Wolfgang Röhl / 25.08.2014 / 14:00 / 4 / Seite ausdrucken

Verehrter Volker Schlöndorff,

Sie sind gerade auf Interviewtour für Ihren neuen, sicher wieder mal perfekt inszenierten und toll ausgestatteten Film. Er heißt „Diplomatie“. Es geht darin um den deutschen Stadtkommandanten von Paris, den ein schwedischer Diplomat im August 1944 dazu überredet, ja geradezu bequasselt, die von Hitler befohlene Zerstörung der französischen Hauptstadt zu sabotieren. In der „Ostsee-Zeitung“ sagen Sie über Ihre Intention: „Ich möchte zeigen, dass man mit Worten mehr bewegen kann als mit Waffen, so wie es der schwedische Generalkonsul Raoul Nordling damals bewiesen hat. Diplomatie wird als Kunst heute vernachlässigt.“ Der letzte Satz klingt nicht ganz falsch, schaut man sich den amtierenden deutschen Außenministerdarsteller an. Aber verhält es sich nicht eigentlich so, dass zu der Kunst der Diplomatie zwei Seiten gehören, die miteinander reden wollen?

Man muss nicht das müdegerittene Ross des Zweiten Weltkriegs bemühen, in welchem Waffen bekanntlich deutlich mehr bewegt haben als Worte. Man kann auch jüngere Beispiele nennen. Dass ein Teil der Koreaner nicht in einem Orwellschen Irrsinnssystem leben muss, hat hauptsächlich mit Waffen zu tun, und zwar amerikanischen. Pol Pot und seine Gefolgschaft wurden 1978 mit Waffen daran gehindert, ihren Versuch zu vollenden, den größten Teil des kambodschanischen Volkes auszurotten. In diesem Fall gelang das mit vietnamesischen Waffen.

Und wenn es aktuell darum geht, sich Mörderhorden vom Kaliber IS oder Boko Haram oder Hamas vom Leibe zu halten, dann ist die Benutzung von Waffen irgendwie zielführender als diplomatische Gesprächsrunden. Leider gibt es da draußen Leute, die kein großes Diskussionsinteresse haben, aber ein umso größeres Abschlachtinteresse. Selbst einige deutsche Grüne haben das inzwischen kapiert. Einzig das Margottchen träumt noch selig weiter.

Ob Sie, Herr Schlöndorff, Worten wirklich so eine große Macht zutrauen, wollte der Interviewer wissen. Antwort: „Ich habe den Film meinem verstorbenen Freund Richard Holbrooke gewidmet, der durch wochenlange Verhandlungen Milosevic dazu gebracht hat, den Krieg in Jugoslawien zu beenden.“

War es wirklich Ihr Freund, der den serbischen Kriegstreiber bezirzte? Bei Wikipedia findet man eine etwas andere Version: „Er reiste nach Belgrad zu Slobodan Milošević in Begleitung ausgewählter hochrangiger US-Militärs, die er seinem Gesprächspartner mit der Bemerkung vorstellte, ‚diese Soldaten befehligen die amerikanischen Luftstreitkräfte, die bereitstehen, Sie zu bombardieren, wenn wir nicht zu einer Einigung gelangen’. Durch diesen Druck erzwang er die Unterschriften von Slobodan Milošević, Alija Izetbegović und Franjo Tuđman unter das Abkommen von Dayton vom 21. November 1995, das auch die Grundlage für die Stationierung der SFOR-Truppen der NATO in Bosnien darstellte.“

So, lieber Herr Schlöndorff, klappt’s mit der Diplomatie auch in schwierigen Situationen. Man darf wohl annehmen, dass dem deutschen Kommandanten von Paris seine segensreiche Entscheidung vom August 1944 maßgeblich durch den Umstand erleichtert wurde, dass die 1. US-Armee unter General George Patton bereits ab dem 31. Juli mit Macht auf Paris vorrückte. Der Rest ist der feuilletonistischen Interpretation anheimgestellt.

