Interview / 28.02.2021 / 17:00 / Foto: Európa Pont / 13 / Seite ausdrucken

„Viele Maßnahmen der Orbán-Regierung entsprechen klassisch linker Politik“

Der parteilosen Sozialdemokrat (und Achgut.com-Autor) Gunter Weißgerber sprach mit der Budapester-Zeitung über das schwierige deutsch-ungarische Verhältnis. Aufgeschrieben von Jan Mainka.

Was sind die wesentlichen Gründe für die Verschlechterung des deutsch-ungarischen Verhältnisses?

Der westeuropäisch dominierten Europäischen Union fehlt zu ihrem großen Glück die doppelte Diktaturerfahrung der Mittel-Osteuropäer. Wo diese die Mitte zwischen den Extremen Links- und Rechtsextremismus suchen, verorten viele sogenannte Linksliberale des Westens die Mitte zwischen Linksaußen und der tatsächlichen politischen Mitte. Die momentane EU ist wie ein Zirkuszelt mit einer nach links abfallenden Mittelstange. Das heißt, die politische Statik der Europäischen Union ist lädiert.

Viktor Orbán weiß eine Zweidrittel-Mehrheit der Ungarn hinter sich. Wäre er ein linksliberaler Ministerpräsident vom Schlage eines Jean Asselborn, hätten er und die meisten Ungarn in der linksliberal domestizierten EU keine Probleme. Die schöne neue Welt wäre ungestört. Sie ist jedoch schwer gestört. Die Ungarn und Polen mit ihrer doppelten Diktaturerfahrung spielen das verlogene Spiel jedoch nicht mit. Sie pochen auf ihre Lebensweise, genährt aus ihren in Jahrhunderten gewonnenen Erfahrungen auf ihrem mittel-osteuropäischen Außenposten.

Ungarn und Polen retteten die Mitteleuropäer mehrfach in der Geschichte. Vergessen haben das nur die Westeuropäer. „Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis“, heißt ein altes Sprichwort. Ungarn, Polen und die Balten erinnern ihre Partner in der EU daran. In ihrer Überheblichkeit fühlen diese sich daraufhin schwer brüskiert und schlagen wild um sich.

Die Europäische Union ist noch immer ein closed shop. Drinnen sind die, die die Weisheit mit Löffeln konsumiert haben, draußen sind die, die sich alles selbst erkämpfen mussten.

Viele Maßnahmen der ungarischen Regierung könnten ohne weiteres als klassisch linke Politik betrachtet werden. Warum finden sie bei linken deutschen Politikern keinen Anklang? Werden hier etwa ideologische Aspekte über „Realpolitik für die kleinen Leute“ gestellt?

Selbstverständlich entsprechen viele Maßnahmen der Orbán-Regierung klassisch linker Politik. Das Problem ist nur: sie wird vom „Falschen“ praktiziert. Würde diese Politik – also beispielsweise die äußerst dynamische Anhebung der gesetzlichen Mindestlöhne, forcierte Reallohnerhöhungen, die Befreiung weiter Teile der Bevölkerung aus der Fremdwährungskreditfalle, die behördlich verfügte Senkung der Wohnnebenkosten (Energie und Müllabfuhr), die Unterstützungen bei der Wohnraumschaffung, finanzielle Hilfe für junge Familien und vieles mehr – ein vom Westen der EU hofierter linker ungarischer Politiker praktizieren, er würde ohne Ende abgefeiert werden.

Viktor Orbán ergeht es wie Donald Trump: Wenn der Falsche das Richtige tut, dann ist es nicht richtig. Wären beispielsweise Barack Obama, Hillary Clinton oder Joe Biden auf die historisch unerhört bedeutsame Idee der Abraham-Vereinbarungen zwischen Israel und den Vereinigten Emiraten gekommen, hätte es Friedensnobelpreise gehagelt. So ist Donald Trump zwar ein Friedensstifter, allerdings ohne größeren Applaus.

Inwiefern verfängt das permanente antiungarische Dauerfeuer von Seiten weiter Teile der deutschen Main­stream-Medien und der Politik bei den einfachen Bürgern in Deutschland? Wie weit gelingt es ihnen, die deutschen Bürger gegen Ungarn aufzuhetzen und antiungarische Ressentiments zu säen?

Die deutsche Medienlandschaft ist linksliberal domestiziert. Bereits die klassische Mitte gilt inzwischen als „rechts“. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf die Bevölkerung – stärker im Westen als im Osten. Auch hier wirkt der Unterschied zwischen einfacher und doppelter Diktaturerfahrung. Wo es der vor 1989 erwachsen gewordene Ostdeutsche noch intuitiv spürt, ob er propagandistisch hinter die Fichte geführt wird, merkt das der normale Westdeutsche erst hinter der Fichte.

