Kunst kann magische Wirkung haben, indem sie unsere Hoffnung wachhält auf Schönheit, Güte und Harmonie.
Kunst, dachte ich früher, hat vor allem die Aufgabe, kritisch zu sein. Das Kritische konnte bis zur Anklage gehen, bis zur offenen Opposition gegen Staat und Gesellschaft, bis zur Provokation und Verachtung des Bestehenden. Ich wuchs auf in Berlin, als die Stadt noch weitgehend in Trümmern lag und wir täglich vor Augen hatten, was Mangel an kritischem Denken anrichten kann: gedankenloses Mitmachen, blinde Gefolgschaft, Duldung des Inhumanen, Krieg, Katastrophe.
Wir waren sicher, dass sich Kriege verhindern ließen. Es lag nur an uns, ob wir künftig in Frieden lebten. Als Kinder malten wir Friedenstauben, später beschäftigten wir uns mit „Friedenspolitik“ und der dazu gehörigen Wissenschaft „Friedensforschung“, wir glaubten an „Frieden durch Entspannungspolitik“, wir waren sicher, dass die meisten Menschen auf der Welt Frieden wollten und es nur eine Frage kluger Politik sei, irgendwann den Idealzustand „Weltfrieden“ zu erreichen. Der die vernünftigste Form einer Weltordnung darstellt.
Deshalb war das Credo künstlerischer Reflexion, allen Kräften in der Gesellschaft zu opponieren, die für wirtschaftliche, politische oder sonst welche Vorteile einen Krieg zu riskieren bereit waren. Wir erweiterten unseren radikalen Ansatz auch gegen andere Fehlhaltungen: Ausbeutung und Profitgier, soziale Ungerechtigkeit, Kolonialismus, Rassismus. Der rigorose Moralismus, der sich daraus ergab, schuf eigene Formensprachen, neue Darstellungsweisen, und erwies sich dadurch – abgesehen von seiner humanistischen Legitimation – als Segen für alle Bereiche der Kunst.
Dabei kam uns gar nicht oder zu spät in den Sinn, dass es Menschen, Gruppen, ganze Völker geben könnte, die unsere Idee einer vernünftig und friedlich regulierten Welt nicht teilen. Die darin keinen Sinn sehen. Wir zogen nicht in Betracht, dass es Weltanschauungen geben könnte, die Krieg, Gewalt und tausendfachen Tod zur Durchsetzung ihrer Ziele nicht nur in Kauf nehmen, sondern hoch in Ehren halten, die im Märtyrertod und Opfern anderer die höchste Erfüllung sehen. Dass unsere kritische Kunst dort an ihre Grenzen stößt, weil sie auf ein elementares Missverständnis trifft. Weil dass, was wir für edel und human halten, dort als Schwäche empfunden wird, als Zeichen von Dekadenz und Kapitulation.
Immer wieder überraschen uns einzelne Mitmenschen
Ähnlich steht es um Katastrophen und Krankheiten: Auch hier stößt unser kritisches Denken an seine Grenzen. Noch nie waren die Früherkennung von Katastrophen, der Schutz gegen sie und die Möglichkeiten ihrer Bekämpfung so weit gediehen wie heute – trotzdem suchen uns Flut und Dürre, Tornado und Hochwasser heim wie zu allen Zeiten, vielleicht sogar extremer als zuvor. Die Leistungen der modernen Medizin grenzen ans Traumhafte, dafür lauert neue Gefahr in bisher unbekannten Erregern, Klinikstämmen und überraschenden Epidemien.
Auch die überlieferten menschlichen Psychogramme können wir nur gelegentlich und mit Mühe ändern, da die genetisch angelegte Diversität des Menschen erhalten bleibt, von habitueller Mordlust, Menschenhass, krimineller Energie und Neigung zu Rauschmitteln einerseits bis hin zu Mitgefühl, Empathie, Selbstaufopferung für Andere. Unverändert, trotz aller Volksbildung und Psychotherapie, bleibt auch die Diversität von geistig minderbemittelt bis hochbegabt. Immer wieder überraschen uns einzelne Mitmenschen sowohl durch fast ungeheuerliche Leistungen in wissenschaftlicher Intelligenz und künstlerischer Kreativität, andere durch abgrundtiefe Dummheit oder Grausamkeit ihrer Verbrechen. „Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch“, schrieb der griechische Tragödiendichter Sophokles im fünften Jahrhundert vor Christus. Bis heute bleiben Menschen trotz Aufklärung, wissenschaftlicher Forschung und einem Übermaß an Information anfällig für ihre aus der Vergangenheit bekannten Sünden und Verfehlungen und bringen sich und andere ums Leben.
