Henryk M. Broder / 02.12.2017 / 18:16 / Foto: Pixabay / 13 / Seite ausdrucken

Versuch fällt aus. Zurück zu denen Bienen

Wir sind noch einmal knapp davongekommen. Es fehlte nicht viel, und wir hätten eine „Jamaika-Koalition“ bekommen, aus CDU/CSU, der FDP und den Grünen. Nach vier Wochen „Sondierungsgesprächen“ zog der FDP-Vorsitzende die Notbremse. „Nicht regieren“, sagte er, wäre „besser, als falsch zu regieren“.

An dem Satz war kein Wort falsch, dennoch wurde Lindner von allen Seiten vorgeworfen, er wäre nicht bereit gewesen, „Verantwortung zu übernehmen“.

Völlig außer sich waren die Grünen. Wie Kinder, denen kurz vor der Bescherung gesagt wird, dass Weihnachten in diesem Jahr ausfällt. Sie hatten sich so darauf gefreut, endlich mitregieren zu dürfen, nicht irgendwo in der Provinz, in Hessen oder in Baden-Württemberg, nein, im Zentrum der Macht, in Berlin. Mit allem, was dazu gehört, Ministern, Staatssekretären, Dienstwagen, Dienstreisen und einem Haufen von Posten, die sie als Dank für langjährige Treue an grüne Hilfeleister hätten vergeben können.

Und als der Traum ausgeträumt war, kamen sie zu einer Delegiertenkonferenz zusammen, um Dampf abzulassen und sich gegenseitig zu trösten. Jürgen Trittin, der ein strammer Stalinist war, bevor er sich grün einfärbte, hielt eine Rede, wie man sie in Deutschland seit den Tagen von Walter Ulbricht nicht mehr gehört hatte. Das Land sei „in einer neuen, dramatischen Lage“, Jamaika „der einzige Weg zu einer Mehrheit jenseits der AfD“ gewesen; die FDP aber wolle „nicht gestalten“, sie sei „eine rechte, bürgerliche, wohlstandschauvinistische Protestpartei mit nationaler Überheblichkeit und Fremdenfeindlichkeit“, die „rechts von der Union Stimmen einsammeln“ wolle, „europa-feindlich und flüchtlingsfeindlich“, schrie Trittin den Delegierten zu.

Das alles fiel ihm, der an den Sondierungsgesprächen teilgenommen hatte, erst auf, nachdem die FDP die Hochzeit abgesagt hatte. Vorher wäre er gerne mit ihr ins Ehebett gestiegen.

Beinah ebenso gut war, was die grüne Fraktionschefin, Katrin Göring-Eckardt, die Delegierten wissen ließ: „Wir wollen, dass... jede Biene und jeder Schmetterling und jeder Vogel in diesem Land weiß: Wir werden uns weiter für sie einsetzen!“

Das hat sie wirklich so gesagt. Und keiner hat gelacht. Kann man eine dermaßen humorbefreite Partei ernst nehmen?

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

Foto: Pixabay

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Holger Jahn / 03.12.2017

Die Grünen = Verrückte. Wer hat die eigentlich rausgelassen?

Malte Münte / 03.12.2017

Ich liebe Dich, Henryk, Du rettest wieder meinen Tag. Malte.

Peter swoboda / 03.12.2017

Lindner ist mein Hero. Merkel schloss von sich auf andere und glaubte alle mit mit ihren Ministerposten zuködern.

Michael Jansen / 03.12.2017

Dazu kann man eigentlich gar nichts mehr sagen, so absonderlich waren die Auftritte der Spitzen-Grünen. Jetzt bestätigen sie doch unfreiwillig, dass Lindner und die FDP nur allzu Recht hatten mit ihrem Ausstieg aus den unsäglichen Sondierungsgesprächen. Statt auf Lindner einzuprügeln und ihn als verantwortungslosen Drückeberger zu brandmarken, sollten sich die ganzen links-grünen Medienvertreter lieber einmal fragen, wie überhaupt jemand auf die Idee kommen konnte, dass sich derart konträre Überzeugungen wie in der FDP und bei den Grünen jemals in einer Regierungsmannschaft hätten zusammenfinden können. Da sollte man Lindner und die FDP eher dafür bewundern und auch bedauern, dass sie sich über vier Wochen mit diesen realitätsfremden Traumtänzern auseinandersetzen mussten. Schließlich war die FDP in den Gesprächen die einzige Partei, die noch Prinzipien zu verteidigen hatte, sind doch bei der CDU außer dem Willen zu Merkels Machterhalt keine Prinzipien mehr zu erkennen und stellt doch die CSU nur noch einen Scheinriesen dar, der nach markigen Ankündigungen regelmäßig einknickt und als Merkels Bettvorleger endet. War also nix mit Merkels Plan, sie habe die FDP sowieso in der Tasche und müsse nur den Grünen ausreichende Zugeständnisse machen, um triumphal als neue Kanzlerin wiedergewählt zu werden.

