Die Unstatistik August ist die Meldung zur stark abnehmenden Zahl von Insekten in Deutschland. So warnte die Online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, faz.net, am 15. Juli „Schleichende Katastrophe: Bis zu 80 Prozent weniger Insekten in Deutschland“. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) warnte vor einem verheerenden Insektensterben: „Wer heute mit dem Auto übers Land fährt, findet danach kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe“ wurde sie in einem Artikel auf welt.de zitiert. Im Bundestags-Wahlprogramm der Grünen steht: „In den vergangenen Jahren hat die Zahl der fliegenden Insekten um 80 Prozent abgenommen.“ Der Onlinebranchendienst „Meedia“ hält dagegen, die Medien seien mit der Meldung vom Verschwinden der Insekten in eine rot-grüne Wahlkampffalle getappt. Die Online-Ausgabe der Schweriner Volkszeitung, svz.de, begibt sich in ihrem Artikel „Merkwürdig still geworden – oder?“ vom 6. August auf Spurensuche und diagnostiziert eine recht dünne Faktenlage.
Woher kommt aber die Zahl „80 Prozent“? Sie stammt wohl aus einer Studie im Orbroicher Bruch, einem Naturschutzgebiet nahe Krefeld, wo man 1989 und 2013 jeweils zwei sogenannte Malaise-Fallen aufgestellt hat. Die Insekten fliegen in ein kleines Zelt und landen in einer Fangflasche mit hochprozentigem Alkohol. Die Falle wurde wöchentlich geleert und die toten Insekten gewogen. Über einem Zeitraum von 24 Wochen fand man 1989 insgesamt pro Falle etwa 1270 Gramm Biomasse und 2013 nur 280 Gramm – also fast 80 Prozent weniger. Die Krefelder Insektenforscher sehen allerdings die Grenzen ihrer Studie: die veröffentlichten Daten betreffen nur diese beiden Jahre (die Daten für die Jahre dazwischen wurden bisher nicht publiziert) und man kann über die Zeit zuvor und danach wenig aussagen; die Falle fängt im wesentlichen nur flugaktive Insekten, nicht jene die nur krabbeln; und der Rückgang gilt für die Messpunkte im Orbroicher Bruch und nicht für ganz Deutschland.
Manche Medien und Politiker haben all dies ignoriert und suggeriert oder einfach behauptet, dass 80 Prozent aller (!) Insekten in ganz (!) Deutschland verschwunden seien. Das zeigt die Studie eben nicht. Wir kennen keine verlässliche Zahl für Deutschland und man bräuchte mehr Langzeitstudien wie jene in Krefeld. Aber anders als andere Tierarten haben Insekten keine Lobby.
Es gibt jedoch gute Hinweise, dass bestimmte Insektenarten – wie die einst von Kindern so geliebten Maikäfer – durch die Überdüngung, Pestizide und Monokulturen deutlich reduziert worden sind. Neben der Landwirtschaft tragen übrigens wir alle dazu bei, solange wir die auf diese Weise erzeugten billigen Lebensmittel kaufen. Manch einer würde sich wünschen, dass es in diesem Sommer 80 Prozent weniger Mücken gäbe. Davon ist jedoch bislang nichts zu spüren.
Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.
Beitragsbild: Carl Spitzweg DIRECTMEDIA Link">via Wikimedia Commons

Hallo zusammen, ich habe gelernt, dass die Information/ Statistiken aus dem Lager der "Naturschützer" leider alle mit Vorbehalt zu versehen sind. Es werden, von vielen Medien, wichtige Informationen einfach unterschlagen und die Informationen die in das Weltbild passen werden garniert und gepuscht. Jedenfalls, wenn ich mir die Masse der Stubenfliegen, Stechmücken, Lebensmittelfliegen usw. ansehe, da kann ich keinen Rückgang feststellen. Leider. Gruß Dietmar
Im Rahmen des menschgemachten Klimawandel bleiben immer mehr Wandervögel in DE. Auch das verhinderte Baumsterben und starke Erhöhung der Biohöfe kommt den erstarken der Fressfeinde der fliegenden Insekten zugute. Nur eine freizügige Migration von Afrikanischen Fluginsekten nach DE ist die Alternativlose Lösung.
Von den restlichen 20% sind in diesem Sommer wenigstens 50% auf meiner Terrasse. Und nach gestrigen 400 km Autobahnfahrt kleben wenigstens weitere 25% auf der Frontscheibe, dem Kühlergrill und den Spiegelkappen meines Autos.
So weit bekannt ist, die Anzahl der Insekten im Sommer vom Wetter im Frühling abhängig. Kaltes bzw. trockenes Wetter im Frühling bedeutet weniger Insekten im Sommer. Den Grünen und der Frau Hendricks fehlt offensichtlich eine ordentliche Stechmückenplage, um sich wirklich wohl zu fühlen. So langsam beschleicht mich der Eindruck, das die Grünen und die Frau Hendricks das Wetter im liebsten gesetzlich maßregeln wollen und am besten in einem Aufwasch die Dunkelheit in der Nacht abschaffen wollen.
Warum nicht 80,04 %. Wenn ich lesen kann, die Grünen und Linken haben 80% abgenommen, dann werde ich einen Kranz flechten, mit Insekten obenauf.
Eigentliche Kritik ist ja der allzu plakative Umgang von Medien und Politik mit Statistiken. Eine Überschrift, die wie eine wissenschaftliche Studie oder korrekte Statistik aussieht, macht eben mehr Eindruck als die Aussage "es mehren sich Hinweise" .. "wir haben das Gefühl, aber noch keine harten Zahlen..." - Durch diesen unseriösen Umgang mit Stastiken, wird mein Vertrauen in wissenschaftliche Studien unnötig erschüttert. Was tun in diesem konkreten Fall, wo man nachträglich keine wissenschaftlichen Langzeitergebnisse herbeizaubern kann? Keine Statistik = kein Handlungsbedarf? Es wäre sicherlich gut, die Hinweise als solche korrekt zu benennen, aber gleichzeitig zu signalisieren, dass man das potentielle Problem ernst nimmt.
Merci, Professor, daß Sie auch dem wildesten Humbug Ihre Zeit widmen, die ich leider nicht habe.