Von Eduardo Muth Martinez.
Es ist eine historische Tatsache, dass es Venezuela äußerst gut ging, bevor Hugo Chávez die Demokratie zerschlug und das Land in wirtschaftlichen und sozialen Ruin führte. Darüber gibt es nichts zu diskutieren – aus demselben Grund, aus dem es absurd wäre, darüber zu streiten, ob Wasser nass ist.
Wie auch immer: Es gibt viele Bücher, in denen man nachlesen kann, warum Chávez gewählt wurde, aber ich erzähle euch ein Sprichwort, das wir in Venezuela haben: „Als wir reich waren und es nicht wussten.“ So bezeichnen Venezolaner das Venezuela vor Chávez.
Gerade verkündete der Präsident der venezolanischen Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, die bedingungslose Freilassung politischer Gefangener. Er nannte es eine „einseitige Geste zur Wahrung des Friedens“. Es ist nicht einseitig. Jeder weiß, dass es nicht einseitig ist. Und genau diese Sichtbarkeit ist der Punkt. Mit dieser Ankündigung tut das Regime etwas, das es jahrzehntelang verweigert hat: Es bestätigt die Existenz politischer Gefangener. Es erkennt – vor den eigenen Leuten – an, dass die Vereinigten Staaten realen Einfluss auf sein Handeln haben. Und es signalisiert, wenn auch widerwillig, einen möglichen Weg zurück zu demokratischen Normen.
Doch hier geschieht noch etwas anderes. Etwas, das ich erst wirklich begriffen habe, als ich es sich entfalten sah. Es gibt keinen besseren Weg, den Chavismus zu zerstören, als ihn sich selbst zerstören zu lassen.
Man denke an den jungen Soldaten der Nationalgarde. Er kennt kein anderes Regierungssystem. Er wurde jahrzehntelang indoktriniert. Ihm wurde beigebracht, dass die Vereinigten Staaten böse sind (meinen Geschwistern, die öffentliche Schulen in Venezuela besuchten, wurde das so vermittelt), dass die Imperialisten kommen werden, um alles zu stehlen, dass er bereit sein müsse, für sein Land zu sterben – und damit auch für das Regime. Er glaubte daran. Er wäre dafür gestorben. Und nun sieht er, wie die Menschen an der Spitze das Land eben jenen Imperialisten überlassen. Nicht im Kampf. Nicht nach Widerstand. Sondern durch Verhandlungen. Im Austausch für ihr eigenes Überleben.
Öl. Öl. Öl.
Man stelle sich vor, was das mit der Architektur des Glaubens macht. Zunächst war ich verwirrt über Trumps Botschaften. Öl. Öl. Öl. Er sagte es immer wieder. Er machte klar, dass ihnen die anderen Dinge zwar nicht egal seien – die systematische Repression, die spätere Demokratie –, dass aber im Moment Öl und amerikanische Interessen Priorität hätten. Das ist keine Neuigkeit. Wir wussten immer, dass amerikanische Außenpolitik amerikanischen Interessen dient. Was ich jedoch nicht verstand, war, warum er so unverblümt damit umging. Jetzt glaube ich, es zu erkennen.
Indem er explizit ist, indem er den diplomatischen Vorwand beiseiteschiebt, zwingt Trump (absichtlich oder nicht) das Regime dazu, unter den demütigendsten Bedingungen zu kapitulieren. Es gibt keine Deckgeschichte. Kein gesichtswahrendes Narrativ über „Dialog“ oder „gegenseitigen Respekt“. Nur: Wir wollen euer Öl, und ihr werdet es uns geben – und das Regime tut genau das. Für den indoktrinierten Soldaten, für den wahren Gläubigen, der jede Rede über den Yankee-Imperialismus auswendig gelernt hat, ist das kein Übergang. Es ist ein öffentlicher Verrat, begangen von genau den Menschen, die ihm diese Ideologie überhaupt erst beigebracht haben.
Hier ist, was viele Beobachter meiner Meinung nach übersehen: María Corina Machado und Edmundo González morgen einzusetzen, würde nicht funktionieren.
