Archi W. Bechlenberg / 01.04.2016 / 15:28 / 1 / Seite ausdrucken

Unter uns Betschwestern

Es ist ja nun nicht so, dass Frau Kässmann alleine auf weiter Flur steht und mit unsagbar blödem Geschwätz ihrer säuberlichen Seele Ausdruck verleiht. Insofern finde ich es jetzt etwas unfair, nur für sie alleine eine gemütliche, aber ausbruchssichere Gummizelle zu fordern. Es tut hingegen dringend Not, ein Gebäude von Erdoganpalast'scher Dimension zu errichten, um alle die unterzubringen, in deren Meisenheim der Glaubenswahn die entscheidende Rolle spielt.

Schwer zu erklären, was die ehemalige Bischöfin und Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche an Liebfraumilch der frommen Denkungsart in diesen Tagen wieder verschüttet hat. Mancher bedeutende Denker hat, trotz reichlicher Einnahme von vergorenen und destillierten Getränken, selbst im Vollrausch noch Bedeutenderes gesagt, als die Frau in Schwarz, die lieber alle Backen hinhalten möchte, als entmenschlichten Bestien ihren Hass zu zeigen oder sich gar mit dem Körper, den ihr der Herr geschenkt hat, zu wehren. Wie wirr Kässmanns Denkweise ist, erkennt man an diesem einen Beispiel: In einem Gespräch mit dem evangelischen Portal Zeitzeichen nennt sie das bedingungslose Engagement für Migranten „ … die Umsetzung des Evangeliums in den Alltag der Welt: 'Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.' (Matthäus 25,35b).“ Womit sie einfach mal so nach Belieben die Akteure vertauscht.

Zu den Besorgten im Lande zu gehören, ist pfui: „Ich sage denen gern: Gehen Sie sonntags in die Kirchen, dann müssen Sie keine Angst vor vollen Moscheen haben.“ Dümmeres wurde gewiss schon gesagt, auch wenn mir im Moment kein Beispiel einfällt. Frau Kässmanns Ausführungen werden leider in den Medien nur allzu gerne verharmlost und als „provokante Wortmeldungen“ abgetan. Damit wird man sowohl den Sprüchen, als auch und vor allem der Urheberin, in keiner Weise gerecht.

Charles Bukowski hätte bei dreifach höherem Pegel einen astreinen Sechszeiler gedichtet

Charles Bukowski hätte mit Sicherheit selbst bei dreifach höherem Pegel als Frau Kässmann noch einen astreinen Sechszeiler über eine verschimmelte Frikadelle gedichtet. Lemmie Kilmister, kürzlich verstorbener Rocker, stand trotz Whisky und Wodka bis zuletzt in jeder Beziehung seinen Mann und sagte selbst im Vollrausch sinnvolle Sätze („Ich hab' keine Bibel in der Hand. Bush hat eine, Blair hatte eine, Saddam wedelte mit dem Koran rum, die Schlächter in Srebrenica ... “) , was ihn zu einem beliebten Interviewpartner machte. Charles Baudelaire schrieb mit Absinth abgefüllt „Die Blumen des Bösen“, Robert Gernhardt mit Barolo „Die Blusen des Böhmen“. Nach Ernest Hemingway, einem grundsoliden Saufbruder, wurden weltweit Bars benannt, die berühmteste im Pariser Hotel Ritz. Nicht ohne Grund; der Mann war, ähnlich wie der wunderbare Entertainer Dean Martin, erst dann wirklich betrunken, wenn er nicht mehr auf dem Boden liegen konnte, ohne sich dabei festhalten zu müssen. Ansonsten schrieb er Texte, die Ewigkeitswert haben. Ähnliches betrieben Schlucksprechte wie Flann O'Brien, Dylan Thomas, James Joyce. Und Harry Rowohlt... Kann man sich im Berliner Adlon eine Margot-Kässmann-Bar vorstellen? Eben. Sowas ginge nicht einmal im Backstage-Bereich einer Autobahnkirche.

Nein, mit „Guten Tag, mein Name ist Margot“ könnte die Frau sich nicht aus der Affäre ziehen. Die Saufgeschichte vor ein paar Jahren … geschenkt. Selbst wenn das über Jahre hinweg ihr Dauerzustand gewesen wäre, so ausgehöhlt kann ein Gehirn vom Trinken alleine nicht sein. Auch schluckende Frauen wie Ingeborg Bachmann oder Françoise Sagan bekamen ihre Worte noch in Gedanken gefasst. Bei Kässmann müssen höhere Mächte im Spiel sein, als nur ein paar geistige Getränke. Höhere Mächte, Sie wissen, was ich meine? Unsichtbare Freunde, die über allem schweben. Kein großer weißer Hase auf dem benachbarten Barhocker, sondern diese Typen, die seit Jahrtausenden unter ungezählten Namen über uns Menschen wachen und uns leiten und uns beschützen und hüten und … pardon, ich muss mal eben auf die Toilette.

