Vera Lengsfeld / 04.07.2021 / 10:00 / Foto: Imago / 12 / Seite ausdrucken

Vera Lengsfelds Sonntagslektüre: „Nachdenken über Sühne und Vergebung“

Das Leben geht wie ein Geschwätz vorbei. Die tiefe Wahrheit dieses Bibel-Satzes wird den meisten Menschen erst tief in der zweiten Lebenshälfte bewusst. Was in den sich scheinbar endlos dehnenden Stunden der Kindheit und Jugend undenkbar scheint, drängt sich spätestens zwingend auf, wenn die Vergangenheit so lang ist, dass sie sich im Dunkel des Nicht-Erinnern-Könnens verliert und die Zukunft zusammenschrumpft.

Jörg Bernig, der zu unrecht vom offiziellen Literaturbetrieb vernachlässigte Schriftsteller, hat sich den existentiellen Fragen gewidmet, die früher oder später jeden Menschen umtreiben. Warum sind wir so geworden, wie wir sind? Warum haben wir Chancen, die sich uns boten, nicht ergriffen? Ergreifen können? Welche Irrwege sind wir gegangen? Gab es ein prägendes Ereignis in unserem Leben, das wir verdrängt haben?

Bernig lässt seine Romanfigur, einen Schriftsteller, dessen Namen wir nicht erfahren, in Prag in einem Art-Deco-Bett aufwachen. Er ist hier, weil er ein Stipendium für diesen Aufenthalt bekommen hat. Er will ihn nutzen, um den Roman über einen Maler zu Ende zu bringen, der kommerziell sehr erfolgreich war, sich aber aus der Öffentlichkeit zurückzieht und die Malerei an den Nagel hängt.

„Vier Musketiere“, die unzertrennlich waren

Das Schreiben stockt, der Autor hofft auf Inspirationen in einer der schönsten Städte der Welt. Er durchstreift Prag als Flaneur, der Leser lernt viel über die Kultur und die Geschichte dieser Stadt. Die Inspiration kommt, aber auf unerwartete Weise. Er beobachtet am geöffneten Fenster, unter dem die Moldau vorbeifließt, einen Wehrläufer, der belaubte Äste, Stämme, Hölzer und anderes Treibgut, das sich am Wehr verfangen hat, mit der Stange löst, damit es weiter den Fluss hinunterschwimmen kann. Scheinbar unvermittelt fällt ihm seine Kindheit ein, an die er seit Ewigkeiten nicht gedacht hat.

Sie waren vier Freunde, genannt die „Vier Musketiere“, die unzertrennlich waren. Musketier Michael ertrank eines Tages in einem Gebirgsfluss, da waren es nur noch drei. Als Jugendlicher warf sich Musketier Andreas vor einen Zug. Die zwei verbliebenen Freunde trennten sich, weil sie in weit voneinander entfernten Städten studierten und sich ihr Leben einrichteten. Die Verbindung blieb lose. Es gab Telefonate, aber keine Besuche. Vom Tod seines letzten Freundes erfuhr der Schriftsteller erst, als der schon unter der Erde lag. Das hatte Musketier Thomas so verfügt.

Der letzte der Musketiere grübelt darüber, warum er unfähig war, in seinem Leben eine feste Bindung einzugehen. Selbst als er in den Vierzigern Monika traf, die Frau, auf die er immer gewartet hatte, konnte er sich dieser Liebe nicht hingeben. Auf seinen Streifzügen durch Prag, die so lebendig geschildert werden, dass der spontane Wunsch entsteht, sofort in diese Stadt zu fahren, sucht Bernigs Held nach den Gründen seiner Bindungsunfähigkeit.

„Du bist anwesend, aber nicht da“, wirft Monika ihm vor und trennt sich schließlich von ihm, weil er keine Anstalten macht, das zu ändern. Immer wieder war er zurückgewichen mit der Begründung, er hätte mit seinem Werk zu tun. Die Trennung nahm er hin, Monika verbannte er aus seinen Gedanken, bis sie in Prag wieder auftaucht und nicht mehr zu verdrängen ist.

