Was wie eine Übertreibung klingt, kann in deutschen Krankenhäusern längst Realität sein. Sätze wie „Wenn du Glück haben, du überleben, du verstehen?“ oder „Vielleicht reparieren wir dich. Dann du gesund sein.“ wirken wie Satire, wie ein böses Meme aus einem Paralleluniversum. Aber genau solche Formulierungen sind nicht ausgedacht. Ich habe sie nicht auf Social Media gefunden. Ich hörte sie, als ich nach einer zufälligen Begegnung in einem Bistro mit drei Ärzten aus der Türkei ins Gespräch kam, die mittlerweile in Deutschland arbeiten. Zwei, drei und fünf Jahre im Land. Keine Fantasten, keine Stammtischhelden. Sondern Mediziner, die im System stehen und wissen, wie dünn die Linie zwischen Routine und Katastrophe ist.
Aufmerksam wurde ich auf die Gruppe nicht, weil ich fremde Gespräche aktiv belausche, obwohl ich zugeben muss, dass ich diese Angewohnheit habe. Wir saßen an einem langen Tisch für zwanzig Personen, sie waren meine direkten Nachbarn. Man konnte gar nicht anders, als mitzuhören. Und man musste nicht lange zuhören, um zu merken: Diese Leute lachen nicht über belanglose Dinge. Sie lachen über Zustände, die eigentlich niemand lustig finden dürfte.
Sie redeten über Krankenschwestern und Pfleger, weil diese schlecht Deutsch sprechen und vor allem schlecht verstehen. Und dann erzählte einer der Ärzte einen Fall, der hängenbleibt. Eine Patientin geriet in Lebensgefahr, weil eine Anweisung falsch verstanden wurde und daraufhin exakt das getan wurde, was unter keinen Umständen hätte passieren dürfen. Es ging nicht um Bosheit. Es ging um Kommunikation. Um sprachliches Verstehen. Und genau deshalb ist das so brisant. Denn man kann sich schon in perfektem Deutsch missverstehen. Jeder kennt das. Aber wenn Sprache schwach ist, wenn Hektik herrscht, wenn Personal fehlt, wenn Übergaben lückenhaft sind, dann wird aus einem Missverständnis kein peinlicher Moment, sondern ein medizinischer Notfall. Die Frage ist nicht, ob so etwas passiert. Die Frage ist nur, wie oft. Und wie viele Menschen solche Fehler nicht überleben.
In der Praxis wirkt Deutschland wie ein Land, das Bewerber loswerden will
Damit sind wir beim Kernproblem. Deutschland redet seit Jahren über Fachkräftemangel, besonders im medizinischen Bereich. Gleichzeitig schafft dieses Land es, zwei Dinge parallel zu tun, die einander widersprechen. Erstens macht man qualifizierten Menschen den Zugang extrem schwer. Zweitens holt man sich in Massen Zuwanderung ins Land, die weder sprachlich noch kulturell noch bildungsseitig auch nur ansatzweise auf das Niveau eines Hochleistungsstaats vorbereitet ist. Das Ergebnis ist nicht Vielfalt, sondern Funktionsstörung.
Eine der Ärztinnen erzählte, sie habe fast drei Jahre gebraucht, bis Gleichstellung, Formalien und Sprachprüfungen erledigt waren und sie wirklich arbeiten konnte. Ein Kollege sagte: „Bei mir ging es in nur zwei Jahren.“ Das war nicht als Kritik gemeint. Aber genau das ist Kritik. Zwei bis drei Jahre, um eine Ärztin, die man angeblich dringend braucht, in die Arbeit zu bringen. Wer Fachkräfte will, sorgt dafür, dass sie schnell und effizient arbeiten können. Deutschland dagegen baut eine bürokratische Mauer und nennt das Qualitätskontrolle, während im Alltag längst Qualitätsverlust herrscht.
Ich kenne Fachkräfte, die nicht einmal so weit kommen. Menschen, die nach Jahren aufgeben, weil sie zuerst keinen Termin beim Konsulat bekommen, danach ewig warten, Formulare und Nachweise liefern müssen und am Ende dennoch behandelt werden, als wäre jeder qualifizierte Bewerber ein potenzieller Betrüger. Deutschland wirkt nach außen wie ein Land, das Mitarbeiter sucht. In der Praxis wirkt es wie ein Land, das Bewerber loswerden will.
Und dann kommt das nächste Problem, über das niemand offen spricht. Viele qualifizierte Migranten, die regulär, legal und mit Abschluss kommen, werden wütend. Nicht weil sie böse Menschen sind. Sondern weil sie sehen, wie schief das System ist. Eine der Ärztinnen sagte in aller Härte: „Schauen Sie sich an, was für ein Abschaum sich hier aufhält, und wir sind als Ärzte schlechter gestellt als die.“ Der Satz ist politisch unkorrekt, moralisch unangenehm und genau deshalb aufschlussreich. Er zeigt das Gefühl, das sich breitmacht: Wer leistet, wird geprüft, gehemmt und finanziell ausgepresst. Wer nichts mitbringt, wird versorgt. Diese Botschaft sickert in die Gesellschaft. Und sie ist brandgefährlich.
Streng gegenüber den Falschen, naiv gegenüber der Masse
Deutschland versucht, am falschen Ende etwas zu retten. Und was genau gerettet werden soll, ist unklar. Statt Leistung zu belohnen und Ordnung herzustellen, wird Ordnung als Härte gegen die Falschen zelebriert. Man kontrolliert die, die sich korrekt verhalten und lässt die Masse durch, die das System überfordert.
