Henryk M. Broder / 18.12.2014 / 17:04 / 2 / Seite ausdrucken

Unter Strom

Kennen Sie den? Ein Kellner in einem Wiener Beisl nimmt die Bestellungen auf. Ein Gast, vermutlich ein Piefke, wünscht sich etwas „typisch Österreichisches“, ein anderer möchte ein Fiakergulasch, ein dritter das „Seniorengericht“ und der vierte etwas leicht Verdauli-ches. Der Kellner notiert sich alle Gästewünsche, geht in die Küche und ruft: „Viermal den Tagesteller!“

Und jetzt stellen sie sich vor, Sie sitzen in einem ICE der Deutschen Bahn, sagen wir auf der Strecke von Hamburg nach Frankfurt. Der Zug hat keine Verspätung, das Bistro ist geöffnet, die Klimaanlage funktioniert und auch die Toiletten können benutzt werden. Was für ein Glückstag!

Sie kommen mit einem anderen Reisenden ins Gespräch, der Ihnen gegenüber sitzt und das „Greenpeace Magazin“ liest. Er reise er nur noch mit dem Zug, um seine persönliche CO₂-Bilanz aufzubessern. Die Züge seien mit „100% Ökostrom“ unterwegs, es gebe „keine CO₂-Emissionen“.  Außerdem zahle er für die Billets nur die Hälfte, dank einer BahnCard 50.

Eine tolle Sache, denken Sie, gut für die Umwelt und den Geldbeutel. Haben Sie auch eine BahnCard? will Ihr Gegenüber wissen. Nein, sagen Sie. Wie schade, meint der andere Reisende, denn nur die „BahnCard-rabattierten Fahrten in Fernverkehrszügen innerhalb Deutschlands“ würden „CO₂-frei durchgeführt“.

Sie stutzen. Wie kann es denn sein, dass ein Reisender mit „100% Ökostrom“ befördert wird, der andere aber mit Kohle- oder gar Atomstrom? Im selben Zug, im selben Wagen? So sei es eben, sagt Ihr Gegenüber, aber wenn Sie das nächste Mal CO₂-frei reisen möchten, dann könnten Sie es auch ohne BahnCard tun, „für nur 1 Euro mehr pro Person und Richtung“, wenn Sie bei der Buchung die Option „Umwelt-Plus“ wählen.

Den Rest der Reise verbringen Sie damit, nachzudenken, wie die Bahn-Ingenieure es schaffen, die Stromversorgung in einem ICE so zu individualisieren, dass jeder Reisende seinen eigenen Strom bekommt, vorausgesetzt er hat eine BahnCard oder bei der Buchung den Umwelt-Plus-Tarif gewählt.

Ja, die deutsche Ingenieurskunst! AEG, Degussa, Siemens, Topf & Söhne. Dann aber fällt Ihnen der Witz mit dem Wiener Beisl ein und Sie verstehen plötzlich, wie die Sache mit dem Öko-Strom funktioniert.

Zuerst erschienen in der Weltwoche vom 18.12.14

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Leserpost

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Hans-Jörg Jacobsen / 19.12.2014

Grandiose Beobachtung! Offenbar sind Greenpeace-Fans wirklich diejenigen unter uns, die die 98%-Übereinstimmung im Genom zu den Schimpansen wirklich Ernst nehmen und die Fähigkeit zu logischem Denken bewusst abgeschaltet haben! Danke, Broder!

Thomas Schlosser / 19.12.2014

Sehr geschätzter Herr Broder, die Öko-Religion funktioniert, wie alle Religionen, nur, weil es Gläubige gibt, die alles für bare Münze nehmen, was der jeweilige Guru (in diesem Fall die Gauner von Greenpeace) von der Kanzel predigt. Dass in der islamischen Welt, in der die Lektüre des Korans das eigenständige Denken und Handeln bekanntlich ersetzt, Menschen auf verbrecherische Geistliche hereinfallen, kann man evtll. noch mit dem doch recht übersichtlichen Bildungsniveau dieser Länder erklären, dass aber in den Industriestaaten hochgebildete Leute jeden Quatsch, jeden Irrsinn, der ihnen von der Öko-Inquisition eingetrichtert wird, ungeprüft übernehmen, das macht mich zunehmend fassungs- und ratlos…..

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