Walter Krämer / 28.03.2018 / 10:58 / Foto: Lewis Hine / 16 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: Diesel, Stickstoff und 6.000 Tote

Die Unstatistik März 2018 sind die 6.000 angeblichen Stickstofftoten im Jahr 2014 in Deutschland. Eine Studie, die im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellt wurde, will herausgefunden haben, dass 5.996 Bundesbürger an Herz-Kreislauf-Krankheiten vorzeitig verstorben seien, die sie sich durch NO2-Belastung zugezogen hätten. Die methodischen und konzeptionellen Mängel dieser Studie wurden schon an anderer Stelle kritisiert, unter anderem bei „Spiegel online“ und welt.de, sowie kabarettistisch aufgespießt bei „Nuhr im Ersten“ in der ARD (ab Sendeminute 24:40) und auf der Achse des Guten. Die Zahl 6.000 ist das Produkt einer reinen Modellrechnung; es gibt zwar die Vermutung, aber keinen Nachweis, dass NOx zum Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt. Kaum ein Arzt hat bisher die NOx-Belastung als Todesursache angegeben.

Die Stickstoff-Debatte läuft einseitig und mit Gedächtnisverlust: Früher haben wir uns um CO2 und das Ozonloch gesorgt und deswegen den Diesel gepriesen; heute sorgen wir uns um NOx und preisen das Elektroauto. Dabei übersehen wir, dass jede Technik Vor- und Nachteile hat, wie eine frühere Veröffentlichung des Umweltbundesamtes veranschaulicht.

Ein Elektroauto mit 250 km Reichweite verursacht in Deutschland derzeit weit mehr Treibhausgasemissionen als ein Diesel, vor allem wegen der Strombereitstellung und des Energieaufwands für die Produktion (in Frankreich ist das wegen des Atomstroms anders, aber dieser ist in Deutschland mehrheitlich unerwünscht). Auch ohne Elektroautos schätzt das Umweltbundesamt, dass die NOx Emission der herkömmlichen Kraftfahrzeuge bis 2030 um 56 Prozent niedriger sein wird als im Jahr 2014 und die Feinstaub-Emission sogar um 82 Prozent niedriger – alleine durch die Verbreitung der Euro-6 Norm und Partikelfilter. Sollte es 2030 sechs Millionen Elektrofahrzeuge geben, wie im Nationalen Entwicklungsplan angestrebt, dann fällt dies vergleichsweise wenig ins Gewicht mit einer zusätzlichen Abnahme von 12 und 4 Prozentpunkten bei NOx und Feinstaub.

Ein Adventskranz oder eine halbe Stunde Diesel

Am Ende ist es hilfreich, sich die Risiken vergleichend anzusehen. Die Feinstaub-Produktion von drei Zigaretten ist zehnmal so hoch wie jene, die am Auspuff eines alten Ford Mondeo Euro-3 Diesel eine halbe Stunde lang gemessen wurde. Ein Adventskranz mit vier brennenden Kerzen kann bereits die Grenzwerte für NOx überschreiten.

Weiterhin sei betont, dass die Zahl der durch ein Risiko – gleich welcher Art – verstorbenen Menschen selbst bei korrekter Berechnung nur ein sehr irreführender Indikator für die Gesundheitsgefahren ist, die von dieser Risikoquelle ausgehen. Denn diese Zahl kann selbst dann zunehmen, wenn die Gefahr selber abnimmt – ganz einfach dadurch, dass andere Risiken ausfallen. Mit diesem Argument hatten wir bereits die 13 Millionen Umwelttoten der Weltgesundheitsorganisation zur Unstatistik Demzember 2017 gekürt.

Die großen Killer heutzutage sind Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel und ungesundes Essen. Die von Umweltschützern immer wieder betonten Gefahren durch Feinstaub oder Pflanzengifte sind dagegen in Deutschland relativ klein. In dieser Debatte gibt es nur zwei Fakten, die von niemandem zu bestreiten sind: Die Belastung durch Umweltschadstoffe einschließlich Stickstoff nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten ab und die Deutschen leben im Durchschnitt immer länger. Diese Erfolge sollten wir würdigen, statt uns durch Schreckensnachrichten und Panikmache verunsichern zu lassen.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de .

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Leserpost (16)
Karsten Dörre / 29.03.2018

6000 Tote pro Jahr sind in Relation zu anderen Todesursachen in die unterste Gruppe der jährlichen Todesursachen zu verorten. Rechnet man nüchtern sterben wegen Stickoxiden täglich 16 Menschen. Wenn man allein diese Zahlen betrachtet sicherlich 16 pro Tag zuviel. Wenn solche Statistik auftaucht sehen wir nicht die Zahlen bei anderen “vermeidbaren” Todesursachen. So haben wir keinen Vergleich und werden mit einem psychologischen Trick ins Boxhorn gejagt. Allein die Zahl der Toten bei Haushaltsunfällen (z.B. Brand, Stürzen, Ertrinken, Ersticken, Vergiftung) reichen knapp an die 10000.

