Kanzler Friedrich Merz und sein Union-Fraktionsvorsitzender Jens Spahn haben es nicht geschafft, die Unions-Abgeordneten zur geschlossenen Zustimmung zu den umstrittenen SPD-Verfassungsrichter-Kandidatinnen zu drängen. Jetzt sitzt die Koalitionspitze vor einem selbst gemachten Scherbenhaufen.
Zu den unseligen jüngeren Traditionen im deutschen Politikbetrieb gehört es, am letzten Plenarsitzungs-Freitag vor einer längeren Parlamentspause gewichtige, aber unpopuläre Entscheidungen durch den Bundestag zu bringen, weil die öffentliche Aufmerksamkeit für parlamentarische Vorgänge dann meist schon etwas gedämpft ist. Die geplante Wahl von drei neuen Richtern für das Bundesverfassungsgericht hätte auch so verlaufen sollen.
Die CDU-Spitze hatte sich – geübt im Einknicken vor SPD-Forderungen – verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Fraktion bei der Wahl geschlossen für die beiden vom kleinen Koalitionspartner benannten Kandidaten stimmt. Welches Problem sie sich damit aufgeladen hatte, wollte sie offenbar nicht sehen. Insbesondere die Jura-Professorin Frauke Brosius-Gersdorf hatte sich in der Vergangenheit so klar ideologisch in verschiedenen grundsätzlichen Fragen positioniert, dass sie normalerweise für die Unionsparteien unwählbar wäre. Ob entfristete legale Abtreibung, ihre Unterstützung für die grundrechtseinschränkende Corona-Politik, das Eintreten für eine Impfpflicht – all diese Positionen lassen nicht gerade unideologische und überparteiliche, nur an Recht und Grundgesetz gebundene Beiträge zur Urteilsfindung erwarten.
Auch Kritiker der Bundesregierung hatten allerdings befürchtet, dass die Partei- und Fraktionsspitzen damit durchkämen und die Unions-Abgeordneten, wie beim Koalitionsvertrag, weiter Kröten schlucken würden. Ich habe auch bis vor wenigen Stunden dazu tendiert, wie man hier nachlesen kann.
„Keine linksradikale Aktivistin“
Vielleicht war es das für Christdemokraten heikle Thema Abtreibung, vielleicht waren es die vielen Appelle an die Unionsabgeordneten, ideologisch geprägten Kandidaten ihre Stimme zu verweigern. Möglicherweise gaben auch die Stimmen von Bischöfen, die sich gegen die designierte Verfassungsrichterin aussprachen, den Ausschlag. Jedenfalls schaffte es die Fraktionsspitze nicht, die Abgeordneten in die Fraktionsdisziplin zu zwingen.
Dabei hatte sich Kanzler Merz sogar noch zwei Tage zuvor öffentlich zur Wahl von Frau Brosius-Gersdorf bekannt. Der CSU-Landesgruppenvorsitzende in der Bundestagsfraktion, Alexander Hoffmann, hatte noch eindringlich geworben: „Frau Brosius-Gersdorf ist keine Kandidatin der Union, aber eine respektable Kandidatin der SPD – und ganz sicher keine linksradikale Aktivistin“. Und Jens Spahn bat skeptische Abgeordnete zu Einzelgesprächen, um sie zur Wahl der SPD-Kandidatinnen zu drängen.
All das hat nichts genutzt. Offenbar kann die CDU/CSU-Führung den Unterwerfungskurs unter SPD-Politik in den eigenen Reihen trotz der großen Opportunisten-Dominanz nicht mehr so einfach durchsetzen. Dieser Erkenntnis haben sich die CDU-Granden kurz vor Beginn der freitäglichen Plenarsitzung nicht mehr verschließen können. Sie zogen die Notbremse und kündigten an, die Abstimmung verschieben zu wollen. Verschieben heißt dann wohl auf einen Termin nach der Sommerpause. Die Begründung war schon fast amüsant fadenscheinig. Statt einzugestehen, dass sich die CDU-Führung völlig vergaloppiert hat, wurden angeblich völlig neue Plagiatsvorwürfe herangezogen.
