Gerd Buurmann / 22.08.2022 / 10:00 / Foto: achgut.com / 55 / Seite ausdrucken

Vom Massenmord zur Massenware

Die Inflation hat nun auch den Holocaust erreicht. Am 16. August 2022 kamen im Bundeskanzleramt in Berlin fünfzig Holocausts dazu, als Mahmud Abbas in Anwesenheit des Bundeskanzlers Olaf Scholz erklärte, Israel habe einen fünfzigfachen Holocaust begangen: „Israel hat seit 1947 bis zum heutigen Tag fünfzig Massaker in fünfzig palästinensischen Orten begangen. Fünfzig Massaker, fünfzig Holocausts."

Ohne Holocaust findet man heutzutage als Opfer einfach nicht mehr statt. Wer was auf sich hält, klebt sich einen gelben Stern auf die Brust. Jeder erlebt seinen ganz privaten Holocaust. Der Trend geht mittlerweile sogar zum Zweitholocaust.

Abbas’ Verharmlosung des Holocausts reiht sich ein in eine lange Liste der Relativierungen der letzten Jahre. Die Achse des Guten präsentiert daher ein paar Höhepunkte der letzten zwei Jahrzehnte. 

Der ehemalige Kölner Kardinal Meisner hielt am Tag der Heiligen Drei Könige im Jahr 2005 eine Predigt, in der er über Schwangerschaftsabbrüche sprach und diese Worte wählte: „Zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht.“

Der Ökonomie-Professor Hans-Werner Sinn erklärte im Jahr 2008: „In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“

Im Jahr 2009 sagte Bischof Walter Mixa„Es hat diesen Holocaust sicher in diesem Umfang mit sechs Millionen Getöteten gegeben. Wir haben diese Zahl durch Abtreibungen aber bereits überschritten.“

Der vatikanische Kurienkardinal Renato Martino erklärte im Jahr 2010: „Schauen wir uns die Lebensbedingungen im Gaza-Streifen einmal an: Das ähnelt immer mehr einem riesigen Konzentrationslager“

Im selben Jahr behauptete eine Büroangestellte, die Atmosphäre in ihrem Büro sei schlimmer als das Vernichtungslager Auschwitz: „Kein Jude in diesem Land musste jemals solche seelischen Qualen erleiden wie ich.”

Auf einer Internetseite der Partei „Die Linke NRW“ wurde im Jahr 2012 kurzzeitig behauptet: ”Hartz IV ist die Fortsetzung der Menschenvernichtung des III. Reiches.”

Auf einer Demonstration im selben Jahr für ein Nachtflugverbot, wurde ein Plakat hochgehalten, auf dem folgendes zu lesen war: „Wir Blankenfelder leben wie im KZ. Werden von zwei Seiten vergast + verlärmt, dank Platzek & Co.”

Als im Jahr 2014 eine Giraffe im Zoo von Kopenhagen getötet wurde, erklärte die Schriftstellerin Joyce Carol Oates„Ich kann immer noch nicht begreifen, warum der dänische Zoo die schöne junge gesunde Giraffe getötet hat. Ja, sie hatten „Gründe“, so wie die Nazi-Ärzte.“

Im selben Jahr erklärten vierunddreißig Hollywoodgrößen, darunter der Regisseur Oliver Stone und der Schauspieler Dustin Hoffman: „In den 30er Jahren waren es die Juden. Heute sind es die Scientologen.“

Ebenfalls im Jahr 2014 stellte die Tierschutzorganisation PETA fest: „Es war falsch, Juden zu töten. Genauso FALSCH ist es, dass jedes Jahr (allein in Deutschland) über 1.000.000.000 Tiere für die Fleischindustrie getötet werden.”

Im Jahr 2019 behauptete die amerikanische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez: „Die Vereinigten Staaten betreiben Konzentrationslager an unserer südlichen Grenze, und genau das sind sie – sie sind Konzentrationslager.“

Im selben Jahr sagte die amerikanische Sängerin Linda Ronstadt„Ich war mir an dem Tag, da Trump es ankündigte, sicher, dass er gewählt werden würde, und ich sagte, es wird so werden wie bei Hitler und die Mexikaner sind die neuen Juden.“