Ich erlebe diese Verschiebung auch im Alltag. Ich rege mich auf, wenn ich mich mit dem Finanzamt herumschlage, Unterlagen liefere, Belege sortiere, Fristen einhalte und mich fühlen muss, als wäre ich ein Verdachtsfall. Gleichzeitig weiß ich, weil ich beruflich mit der anderen Seite zu tun habe (als Erziehungsbeistand, in vielen Fällen für Migranten, Anm. d. Red.), dass das, was ich in einem Jahr an Steuern zahle, eine fünfköpfige Flüchtlingsfamilie in einem Monat kostet. Eine einzige Familie. Von sehr vielen. Es ist nicht der Einzelfall, der das Land verändert. Es ist die Relation. Die Größenordnung. Und die Frage, wer die Rechnung bezahlt.
Eine Szene vom Flughafen fasst das Absurde perfekt zusammen. Ich hole Freunde aus der Türkei ab, Mutter und Sohn. Alles legal. Besuch wegen Schulferien. Die Mutter ist Lehrerin, grüner Pass, kein Visum nötig. Der Sohn ist 19. Normale Leute, ordentlich, sauber, ohne jeden Trick. Dann klingelt mein Telefon. Grenzbeamter. Er fragt, warum sie kommen. Besuch. Er fragt, ob sie bei mir wohnen. Ja. Er fragt, ob ich für sie sorge, falls es nötig ist. Ja.
Währenddessen denke ich mir: Diese Menschen sind so gut situiert, dass sie mich eher unterhalten könnten. Und trotzdem dieser Anruf. Diese Misstrauenskontrolle. Diese bürokratische Nervosität. Gleichzeitig kommen Millionen nach Deutschland, ohne Einladung, ohne Bürgen, ohne Rückfrage, ohne Verantwortungsnachweis. Das ist der Zustand eines Staates, der nicht mehr priorisieren kann. Streng gegenüber den Falschen, naiv gegenüber der Masse. Wenn ein Land so geführt wird, braucht es keine Feinde. Es genügt ein Staat, der seine eigenen Interessen nicht mehr kennt.
Beitragsbild: avaragado from Cambridge - IMG_9422, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Vllt. erkennen die Türken doch so langsam, dass Islam ihr schlimmster Feind ist. Das gilt natürlich für alle Moslems. Das Zeugs, der Daesh versaut ihnen seit mehr als tausend Jahren das Leben – dass muss man doch irgend wann mal merken, oder? Ich warte darauf, dass Frauen eine Reli, eine Kirche gründen, mit einer Göttin, die ihre eigengeborene Tochter zu den Menschen schickt, damit die sie von allen Sünden befreit, in aller Unschuld. Das ist weniger kompliziert als das Ding mit dem Heiligen Geist, dem alten Jungfernstesser. Männer dürfen zwar mitmachen in dieser Kirche, aber in den Vorstand können sie nicht kommen, weil sie Männer sind. Vorbild: Die Katholen. Schaumermal.
Ein brillanter Beitrag, Herr Dener!
Das ist der beste Artikel, den Sie hier je platziert haben, Herr Dener. Das ist es. Das ist Deutschland. Man zelebriert hier das Mittelmaß und das Schubladendenken. Jeder, der nicht Mittelmaß ist oder in die üblichen Schubladen passt, insbesondere Spezialisten mit ganz einzigartigen Inselbegabungen, hat hier ein extrem hartes Leben. Früher ging es hier mal um Innovation und Leistung. Mittlerweile geht es nur noch um Kategorisierung und das Kleinhalten von denen, die es besser können. Man will natürlich nicht denen die Tür öffnen, die dann darauf mit hoher Wahrscheinlichkeit den Überholvorgang einlegen und die ganze Belegschaft im Staub stehen lassen. Ich kämpfe mit diesem Problem seit ich ein kleiner Bengel bin. Ich habe nie in die üblichen Schubladen gepasst, war der Zeit immer Jahre voraus. Und das wird hier nicht gewürdigt. Gewürdigt wird hier nur, nicht aus der Masse herauszustechen. Hier regiert das Schwarmdenken und die Gewohnheit. „Das haben wir ja noch nie so gemacht“ ist der Satz mit dem man mich total auf die Palme bringen kann. Die Welt ändert sich, die Methoden müssen sich deshalb auch ändern. Liefert man ans Problem exakt angepasste Lösungen die andere niemals fertig bringen würden, wird man in den Dreck weggedrückt und die Idee geklaut, damit man bloß nicht am Stuhl sägt, auf dem all die Mittelmäßigen sitzen. Genau darum holt man auch keine Fachleute ins Land, sondern nur Leute, die beruflich niemandem gefährlich werden können. P.S.: Ich kenne einen mir sehr nahe stehenden medizinischen Fall, wo u.A. die Sprachbarriere mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Leben drastisch beeinträchtigt und verkürzt hat. Mit dem juristischen Einspruch bin ich keinen Meter weit gekommen. Aus wohl genau den im Artikel genannten Gründen.
Glückwunsch!
Messerscharf erkannt.
Dieses Land geht an seinen eigenen irrsinnigen Regeln zugrunde.
Oh, wäre ich doch nur jünger. Was wäre ich schnell weg, so was von schnell!
Die absurde Situation haben Sie schon trefflich analysiert , Herr Dener. Aber glauben Sie mir: die Blockwarte der Gegenwart („Team Qualitätssicherung Nr. 3“ und ähnlicher Bullshit) laufen erst zur richtigen Hochform auf, wenn sie einen deutschen Arzt mit 33 Jahren Berufserfahrung so schikanieren dürfen, wie sie es sich bei einem palästinensischen „Kollegen“ ohne Sprachkenntnisse oder Berufserfahrung niemals getrauen würden. So isses eben, das Bedaz.
@B.Jacobs
Auswandern….vielleicht nach Nordkorea…. vielleicht für Sie „DDR“ light…
Stichworte Morgenthau und Coudehove-Kalergie