Diese Begründung glaubt sicher niemand, egal ob die Plagiatsvorwürfe stimmen oder nicht.
Zunächst wurde die Plenarsitzung unterbrochen, damit die Fraktionen tagen konnten. Die Wahl von Frau Brosius-Gersdorf dürfte vom Tisch sein. Aber sollte über die anderen beiden Kandidaten abgestimmt werden? Wie stimmen dann jeweils AfD und Linke? Von denen werden Stimmen gebraucht. Offiziell natürlich nur von der Linken, denn die Koalitionäre haben sich zur Brandmauer-Abgrenzung verpflichtet.
Bis auf die Knochen blamiert
Die Staatstheater-Regie ist krachend gescheitert. Die Koalitionsspitzen haben sich bis auf die Knochen blamiert. Beim Versuch der jeweiligen Gesichtswahrung schlittern sie vielleicht noch in eine fulminante Koalitionskrise. Der Kanzler ist angemessen beschädigt, und die geplante Wahl von Ideologinnen ins Bundesverfassungsgericht ist vorerst gestoppt. Die widerspenstigen Bundestagsabgeordneten aus den Reihen der Union haben endlich einmal wieder gezeigt, dass sie nicht nur Staatstheater-Darsteller sein wollen.
Die grüne Fraktionsvorsitzende Britta Haßelmann beklagte, dies sei ein „Desaster für das Parlament“, weil letztlich undisziplinierte Abgeordnete die auch mit den Grünen zuvor in Hinterzimmern abgestimmte Personalplanung einfach durchkreuzt haben. Vielleicht wäre es besser fürs Parlament gewesen, dies hätte sich erst im Scheitern der ideologieaffinen Kandidatinnen bei der Abstimmung ausgedrückt. So vermitteln die Funktionäre noch den Anschein, als würden sie die Geschicke bestimmen. Aber es waren die CDU/CSU-Abgeordneten, die zuvor erklärten, die Fraktionsdisziplin verweigern zu wollen. Wenn die Fraktionsdisziplin Schaden nimmt, ist das immer gut für Parlament und Demokratie.
Insofern war das ein guter Morgen für den Bundestag, für das Bundesverfassungsgericht und auch für die Demokratie selbst. Nicht weil für sie ein Sieg errungen worden wäre, aber immerhin eine Fortsetzung der Beschädigungsserie vermieden wurde.
Peter Grimm ist Journalist, Autor von Texten, TV-Dokumentationen und Dokumentarfilmen und Redakteur bei Achgut.com.
Beitragsbild: Wolfgang Pehlemann - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ein guter Morgen für BT, BVerfG und Demokratie? Das scheint mir doch eine ziemliche naive Einschätzung zu sein. Die Kandidaten waren seit Wochen bekannt und die Koalition hat sich darauf geeinigt. Mir kann keiner erzählen, dass man nicht um die Problematik der zwei Kandidatinnen wußte. Allein die Tatsache, dass man sie dennoch möglichst geräuschlos installieren wollte, ist ein schwerer Schlag gegen die Gewaltenteilung und unsere FDGO. Und die Begründung, Frau B.-G. fallen zu lassen, ist erbärmlich. Schon allein die Tatsache, dass solche Protagonisten den Bundestag bevölkern, ist ein sehr schlechtes Zeichen für unsere Demokratie. Und die Tatsache, dass Frau B.-G. und die andere Kandidatin sich offensichtlich allen Ernstes als Richterinnen am BVerfG für geeignet halten, wirft ein sehr schlechtes Licht auf die Jurisprudenz in Deutschland.
