Mit der Hexenfurcht war es in meiner Kindheit nicht weit her. Das musste mein Vater erfahren, als wir bei einem Waldspaziergang im Urlaub an einem Blockhaus vorbeikamen, von dem er schelmisch behauptete, es sei das Hexenhaus aus Grimms Märchen. Die kannte ich vom elterlichen Vorlesen, auch wenn Andersens Märchen und der Ameisen-Ferdinand mich mehr beeindruckten. Der kleine schwarze Pfundskerl aus dem reich illustrierten Kinderbuch mit den farbigen Bildern, die, wenn man selber noch nicht lesen kann, genauso anziehend sind wie das Gehörte, erlebte Dinge, die ich aus meinem Alltag kannte: Man kommt in einen Regenschauer, und weit und breit findet sich kein trockenes Plätzchen zum Unterstellen; man feiert Feste, auf denen es Kuchen und Limonade im Überfluss gibt, während Erwachsene zur Live-Musik vergnügt das Tanz„beil“ schwingen; auch die Etepetete-Menschen, die, wie Fräulein Siebenpunkt, bei jeder Ungehörigkeit einen Nervenzusammenbruch erleiden, hatte ich in Gestalt einer Kindergärtnerin schon kennengelernt. Für mich waren die Ferdinand-Geschichten praktisch aus dem Leben gegriffen. Klar, das ist kein Kriterium für Märchen oder hohe Erzählkunst. Aber dass Eltern ihre Kinder, wie in Hänsel und Gretel, im Wald aussetzen, wo sie auf eine Hexe in einem Pfefferkuchenhäuschen treffen, die sie aufessen will, kam mir komisch vor. Meine Eltern quittierten meine beunruhigte Frage lapidar mit der nicht sehr zufriedenstellenden Auskunft, dass das „bloß erfunden“ sei.
Skeptisch machte mich beim Waldspaziergang im Urlaub, dass das Blockhaus aus Holz war und keine Hühnerbeine hatte, wie die Hütte der entschieden gemütlicheren Baba Jaga in den sowjetrussischen Märchenfilmen. Mit Hexen kannte ich mich, gerade mal fünf Jahre alt, schon ziemlich gut aus, wie mein Vater befand. Expertin auf dem Fachgebiet der Biesterei. Ich wollte die Hexe stellen. Sie sei, wie wir ja auch, gerade in die Ferien gefahren, redete sich mein belustigter und zugleich alarmierter Vater heraus, ahnend, dass ich nicht lockerlassen und bei nächster Gelegenheit wieder auf eine Konfrontation bestehen würde, wussten wir doch jetzt, wo die Hexe wohnt. Die Hühnerbeine ließ ich mir abhandeln. Die hätte sie meinem Vater zufolge während ihrer Abwesenheit im Boden versenkt, so, wie man ja auch die Fensterläden schließt und die Tür absperrt, wenn man verreist. Das konnte man gelten lassen.
Grimms Märchen führten im Deutschland der 1970er Jahre, obschon immer noch populär, längst nicht mehr die Beliebtheitslisten der Kinderbücher an, wie sie das hundert Jahre zuvor vermutlich taten. Dabei kamen Grimms Märchen nicht einmal alle direkt aus dem Volksmund deutscher Zunge, sondern u.a. aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, wo sie teilweise längst publiziert und gelesen worden waren. Deutsch wurden sie erst in der Niederschrift und Bearbeitung durch die Brüder Grimm. Bei Grusel- und Schauergeschichten von Mord und Totschlag, Tod und Teufel, wie „Der Räuberbräutigam“, „Das Mädchen ohne Hände“, „Blaubart“ oder „Gevatter Tod“ handelte es sich nicht um kürzlich Erlebtes und Erfahrenes, sondern um seit vielen Jahrhunderten Erzähltes, das von Gerüchten nicht zu unterscheiden war, von Mal zu Mal ausgeschmückt, drastisch überzeichnet und dramatisiert wurde und das definitiv nicht für Kinderohren bestimmt war. Hexen, Zauberer, öffentlich vollzogene Strafen wie Pfählen, Rädern, Vierteilen etc. waren Phänomene des ausgehenden Mittelalters und der um 1500 beginnenden Neuzeit.
Wünsche und Ängste im Gefühlshaushalt vieler Deutscher
Von Anfang an unterschieden sich Grimms Märchen von denen Hans Christian Andersens durch ihren Hang zum Erziehen, ihre tiefschwarze Pädagogik, ihren Fanatismus im Verurteilen von Menschen, ihre Neigung zu Rigidität und Grausamkeit in den Bestrafungsfantasien. Den Deutschen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts fehlte es bestimmt nicht an Fantasie. Im Gegenteil. Gerade weil sich bestimmte Vorstellungen in Herzen und Hirnen eingenistet hatten, waren nicht wenige Deutsche später außerstande, Menschen und Welt als das wahrzunehmen, was und wie sie sind. Dazu gesellte sich der mit Strafandrohungen verbundene, manchmal implizite, manchmal explizite Appell an den Gehorsam. Grimms Märchen, Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ und die Bildergeschichten Wilhelm Buschs, um nur die berühmtesten zu nennen, wären nicht so erfolgreich gewesen, wenn sie nicht weit verbreitete Bedürfnisse, Wünsche und Ängste im Gedanken- und Gefühlshaushalt vieler Deutscher zum Ausdruck gebracht und bedient hätten.
