Walter Krämer / 30.11.2017 / 14:05 / 8 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: Hochgejubelte Prostatakrebs-Früherkennung

Irreführende Zahlen haben in der Debatte um die Prostatakrebs-Früherkennung mittels PSA-Tests eine lange Tradition (siehe die Unstatistik vom August 2014). Davon haben die Zuschauer der Sendung „service:gesundheit“ des hr Fernsehens vom 16. November 2017 neben vielen richtigen Informationen auch eine Portion abbekommen.

Dort wurde nämlich behauptet, „die europäische Studie hat eindeutig gezeigt, dass mit PSA-Testung die Sterblichkeit am Prostatakrebs um 50 Prozent reduziert werden konnte“ und „wenn man regelmäßig zum PSA-Messen geht, müsste aus unserer Sicht niemand mehr an Prostata-Krebs sterben.“

Der PSA-Test war ursprünglich nicht zum Screening gedacht, sondern zur Kontrolle bei Männern, die bereits erkrankt waren und behandelt wurden. Screening richtet sich jedoch an Männer, die keine Anzeichen von Prostatakrebs haben. Wie gut ist das PSA-Screening? Die Sendung stellte richtig dar, dass es dazu zwei Studien gibt: eine amerikanische, die keine Reduktion der Prostatakrebs-Sterblichkeit feststellte, und eine europäische, welche einen Rückgang berichtete.

Die amerikanische Studie hat Fehler, und daher sollte man sich eher auf die europäische verlassen. Die Aussage, die europäische Studie habe gezeigt, dass die Sterblichkeit am Prostatakrebs um 50 Prozent reduziert werden konnte, ist jedoch irreführend. Wie schon im Abstract der Studie (Schröder et al, Lancet, 2014) steht, sank die Prostatakrebs-Sterblichkeit um 1,3 pro 1 000 Männer, die zum Screening eingeladen wurden (von etwas mehr als 6 auf etwas weniger als 5 von je 1 000 Männern).

Wie kommt man von 1,3 pro 1 000 auf 50 Prozent? Mit zwei bewährten Tricks. Der erste besteht darin, die absolute Reduktion gar nicht zu berichten, sondern nur die relative Reduktion. Relative Zahlen beeindrucken nämlich mehr. Die relative Reduktion wird in der Studie mit 21 Prozent angegeben. Nur: Das sind noch keine 50 Prozent. Der zweite Trick ist, eine von der europäischen Studie – und anderen Früherkennungs-Studien – abweichende Bezugsgröße zu wählen (wahrscheinlich statt der 1 000 Männer mit Screening nur jene, die mit Prostatakrebs diagnostiziert wurden) und damit großzügig „aufzurunden“: und schon kommt man von 21 auf 50 Prozent.

Aussagen, die nicht durch Fakten gedeckt sind

Das Problem dieser Sendung war, dass sie neben einer Menge bewundernswert klarer Information auch irreführende Aussagen ungeprüft zugelassen hat. Auch die Aussage, dass „niemand mehr an Prostatakrebs sterben“ müsste, ist nicht durch Fakten gedeckt. Denn 1,3 weniger ist eben kein Rückgang auf Null, genauso wie 21 Prozent weniger nicht so viel wie 100 Prozent weniger sind.

Um informiert zu entscheiden, ob PSA-Screening sinnvoll ist oder nicht, braucht jeder Mann verständliche und richtige Angaben über Nutzen und Schaden. Die Sendung hat über den beträchtlichen Gesundheitsschaden berichtet, den das Screening anrichtet, wie Inkontinenz und Impotenz als Folge unnötiger Operationen oder Strahlenbehandlungen. Zwei wichtige Informationen, welche die Autoren der europäischen Studie – an der keine deutschen Urologen teilgenommen haben – herausstellten, wurden jedoch nicht weitergegeben.

Erstens, es gab in der europäischen Studie keine Reduktion der Gesamtsterblichkeit (einschließlich Prostatakrebs). Nach 13 Jahren waren genauso viele Männer gestorben, ob sie nun zum PSA-Screening gingen oder nicht. Das heißt, in der Screening-Gruppe starb zwar etwa einer von 1 000 Männern weniger an Prostatakrebs, aber auch einer mehr an einer anderen Ursache, die nicht geklärt wurde (zum Beispiel Tod an den Folgen der Operation). Wir haben also keinen Nachweis, dass insgesamt ein Leben gerettet wird. Das sollte man ehrlich und klar sagen.

