit die Gesellschaftsführung in den Küstengebieten konzentriert war. Liegen die Schiffe im Hafen, befördert sie ein solcher Tsunami als Bauholz ins Landesinnere. Der Schock der Menschen kann dann so groß sein, daß Katstrophendemenz und zerstörte Dokumente eine Erinnerung verhindern, was ja auch für Europa und Vorderasien zum Tragen kam. Aus Furcht vor drohender Gefahr durch den immer möglichen immensen Energieeintrag aus dem Meer wenden sich die Menschen erst einmal nur dem Land zu. Die Zerstörung der westlichen Welt braucht keine Naturkatastrophe, weil die Menschen das selbst erledigen, da heute im Gegensatz zu früher die Bildung von Massen möglich ist, die erschreckend leicht verführt werden können.

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