Wie der Katzenjammer nach dem Rausch
So folgt auf die Euphorie der Moderne, die sich anschickte, mit bisher ungeahnten Möglichkeiten die Gebrechen des Menschlichen bloßzulegen und zu überwinden, eine tiefe Ernüchterung. Sie ist wie der Katzenjammer nach dem Rausch, die Kehrseite zu hoher Erwartungen und Ansprüche an uns selbst. Wir bleiben gewöhnliche Menschen. Unser Höhenflug stößt an seine Grenzen: Zwar werden nach wie vor Wunder vollbracht, aber wir zahlen dafür einen hohen Preis. Das Internet hat unser Leben in einem früher undenkbaren Maß erleichtert und bereichert, aber zugleich ist es eine Schlangengrube voller Gift und Gefahren. Information in Überdosis erreicht den gegenteiligen Effekt, den der Verdummung. Die „Innere Sicherheit“, technisch besser ausgerüstet als je zuvor, scheitert an Massen von simplen Messerstechern, die über Europa hereinbrechen. Auch die Wunderwaffen geraten in die Hände unserer Feinde und wenden sich gegen uns selbst.
Wie lernen wir mit dieser Enttäuschung umzugehen? Wie leben wir mit Rückschlägen, mit denen wir nicht gerechnet haben? Können wir schrumpfende Wirtschaftsleistung (wie derzeit in Deutschland) oder einen von außen aufgezwungenen, verlustreichen Krieg (wie in Israel) ertragen lernen? Als jemand, der sein Leben der Herstellung literarischer Texte verschrieben hat, frage ich mich, welche Aufgaben Kunst in der näheren Zukunft haben könnte. In Tagen unseres scheinbaren Scheiterns. Da wir trotz allem kritischen und aufklärerischen Bemühen erneut in Kriege hineingeraten, in Katastrophen und schwere Krisen. Ob es nicht Zeit ist, dass Kunst sich neben dem kritischen Ansatz, der weiter wirksam bleiben soll, auf andere Wege, auf früher bewährte Fähigkeiten besinnen muss. Auf unsere Möglichkeit, mit Mitteln der Kunst Trost zu spenden, Schmerz zu lindern, Solidarität mit dem Mitmenschen zu verbreiten.
Der innergesellschaftliche Dissenz in vielen westlichen Ländern hat erschreckende Ausmaße angenommen, das Kritische geht nicht selten ins Toxische über. Die Risse vertiefen sich, die Fragmentierung in Bruchstücke, die Isolierung der einzelnen Menschen in einem Kokon aus Frustration und Egomanie. Was sie nun brauchen, ist nicht Bitterkeit und Kritik, sondern Zuspruch und Ermutigung. Kunst kann magische Wirkung haben, indem sie unsere Hoffnung wachhält auf Schönheit, Güte und Harmonie. Unsere wahre Stärke zeigt sich erst in Tagen der Krise und Depression.
Chaim Noll wurde 1954 unter dem Namen Hans Noll in Ostberlin geboren. Seit 1995 lebt er in Israel, in der Wüste Negev. Chaim Noll unterrichtet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität Be’er Sheva und reist regelmäßig zu Lesungen und Vorträgen nach Deutschland. In der Achgut-Edition ist von ihm erschienen „Der Rufer aus der Wüste – Wie 16 Merkel-Jahre Deutschland ramponiert haben. Eine Ansage aus dem Exil in Israel“.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der NZZ
Beitragsbild: Pablo Picasso - https://www.tate.org.uk/art/artworks/picasso-dove-p11366, Fair use, via Wikimedia Commons

In unserer Zeit wird auf manchen Müll das Etikett „Kunst“ geklebt. Wie in der Politik fällt man hier zu oft auf Scharlatane herein. Kunst kann aber auch Fenster in eine Welt sein, in der Sprache überflüssig ist. Die Taube von Picasso dort oben gehört bestimmt dazu.