Der DDR-Bürgerrechtler, SDP-Gründer und langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete (1990-2009) Gunter Weißgerber ist ein großer Freund Ungarns – siehe dazu u.a. seinen Gastbeitrag im BZ Magazin 45/2020. Wir unterhielten uns mit ihm über die Gründe für die Verschlechterung des deutsch-ungarischen Verhältnisses und mögliche Wege für seine Verbesserung.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der deutschsprachigen Budapester Zeitung. Sie erscheint wöchentlich in Budapest. 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

RMPetersen / 28.02.2021

Wer die ungarische Politik unvoreingenommen anschaut, kann das Geifern der bundesdeutschen Medien und die politischen Angriffe nur mit den Orbans Ablehnung der ungeregelten Einwanderung aus arabischen sowie afrikanischen Ländern erklären. Ausserdem hat er sich, zusammen mit Polen, durch seine konservativen Gesellschaftsvorstellungen die Wut der LGBTQ-Lobbyisten zugezogen. Ich finde es erstaunlich, wie sich die Linken und Sozialdemokraten von ihrer früheren Politik für die arbeitende Bevölkerung hin zu einer Lobby von Ausländern und Menschen mit ungewöhnlichen Sexualvorstellungen verändert haben.

Claudius Pappe / 28.02.2021

Herr Weißgerber: Während ihrer Bundestagsmitgliedschaft erhöhten sich die Schulden der BRD um 1 500 Mrd. Euro. Somit sind sie bei ca. 600 Abgeordneten für 2,5 Mrd. Euro verantwortlich. Was haben sie mit dem Geld gemacht ? Wieviel sind davon getilgt worden ? Hat man sie schon zur Verantwortung gezogen ?

Alfons Hagenau / 28.02.2021

Der politischen Einordnung der Medienlandschaft mag ich nicht ganz zustimmen. Ich würde eher sagen: “Die deutsche Medienlandschaft ist linksRADIKAL domestiziert. Bereits die klassischen LINKSLIBERALEN gelten inzwischen als „rechts“.”

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Interview / 02.06.2022 / 06:00 / 30

NatSchRFrackingÄndG – Bürokratenpower statt Fracking-Gas

Fracking ist seit 2017 in Deutschland weitgehend verboten und als Gesprächsthema ein heißes Eisen mit dem man sich eigentlich nur in die Nesseln setzten kann.…/ mehr

Interview / 01.06.2022 / 06:15 / 160

Als General in der AfD gegen Putins Krieg

Zahlreiche ehemalige Bundeswehr-Offiziere nehmen Stellung pro Ukraine, auch der Generalleutnant a.D. und heutige AfD-Bundestagsabgeordnete Joachim Wundrak, der damit in seiner in großen Teilen eher pro-russischen…/ mehr

Interview / 16.05.2022 / 12:00 / 50

“Wir können den Ukraine-Weizen nicht kompensieren”

Dirk Andresen betreibt zwei Bauernhöfe in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Im Interview bewertet er Cem Özdemirs Pläne zur Eindämmung von Weizenengpässen sowie das Wieselwort Nachhaltigkeit. Das Gespräch…/ mehr

Interview / 15.05.2022 / 12:00 / 10

„Selbstmitleid ist Zeitverschwendung“

Achgut.com-Autor Claude Cueni leidet seit 12 Jahren an Leukämie und lebt mit vielen Einschränkungen. Jörg Weber vom Schweizer Gesundheitsgremium XUND interviewte den Kolumnisten und Roman-Autor…/ mehr

Interview / 02.05.2022 / 12:00 / 22

Covid in Schanghai: Einen Monat eingesperrt

Die Volksrepublik China hat im Zuge ihrer Zero-Covid-Politik aktuell die striktesten Corona-Maßnahmen der Welt verhängt. Simon Akstinat sprach mit einer betroffenen Anwohnerin von Schanghai. Die Welt…/ mehr

Interview / 29.03.2022 / 06:15 / 102

Lebensmittel: „Die Regierung begreift die schwere Lage nicht“

Der Diplom-Landwirt Dirk Andresen betreibt zwei Bauernhöfe in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Er war Sprecher des Vereins „Land schafft Verbindung“, der die Traktorenproteste Ende 2019 organisierte.…/ mehr

Interview / 12.10.2021 / 06:25 / 59

„Der Zweck ist Einschüchterung aller anderen“

Die Website cancelculture.de sammelt seit 2020 einschlägige Fälle des Verbannens unliebsamer Meinungen aus dem deutschsprachigen Raum. Thilo Spahl sprach mit Karo Voormann, Gründerin des Projektes.…/ mehr

Interview / 13.07.2021 / 15:30 / 10

„Die UNO traut dem Palästinenserhilfswerk UNRWA nicht über den Weg“

Was bedeutet die Terrorherrschaft der Hamas für die Funktionsweise der UNRWA? Stefan Frank sprach darüber für Mena-Watch mit David Bedein, dem Direktor des Bedein Center…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com