Natürlich ist es nötig, Kinder zu erziehen, sie vor tödlichen Gefahren wie dem Spielen mit Streichhölzern, vor zu großer Hitze und zu großer Kälte, vor gefährlichen Stürmen, Unachtsamkeiten oder Schmähspott gegenüber Schwächeren zu warnen, Mörder, Diebe, Fälscher und Betrüger zu bestrafen, Engstirnigkeit, Doppelmoral und Verlogenheit satirisch aufs Korn zu nehmen. Es ist aber ein Unterschied, ob man, um das zu vermitteln, Strafen mit Lust, Schadenfreude und Häme verbindet und dabei Kinder und Erwachsene in Furcht und Schrecken versetzt. Oder ob man Strafen als notwendiges Übel begreift und die daraus resultierende Genugtuung, Befriedigung, Erleichterung etc. als angemessene Gefühlsreaktionen beschreibt. Dass der Tod zum Leben dazugehört, lernen Kinder spätestens, wenn die Großeltern sterben. Aber ist es nötig, Kinder mit Vorstellungen von einem lebenden Gerippe zu gruseln, das wie in Grimms „Gevatter Tod“ ans Bett tritt und einen holt? Seine Mutter Katja habe an ihrem Ende immerzu vom Knochenmann neben dem Bett geflüstert, berichtete ihr Sohn Golo Mann später. Sie wird das übliche Bild vom Tod fantasiert haben, das man den Dreikäsehochs in ihrer Kindheit vermittelt hat.
Heute ist Grimms Märchensammlung zu Recht um einige Scheußlichkeiten erleichtert (u.a. „Der Jude im Dorn“), entschieden abgemildert und geglättet worden. Märchen wie „Die Bremer Stadtmusikanten“, „Schneewittchen“, „Der gestiefelte Kater“, „Dornröschen“, „Das tapfere Schneiderlein“, „Aschenputtel“, „Rapunzel“, „Rotkäppchen“, „Die sieben Geißlein“ oder „Hänsel und Gretel“ einschließlich der gleichnamigen Oper erzählen wunderbare Geschichten von einfallsreichen Kindern und klugen Tieren. Auch die als Kinder in den 1960er und 1970er Jahren eingewanderten Türkeistämmigen konnten sie faszinieren, wie Necla Kelek erzählt. Grimms Märchen sind ein auf Deutsch tradierter mitteleuropäischer Kulturschatz.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Sylke Kirschnicks Blog.

Nur das richtige Leben ist bisher noch um keine Scheusslichkeit erleichtert. Weshalb sollte man Kindern diese Tatsache vorenthalten? Dass der Tod zum Leben gehört, können die Kinder inzwischen schon auf dem Weihnachtsmarkt lernen. Und die Brüder die das zelebrieren, heissen nicht Grimm. Liegt unter anderem wohl daran, dass man Strafe inzwischen als notwendiges Übel betrachtet.
Die Grimm’schen Märchen stehen wie alle germanische Kultur auf der Abschußliste der Nihilisten. Ich meine auch, den Text in ähnlicher Form schon gelesen zu haben?
Die Basis der Märchen sind die Göttersagen, und die gehören ganz ohne Zweifel dem germanischen Sprachraum an. Riesen, Zwerge, Feen, Walküren, zauberkundige Frauen, die den Verstand verwirren:
Heid hieß man sie, wohin sie kam,
Die Zukunft wissende, Zauber trieb sie,
Sudkunst konnte sie, Seelenheil raubte sie,
Übler Leute Liebling allezeit.
Die Gartenzwerge sind ein Relikt der Göttersagen.
Die Franzosen sind keine Germanen, sondern keltische Gallier, die von den Römern assimiliert worden sind.
Die Göttersagen sind germanisches Kulturgut und Grundlage für die Märchen. Sie sagen den Zusammenbruch und die Verfolgung voraus. Wie die Endzeitreden und die Apokalypse. Wer Deutschland hat, hat Europa. Lenin. Das ist das Herz.
Das Christentum hat griechische Wurzeln und war für Europa prägend. Ohne Platon – der Körper ist das Gefängnis der Seele – gäbe es das Christentum nicht. Es ist europäischer Spirit und kam darum so gut an!
Jesus war wahscheinlich ein Römer. Maria war fremd gegangen. Der römische Bogenschütze mußte untertauchen. Außerdem sollte Jesus Aramäisch, Griechisch und Latein gesprochen haben.
