Fundstück / 24.02.2015 / 09:00 / 6 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: Deutschland – das Armenhaus Europas?

Wie die allererste Unstatistik vom Januar 2012 ist auch die Unstatistik im Februar 2015 wieder eine Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Darüber berichtet haben am 19. Februar unter anderem Spiegel online („Bericht des Wohlfahrtsverbands: 12,5 Millionen Menschen in Deutschland sind arm“) und n-tv („12,5 Millionen Deutsche sind arm“). Auch wenn einige Medien sich diesmal durchaus kritisch zu dieser Studie äußerten, scheint die falsche Interpretation relativer Armutsquoten nicht auszurotten zu sein und daher Bedarf an einer wiederholten Richtigstellung zu bestehen.

Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband war die Armut in Deutschland noch nie so hoch wie heute. Dabei beruft sich der Paritätische Wohlfahrtsverband auf eine angebliche Armutsquote von 15,5 Prozent aller Bundesbürger, definiert als die Menschen, die pro Monat weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. Unabhängig davon, ob diese Zahl nun korrekt ist, hat sie mit Armut nichts zu tun. Denn dieser Prozentsatz bleibt der gleiche, auch wenn sich das reale Einkommen aller Bundesbürger verdoppelt. Und wenn es allen schlechter geht, nimmt die so gemessene Armut unter Umständen sogar ab.

Wie in unserer ersten Unstatistik sei auch diesmal wieder auf ein methodisches Problem der Studie hingewiesen. So argumentiert der Paritätische Wohlfahrtsverband, man müsse regionale Armutsquoten ausweisen, da man Stuttgart nicht mit dem Ruhrgebiet vergleichen könne. Dann sollte der Verband aber auch die zur Berechnung der Armutsquoten verwendeten Einkommen um die in den Regionen sehr unterschiedlichen Lebenshaltungskosten korrigieren. Dann würde sich hinsichtlich der „Armenhäuser“ in der Republik sehr wahrscheinlich ein sehr unterschiedliches Bild ergeben.

Man sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass relative Armutsquoten nur ein (schlechtes) Maß für die Einkommensungleichheit darstellen und mit Armut im herkömmlichen Sinne nichts zu tun haben. Wenn der Präsident des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sagt: „Nie war die Armut in Deutschland so hoch“, ist man versucht, ihm zuzurufen: „Beamen Sie sich mal zurück in das Jahr 1948! Da ging es allen gleichermaßen dreckig, aber nach Ihrer Definition war so gut wie niemand arm.“

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter http://www.unstatistik.de.

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Leserpost

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Raphael Münster / 25.02.2015

In Tschechien können etwa 10% der Bevölkerung als relativ arm eingestuft werden. Bezüglich der relativen Armut ist Tschechien also ‘reicher’ als Deutschland. Tschechien ist bzgl. der relativen Armut sogar das ‘reichste’ Land der EU. Die Quelle hiefür ist eine Studie des Instituts für Wirtschaft in Köln, “Einkommen und Vermögen in Deutschland und wie der Staat sie umverteilt.” Trotz dieser hervorragenden Statistik sind deutsche Migranten, die nach Tschechien auswandern auf der Suche nach einer besseren finanziellen Zukunft, in Tschechien eher unüblich.

Ronald M. Hahn / 25.02.2015

Hätten die Malocher aus Karl Marxens Zeiten die Chance, einen Blick ins Jahr 2015 zu werfen, um die Lebensumstände ihrer Klasse zu begutachten, würden ihnen vor Grauen über deren Elend garantiert die Knochen schlottern.

Hans Frommer / 24.02.2015

So richtig dieser Kommentar auch ist, so ist jede Argumentation dahingehend, daß mit dem “relativen Armutsbegriff” eher Unterschiede in den Einkommensverhältnissen als Armut oder Wohlstand erfaßt werden, müßig. Der Grundfehler, daß hier Relationen in möglichst krasse, absolute Begriffe gefaßt werden, ist lange bekannt. Armut ist seit vielen Jahren ein politischer Kampfbegriff; die regelmäßige Veröffentlichung eines Armutsberichtes für die Bundesrepublik Deutschland, möglichst mehrmals im Jahr, in dem er für einzelne Gruppen (Kinder!) getrennt erhoben oder veröffentlicht wird, legitimiert die Akteure in Politik und Sozialindustrie, ständig neue Forderungen nach einem Ausgleich durch weitere Steuermittel zu rufen. Das kann man sich doch durch Sachkritik an Datenerhebung und -interpretation nicht verderben lassen!

Hjalmar Kreutzer / 24.02.2015

Es ist immer faszinierend, die Berufsempörung von Herrn Hauptgeschäftsführer dieses Vereins erleben zu dürfen. Offenbar kann man von solchen Studien und Verwaltungstätigkeit in solchen Gremien und auf entsprechenden Managerposten ganz gut leben, während in der Pflege ausgebildete Kräfte zunehmend von umgeschulten Hilfskräften verdrängt und für eine dreischichtige, physisch und psychisch anspruchsvolle Arbeit eher Hungerlöhne gezahlt werden. Maserati-Harry und Co. lassen grüßen!

Klaus Metzger / 24.02.2015

Auch die eben beschlossene Lohnsteigerung von 3,5 % bei den Metallern wird die Armut in Deutschland weiter steigern. So geht wenigstens die Arbeit für den Wohlfahrtsverbands nie aus.

Mike van Dyke / 24.02.2015

Die durchschnittliche Hartz4 Familie inDeutschland käme von ihrer Kaufkraft, medizinisch-sozialen Versorgungslage und Wohnsituation her einer Familie des gehobenen Mittelstandes in Indien gleich.

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