Chaim Noll / 20.12.2020 / 11:00 / Foto: Pixabay / 10 / Seite ausdrucken

Vera Lengsfelds Notizen von unterwegs

Im harten Lockdown sind die Buchläden geschlossen. Aber Vera Lengsfelds neues Reisebuch kann man bestellen. Chaim Noll hat für „Notizen von unterwegs“ ein Vorwort geschrieben, das wir hier veröffentlichen:

Vera Lengsfeld ist in ihrem Leben weit gereist. Ihre Notizen von unterwegs hat sie zu kurzen, prägnanten Reiseberichten kompiliert, die tagebuchartig festhalten, wo sie war, was sie gesehen und gehört hat, und gelegentlich, doch nie dominierend, was sie darüber denkt. So berichtet sie von Reisen in alle Himmelsrichtungen, nach Argentinien, Litauen, Israel, China, Rumänien, Spanien, Zypern, Estland, Kuba, Deutschland, Polen, Chile oder Sibirien, auch in Gegenden, über die sonst kaum etwas Vernünftiges zu erfahren ist, wie das quasi-autonome Gebiet Transnistrien.

Die Autorin gibt keine unnötigen Erklärungen ab, warum sie sich an diesem oder jenem Ort aufhielt, teilt über sich nur das Nötige mit und vermeidet die bei anderen Reiseautoren üblichen Abschweifungen in eigene Reflexionen und Weltgedanken. Gegenstand ihres Berichts ist immer der besuchte Ort. Den versucht sie, soweit möglich, zu Fuß zu erkunden. So, „auf Augenhöhe“, in direktem vis à vis, begegnet sie dem Unbekannten, das sie fernen Orts erwartet, stellt sich ihm mit Neugier und Offenheit, mit einem jugendlich wirkenden Interesse an den Problemlösungen Anderer.

Wie genau sie die Atmosphäre einer Stadt oder Landschaft einzufangen weiß, kann ich dort nachvollziehen, wo sie mir bekannte Orte besucht, etwa Petrosawodsk in Karelien. Genau so habe ich selbst diese weltferne Gegend in Erinnerung. Ihre Neugier geht in die Tiefe, oft schmerzhaft, auf Kosten der Idyllik des Reisens. Ihrerseits früh mit Geschichte konfrontiert, erweist sie sich als unerschrockene Spurensucherin, versessen auf das Historische hinter den Fassaden des Alltäglichen.

In Moskau sieht sie die Schönheit des rekonstruierten alten Arbat, doch sie wirft auch einen Blick auf das Hotel Lux, in dem in den dreißiger Jahren, zur Zeit der „Großen Säuberung“, die emigrierten Ausländer wohnten und in hypnotischer Starre warteten, bis die Männer in den Ledermänteln kamen, meist im Morgengrauen, und sie abholten. Gleich nebenan ist die Lubjanka, das Gefängnis der sowjetischen Staatssicherheit, in der abgeurteilt, nach Sibirien verschickt, nicht selten auch gleich hingerichtet wurde. Vera Lengsfeld, kundig in der Literatur des Schreckens, erkennt das Dom na Nabereshnoj, das „Haus an der Uferstraße“, dessen Insassen, Funktionäre und hohe Offiziere fast alle den Weg in die Lager gingen. Zugleich ist sie imstande, die grandiose Ausstrahlung der alten russischen Metropole zu beschreiben, die den Schatten standhält, die eine wechselvolle, nicht selten tragische Geschichte auf sie wirft.

Die meisten Orte, die sie besucht hat, befinden sich in einem rapiden, manchmal radikalen Wandel. So dass es an sich verdienstvoll ist, den Jetzt-Zustand gewissenhaft zu beschreiben, weil er zum Zeitpunkt der Niederschrift schon aufgehört hat zu bestehen und womöglich nur in Lengsfelds Notizen überdauert. Das gilt für die Wunden und Krater des Krieges auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens, für die Foltermale Rumäniens, das bunte Elend Kubas der späten Castro-Zeit. Novosibirsk nennt sie in diesem Nebeneinander von alt und neu, von gestriger Misere und sich abzeichnendem Aufschwung eine  „Patchworkstadt“. Das Wort trifft in dieser Zeit schneller Veränderung auf manchen der besuchten Orte zu. Sogar Ushuaia auf Feuerland, am Rand der bewohnbaren Welt, kurz vor dem Übergang ins ewige Eis, hat sich verwandelt: aus der ehemaligen argentinischen Strafkolonie von achthundert Seelen wurde, wie die Reisende festhält, binnen weniger Jahrzehnte „eine boomende Stadt mit 60.000 Einwohnern.“

Viele historische Details, die Vera Lengsfeld recherchiert und repetiert, waren mir unbekannt, und jetzt davon zu erfahren, macht dieses Buch für mich zur spannenden Lektüre. Weil sich im Historischen immer die Geheimnisse des Heutigen verbergen, über die nachzudenken wir sanft genötigt werden. Ich wusste bisher wenig oder nichts über Beijings Stadtentwicklung, über die strukturellen Probleme chinesischer Mega-Metropolen oder über Kuba, wo ich nie war. Oder über die Wechselfälle in der Geschichte der Insel Helgoland. Oder die Tragödie der Stadt Warschau, die von den Nazis „zu neunzig Prozent dem Erdboden gleich gemacht“ wurde.