Es gibt erstaunliche Parallelen zwischen Göttersagen und Christentum. Manche „Wissenschaftler“ wollen ja glauben machen, Snorri hätte christliche Elemente eingeflochten; das ist Unsinn. Dafür ist das viel zu strukturiert.
Es gibt Archetypen, wie der Höllenhund Kerberos, der das Totenreich bewacht, so auch Garm, der vorm Totenreich heult und sich bei Ragnarök losreist.
In den Göttersagen werden die Ertrunkenen von der Meeresriesin „Ran“ eingefangen.
Im Christentum: „ Und das Meer gab die Toten, die darin waren, und der Tod und die Hölle gaben die Toten, die darin waren; ..“ Apk 20, 12-13
Das ist erstaunlich, da wie hier sind das Meer, das Totenreich und die Hölle der Aufenthaltsort der Verstorbenen.
Qualifiziert über die Märchensammlung der Grimm-Brüder schreiben zu wollen und gleichzeitig von „Gebrüder Grimm“ zu schreiben, disqualifiziert die Autorin für mich.
Und deshalb lese ich den Artikel gar nicht erst; mir schwant schon, was dabei herauskommt.
Jakob und Wilhelm Grimm waren keine GmbH & Co. KG, sondern blutsverwandte Brüder.
Deshalb: Brüder Grimm!
Neben diesen beiden gab es noch Carl, Ferdinand und Ludwig Emil, zusammen also fast ein Konzern.
Schauen Sie doch mal rein beim Grimm-Museum in Kassel, werte Frau Kirschnick.
Da kenne ich mich aus.
Ich würde behaupten, ein extrem skurriler Artikel, um es mal nett auszudrücken. Gerade Grimms Märchen, die habe ich als Kind verschlungen (heute noch, wenn mir das zerlesene Märchenbuch mal wieder in die Hände fällt). Ebenso meine Kinder und Enkelkinder liebten und lieben die Märchen. Und für meinen fünfjähriger Urenkel sind „Hänsel und Gretel“ sowie „Der Wolf und die sieben Geißlein“ – alle „ungeglättet“ – Höhepunkte! In jedem Jahr, kurz vor Weihnachten, machen wir mit der ganzen Familie ein Märchenspiel mit einem Papiertheater. Was haben sich die Kleinen diesmal gewünscht? Hänsel und Gretel. Und was soll der Unsinn mit der „… wie die Hütte der entschieden gemütlicheren Baba Jaga …“? Ich hatte zwei oder drei dieser Filme (z. B. Der Hirsch mit dem goldenen Geweih). Meine Enkelkinder mochte die absolut nicht – viel zu gruselig. Und einem damals 10jähriges Mädel aus Belarus (bei uns für einige Wochen im Jahr, nach Tschernobyl) war entsetzt: Baba Jaga? Njet, njet, njet! Soviel zu Märchen, aber als Erzieherin ist die Autorin gut!
Egal was es betrifft. Auch in Deutschland findet sich immer jemand, meist eine Frau, der humorbefreit mault und herumekelt. Meine Güte; es wäre auch ohne den biestigen Unterton gegangen und etwas lockerer. Aber klar, öffentlich alimentiert und stramm links, was soll da an vergnüglicher Kritik herauskommen. Und dann noch an anderer Stelle die abstruse Verwurstelung von Menschen mit AfD-Hintergrund. Sie hat sicher in ihrer Besenkammer Besen stehen. Und sucht bei nächtlichen vielleicht doch einen Prinzen. Schwarz natürlich.
Die Kritik ist typisch deutsch. Wir haben ja nicht genug Begleittexte, wie man was zu lesen. Begleiteter Text ist die nächste Stufe des deutschen Betreuungssyndrom zusammen mit betreutem Fernsehen und betreutem Wählen. Ich erkläre dir jetzt mal, was du da jetzt gerade siehst.
Die fehlende Kultur drückt sich heute in schriller Kleidung aus, die fehlende Intelligenz in sonderbarer Exzentrik.
Ich hatte mal ein Mädchen mit Kopftuch als Kollegin, der habe ich über die Raunächte erzählt. Wenn der Wilde Jäger mit dem Wilden Heer durch die Winterstürme zieht. Das dann nicht gewaschen, gebacken, noch irgendwas anderes werden darf. Meine Oma und selbst meine Mutter haben sich im Wesentlichen daran gehalten. Und ich hielt es wohlig grauselich, wenn ich mit Wärmflasche unter einem Bettengebirge draußen den Wind gehört habe, die Dachschindeln klappern gehört und den benachbarten Kirchturm die Viertelstunden schlagen gehört habe. Speziell, nachdem ich mit Opa den tief verschneiten Winterwald gesehen habe. Daß das Überreste altgermanischen Glaubens an Wotan und die gefallenen germanischen Krieger in Walhalla sind, habe ich ihr auch erzählt. Hat ihr Kopftuch abgelegt. Vermutlich aus anderen Gründen. PS. Im Westen hatte man noch nie von den Raunächten gehört. Vermutlich stockdoof.