Henryk M. Broder / 12.12.2010 / 01:07 / 0 / Seite ausdrucken

Viel Gefühl in den Fingerspitzen

Das muss mal in aller Deutlichkeit gesagt werden: Juden sind nicht nur intelligenter als andere Menschen, sie haben auch viel mehr Fingerspitzengefühl. Und sie lassen keine Gelegenheit aus, es zu beweisen.

Charlotte Knobloch zum Beispiel, die letzte Präsidentin des Zentralrates, nahm an der Abschiedsvorlesung von Wolfgang Benz teil, dem scheidenden Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung. Es war eine ihrer letzten Amtshandlungen. Wäre sie nicht erschienen, würde Wolfgang Benz die Leitung des ZfA auch aufgeben, aber eben ohne dass ihm von jüdischer Seite bestätigt worden wäre, was für eine wichtige und wunderbare Arbeit Benz geleistet habe. Tante Charly hat Onkel Wolfgang gekaschert.

Man kann wohl annehmen, dass Charlotte Knobloch wegen ihrer vielen Termine nicht immer genug Zeit hatte, sich zu informieren, wem sie das Händchen gibt. Vermutlich hat sie auch nicht mitbekommen, dass Benz sich schon eine ganze Weile mit “Islamophobie” beschäftigt und mit seinem eigentlichen Thema, dem Antisemitismus, nur insoweit wie es hilfreich ist, die Islamophobie zu verstehen. So bekommt Benz immer öfter Besuch von Leuten, die von ihm hören möchten, dass die Moslems die Juden von heute sind. Man wird ja doch mal vergleichen und Parallelen ziehen dürfen!

Benz seinerseits kann inzwischen an keiner Mülltonne vorbeigehen, ohne reinzugreifen. Dem muslim-markt hat er vor kurzem ein Interview gegeben, eben auch dem Neuen Deutschland. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch die National-Zeitung, die junge Welt und Jürgen Elsässer bei ihm vor der Tür stehen, um von Benz mit Sätzen wie diesen beglückt zu werden:

“Im 19. Jahrhundert und auch im 20. Jahrhundert waren die Juden als Kollektiv das Objekt des Hasses. Die sogenannten Islamkritiker wollen jetzt ein Bild entwerfen, nachdem die Muslime weil sie Muslime sind, Bösewichte, unsere Feinde sind, die uns bedrohen… Im späten 18. Jahrhundert begann die Talmud-Hetze. Das heißt, man hat Juden wegen des Talmud diffamiert. Derzeit steht Koran-Hetze von selbsternannten Experten in vollster Blüte.”

Man muss in der Tat 20 Jahre lang jeden Tag den Antisemitismus erforscht haben, um am Ende den Beginn der “Talmud-Hetze” in das späte 18. Jahrhundert zu verlegen. Zwar ging die “Talmud-Hetze” schon im 13. Jahrhundert los, lange bevor Luther in seiner Schrift “Von den Juden und ihren Lügen”, die 1543 erschien, ein paar Vorschläge machte, wie man mit den Juden und ihren Schriften verfahren sollte, aber das muss den führenden deutschen Antisemitismus-Experten nicht beirren. Und was den Zentralrat und die beiden Jungspunde angeht, die Tante Charly beerbt haben - sie werden Benz, wenn er defintiv in den Ruhestand tritt, zum Abschied die Hand geben, wie sie es am 9.11. in der Paulskirche mit Alfred Grosser getan haben, der den Tag der Kristallnacht zum Anlass nahm, über die Leiden der Palästinenser zu sprechen.

Eigentlich hatten G&K angekündigt, sie würden in einem solchen Fall aufstehen und gehen, aber dann blieben sie doch sitzen. Alles andere wäre dem Gestredner gegenüber unhöflich und ein Zeichen mangelnden Fingerspitzengefühls gewesen. Grosser seinerseits bedankte sich für so viel Entgegenkommen mit einem Interview, in dem er u.a. sagte: “Wenn sich jüdische Gemeinden total mit der israelischen Politik identifizieren, soll man sich nicht wundern, dass die Ablehnung der israelischen Politik auch die jüdische Gemeinde trifft.” Wenn also der neue Präsident des Zentralrates nur noch mit “Personenschutz” die Straße überqueren kann, dann soll er dafür nicht die eingeborenen und zugewanderten Antisemiten sondern die israelische Politik verantwortlich machen. Auch das ist eine Frage des Fingerspitzengefühls.

Diesen Dienstag wird in Berlin der Heinz-Galinski-Preis verliehen. Der Preisgeber ist die Heinz-Galinski-Stiftung der Jüdischen Gemeinde, der Preisträger der Berliner Kulturstaatssekretär Andre Schmitz. Die Auszeichnung gilt Organisationen oder Personen, die sich um die “Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit” verdient gemacht haben. Das hat Schmitz tatsächlich getan - indem er seinen Stiefvater, einen SS-Mann, als einen der vielen Deutschen verteidigt, die von Hitler eigenhändig verführt wurden. Auch diese Entscheidung der Heinz-Galinski-Stiftung zeugt von viel Fingerspitzengefühl.

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