Blockaden der Vergangenheit

Die seelische Blockade des Schriftstellers löst sich auf unerwartete Weise. Als er eines Nachts von einer Schiffsbar zurückkehrt, gerät er in ein sintflutartiges Gewitter. Als er im Tosen des Unwetters auf einer Eisenbahnbrücke das Herannahen eines Zuges hört, wird er in eine verhängnisvolle Nacht in seiner Jugend zurückversetzt. Auf einer ähnlichen Brücke war ihm damals Andreas wütend gefolgt, weil er erfahren hatte, dass der Schriftsteller mit seiner Freundin Corinna geschlafen hatte. Der Streit eskalierte, Thomas, der ihn begleitete und der Schriftsteller verprügelten Andreas gemeinsam und ließen ihn auf der Brücke liegen. Als sie an deren Ende angelangt waren, hörten sie die Notbremsung eines Zuges. Am nächsten Morgen erfuhren sie, dass Andreas sich vor den Zug geworfen hatte. Die beiden Freunde sprachen nie über diesen Vorfall, der offensichtlich der Grund dafür war, dass sie sich nie wieder trafen.

Der Schriftsteller geht, aus Prag zurückgekehrt, zur Polizei, um eine Aussage zum damaligen Geschehen zu machen. Aber an der Tatsache, dass sich Andreas allein vor den Zug geworfen hat, ändert sein Geständnis nichts.

„Was haben Sie erwartet?“, fragt der Polizeibeamte. „Sühnen vielleicht, Vergebung“, ist die Antwort des Schriftstellers.

Bernig entlässt den Leser mit der Erkenntnis, dass man sich selbst erkennen und vergeben muss, um die Blockaden des Lebens zu beseitigen. Das ist schmerzhaft, manchmal langwierig, aber unverzichtbar, wenn man neu anfangen will.

Jörg Bernig: „Der Wehrläufer“, 2021, Dresden: Edition Buchhaus Loschwitz. Hier bestellbar.

Foto: Imago

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Leserpost

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Frances Johnson / 04.07.2021

Klingt sehr gut, sehr nah am ewigen Scheitern im Leben. Vielleicht kaufe ich es. Danke für Ihre fesselnde Rezension.

Ch.Hilden / 04.07.2021

@Ilona Grimm. Als Christin wissen sie ja, dass der natürliche Mensch nichts vom Geist Gottes vernimmt. Es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, denn es muss geistlich beurteilt werden. (1. Kor. 2,14)

Günter Lindner / 04.07.2021

Welcher Religiöse Glauben hat noch nie einen Krieg angezettelt und warum nicht?

Fred Burig / 04.07.2021

@Michael Fasse: “Vergebung geschieht nur, wenn wir unsere Schuld Gott bekennen. ” All diese Politdarsteller - besonders die der Parteien mit dem “C” im Namen - haben doch gar keinen Bezug mehr zu Gott. Für das was sie den Menschen im Lande antun und angetan haben werden sie sich niemals schuldig bekennen. Dafür sind sie zu entfernt von echter Religion und Glauben. Ein Konglomerat aus Macht, Geld und Menschenverachtung ist ihre Ersatzreligion, dessen Bann sie sich nicht mehr entziehen können. Da aus biblischer Sicht die Hölle nicht “überbelegt” zu sein scheint, halte ich diesen Ort auch geeignet dafür, derartige Personen „endzulagern“! Hinzu kommen sowieso noch die ganzen schuldbeladenen „Ungläubigen“ aus den Ecken der rot- grün- linken Fraktionen. Da könnte es dann doch noch ganz schön voll werden an diesem heißen Ort!  MfG

Ilona Grimm / 04.07.2021

@Michael Fasse: Man kann Begnadigung auch ablehnen ( siehe „lebenistmehr.de“ von heute). Und dann folgt der Tod mit ungesühnter, unvergebener und bis zum Ende nagender Schuld. C.S.Lewis (Ja, der große Schriftsteller!) hat in seinem Buch „Die große Scheidung“festgestellt: »Am Ende gibt es nur zwei Arten von Menschen: Die, die zu Gott sagen, ‚dein Wille geschehe’, und die, zu denen Gott am Ende sagt: ‚dein Wille geschehe’. Alle, die in der Hölle sind, erwählen sie selbst«—- bzw. haben sich zu Lebzeiten selbst dafür entschieden. Herr Fasse, ich bin als gelegentliche Nervensäge in Sachen christlichem Glauben (dem echten) hier auf dem Forum berüchtigt, weil es mir um jeden Menschen leid tut, der glaubt, der christliche Glaube sei eine Sammlung aus Quatsch, Märchen, Mythen, Legenden und ihn deshalb unzumutbar für „aufgeklärte“ Menschen hält.

giesemann gerhard / 04.07.2021

“... , aber unverzichtbar, wenn man neu anfangen will”. Und was tun, wenn mensch genau das gar nicht will? Wenn er/sie nur noch ein paar Mal vögeln will, fuck around? Noch ein paar Flaschen Wein austrinken, ein hübsches kleines Fressen kochen und genießen will? Als Vorgeschmack des Nirwanas, des Endes aller Wünsche? Morgen gehe ich in die Buchhandlung meines Vertrauens und bestelle mir das - mit Dank an die Rezensentin. Und Prag ist wirklich schon lange fällig. U Fleku, zum Schweijk, zu Rabbi Löw ans Grab ... .