Rudolf Petersen / 28.03.2018

Das epidemiologische Problem liegt bei den Diesel-NO2 darin, dass diese Emission bis vor kurzem nur parallel zum Diesel-Ruß auftrat. Seitdem mit EURO-IV Diesel-Filter Pflicht sind, nehmen diese Partikel-Emissionen ab (damit auch vom Diesel erzeugter Feinstaub <<10PM). In den abertausend Studien zu den gesundheitlichen Schäden durch Autoabgase (und besonders Dieselabgase) hat die untersuchte Bevölkerung immer einen Mix aus allen Schadstoffen eingeatmet. Dazu kommen soziale Einflüsse - wer an stark belasteten Einfallstrassen von Großstädten wohnt, gehört zu den Ärmeren, diese ernähren sich lt. Statistik weniger gut, treiben weniger Sport, trinken mehr Alkohol etc. Und wer höhere NO2-Emissionen im Wohnungsumfeld hat, hat auch höhere Rußemissionen, also Feinstaub. Die Gesundheitsschäden, die seit einiger Zeit mit NO2 assoziiert werden, können auch von den anderen Schadstoffen stammen, bes. vom Feinstaub. Mit dem Feinstaub lässt sich aber der Diesel nicht so gut prügeln, weil die neueren Modelle alle tatsächlich sauber sind. Also sind die Stickoxide schuld - obwohl es keine Studien gibt, welche einen kausalen Zusammenhang zwischen den NO2-Emissionen und Gesundheitsschäden aufzeigt. Es gibt noch nicht einmal plausible Wirkungshypothesen, wie NO2 in Konzentrationen unter hundert µg Herz- und Lungenschäden erzeugen könnte. Fazit: Es ist grundsätzlich gut, NO2 zu reduzieren, aber nicht vorrangig. Die WHO konzentriert mit guten Gründen auf Fein- und Feinstpartikel (<2.5PM) und sieht die NO2-Konzentration als einen Leitindikator für Diesel-Abgas-Belastungen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Über die deutsche NO2-Hysterie kann man nur den Kopf schütteln. Da werden die Manipulationen an Diesel-Pkw und -Lkw durch die Hersteller, die ihren Kunden das Einfüllen von 0,5 Liter Harnstoff je 100 km (ca.35 Cents) ersparen wollten, zum Anlass genommen, um eine Industrie und den Lkw-Transport als zentrales Element unserer Wirtschaft anzuschiessen.

Klaus Reizig / 28.03.2018

@Wulfrad Schmidt: “, denn ich gefährde niemand außer mir selbst. Und da gestatte ich niemandem, mir rein zu reden. Ich schnalle mich an, wenn ICH es für richtig halte.” Dann plädiere ich dafür im Falle eines Unfalles medizinische Leistungen aus der eigenen Tasche zu bezahlen.

Reiner Gerlach / 28.03.2018

Ich bin mir nur nicht immer so ganz sicher, wie diese Grenzwerte zustande kommen. Hat man da wirklich seriös ermittelt, was an Abgaswerten machbar ist und was die Grenze zur Gesundheitsschädlichkeit überschreitet oder wurde (wie man manchmal annehmen muss) in einem luxemburgischen Kellergewölbe nach dem dritten Fass Rotwein etwas nach der Pi-mal-Daumen-Methode festgelegt. Und das scheint mir nicht nur bei den Abgasgrenzwerten der Fall zu sein, sondern auch bei der Energiesparlampe, der Leistungsaufnahme von Staubsaugern und anderen für den Fortbestand der Menschheit relevanten Themen. Der Faktenfinder von tagesschau.de hat im September 2017 eine längere Ausführung dazu abgelassen, bei der sich die Katze mehrfach selbst in den Schwanz beißt. Kernaussage: Schuld ist die AfD und die FDP hat keine Ahnung (Kristin Becker vom SWR schon). Das haben wir doch auch so schon gewusst. Und was die Anzahl der Todesfälle betrifft, verweise ich auf die Panik vor einigen Jahren, als Tausende Grippetote jedes Jahr zu beklagen waren. Man hatte die Anzahl der Todesfälle im Winterhalbjahr genommen, die Zahl der Todesfälle des Sommerhalbjahres davon abgezogen, Differenz = Grippetote. So einfach ist das manchmal.

Jürgen Keil / 28.03.2018

Ich kann ein sehr aufschlussreiches Interview von Prof. Dieter Köhler (Lungenfacharzt) auf SWR1 empfehlen. Kann über youtube abgerufen werden. Dort wird die Grenzwerthysterie sehr kritisch beleuchtet.

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