Nicht, weil ihnen die Legitimität fehlt – sie haben die Wahl gewonnen. Sondern weil der gesamte Staatsapparat weiterhin in chavistischer Hand ist. Jede Regierungsebene, jede Institution, jeder Durchsetzungsmechanismus. Ein demokratischer Präsident, der in diese Struktur eingesetzt wird, stünde vor einer unmöglichen Wahl: undemokratisch handeln, um zu überleben, oder als der machtloseste „lahme Ente“-Präsident der Geschichte zu regieren. In beiden Fällen gewinnt der Chavismus. Entweder beschmutzt sich die Demokratie die Hände oder sie scheitert so sichtbar, dass das Regime mit einem Mandat zurückkehrt.
Das Regime sich selbst zerreißen lassen
Der einzige Weg, das wirklich zu beenden, besteht darin, das Regime sich zuerst selbst zerreißen zu lassen. Lasst sie diejenigen sein, die das Öl übergeben. Lasst sie die Gefangenen freilassen. Lasst sie, Stück für Stück, die Mythologie demontieren, die sie selbst aufgebaut haben. Ich kann nur hoffen, dass dies von Anfang an der Plan war, denn wenn dem so ist, dann erleben wir gerade eine Meisterstück darin, wie man eine Ideologie zerstört.
Nicht von außen, sondern von innen. Indem man ihre eigenen Architekten dazu zwingt, alles zu verraten, wofür sie angeblich standen – vor den Augen all jener, die ihnen geglaubt haben. Der junge Soldat, der dafür gestorben wäre …
Eduardo Muth Martinez ist in Venezuela geboren und wohnt in den Vereinigten Staaten. Er lebte unter dem autoritären System Venezuelas und verließ das Land 2015 als Teil der Diaspora. Er schreibt über Venezuelas politische und soziale Krise, basierend sowohl auf eigenen Erfahrungen als auch auf analytischer Betrachtung. Dieser Beitrag erschien zuerst auf seinem Substack-Account .
„Die betroffenen Länder die seit Jahrhunderten unter der Knute der USA Leid und Elend, Terror, Mord und Krieg erfahren, wird dies herzlich egal sein.“
Nicht schlecht für ein Land, was es erst seit knapp über zwei Jahrhunderte gibt, und was zu Beginn eines jeden Weltkrieges jeweils eine kleinere Armee als Belgien hatte. Sie bemerken hoffentlich die Ironie. Anders ist das ja nicht zu ertragen.
Von Anfang an der Plan war, daß King Orange im Konzert der siegreichen Feldherren Putin und Netanjahu mitfiedelt. Zölle zahlen im Walmart morgens gegen Nationalstolz im TV empfangen abends…deal!
Das ist ein spannender Blickwinkel auf Venezuela. Man kann bezweifeln ob das wirklich der Plan ist, und auch, ob es funktionieren wird.
Aber – es ist tatsächlich so, daß weder eine Intervention, noch ein von außen erzwungener Regimewechsel funktionieren würden, weil es noch zuviele überzeugte Chavisten gibt, und das in den Krieg oder Bürgerkrieg führen würde.
