Walter Krämer / 27.08.2020 / 16:00 / Foto: Tomaschoff / 7 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: Frauen als Krisenverliererinnen?

In Österreich wird derzeit eine hitzige Debatte darüber geführt, ob Frauen von der Corona-Krise stärker betroffen sind als Männer. So schreibt die österreichische Ausgabe der „Zeit“ am 13. August: „Ende Februar, bevor Schulen und Geschäfte zugesperrt wurden, waren in Österreich rund 399.000 Menschen arbeitslos, Ende Juni waren es 64.000 mehr. 85 Prozent dieser sogenannten Corona-Arbeitslosen waren laut Daten des Arbeitsmarktservice Frauen.“ Ähnlich berichten unter anderem „Der Standard“, „Die Presse“ und „Kontrast“.

Doch es ist falsch, aus dem relativ stärkeren Anstieg der absoluten Arbeitslosigkeit österreichischer Frauen seit Februar die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Frauen von der Krise stärker betroffen sind als Männer. Denn die Arbeitslosigkeit unterliegt starken saisonalen Schwankungen, von denen österreichische Männer üblicherweise sehr viel stärker betroffen sind als Frauen. Viele österreichische Männer finden jedes Jahr bis zu den Sommermonaten aus der Arbeitslosigkeit heraus. Um herauszufinden, wie Corona die Arbeitslosigkeit von Männern und Frauen beeinflusst hat, muss man als Vergleichsmaßstab für die Anzahl der Arbeitslosen in diesem Sommer mit Corona nicht die Arbeitslosigkeit im Frühjahr dieses Jahres nehmen, sondern den Wert ermitteln, der sich in diesem Sommer ohne Corona ergeben hätte.

Die Corona-Krise hat Frauen und Männer schwer getroffen

Wenn man hierzu keine komplizierten statistischen Methoden zur Bereinigung saisonaler Schwankungen verwenden möchte, kann man vereinfachend auf die Entwicklung des Vorjahres zurückgreifen. Nach den veröffentlichten Statistiken des Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich ist die Zahl der arbeitslosen Männer zwischen Februar und Juni 2019 um 70.603 gesunken (in den Jahren 2017 und 2018 lag dieser Wert sogar bei über 85.000). Die Zahl der arbeitslosen Frauen verringerte sich im gleichen Zeitraum lediglich um 15.549 Personen (ähnlich in den Jahren 2017 und 2018). Das ergibt eine Differenz in der Entwicklung der absoluten Arbeitslosigkeit vom Frühjahr bis zum Sommer zwischen Frauen und Männern von gut 55.000 Personen. 

Unter der Annahme, dass sich ohne Corona-Krise die Differenz in der Abnahme der absoluten Arbeitslosigkeit zwischen Frauen und Männern im Jahr 2020 genauso entwickelt hätte wie im Jahr 2019, zeigt sich, dass Männer in dieser Beziehung die eigentlichen Krisenverlierer sind. Zwischen Februar und Juni 2020 ist die Zahl der arbeitslosen Frauen um 54.702 Personen (statt des Rückgangs um 15.549 Personen wie in 2019) und die der arbeitslosen Männer um 9.444 (statt des Rückgangs um 70.603 Personen wie in 2019) gestiegen. Das entspricht einer Differenz von 45.258 Personen – knapp 10.000 Personen weniger, als auf Basis des Jahres 2019 zu erwarten gewesen wäre. 

Die Schlagzeile „Männer sind die Krisenverlierer“ wäre jedoch ebenfalls voreilig. Um eine fundierte Einschätzung zu erhalten, ob Frauen oder Männer die Verlierer der Corona-Krise sind, müssen weitere Dimensionen des Arbeitsmarktes in den Blick genommen werden: Wie viele Frauen und Männer sind aufgrund der Krise komplett aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden? Wie hat sich die Anzahl der Personen in Voll- und Teilzeitarbeit entwickelt? Wie viele Personen haben in Tätigkeiten mit einer geringeren Bezahlung gewechselt? Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Entwicklung der Beschäftigung ausländischer Saisonarbeitskräfte? Bevor diese und weitere Fragen geklärt sind, ist nur eines sicher: Die Corona-Krise hat sowohl Frauen als auch Männer schwer getroffen – nicht nur auf dem Arbeitsmarkt.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de und unter dem Twitter-Account @unstatistik.

Foto: Tomaschoff

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Leserpost

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Gerhard Hotz / 28.08.2020

@Karl Eduard: Fairerweise muss man sagen, dass das nicht immer so war. Im 19. Jahrhundert, zum Beispiel, war die gesamte Hausarbeit Frauensache (Die Männer waren tagsüber ausser Haus): Eimerweise Wasser holen vom Brunnen, die Treppen hoch (Wasser ist schwer!) und in die Küche, Holz schleppen und dann anfeuern, draussen von Hand Wäsche waschen bei jedem Wetter usw. Die Hausarbeit war damals zu einem guten Teil schwere körperliche (und wichtige) Arbeit, die von Frauen geleistet wurde.

Walter Haller / 27.08.2020

Der Artikel ist unzulässig weil eine Aufteilung Mann/Frau die moderne Gesellschaft nicht regelrecht bezeichnet. Die Differenzierung muss schon korrekt erfolgen: Sind Schwule oder Lesben, Hundehalter oder Nichthundehalter, Warm- oder Kaltduscher usw. mehr oder weniger betroffen. Wie schlicht und einfach stellen sich hier die Oesterreicher eigentlich seriöse Statistik vor?