Öffentlich-rechtliche Prediger laichen ihre Morgenandacht ab

So, jetzt ist mir wieder besser. Wo war ich? Bei Kässmann? Bei den Predigern, die öffentlich-rechtlich jeden Morgen im Radio ihre Morgenandachten ablaichen dürfen? Bei Katrin Göring-Eckardt („Durch die Flüchtlinge wird Deutschland religiöser, bunter, vielfältiger und jünger“), die sich selbst als fromm bezeichnet und explizit ihre politische Arbeit geleitet sieht von kirchennahen, religiösen Themen? Die als ihren Leitgedanken den christlichen Missionstrieb sieht, „hinauszugehen und es allen zu erzählen“? Bei Pfarrerstochter Merkel, die besorgten Bürgern predigt, „Angst sei immer ein schlechter Ratgeber“ und derzeit, umringt von einer Armada an Sicherheitskräften, schwer bewaffneten Personenschützern, diversen lokalen Polizeieinheiten, Sprengstoffexperten und sogar einer Tauchereinheit Osterurlaub auf einer abgeschirmten Insel macht? Anstatt Angst zu haben, so rät die wohl behütete Frau Merkel, sei es angeraten, „wieder in den Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein oder vielleicht auch mal ein Bild in einer Kirche noch ein bisschen erklären zu können.“ Hamed Abdel-Samad, der dem Islam entkommene ägyptische Autor, kommentierte Merkels Worte knapp und realistisch mit „Keiner ging häufiger in die Kirche, als die Christen von Bagdad und Moussul, und es hat ihnen nicht geholfen. Den verfolgten Christen weltweit hatte es nie geholfen, dass sie sich zum Christentum bekennen. Im Gegenteil!“

Nicht ganz so schlicht wie die frommen Frauen gestrickt ist der Grüne Wilfried Kretschmann, auch wenn er nach eigenem Bekunden jeden Tag für Angela Merkel betet. Immerhin weiß der in zahlreichen katholischen Verbänden, Komitees, Kuratorien und Institutionen aktive, tief fromme Mann, dass es moralisch geboten sein muss, Migranten an der Grenze zurückzuweisen, wenn sich ein Land ansonsten in seiner Nächstenliebe überfordern würde. Das klingt gegenüber Leuten wie Göring-Eckardt geradezu vernunftsgeleitet.

Dass die Politik islamischer Länder von den Lehren des Kriegsherrn Mohammed bestimmt wird, ist fast allgemein bekannt und nicht weiter verwunderlich. Aber dass auch im Westen, hier und heute und noch immer Leute am politischen Ruder sitzen, die sich im Auftrag des Herrn unterwegs wahnen (sic!), das ist das wirklich erschreckende und wäre eine lange Analyse wert. Ich schenke mir das und lasse es Lemmie - God bless him, may he rot in hell! - Kilmister in der ihm eigenen Art auf den Punkt bringen:  „Die Leute schwören auf die Bibel. Das ist, als ob du mit einem Piloten fliegst, der Gespenster sieht!“

Siehe zu diesem Thema auch Hannes Stein in DIE WELT "Käßmanns Pazifismus ist vor allem eines – nicht christlich"

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Klaus Schade / 01.04.2016

Ihr Entsetzen und Verzweifeln an weltfremden Gesinnungsethikern wie Frau Käßmann ist wirklich sehr verständlich. Ich kann sogar gut nachvollziehen, dass Ihnen diese Leute das Christentum insgesamt suspekt machen. Wenn es Sie tröstet: Die “Käßmannisierung” der Kirchen ist zwar momentan unvorstellbar weit fortgeschritten, aufs Ganze der Kirchengeschichte gesehen bleibt diese Richtung aber sicherlich eine Fußnote. Kein Geringerer als Martin Luther hat solche Leute “Schwärmer” genannt und für einige Jahrhunderte erfolgreich aus dem christlichen Mainstream verbannt. Wenn wir Glück haben, kommen solche guten Zeiten wieder. Viel irrer als jetzt kann es ja kaum noch kommen…

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