Zweitens raten auch die Autoren der europäischen Studie angesichts des Schadens nicht zum PSA-Screening. Die Website der Sendung sagt dennoch, dass jeder Mann seinen PSA-Wert einmal bestimmen lassen soll, spätestens mit 50 Jahren. Richard Ablin, der Arzt, der das PSA entdeckt hat, schrieb dagegen in der New York Times vom 10. März 2010: „Der Test sollte auf keinen Fall dazu verwendet werden, die gesamte männliche Bevölkerung über 50 zu untersuchen. ... Als ich vor vier Jahrzehnten meine Entdeckung machte, hätte ich nie gedacht, dass sie eines Tages eine solche von Profitgier getriebene Katastrophe im Gesundheitswesen heraufbeschwören würde.“

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Leserpost

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Wolf Timm / 01.12.2017

Lieber Herr Krämer Danke für die Info über die PSA-Studien. Dass die US-Studie falsch war, ist schon länger bekannt. Immerhin zeigt die neue Studie, dass die Prostatakrebs-Sterblichkeit um ca. 20% reduziert werden kann. Ich finde dies durchaus beachtlich. Warum die Gesamtsterblichkeit nicht geringer wird, darüber kann man im Grunde nur spekulieren. Auf Basis der (falschen) US-Studie wurde schon in Talk-Shows verbissen über PSA-Bestimmung als ärztliche Leistung diskutiert, Stichwort: IGEL-Leistung. Es wird beim Arzt für 20 EUR Blut abgenommen und per Analyse der PSA-Wert bestimmt. Ein völlig simpler Vorgang. Dass bei einem einmalig gemessenem ungünstigen PSA-Wert gleich eine Operation droht mit möglicher Inkontinenz/Impotenz halte ich aber für reichlich übertrieben. Es werden sicherlich Kontrolluntersuchungen vorgenommen und die Risiken einer Operation müssen mit dem Patienten geklärt werden, bevor der Patient einer Operation überhaupt zustimmt. Ich selbst habe bei mir zwei Mal im Laufe der Jahre den PSA-Wert bestimmen lassen und war danach beruhigt. Insofern fand ich die 20 EUR gut angelegt. Ich bin Naturwissenschaftler und möchte nicht mit einem Brett vorm Kopf herumlaufen, der PSA-Wert ist ja durchaus ein wichtiger Blutmarker. Ich kann es Leuten durchaus empfehlen, von Zeit zu Zeit einen Test zu machen, zumal, wenn man erblich vorbelastet ist. Soll jeder selbst entscheiden, Missionierung überflüssig. Noch eine Bemerkung zu Ihrem letzten Beitrag über die „Insektenstudie“ (die Kommentarfunktion ist leider immer nur kurz geöffnet). Es gab dazu ja auch noch einen Artikel bei FAZ online. Ich habe mir die Messwerte für die Bio-Masse nochmal genauer angesehen. Es fällt schon auf, dass der Referenzwert für das Jahr 1989 ungewöhnlich hoch ist im Vergleich zu allen übrigen Messwerten. Dies hatten Sie ja auch thematisiert. Ehrlicherweise müsste man wegen der starken Streuung eine zeitliche Mittlung über mehrere Jahre (z.B. 5 Jahre) durchführen. In diesem Falle könnte das Ergebnis (mit reichlich Vorbehalt) lauten: Seit Beginn der 90er Jahre bis ca. Mitte 2015 hat sich der Insektenbestand um ca. 60% verringert (was allerdings immer noch sehr viel ist). Alles aufgrund der von Ihnen dargestellten Einschränkungen unter dem Motto „Stochern im Nebel“. Nimmt man nur Einzeljahre, könnte man aufgrund der Studie sogar behaupten, dass sich zwischen 2001 und 2016 praktisch gar nichts geändert hat, was natürlich niemanden interessiert hätte. Zeitliche Mittlungen sind übrigens häufig zur Bewertung von empirischen Daten sehr wichtig. So wurde vor einiger Zeit bei Spiegel Online eine ziemlich alarmistische Meldung über einen ungewöhnlich hohen Anstieg des globalen CO2-Gehalts im letzten Jahr verbreitet. Im Jahr davor war der Anstieg viel geringer gewesen. In meinen Augen handelt es sich hier nur um einen statistischen „Nachholeffekt“. Tatsächlich lässt sich der CO2-Gehalt seit Jahrzehnten durch ein Polynom 2.Grades darstellen mit leicht beschleunigtem Anstieg. Die realen gemessenen Abweichungen von dieser „Trendlinie“, die sich leicht in Excel erzeugen lässt, betragen halt häufig ein bis zwei ppm in einem Einzeljahr. Relevant sind eigentlich nur zeitlich gemittelte Werte, z.B. über einen Zeitraum von ca. 5 Jahren. Freundliche Grüße Wolf Timm