Doch das Unheimliche, Bedrohliche kann auch mitten im Frieden geschehen, in einer westlichen Demokratie. Bei einem Besuch in Madrid beobachtet Vera Lengsfeld die Diskrepanz zwischen Medienbild und Wirklichkeit, die neue, heimliche Art der Desinformation:

„Als ich am anderen Morgen die Nachrichten im Fernsehen anschaue, stelle ich fest, dass die Zahl der Teilnehmer des Protestzuges absurd niedrig angegeben wurde. Sechshundert sollen es nur gewesen sein, wo ich mehrere Tausend an dieser Kreuzung gesehen habe (…) Arroganz der Macht? Auf die Dauer werden sie damit nicht durchkommen.“

Arroganz und Schwäche westlicher Politik entgehen ihr nicht, vor allem nicht die Zeichen einer verfehlten, antiquierten Außenpolitik der europäischen Staaten: „Die Türkei denkt nicht daran, die griechische Stadt Famagusta zurückzugeben, wie sie sich verpflichtet hat. Sie kann darauf vertrauen, dass die EU von ihr die Vertragserfüllung nicht einfordert.“ Und sie ahnt die Folgen dieser schwachen Politik: „Ich werde das beklemmende Gefühl nicht los, dass unsere Reise in die Vergangenheit des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien eine Zeitreise in die Zukunft Europas ist.“

Vera Lengsfeld ist eine Frau mit großer Lebenserfahrung und politischem Gespür. Wie ihre Reise-Impressionen zeigen, ist sie weit in der Welt herumgekommen. Dabei bodenständig geblieben mit ihrem Hanggrundstück voller Obstbäume, das sie von ihrer Großmutter in Thüringen geerbt hat. Einmal bin ich mit ihr in der Wüste gewandert und habe ihre unglaubliche Ausdauer erlebt. Die sie auch anderswo zeigt, zum Beispiel in ihrem Eintreten für demokratische Freiheiten. Sie erkletterte die Sandhügel und Felsen der Negev-Wüste schneller als jeder andere. Training, sagte sie. Denn sie muss, um ihre Obstbäume zu ernten, ständig hügelauf und -ab laufen. Reisen ist nur eine Seite ihre Lebens. Und sie ist davon nicht, wie viele andere, konfus, „für alles offen“ und meinungslos geworden. Vera ist auf ihren weiten Fahrten durch die Welt ein Mensch geblieben, der ein Zuhause hat, eine klare Orientierung.

„Notizen von unterwegs“ von Vera Lengsfeld, 2020, BOD, hier bestellbar.

Foto: Pixabay

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Johannes Schuster / 20.12.2020

Danke für den Artikel, der mich wenigstens für die Zeit des Lesens einmal aus dem Klebstoff der Zeitthemen herauslöst und mich mitreisen läßt. @Karl Eduard: Leider ist es nicht richtig, daß die DDR von der Demokratiebewegung “zum Einsturz” gebracht wurde, Gorbatschow hatte Not das Defizit des Sozialismus, die DDR los zu werden. Das macht Frau Lengsfeld keinen Abbruch, die Haltung ehrt den Menschen, nicht seine Bedeutung, das Ich zählt und die Gesinnung in der Seelenhaftigkeit, nicht die politische Aussagegröße.

Werner Arning / 20.12.2020

Es ist schön, wenn jemand der Welt mit Neugier und Wohlwollen begegnet und bei alledem noch ein gutes Herz besitzt. So kommt es mir vor, und ich müsste mich schon schwer täuschen. Gerne werde ich Vera Lengsfelds Reise-Impressionen und ihren Gedanken folgen. Ihre Hartnäckigkeit rundet das Bild ab. Das Wahre zu suchen, ist ein edles Ziel. Nur wenige Menschen fühlen sich diesem Ziel verpflichtet.

Christina S. Richter / 20.12.2020

Auch ich habe in meiner Jugend vor und eine kurze Zeit nach der Wende Frau Lengsfeld, Frau Bohley etc. nicht verstehen können. Seit langem ziehe ich den Hut vor ihr und bewundere immer wieder ihren Mut! Z. B. der für mich bisher markanteste Auftritt während der “Öffentlichen Anhörung” zur Gemeinsamen Erklärung 2018 zusammen mit Herr Broder - damals glaubte ich íhr diese Ängste aus längst vergangener Zeit anzumerken…DANKE für Ihre unermüdliche Courage Frau Lengsfeld und DANKE für diese Wertschätzung Herr Noll!