Auch freie Wahlen und ein friedlicher Machtwechsel sind wahrscheinlich kurzfristig eine Illusion – vielleicht nach einiger Zeit wenn das Regime schon komplett mit dem Rücken zur Wand steht
Ob sich die USA nun mit oder ohne Diplomatie die Länder der Erde untertan machen, was spielt das für eine Rolle? Die betroffenen Länder die seit Jahrhunderten unter der Knute der USA Leid und Elend, Terror, Mord und Krieg erfahren, wird dies herzlich egal sein. Sie beugen sich wenn überhaupt, lediglich der „Stärke“ der USA, die sie wirtschaftlich und militärisch zweifelsohne haben. Darüber einen Vorteil und/oder Nachteil für das Volk auszumachen bleibt Ansichtssache. Wie wenig die Vertreter des Kapitals in den USA und ihrer Vasallen sich an derartigen Dingen wie Demokratie, Menschenrecht, Völkerrecht etc. stören, lassen die Übergriffigkeiten anderen Völkern gegenüber, die einen anderen Weg als das Kapital für diese vorgesehen hat, erkennen. Wie viele von den Ländern, die nach dem diese dem Kapital gegenüber unartig wurden, ihren eigenen Weg gehen wollten, sofort in die wirtschaftliche Not sanktioniert und permanent unter militärischen Druck gesetzt, der Manipulation und den unglaublichsten Lügen ausgesetzt und der Kriminalität etc. bezichtigt wurden, kann man an den vielen Beispielen in Amerika, in Asien, in Afrika, im Nahen Osten, selbst in Europa, explizit Kuba sehen. Mich wundert nicht, dass mit dem Schrei der Gier nach Öl, Rohstoffen und dem Diestahl dessen, den USA und Verbündeten, jegliche Verbrechen im Voraus und im Nachhinein als demokratischer Vorgang entschuldigt und/oder als berechtigt zurechtgerückt wird, inklusive der Legitimierung der Kriege gegen die Zivilbevölkerung der jeweiligen Länder. Der Vorgang dazu ist immer derselbe. Die Ukraine ist derzeit das beste Beispiel dafür, wie die Gier der globalen Giganten bereit ist Völker gegeneinander zu hetzen, nur um die Vorherrschaft über deren Rohstoffe übernehmen zu können. Die Ukrainer kämpfen und die Europäer zahlen für ein Land, dass den Ukrainern über die Jahrzehnte hinweg, systematisch gestohlen wurde. Natürlich alles im Namen der Demokratie und Freiheit. Und die bösen Russen erst.
Das Scheitern eines Systems ist nicht so einfach, wie es sich der venezolanische Exilant vorstellt. Sein Blick aus den USA nach Venezuela übersieht Kuba. In Kuba hungert man mittlerweile in sozialistisch-religiöser Hingebung, um nicht von den USA abhängig zu werden. Die meisten Lateinamerikaner wollen nicht ein freiheitlich-westliches System, welches sich weltweit im Zeitalter der Agonie bzw. im Zusammenbruch befindet. In Brasilien werden regelmäßig abgewählte oder zurückgetretene Regierungschefs im Nachgang wegen Korruption verurteilt, egal welcher politischen Strömung. Letztlich sind mittlerweile viele Länder und Völker orientierungslos geworden und verunsichert, wohin die Reise gehen soll.
Sehr geehrter Herr Martinez! Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel…die Krise Venezuelas unter Maduro und deren Hintergründe waren mir bislang nur sehr bruchstückhaft bekannt, aber dass das Elend gross war, war unübersehrbar. Ihren aufgezeigten Weg um dies alles zu überwinden, nämlich durch die Verursacher finde ich grossartig…könnte funktionieren, sofern die neue Exekutive nicht zu ideologisch borniert ist…der weg wäre dann auch als Blaupause für andere Länder mit sozalistischer, wohlstandszerstörender Politik geeignet. In Deutschland schweben viele ja noch im Zustand der Ahnungslosigkeit („als wir reich waren“)..aber wenn auch bei uns dann endlich alle arm sind, werden sich verursucher einfach aus der politischem verantwortung gezogen haben…siehe frau merkel..und sich selbstgefällig zurücklehnen oder aber lieber alle verhungern lassen als den selbstverursachten saustall wieder aufzuräumen…kann mir jefenfalls schwer vorstellen, dass z.b. die grünen selber die sog. Energiewende rückgängig machen
Der Autor beschreibt das Dilemma, vor dem eine nach einem fundamentalen Richtungswechsel demokratisch gewählte Regierung stets steht: Die Parteigänger der abgewählten Ideologie geben nicht auf, und sie sitzen an allen Schaltstellen des Staates, ihre Profiteure besetzen einflußreiche Positionen, sie stellen die Richterschaft, und sie sabotieren nach Kräften die Umsetzung der notwendigen Reformen. Das hat Trump in seiner ersten Amtszeit erfahren, das war in Polen so, und das wird auch der ersten AfD- geführten Regierung blühen.