Hjalmar Kreutzer / 01.12.2017

Sehr geehrter Herr Professor Krämer, ich erlaube mir, die Achse und Ihre Rubrik Unstatistik, insbesondere den Beitrag zum Prostatascreening an die von mir genutzten ärztlichen Diskussionsforen weiterzuempfehlen. Wir haben im deutschen Kassenarztunwesen die perverse Situation, dass sog. „Vorsorge“, sprich screening, Früherkennung unbudgetiert und besser bezahlt wird, als die budgetierten Leistungen zur Beratung, Untersuchung und Behandlung kranker Menschen, einschl. Zuteilung von Arznei- Hilfsmitteln an die gesetzlich Zwangsversicherten über intransparente Rabattverträge der Krankenkassen mit den Herstellern. Ein ähnlicher Unsinn ist die Hautkrebsfrüherkennung: Ab 35. Lebensjahr alle 2 Jahre grob visuelle Inspektion der Haut wird mit 22,xx€ vergütet, die gesamte Beratung und Untersuchung eines Hautkranken über ein Quartal, beliebig häufiges Aufsuchen des Hautarztes inklusve, pauschal mit 17,xx€.

Klaus Fellechner / 30.11.2017

Fazit: Mach gar nichts und warte bis der Krebs dich besiegt hat ? Was will der Schreiber eigentlich sagen? Ein bisschen mehr Informationen über das Problem wären schon angebracht.

W. Huion / 30.11.2017

Ein, wenn nicht der entscheidende Faktor ist die Qualifikation des behandelnden Arztes. Ich habe seit gut 10 Jahren eine stark vergrößerte Prostata (Benigne Prostatahyperplasie). Diese Erkrankung wurde durch Selbstbeobachtung und anschließende Untersuchungen, zu denen auch ein PSA Test gehörte, sicher diagnostiziert. Noch nie hat mein Arzt von sich aus das Thema Operation angesprochen. Als ich davon anfing, zählte er mir alles auf, was ich mir dadurch unnötig einhandeln würde oder könnte. Ich werde also rein medikamentös behandelt, und alle drei Monate gibt es eine Untersuchung (große Hafenrundfahrt genannt), zu der auch eine PSA Feststellung gehört. Diese dient dem Nachweis der Wirksamkeit der Medikamente, und sonst zu nichts. Ich kann so, natürlich den Umständen entsprechend, wunderbar leben und bin weder inkontinent noch impotent geworden. Oder gar an OP Folgen verstorben. Das verdanke ich in erster Linie dem Arzt, dem das Messer in der Tasche eben nicht locker sitzt.

Steffen Huebner / 30.11.2017

Die US- amerikanische Studie hatte im Ergebnis keine signifikanten Unterschiede in der Sterblichkeit bei den beiden Vergleichsgruppen PSA- TEST vs.  NICHT- PSA- TEST ergeben. Dumm nur, dass dann bei einer Überprüfung durch zweifelnde Fachkollegen im nachhinein festgestellt wurde, dass ein Großteil der angeblichen nicht am PSA- Test Teilnehmenden heimlich (!) doch noch zur Untersuchung gegangen war…  Das Screening selbst richtet - entgegen der gemachten Aussage - keinen Schaden an, sondern nur die falsche Interpretation. Jeder PSA- Wert ist vom Urologen zu bewerten. Ist dieser (altersabhängige) Wert außergewöhnlich hoch, so ist das einem Warnsignal vergleichbar, einem “Achtung - Abklären!”. Durch mindestens drei Messungen in längerer zeitlicher Folge wird die Entwicklungstendenz festgestellt und bei ausreichendem Verdacht, wenn andere Ursachen ausschließbar sind, biobsiert. Je nach Ergebnis wird die Behandlungsstrategie besprochen, hier ist große ärztliche Erfahrung sehr wichtig. Anders als mit einem PSA- Test ist nun eben mal das Frühstadium des heimtückischen Prostatakarzinoms nicht erkennbar, denn wenn man es ertasten kann, ist meist keine Heilung mehr möglich.  PSA- Screening hat mir, auch im Bekanntenkreis, eine frühzeitige Behandlung ermöglicht.

Dieter Kief / 30.11.2017

Top Infos. Grazie. Noch ein Hinweis auf die einschlägigen Bücher und youtube-Vorträge von Gerd Gigerenzer für alle, die sich näher mit dem Thema richtig und falsch mit Blick auf Tests und Methoden informieren wollen.

Rainer Nicolaisen / 30.11.2017

Bliebe nur noch eine Buchempfehlung für alle bezüglich des richtigen Umgangs mit Zahlen und Risiken: Gerd Gigerenzer : “Das Einmaleins der Skepsis”.

Claus Bockenheimer / 30.11.2017

Aussage: Der PSA-Test war ursprünglich nicht zum Screening gedacht, sondern zur Kontrolle bei Männern, die bereits erkrankt waren und behandelt wurden. Screening richtet sich jedoch an Männer, die keine Anzeichen von Prostatakrebs haben. Frage meinerseits ( 67 ): Wie und woran erkennt man, dass man an Prostatakrebs erkrankt ist ?

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