Sabine Heinrich / 20.12.2020

@Karl Eduard: Ah, Herr des Schwarzen Kanals - Sie waren gar nicht tot - haben nur auf den richtigen Augenblick für Ihre Auferstehung gewartet. Hier - in der zur DDR 2 mutierten Bundesrepublik - können Sie Ihre glänzende Karriere fortsetzen! ARDZDFDLF und andere warten nur auf Sie! Wohlan denn! Irgendein vorgeheizter Unterchefsessel wird sich wohl schon für Sie finden. Darf ich einmal vermuten, wer Sie sind? Ein Wessi, der keinerlei Bezug zur DDR bzw. keine Ahnung hatte, was dort abgelaufen ist. Oder ein DDR-Wendeverlierer (im Herzen tiefrot), der nun seine Zeit gekommen sieht - anders kann ich mir Ihren abwertenden Kommentar, Frau Lengsfeld betreffend,  nicht erklären. Leider werden die Karl Eduards immer mehr - so mein Eindruck. Gerade mutige ehemalige Bürgerrechtler werden zunehmend diffamiert, bedroht, und es wird ihnen sogar Gewalt angetan (Frau Barbe in Berlin). Frau Lengsfeld ist ein Musterbeispiel für Diffamierung.  Mutige kritische Leute sind hier unerwünscht! Als in meinem Bekanntenkreis eine “normale” DDR- Sozialisierte ihr Misstrauen gegenüber Frau Lengsfeld geäußert hat - dieselbe, die Querdenker am liebsten in “Hotspots”  - ohne jeden Schutz umleiten und dort “schmoren” lassen möchte, war mir klar, wohin der Hase selbst bei etlichen ehemaligen biederen Systemkritikern läuft. Eine andere Bekannte ohne jede DDR-Erfahrung äußerte sich kritisch über den Sänger und Bürgerrechtler Stephan Kraftczyk, über dessen Konzert ich mich ihr gegenüber begeistert geäußert hatte. Alarmsignale schrillten bei mir auch, als Herrn Kraftczyk vor 3? 4?  Jahren bei einer Feier zum Tag der Wiedervereinigung am 3.10. im Grenzmuseum Lübeck-Schlutup kaum jemand zugehört hat. Finden wir uns damit ab - die Leute wollen nicht wissen, hören - und wer jetzt noch durch kritische Gedanken stört, gehört vernichtet - zunächst in der “harmloseren” Form der Ignoranz und des Ausgestoßenwerdens. Über weitere Maßnahmen geben die Geschichtsbücher Auskunft…    

Klaus Klinner / 20.12.2020

In meiner Jugend in Ostdeutschland habe ich Frau Lengsfeld oft nicht verstanden, inzwischen ziehe ich meinen Hut vor ihr.

Stefan Riedel / 20.12.2020

@Karl Eduard von. ...“Zur Wende und auch eine Zeit lang danach, war sie für mich der ” Erfüllungsgehilfe des Klassenfeindes”. Leute wie sie, haben die DDR zum Einsturz gebracht.”... Könnte es vielleicht sein, dass sich das System “DDR” selbst zum Einsturz gebracht hat? Ansonsten ist Ihr Beitrag einfach zynisch verletzend. Mit Tschekistischem Gruß!

Bernd Hoenig / 20.12.2020

“Arroganz der Macht? Auf die Dauer werden sie damit nicht durchkommen.” Das hoffen wir doch, aber mehr&mehr; Aufklärung wird dazu nötig werden, Dank der Autorin (und all ihren Achse-Kollegen) dafür.

Sabine Heinrich / 20.12.2020

Sehr geehrter Herr Noll, ich habe heute erneut versucht, das Buch von Frau Lengsfeld zu bestellen. Es funktioniert einfach nicht. Nun versuche ich es über den gängigen Buchhandel. Glücklicherweise gibt es eine Buchhandlung in der Nähe, bei der bei der ich Bücher bestellen und - selbstverständlich vor der Eingangstür und mit Maulkorb unter freiem Himmel - abholen kann. Das neueste Werk von Monika Gruber ordere ich gleich mit. Danke für Ihre Beiträge, Herr Noll, die ich sehr schätze! Mit herzlichen Grüßen! Sabine Heinrich

Andreas Rochow / 20.12.2020

Ein schöner Text. Eine angemessene Würdigung und Wertschätzung, wie sie in Merkeldeutschland rar geworden ist. Danke Vera Lengsfeld, danke Chaim Noll.

Karl Eduard / 20.12.2020

Zur Wende und auch eine Zeit lang danach, war sie für mich der ” Erfüllungsgehilfe des Klassenfeindes”. Leute wie sie, haben die DDR zum Einsturz gebracht. Sie hätte aber bitte bis zu meinem Rentenalter warten können. Zum Glück lernt man dazu. Ich respektiere ihre Überzeugungen und die Festigkeit, mit der sie für sie eintritt. Was ich nie begriffen habe, was muß man seinem Mann antun, damit der einen bespitzelt? Es gab ja keine Zwangsheiraten in der DDR, die Heirat muß also aus Liebe geschehen sein. Ebenso konnte man sich scheiden lassen.

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