Karl Eduard / 27.08.2020

Frauen ergreifen in der MEHRHEIT (!)  Berufe, die nicht unbedingt nötig sind, damit eine Gesellschaft funktioniert. Und komme mir jetzt niemand mit Pflegerinnen - und Schwestern. Die sind die Ausnahme und auch nicht für das Funktionieren einer Gesellschaft unabdingbar.  Typische Frauenberufe:  Medizinische Fachangestellte, Hauswirtschafterin, Kosmetikerin, Rechtsanwaltsfachangestellte, Erzieherin, Friseurin. (Googl) Männer machen alles das, was notwendig und unverzichtbar ist. Sie arbeiten in der Wasser- und Energieversorgung, kriechen da in Kanäle, steigen auf Strommasten, bauen Straßen, versorgen per LKW den Einzelhandel, Halten den Eisenbahnverkehr am Laufen, bilden Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienste, machen die körperlich schwere Arbeit in Industriebetrieben und in der Landwirtschaft usw.. Das heißt, in einer Krise können die von Männern ausgeübten Berufe nicht einfach mal stillgelegt werden, weil sonst die Versorgung zusammenbricht. Während das Schließen von Schulen, Kosmetiksalons, Friseuren die Gesellschaft nicht ins Taumeln bringt. Es hat aber niemand die Frauen gezwungen, sich solche Berufe auszusuchen. Sie hätten auch Kanalarbeiter, Elektromonteure, Straßenbauer usw. werden können. Kein übles Patriarchat hat sie daran gehindert. Es war die freie Entscheidung von Frauen, nutzlose Berufe zu ergreifen, in denen sie nicht mal ordentlich bezahlt werden. Auf den professionellen Haarschnitt und die manikürten Nägel kann man verzichten aber wenn die Energie- und Wasserversorgung zusammenbricht und keine Waren per LKW mehr kommen (wo dann die fleißigen 400 € Jobberinnen sie in den Regalen verteilen), dann ist die Kacke am Dampfen. Also das typische Gejammer über selbstverschuldetes Elend.

H.Wess / 27.08.2020

Ehrlich? Diese Statistiken kot… einen an… ist euch bewusst, dass Frauen insgesamt mehr Kinder bekommen,  als Männer! Nein… doch… oooh!

Rolf Mainz / 27.08.2020

In unserem Unternehmen geistern die üblichen Unterstellungen (“Frauen werden gehaltsmässig benachteiligt” usw.) umher. Wie diese Daten zustande kommen, wie Teilzeit berücksichtigt wird, Berufserfahrung, Bildung, Abschluss, usw., keinerlei Information dazu, wie stets in jenem Zusammenhang. Eine Nachfrage nach den detaillierten Daten (selbstverständlich anonymisiert) wurde unter Hinweis auf den Datenschutz abgelehnt. Basta, Hauptsache, die “Story stimmt”.

Volker Kleinophorst / 27.08.2020

Frauchen hat es doch immer am schwersten. Ach Putzi Puh. Ich lese immer gerne bei einer Bekannten ihre abonnierten Frauenzeitschriften. Was da für ein selbstbezogener, weinerlicher Unsinn drin steht. Dann aber weiter zu wirklich Wichtigen z.B. die Lieblingsjeans und dem Kampf sie zu finden. O-Ton “Freundin” Okka Rohd in “Diese Stücke lieben wir wirklich”: “Kein anders Kleidungsstück ist so sehr Himmel und Hölle wie die Lieblingsjeans. Quälender und nervenaufreibender als die Suche nach ihr ist nur die praktische Fahrprüfung. Aber hat man sie einmal entdeckt: Ein Modehimmel voll seufzender Geigen. Nie wieder muss man sich einen Kopf machen - weder über das richtige Aussteigen aus dem Auto noch über Windstöße oder die richtige Hose für ein zweites Date. Immer hat man was anzuziehen, selbst dann, wenn man rein gar nicht anzuziehen hat. Jeans, T-Shirt, fertig. Keine andere Hose macht so einen guten Hintern.Und keine andere altert so souverän wie sie. Noch cooler an ihr dass sich Kategorien wie Coolness kein bißchen interessiert. Daran erkennt man echte Rockstars.” Es gibt schon Frauen die sagen: “Haltet Volker von den Frauenzeitschriften weg. Der haut uns auch so schon dauernd in die Pfanne.” Muss ich aber gar nicht. Frauchen springt selber rein. lässt auf Neudeutsch keinen Baerbock aus. Und hat nebenbei noch Zeit Mann zu erklären, wie die Dinge zu laufen haben, allumfassende Gerechtigkeit verwirklich wird und sie 20 danach Handtaschen im Schrank hat, kurz: damit Frauchen zufrieden ist. Ein Zustand übrigens der bisher noch von keiner Frau weltweit jemals erreicht wurde. Noch ein kleiner Scherz zum Abschluß. Was darf man auf keinen Fall antworten, wenn eine Frau einen anblafft: “Weißt du, was mir überhaupt nicht passt?” Größe 36? (Hat mir eine Frau mit Selbstironie erzählt. Seltener als der Bigfoot.)

Marc Greiner / 27.08.2020

Politiker sind die Kriesengewinner. Auf allen Ebenen.

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