Herbert Otten / 02.12.2017

Christian Lindner und seiner FDP kann man gar nicht genug danken, dass sie erstens diesmal standhaft geblieben sind und noch mehr zweitens die Grünen in einer neuen Regierung verhindert haben. Leider nur ein Teilerfolg. Denn was nun? Was in Deutschland und was in der EU? Emmanuel Macron will die EU retten, indem er Frankreich saniert und Deutschland bezahlt. Folglich wartet Paris auf Deutschland, damit endlich ein EU-Finanzminister installiert werden kann: mit eigenem Haushalt und Fiskalrecht bei dominantem Geldfluss aus Deutschland. Sprich: Der Soli wird am besten gleich in einen EU-Soli umgewandelt, statt an Abschaffung zu denken. Angela Merkel und Martin Schulz haben ihrem französischen Kollegen bereits Beifall gezollt. Erst gestern hat Martin Schulz vor laufenden Kameras so klar wie selten bekräftigt, dass die EU dringend reformiert werden muss, u.a. mit einem EU-Finanzminister. Sollen wir uns nun mit der SchrumpfKo auf die weiter zunehmende zentralistische Machtfülle in Brüssel freuen? Haben wir deshalb die GroKo mit CDU/CSU und SPD abgewählt, um sie durch die Hintertür des Bundespräsidenten mit der Parole „Weiter so“ neu präsentiert zu bekommen? Ich hoffe nicht.

Rudolf George / 02.12.2017

Bienen, Bananen und sonstige Banalitäten: deutsche Politik 2017. Wo soll es enden?

Stefan Müller / 02.12.2017

Ich bin sehr froh, dass es die FDP und die AfD gibt. Noch ist Deutschland nicht verloren.

Dolores Winter / 02.12.2017

Cem Özdemir wirft der FDP, wegen des Scheiterns von Jamaica, mangelnden Patriotismus vor. Dieser Vorwurf kommt von einer Partei, die Fussballfans das Tragen der deutschen Fahne verbieten möchte, die den Stolz auf die eigene Herkunft als rechtsradikal diffamiert und die sich lieber um Scheinasylanten aus aller Herren Länder kümmert, anstatt um die eigene Bevölkerung. Christian Lindner könnte von mir aus wegen Steuerhinterziehung und Korruption angeklagt sein. Ich würde ihm alles verzeihen, weil er die Grünen in der Regierung verhinderte.

Roland Stolla-Besta / 02.12.2017

Trotzdem es fast nichts mehr zu lachen gibt in diesem unserem Lande gelingt es Ihnen, Herr Broder, doch immer wieder, das unfreiwillig Komische unserer Herrschenden pointiert aufzuzeigen. Ihnen sei dafür gedankt! Zu Frau Görings herzigem Ausspruch über Bienen et al.: Reflektiert sie darauf, daß eines Tages die Tierrechts-Org. PETA das aktive Wahlrecht für alle Viecher durchsetzen wird? Damit hätten die Grünen dann ganz neue Wählerschichten gewonnen!

Rupert Drachtmann / 02.12.2017

„Kann man eine dermaßen humorbefreite Partei ernst nehmen?“. NEIN ! Bitte nicht. Jedoch ist so ein „comming out“ in aller ungehemmter Emotion sowohl erheiternd als auch schockierend - wenn man bedenkt dass uns solche Köpfe ernsthaft regieren wollen. HILFE !

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Henryk M. Broder / 12.09.2022 / 12:00 / 71

Bedeutende Denkerinnen und Denker des 21. Jahrhunderts – M.F.

Prof. Dr. Marcel Fratzscher ist seit 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, des größten deutschen Instituts auf diesem Gebiet. Entsprechend oft kommt der Professor für…/ mehr

Henryk M. Broder / 09.08.2022 / 12:00 / 40

Patrick Bahners – der Querdenker aus Entenhausen – Eine Posse in fünf Bildern

Kaum hatte CDU-Chef Merz die Cancel-Kultur mit klaren Worten verurteilt, sagte er seine Teilnahme an einem „Transatlantik-Forum“ ab, weil er nicht mit zwei Maulhelden jenes…/ mehr

Henryk M. Broder / 07.08.2022 / 13:00 / 77

Bedeutende Denkerinnen und Denker des 21. Jahrhunderts: G. G.

Ginge es nach Gregor Gysi, dürfte Deutschland keine Waffen an die Ukraine liefern. Frankreich und Großbritannien aber schon. Das ist die Lehre aus dem Zweiten…/ mehr

Henryk M. Broder / 03.08.2022 / 06:00 / 150

Friedrich Merz in Theorie und Praxis

Vor einigen Tagen klagte der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz noch öffentlich über die um sich greifende Cancel Culture, jetzt praktiziert er sie selbst. Seine amerikanischen Freunde…/ mehr

Henryk M. Broder / 29.07.2022 / 12:00 / 50

Dr. Blume und die Republik Israel

Inzwischen hat jedes Bundesland einen eigenen Antisemitismusbeauftragten. Von den meisten weiß man nicht einmal, wie sie heißen. Ganz anders dagegen agiert der Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg.…/ mehr

Henryk M. Broder / 22.07.2022 / 14:00 / 73

Die Toiletten-Revolution schreitet voran

Wer bisher angenommen hat, der Krieg in der Ukraine sei ein Problem, das uns alle angeht, die Energiekrise, die Verkehrswende oder der „menschengemachte Klimawandel", der muss…/ mehr

Henryk M. Broder / 17.07.2022 / 11:00 / 89

Ab morgen heiße ich Henrike!

Nicht die Frauen, nicht die Muslime, nicht die Migranten, nicht einmal die Corona-Skeptiker, die sich einen gelben Stern anheften, sind die Juden unserer Zeit, es…/ mehr

Henryk M. Broder / 10.07.2022 / 12:00 / 59

Welchen Schaden die Juden anrichten

Der woke Antisemit macht nicht die Juden für den Antisemitismus verantwortlich, er ist ontogenetisch einen großen Schritt weiter. Er macht Juden dafür verantwortlich, dass sie…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com