Ebenfalls im Jahr 2019 führte Lukas Fierz zum Thema Klimawandel folgendes aus: „Was vor uns liegt ist der Holocaust 2, diesmal mit grauenhaften Folgen nicht nur für Mensch und Menschlichkeit, sondern für die ganze Biosphäre. Genauso vorsätzlich wie der erste Holocaust, denn Ursachen und Folgen sind bekannt und sichtbar. Aber in Ausmass und Vollständigkeit der Auslöschung um Grössenordnungen schlimmer. All das hat schon begonnen, und derweil streiten wir uns um Cannabisfreigabe, Gendersprache, Krankenkassenbeiträge und Pensionsalter, wie wenn das daneben noch irgendeine Rolle spielte. Nein, es ist nicht eine Klimaveränderung, es ist der Holocaust 2.“

Darauf angesprochen, dass der Ausdruck „Holocaust 2“ vielleicht etwas schwierig sei, erklärte Lukas Fierz„Ich habe diesen Text deshalb einem Halbjuden und einem Zigeuner vorgelegt, welche beide in Auschwitz Angehörige verloren hatten und somit befugt sind, zu urteilen. Beide bejahten, dass der Ausdruck treffe und gebraucht werden dürfe.“

Im Jahr 2020 schrieb ein selbsternannter Impfgegner auf Facebook: „Vor 87 Jahren fing man an, Menschen mittels Gas zu töten. Heute fängt man damit an, Menschen unter Zwang zum impfen. Vor 87 Jahren wurden Menschen gezwungen, sichtbar einen Stern zu tragen. Heute sollen Menschen einen Immunitätsausweis tragen.“

Im selben Jahr erklärte die Psychiaterin Brandy X. Lee es gäbe sogar noch was schlimmeres als Hitler: „Donald Trump ist kein Adolf Hitler. Hitler verbesserte wenigstens das tägliche Leben seiner Anhänger, hatte Disziplin und verlangte mehr von sich selbst, um den Respekt seiner Anhänger zu gewinnen. Selbst bei der gleichen Pathologie gibt es unterschiedliche Kompetenzgrade.“

Im Jahr 2021 kritisierte der Facharzt Sucharit Bhakdi die Impfstrategie des Staates Israels mit diesen Worten„Das Volk, das geflüchtet ist aus diesem Land, aus diesem Land, wo das Erzböse war und haben ihr Land gefunden, haben ihr eigenes Land verwandelt in etwas, was noch schlimmer ist als Deutschland war, so unfassbar.“

Was kann man dazu noch sagen? Vielleicht das hier: Schlechte Vergleiche sind schlimmer als der Holocaust!

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Marc Blenk / 22.08.2022

Lieber Her Buurmann, was macht der Mensch, wenn er es absolut für möglich hält, dass die menschliche Zivilisation durchaus in Zukunft etwas gebären könnte, dass noch schlimmer und umfangreicher in der Wirkung ist, als der Holocaust? Wie diese Befürchtung ausdrücken, unter Voraussetzung des Konsens, dass der Holocaust das bisher übelste war/ist, was die Menschheit bisher hervorgebracht hat? Steckt im zeitgenössischem Umgang mit dem Holocaust inzwischen vielleicht auch das versteckte ideologische Dogma, dass auch in Zukunft dem Holocaust kein Ereignis ihm diesen ‘Rang’ je streitig machen kann? Aber wie passte dies nun wieder zur aktuellen wokistischen Weltuntergangsstimmung und den Prognosen eines Klimatodes allen Lebens auf dem Planeten? Die schlampige und teils missbräuchliche mediale Verbratung des Holocaust ist tägliches Geschäft von Leuten, die politisch was auch immer durchsetzen wollen. So ist man als Coronamaßnahmenkritiker automatisch Antisemit, Rechter und natürlich auch Holocaustleugner. Denn so herum ist es ja erlaubt, den Holocaust in aktuelle Zusammenhänge zu stellen. (Denke gerade an Herrn Schuster). Und Nazi ist schließlich jeder, der Lauterbachs Frisur kritisiert. Immerhin kann man so schlimm sein, wie die Nazis damals. Aber schlimmer? Alles Spielchen und ein Mangel an Phantasie. Mit dem Umgang mit dem H. ist es so, wie wenn man das ‘einzigste’ statt ‘einzige’ sagt, oder ‘Supergau’ statt ‘Gau’. Warum es also nicht mal mit Mega - Hyper - oder Superholocaust versuchen? Testweise. War die 1:7 Niederlage gegen Deutschland für einen Fußballfanatiker etwa nicht der Superholocaust des brasilianischen Fußballs? Oder die Schulhöfe des neuen Deutschlands, auf denen “Jude” als das schlimmste Schimpfwort gilt. Auch da empfehle ich die Steigerungsform: “du Superjude”. Testweise.