Auf den Film “Diplomatie” freut sich schon sehr

Ihr Wolfgang Röhl

 

 

 

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Leserpost

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Kurt Rosshirt / 26.08.2014

Tja, Pazifisten haben es im Moment schwer, sind sie nicht völlig neben der Spur wie Margottchen. Schlöndorff sagt im Interview mit dem Münchner Merkur: “Wenn es um die Frage geht. Das Leben meiner Familie gegen das Leben von hunderttausenden Franzosen, dann ist das für mich kein Dilemma. Da rette ich selbstverständlich die hunderttausend Franzosen. Ich würde die Moral der Statistik unterwerfen”. Meine Güte! Ist das so einfach? Derart gravierende Entscheidungen sind in der Wirklichkeit doch weitaus vielschichtiger als dass man sie nach einer solch simplen Logik trifft. Wahrscheinlich eiert selbst der kommandierende General lange Zeit herum und versucht einen Ausweg zu finden, auch seinen eigenen Kopf und seine Familie zu retten. Aber wenn man die “Moral der Statistik unterwirft”, kann man auch den Kämpfern gegen den IS die benötigten Waffen liefern, und zwar so schnell, dass weitere Massenexekutionen mit vielen tausenden von Toten möglichst bald ein Ende finden, zumal einem schon die ersten Bilder auf fürchterliche Weise bekannt erschienen. Aber wir diskutieren erst mal gründlich. Vielleicht erledigen ja die Amis in der Zwischenzeit den Drecksjob.

Thomas Schlosser / 25.08.2014

Der Stadtkommandant von Paris, Dietrich von Cholditz, musste von keinem “schwedischen Diplomaten” überredet werden, die Stadt zu verschonen, darauf ist er, aus den genannten Gründen, von ganz alleine gekommen. Aber der Kinobesucher, der in der Regel keinen Schimmer hat, wie sich die Geschichte in Wahrheit abgespielt hat, der denkt nach der Vorstellung des Filmes bestimmt: “Der böse deutsche Nazi-General ist von einem ganz tollen Schweden zur Übergabe der Stadt überredet worden….”. Alleine für diese Geschichtsklitterung wünsche ich Schlöndorffs Machwerk einen grandiosen Flop.

bernd hönig / 25.08.2014

Lieber Herr Röhl, Wenn ich ihre Kommentare erinnere, wissen sie doch schon sehr gut, was bei den Deutschen, leider bis zum Erbrechen, gut ankommt und welche Stoffe von der Filmförderung durchgewunken, sowie reichlich ausgestattet werden - Nazis, Juden, Sozial- und Ökokram - weshalb wohl Innovation und Exklusivität im deutschen Film leider für immer verloren sind. Entweder Schenkelklopfer-Humor à la B. Herbig oder gedankenschwere Zerknirschung à la M. Brandt oder J. Vogel in Abwechselung mit Verbrecher- oder Deppenvisage à la K. Yanar. Und einer der hierzulande erfolgreichsten Filme, der den beliebten Leinwandmagneten ‘der Jude’ präsentierte, “Alles auf Zucker”, lief nach dem Drehbuch eines witzisch aufgemotzten Plots, der merkwürdigerweise haargenau der Handlung einer wirklich amüsanten und intelligenten, polnischen Komödie von I. Cywinska aus dem Jahre 2000 folgte (“Das Wunder von Purim”), doch an keiner Stelle deren Klasse erreichte. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, trotz reichhaltiger, vom Volke gesponserter Ausstattung kann es nicht besser, wie man beim müden Abklatsch der brillanten Daily-Show sehen kann, in welchem O. Welke und seine witzischen Studio-compañeros Freitag-abendlich einen Schenkelklopfer nach dem anderen raushauen, bis dem anspruchsvollen Zuschauer die Kinnlade vom Gähnen ausrenkt. Ich fürchte, wir müssen uns auf viele Jahre mit plagiierten, internationalen Erfolgen oder flachen Themen, sowie risikoscheuen Produzenten einstellen, solange die deutsche Filmförderung ihre Macht ausspielt und die nachwachsenden Filmemacher nicht die Kraft für eigenständige, gute Ideen entwickeln.

Claus Brandstetter / 25.08.2014

Ein Klasse Beitrag! Danke dafür. Den Film werde ich ich mir natürlich ansehen.

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