Und es ist Frau von Storch hoch anzurechnen, dass Herr Merz sich nun endgültig bis zur Kenntlichkeit entblößt hat. Wer unter diesem Parteivorsitzenden noch weiter CDU-Funktionär oder – mitglied bleibt, hat jegliche Kontrolle über sein Leben verloren.
@Ulrich Bohl: Fairerweise muss man sagen, dass Brosius-Gersdorf sich nicht für Spätabtreibungen bis kurz vor der Geburt ausgesprochen hat, wie teilweise in der Presse oder Leserkommentaren dargestellt. (Insoweit ist auch Merz doppelt blamiert durch sein „Ja“ auf die Frage von von Storch, denn er geht zumindest geistig weiter als Brosius-Gersdorf selbst). Sie hat sich für die Legalisierung von Abtreibungen bis zum Ende des 3. Schwangerschaftsmonats ausgesprochen, also de facto Legalisierung statt lediglich Straffreiheit plus Beratungszwang, im Ergebnis in der Praxis aber dasselbe. Man kann lediglich vermuten, dass ihre Gedanken zum Thema „Menschenwürde des Fötus“ eines Tages zu politischen und rechtlichen Diskussionen führen könnten wie z.B. in Colorado/USA, wo Spätabtreibungen wohl erlaubt sind.
@Andreas Donath, Sie haben formuliert, was noch zu formulieren war. Danke dafür! Bei der Union hier noch irgendeinen Edelmut oder christliche Motivation zu erkennen, ist absurd! Das war reine, eiskalte Machtstrategie. Die Krönung war am End die Nummer mit den angeblich ganz schnell noch erkannten Plagiaten als Begründung für die Abkehr von Frau Brosius. Straffreie „Abtreibung“ kurz vor der Geburt und ihre anderen gruseligen Standpunkte – alles ok für diese Union. Die Brosius-Plagiate dann aber nicht? Wenn für die Union Plagiate Hinderungsgrund für hohe Ämter sind, was ist dann eigentlich aus den Plagiatsvorwürfen gegen Kanzler Merz (CDU) und Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) geworden? Strategisches Schweigen bei den „edlen Christen“ der Union…
Interessant ist die Berichterstettung in der Tagesschau und sogar in einem bisher als liberal ettikettierten Medium in der Schweiz: die sog. linksorientierte Aktivistin und Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht wird dort als „liberal“ eingeordnet. sic transit gloria mundi.
Mich irritiert dass Frau Haßelmann sich in den Bundestag stellt und quasi selbstverständlich sich darüber beschwert dass eine Absprache im Hinterzimmer zwischen Grünen und CDU jetzt nicht im Bundestag durchgewinkt wird. Dieses Selbstverständnis für Entscheidungsfindungen im Hinterzimmer finde ich befremdlich. Wozu braucht man dann noch Abstimmungen im großen Gremium ? /// Wieso bestimmt eigentlich der Bundestag über die Mitglieder des Bundesverfassungsgerichtes ? Ich dachte das Bundesverfasssungsgericht soll den Bundestag kontrollieren und dann wählt der Bundestag seine eigenen Kontrolleure ? Ist das so okay ?
Man darf nicht vergessen (bei T.E. wird es thematisiert, hier leider nicht), dass die CDU schon Ende 2024 einen Kandidaten (Robert Seegmüller) für „ihren“ Richterposten zurückziehen musste, weil der ein bisschen zu sehr für Grenzsicherung war und auch während Corona mal gewagt hat, das Wort „Freiheit“ in den Mund zu nehmen. Das alles passte den Grünen nicht, was aktuell wohl heißt: Geht gar nicht. „Pflicht zur Impflicht“, durchgegendertes Grundgesetz, Staatbedienstete mit Kopftuch, „beseitigte“ AfD-Wähler, das alles geht dagegen schon, auch mit der CDU (das Abtreibungsthema lasse ich mal außen vor, da würde ich erst mal genau nachlesen wollen, was die Dame wirklich gesagt hat).
Oder Nordhäuser Doppelkorn?