Wolfgang Heinrich Scharff / 04.07.2021

Ich bin sehr froh, dass auch auf Neuerscheinungen aus Dissidenzverlagen wie dem Buchhaus Loschwitz hingewiesen wird. Bei meinem letzten Montagsbesuch in Dresden versäumte ich nicht, der Buchhandlung einen Besuch abzustatten. Beim nächsten Mal werde ich bestimmt diesen Roman erwerben, der die wichtige Frage von Sühne und Vergebung behandelt. Ihnen, Frau Lengsfeld, habe ich zum Beispiel längst vergeben, dass die erste Partei, in der Sie sich engagierten, die SED war!

Helmut Driesel / 04.07.2021

  Das ist alles viel zu hoch gehängt. Was ist denn Selbsterkenntnis? Das läuft letztlich nur auf die Frage hinaus, “War oder bin ich ein Idiot oder nicht?” Oder läuft mein Leben in akzeptablen Bahnen, wie das anderer Leute auch? Da muss man nicht lange in Erinnerungen herumstochern. Das ist typisch Schriftsteller, die nehmen die eigene Biografie überaus wichtig, auch wenn gerade da nichts Erwähnenswertes passiert ist. Es ist ja auch die einzige Biografie, die das Subjekt von innen kennt. Normalerweise weiß ein Schriftsteller gar nicht, wie anders sich andere Biografien von innen anfühlen, außer eben beim Lesen, was andere über sich selbst geschrieben haben. Das ist aber ein trügerisches Verfahren, denn die Masse der normalen Menschen schreibt nicht nachhaltig darüber, wie sie sich selbst erleben. Die meisten Schriftsteller dagegen sind randständige Existenzen, introvertiert und launisch, ichbezogen, von sensibler Intelligenz und ausgeprägter Arbeitsscheu. Ich bin dafür, dass jeder schreibt, des’ Herz so voll ist, dass der Mund überläuft. Und wer eine Schreib- oder Denkblockade hat, der soll etwas anderes, hoffentlich Sinnhaltiges tun. Die Zeit ist begrenzt und das Leben ist zu kurz, um sich selbst beim Schreiben großartig zu fühlen. Oder gar im Müßiggang darauf zuwarten, dass man einen Einfall hat. Außer man ist alt und hat sonst nichts weiter drauf.

Joerg Machan / 04.07.2021

“Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.” Das drängt sich auf, wenn eine Geschichte in Prag spielt. Bei Kafka geht’s um die Erbsünde (,die Juden strikt ablehnen). Hier hat jemand etwas Böses getan und will sich selbst “verhaften” lassen, damit ein Gericht ihn entsühnt.

RMPetersen / 04.07.2021

Ob beispielsweise die (hoffentlich bald) Ex-Kanzlerin am Ende ihrer Tage “sich selbst erkennt und vergibt”, will ich garnicht wissen.  Es wird auch niemals jemand wirklich erfahren, denn des Menschen Gedanken welt ist aufgebaut wie eine Zweibel, wie schon Herr Grass sagte. Ob er seine hochgetragene Moral und die politische Besserwisserei noch auf dem Sterbebett als Sünde erkannt und bereut hat? Den von Frau Lengsfeld vorgestellten Roman habe ich schon erhalten, und er liegt auf einem der Stapel neben dem Bett. Als Lektüre vor dem Einschlafen scheint mir das Thema geeignet. Im Wohnzimmersofa und auf dem Fensterbrett neben der Tür zum Garten liegen politische Bücher. Ich wage zu empfehlen: - Joseph Vogl “Kapital und Ressentiment” mit klugen Einsichten in die Kapital, Politik (- also Bevormundung) und Informationsmanagement (- also Zensur) verbindende Internet-Wirtschaft, sowie - Bruce Giffey “Verteidigung des deutschen Kolonialismus”, ein wirkliches Fachbuch (- Hinweis an Frau Baerbock: das sind Sachbücher mit Fußnoten und exakten Quellenhinweisen); dies Buch erläutert, dass die ehemaligen Kolonien vom Deutschen Reich in der Summe Positives erhalten haben; die Lebensbedinungen der Menschen dort wurden verbessert, die Länder profitieren noch heute von den Infrastrukturen. Die Mär von der Ausbeutung galt für die Deutschen Kolonien nicht - zu keiner Zeit lag der Handelsanteil höher als 0,5%.

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