Esther Braun / 22.08.2022

@Zdenek Wagner: Danke!

Karl-Heinz Boehnke / 22.08.2022

Manche Begriffe verlieren ihre allgemeine Bedeutung, wenn sie in besonderem Zusammenhang Alleinstellung gewinnen. Dazu gehört, so empfinde ich, Holocaust, nämlich ausschließlich als Bezeichnung für den Völkermord an den Juden im Dritten Reich. So gab und gibt es immer wieder Genozide, aber nur ein einziger Holocaust hat stattgefunden. Endlösung klingt ähnlich, rutscht aber schnell, ungewollt anlehnend, in harmlosem Zusammenhang heraus. Besonders jedoch die Untaten an den Juden sollten mit nichts verglichen, geschweige gleichgesetzt werden. Denn sie sind für den Menschen der deutlichste Appell, seine niedersten Beweggründe rechtzeitig im Zaum zu halten.

Arne Ausländer / 22.08.2022

@Joerg Machan: Ich begegnete dem Begriff “Holocaust” erstmals Ende der 1970er Jahre, als im Westen die (ziemlich verkitschte) Serie gleichen Namens ausgestrahlt wurde, was wir natürlich auch hier im Osten sahen. Bis heute habe ich die Hintergründe dieser m.E. völlig abwegigen Namensgebung nicht herausgefunden und je länger ich darüber nachdenken, um so obskurer erscheint mir der Begriff. Er verklärt den industriellen Massenmord zu einem kultischen Vorgang - warum? Wozu?

Andy Malinski / 22.08.2022

Tja, Herr Joerg Machan, nachdem eine TV-Serie über die Shoa mit dem “falschen” Titel Holocaust über die Bildschirme flimmerte, war fortan jeder Versuch der richtigen Bennenung vergebens…

Emil.Meins / 22.08.2022

Das Problem ist doch einfach zu lösen: In Zukunft wird “Holocaust” nur noch so geschrieben: ==> Holocaust®© TM (geschützte Wortmarke, widerrechtliche Verwendung ist strafbar!) Das klingt natürlich zunächst zynisch, aber damit wären die geschilderten Probleme aus der Welt geschafft, denn mir geht die Überhöhung dieses Begriffs auch gegen den Strich. Einige der Beispiele des Autors sind zwar tatsächlich banal und blöd, aber in einigen übertreibt er es m.E. mit seinem Impetus. Auch die Ausweitung auf “Konzentrationslager” gehört dazu. Irgendwann macht das den Begriff zu einem “Popanz”. Wer hat, und in welchem Interesse, das Dogma der Einzigartigkeit aufgestellt? Wer hat etwas davon? Und wenn es den Betreffenden so wichtig ist, die Einzigartigkeit dieses Begriffes zu wahren, und seine Verwendung für (unpassende) Vergleiche auszuschließen, bitte, dann sollen sie Ihn als Wortmarke schützen. Dann weiß man wenigstens, woran man ist. Ansonsten hätte man, nach Recht und Gesetz, den feinen Herrn Abbas direkt nach seinem Besuch beim Kanzler abfassen müssen, um ihn für die mißbräuchliche Verwendung des Begriffs zu belangen, aber dafür fehlte dann doch der Mut. Einfache Bürger, besonders wenn man sie vorher als Covidioten, Querdenker, und was da noch alles verwendet wurde, “entmenschlicht” hat, sind da doch viel einfacher zu traktieren, auch wenn sie sich nur einen gelben Stern angeheftet hatten. Schwerverbrecher eben.

Gerard Doering / 22.08.2022

Und wer bitte kämpft für die Abtreibung bis zum 9 Monat? Und was ist im sogenannten Impfstoff alles drin? Und was weiter sagt man Schwab nach? Ich vergleiche ja gar nicht, ich bin nur Populist und wundere mich sehr dass nicht mal einer von denen genaueres von sich gibt,quasi singt. Ist nicht letztlich doch alles nur Quatscherei? Nun aber schnell, sonst bleiben auch die Verbrechen der Gegenwart ungesühnt.

Nathalie Nev / 22.08.2022

@Dr. Stephan Lehnhoff. Meine Zustimmung haben Sie. Verstehe nicht diejenigen, die nicht muede werden, ueber jedes hingehaltene Stoeckchen zu springen. ...

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