PS: „Frieden und Sicherheit“ für die Menschheit ist mit dem Sündenfall von Adam und Eva zu einem nebulösen Traum verfallen (1. Mose/Genesis, Kapitel 3).
Beste Wünsche zu Chanukka, falls Sie das Fest zur Erinnerung an das Lichtwunder begehen. Ansonsten einfach nur: Hallo und guten Tag, werter Herr Noll! Picassos Taube finde ich nach wie vor sehr ansprechend, deshalb habe ich Ihren Beitrag sofort gelesen. Wer mit der Bibel vertraut ist, kann über die (sich zuspitzenden) Zustände der Welt kein bisschen überrascht und schon gar nicht enttäuscht sein. Nirgendwo spricht die Bibel von „Frieden und Sicherheit“, die aus menschlicher Anstrengung heraus ermöglicht werden könnten. Tatsache ist: Je öfter in dieser Welt von „Frieden und Sicherheit“ schwadroniert wird, desto sicherer sind Kriege, Anschläge und Scharmützel sowie hinterhältige Anstiftungen zu Kriegen auf fremden Territorien in Vorbereitung bzw. bereits in Umsetzung. Gott hat Israel (Land und Leuten) durch seine Propheten „Frieden und Sicherheit“ versprochen, aber erst „zu seiner Zeit“. „Seine Zeit“ ist noch nicht gekommen, scheint nach meinem Dafürhalten aber nicht mehr allzu weit in der Zukunft zu liegen. Immerhin ist Israel seit 1948 wieder eine Nation, was der Bibel zufolge Voraussetzung für alles weitere in, mit und für Israel ist. Der moderne Mensch führt „Frieden und Sicherheit“ – insbesondere in der westlichen Welt und ihren Organisationen – ständig im Munde. Es lohnt sich, auf die Verlautbarungen von „Verhandlungsführern“ zu achten. Der Apostel Paulus, ein Jude aus dem Stamm Benjamin, von Bildung und Ausbildung her ein Pharisäer, schreibt in seinem ersten Brief an die Thessalonicher (verfasst im Jahre 50 oder 51 nach Christi Geburt): >>Wenn sie sagen: „Friede und Sicherheit“, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.<< – - Da ich von eher schlichtem Gemüt bin, spricht mich Kunst nur an, wenn sie meinen Sinn für Ästhetik oder Anstand und Moral nicht verletzt. Ich rechne nicht damit, im Himmel pervertierte „Kunst“ zu sehen oder Zwölftonmusik zu hören.
Hat abendländische Aufklärung eine Zukunftschance, wenn „Kunst“ sich einem degenerierten Wokismus anbiedert? Im übrigen bin ich der Meinung, unsere Altvorderen waren – von einer furchtbaren Epoche abgesehen – wahre Kunst- und Kulturschaffende.
Meine Frau sagte neulich „Ich will was Schönes, keine Kunst.“
So weit ist es/Kunst mittlerweile ge/verkommen- Recht hat sie.
Die Kunst zeigt uns die Schönheit der Welt, wie sie eigentlich von Gott gedacht wurde, aber nur durch unsere Hände als Werkzeuge Gottes gemacht werden kann. Indem sie schön ist, stellt sich die Kunst sozusagen „automatisch“, und ohne extra daran zu denken, kritisch gegenüber der Macht, denn die Macht, wie der russische-jüdische Dichter Mandelstamm gesagt hat, per Definition häßlich ist, der genaue Gegenteil der Kunst. Deshalb ist die kritsche Funktion der Kunst und insgesamt der Ästhetik ein Nebenprodukt deren Streben nach göttlicher Schönheit. Sobald aber die Künstler (oder noch schlimmer, die Kritiker und „Kunstforscher“) diese kritische Arbeit statt Nebeneffekt zum Zweck der Kunst erklären, töten sie Kunst und verwandeln sie in kotzenerregende Propaganda.
„Luigi Boccherini – Fandango – Goya“ auf YouTube ist meine Empfehlung!